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Nr. 43 - 21.10.06
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Scoop – Der Knüller
Von Woody Allen
(Concorde, Kinostart 16. November 2006)

Woody Allen hat seit 1965 praktisch jedes Jahr einen Film gedreht. Und doch ist seine Kreativität ungebrochen. Der Beweis ist wieder „Scoop“ – eine geistreiche und überaus köstliche Angelegenheit.

Schon die erste Szene ist etwas Besonderes. Der soeben verstorbene Londoner Sensationsreporter Joe Strombel ist auf dem Styx auf der Fahrt in den Hades. Immerhin hört er per Zufall die Geschichte eines Serienkillers, und die hätte er noch gerne ausgewertet. Er schleicht sich heimlich zurück auf die Erde und . . .

. . . gerät in eine Varieté-Vorstellung, wo gerade die Journalistikstudentin Sondra Pransky dem Magier Sid Waterman als Versuchsobjekt dient. Peter Lyman, Mitglied der Upper Class und Sohn eines wohlhabenden Lords, sei der Mordverdächtige, sagt Strombel zu Pransky. Sie erschrickt zwar zu Tode, sieht aber eine journalistische Chance. Für sie ist klar, dass Waterman ihr helfen muss. Sie gibt ihn ganz einfach als ihren Vater aus.

Zusammen dringen sie in die feudale Welt des Peter Lyman ein. Peter verliebt sich unsterblich in die aparte Sondra, und so gerät diese in ein schlimmes Dilemma. Und doch muss sie zusammen mit Waterman den Fall lösen.

Bravo Woody Allen! Witzig und flüssig erzählt er die Story. Er beobachtet herrlich Menschen und Milieus. Ob seine sarkastischen Seitenhiebe dem Linksfahren in England oder seinen jüdischen Glaubensgenossen, der englischen Adelsgesellschaft oder seinen eigenen Neurosen gelten, immer sitzen sie haarscharf.

Das Vergnügen ist umso größer, als er selbst Sondras „Vater“ spielt. Er harmoniert hier übrigens glänzend mit Scarlett Johansson, die als junge Journalistin auftritt. Die Repliken der beiden ergänzen einander, dass es ein Vergnügen ist. Hugh Jackman  (Peter Lyman) und Ian McShane (Joe Strombel) als gute Schauspieler nicht zu vergessen.

Wirklich ein geistreiches Kinovergnügen. Für Filmkunsttheater und Programmkinos sehr zu empfehlen.


Wo ist Fred?
Von Anno Saul
(Senator, Kinostart 16. November 2006)

Fred liebt Mara, doch die ist so sehr auf ihren fetten und vorlauten Sohn Linus fixiert, dass sie Fred nur heiraten will, wenn dieser sich mit Linus sehr gut versteht.

Linus ist Basketball-Club-„Alba“-Fan und will unter allen Umständen einen vom Star der Alba-Mannschaft signierten Ball. Fred soll, nein muss ihn beschaffen. Doch das ist nicht so einfach, denn der bei jedem Spiel verschenkte Ball wird jeweils in den Rang der Behinderten-Zuschauer geworfen.

Alex, Freds Kumpel vom Bau, hat die rettende Idee. Fred soll ganz einfach den Behinderten mimen. Da aber der Ball erst acht Tage nach dem betreffenden Match signiert zurückkommen wird, muss Fred solange ins Behindertenheim „Hildegard“. Das schafft enorme Probleme: gegenüber Mara, gegenüber der Baustelle, wo Fred Polier ist, gegenüber Denise, einer Jungregisseurin, die im Hildegard-Heim einen Film über behinderte Alba-Fans drehen will, in dessen Mittelpunkt Fred stehen soll.

Doch damit nicht genug der Schwierigkeiten. Fred muss ständig zwischen dem Leben im Rollstuhl und seiner normalen Existenz hin und her wechseln; er muss sich als sein eigener Zwillingsbruder ausgeben; er muss immer wieder sowohl Mara als auch Denise besänftigen; er muss sich mit Ronnie, der ihm im Behinderten-Film die „Star“-Rolle streitig machen will, herumschlagen; er ist in den komischsten Situationen auf seinen „Pfleger“ Alex angewiesen; er muss vor Maras Eltern Theater spielen; er muss schauen, dass er Mara verabschieden kann – um Denise zu lieben.

Eine lustige Komödie, der man den amerikanischen Screwball-Ursprung sofort anmerkt. Was daraus gemacht wurde, ist filmisch mehr als respektabel. Das geschickt gefächerte Drehbuch enthält eine Vielzahl komischer Szenen, und Regisseur Anno Saul hat gute Arbeit geleistet.

Dazu kommt ein Cast, der sich sehen lassen kann. Til Schweiger (Fred) und Christoph Maria Herbst (Ronnie) haben es am schwersten. Denn Behinderte zu spielen ist alles andere als einfach. Sie ziehen sich aber einigermaßen gut aus der Affäre. Jürgen Vogel ist der „Pfleger“ Alex und schauspielerisch zuverlässig wie immer. Die Rolle der Denise wird verkörpert durch die gut eingesetzte, zurückhaltend agierende aparte Alexandra Maria Lara. Den Part der Zicke Mara hat Anja Kling übernommen, ebenfalls eine gute Mimin.

Alles in allem eine einfallsreiche und sehr heitere Screwball-Komödie, die beste Unterhaltung bietet und filmisch so gelungen ist, dass sie in Filmkunsttheatern und Programmkinos willkommen sein sollte.


Alien Autopsy - Das All zu Gast bei Freunden
Von Jonny Campbell
(Warner, Kinostart 16. November 2006)

Eine verrückte Geschichte, und das Verrückteste daran ist, dass sie einer wahren Begebenheit entspricht.

Ray Santilli und Gary Shoefield sind Londoner und seit Kindertagen befreundet. Ray verkauft Video-Raubkopien, die er in der Wohnung seiner Großmutter selbst herstellt, und träumt vom großen Geschäft. Gary ist vernünftiger und strebsamer. Er will Jurist werden.

Ray organisiert einen Trip nach Cleveland/Ohio, wo Elvis eines seiner letzten Konzerte gab. Er will Memorabilien des Sängers ergattern. Doch er stößt auf etwas ganz anderes. Der frühere Militärkameramann Harvey besitzt einen Film über die Autopsie eines angeblichen Außerirdischen. Für 30 000 Dollar, die Ray sich von einem Alien-Fan besorgt, erwirbt er das Dokument. Doch es ist das Jahr 1995, der Autopsie-Film aber stammt von 1947 und zersetzt sich zusehends. Ist also das ganze Geld futsch?

Nein. Denn Ray und Gary beschließen ganz einfach, die Alien-Autopsie selbst neu aufzunehmen. Sie organisieren ein Team, verfremden die Atmosphäre entsprechend und filmen drauflos. Und was passiert? Die Menschen, die Medien, das Pentagon, alle glauben an den Schwindel. Die Fernsehstationen der ganzen Welt senden den Film. Ray und Gary machen viel Geld – und bewahren das Geheimnis zehn Jahre lang für sich.

Das Neueste, die Sensation, die Täuschung, das Märchen, das Absurde – alles ist gut genug, um mediale Aufmerksamkeit zu entfachen. Die Menschen glauben alles, lassen sich gerne verführen.

Das Demaskierende ist das Gute an diesem Film. Dazu kommt, dass das Ganze nicht eine Erfindung eines Drehbuchschreibers, sondern die Wahrheit ist. 1995 machte die Sache Schlagzeilen – in Amerika, in Europa, in Asien, überall.

Es ist schon gerechtfertigt, der Menschheit diesen Spiegel vorzuhalten, und das geschieht durch die beiden jungen Männer auf schlaue, wenn auch hinterhältige Weise. Das Team – ein Metzger, ein Bestatter, ein Schaufensterpuppenhersteller und ein Möchtegern-Filmregisseur, im bürgerlichen Leben Inhaber einer Kebab-Imbißbude – weiß natürlich Bescheid, aber alle anderen, die in die Sache mit hineingezogen werden, sowie das breite Publikum fallen auf den Hokuspokus herein. Ein Verhalten, das tief blicken lässt. Übrigens stellen sich Santilli und Shoefield am Schluß des Films selbst vor.

Gefilmt und montiert ist der Streifen gut, auch sonst ist er technisch in Ordnung. Neben Declan Donnelly (Ray) und Anthony McPartlin (Gary) spielen Harry Dean Stanton (Harvey) und Bill Pullman (Filmregisseur Davies). Eine aberwitzige, dokumentarisch gestützte Angelegenheit. Deshalb sogar in Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.


Der letzte Kuss
Von Tony Goldwyn
(UIP, Kinostart 16. November 2006)

Dieser Film handelt von Michael und Jenna, von Anna und Stephen, dazu von Kim, Chris, Izzy und Kenny. Sie leben in Wisconsin.

Michael und Jenna sind seit drei Jahren ein Paar, aber nicht verheiratet. Sie lieben sich. Michael hat ein Problem. Er weiß, dass er nach einer Heirat und Kindern in festgefahrene Geleise gerät. Seine Lebenshoffnungen, Träume und Ziele schwinden dann. Deshalb zögert er nicht nur mit der Hochzeit, sondern lässt sich mit der schönen leichtlebigen Kim ein. Die inzwischen schwanger gewordene Jenna duldet das nie und nimmer. Ein neuer Versuch wird nach langem Zögern gewagt.

Anna und Stephen sind Jennas Eltern. Dreißig Jahre dauert schon ihre Ehe. Aber diese ist zur täglichen Routine geworden, läuft aus. Stephen ist Psychiater, hat jedoch für Anna kein Sensorium mehr. Anna geht. Wenig später kehrt sie zurück. Die beiden haben dazugelernt.

Izzy wird von seiner Freundin verlassen. Kenny kommt es auf den momentanen schönen Sex an. Als seine derzeitige Partnerin ihn ihren Eltern vorstellen will, nimmt er reißaus. Izzy und Kenny hauen im Wohnwagen ab in den Süden.

Chris und seine Frau verstehen sich trotz ihres erst einige Monate alten Kindes nicht mehr. Sie streiten tagein, tagaus. Da bleiben nur die Trennung und die Aufteilung der Fürsorge für das Baby.

Remake eines bekannten italienischen Films gleichen Titels. Jetzt Alltagsleben in Wisconsin. Über die ebenso unergründlichen wie unerschöpflichen Themen Beziehung, Liebe, Ehe werden – vor allem von Stephen und Anna – vernünftige Dinge gesagt. Das hebt den Film einwenig über ein durchschnittliches Beziehungsdrama hinaus. Solide und glaubhaft werden die acht Charaktere gezeigt, jeder für sich, aber auch in Zusammenspiel.

Das Drama ist regiemäßig, von der Milieuschilderung, dem Bild und der Technik her eine abgerundete Sache. Der spürbare Zug zur heilen Welt, zum Happy End ist ja ein typisches Hollywood-Attribut, aber vielleicht gilt doch auch, dass ohne den Trend zu etwas Positivem die Welt gar nicht auszuhalten wäre.

Gespielt wird vorzüglich, sowohl von den Jungen, als auch von den beiden Älteren, nämlich Blythe Danner (Anna) und Tom Wilkinson (Stephen). Der Film ist ein lebendiges Alltags- und Durchschnittsdrama. Sogar in Filmkunsttheatern und Programmkinos möglich.


Ping Pong
Von Mathias Luthardt
(Arsenal, Kinostart 16. November 2006)

Irgendwo in Ostdeutschland. Eine Villa mit Garten. Vier Personen leben dort: Anna und ihr Mann, dann ihr Sohn Robert, noch Musikstudent, und Paul. Letzterer ist ein naher Verwandter, unangemeldet zu Besuch gekommen. Er will etwas Ruhe finden, denn erst vor kurzem hat sich sein Vater umgebracht. Zunächst scheint Paul nicht allzu willkommen zu sein, aber das gibt sich bald, zumal der Besucher sich erbietet, den Swimming-Pool neu auszufliesen.

Es geht alles seinen Gang. Der Ehemann muss auf Geschäftsreise. Anna liebt ihren Hund über alles. Robert übt Klavier, denn er hat demnächst eine entscheidende Präsentation. Und Paul ist mit dem Swimming-Pool beschäftigt.

Paul ist voll im Pubertätsalter, und da liegt das Problem. Er begehrt die ruhige, ausgeglichene, attraktive Anna. Tatsächlich lässt Anna sich auch einmal hinreißen, es kommt zur allerletzten Intimität. Doch dann ist der Junge wieder allein gelassen, ein zweites Mal wird es nicht geben. Anna reagiert nicht mehr auf seine mehr oder minder versteckten Avancen, umso mehr als der Ehemann zurückkommt; alles ist wie vorher.

Aber nur scheinbar. Denn Paul ist enttäuscht und irritiert, hat kein Verständnis, fühlt Einsamkeit, Verlorensein. Er wird seine Verwandten wieder verlassen, aber nicht ohne vorher eine Verzweiflungstat zu begehen.

Es geschieht nicht viel in diesem Film, und er ist auch formal eher unscheinbar. Aber er besitzt eine psychologische Spannung, ein Knistern, eine gut nachzuempfindende Gefühlswelt, die ihn beachtenswert machen. Da sind Blicke, Andeutungen, Gesten, nach einer Entscheidung drängende Momente, die letztlich ein durchgehend plausibles Psychogramm entstehen lassen – in erster Linie von Paul und Anna. Die Rollen des Ehemannes und Roberts treten dabei etwas in den Hintergrund.

Inszeniert wurde schlüssig und gespielt vorzüglich. In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

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Datum: 21.10.2006


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