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28. Filmfest München
Ein Festivalbericht von Anne Wotschke und Kalle Somnitz
Wenn die Zuschauerzahlen in unseren Kinos - geschuldet einem späten, aber um so wärmeren Sommer – in den Keller gehen und die eh‘ niedrigen Zahlen noch einmal durch die Fußballweltmeisterschaft halbiert werden, spätestens dann macht es keinen Sinn mehr; der heimischen Flaute weiter zuzuschauen, und so zieht es uns in die Ferne, um einen Ausblick auf kommende verheißungsvollere Kinotage zu nehmen.
Das Filmfest München eignet sich dafür von Jahr zu Jahr besser. Sieht man hier doch nicht nur eine relevante Auswahl von Filmen aus Cannes, sondern auch die Perlen aus Venedig, Sundance und Berlin. Darüber hinaus sorgt eine Deutsche Reihe dafür, dass man Verpasstes nicht nur nachholen, sondern auch Neues entdecken kann.
Aber beginnen wir mit dem Cannes-Gewinner UNCLE BOONMEE, der mit Movienet einen mutigen Verleiher gefunden hat. Bertrand Tavernier bezeichnete den Film als „a hypnotic Sleep“ und tatsächlich, wenn am Anfang des Films die Kamera minutenlang einem Büffel folgt, entführt der Film einen sofort in eine hypnotische Welt. Dabei bleibt es schwierig, dem Geschehen auf der Leinwand zu folgen, was uns immerhin im 2. Versuch gelungen ist: Uncle Boonmee kommt schwer nierenkrank in sein Heimatdorf zurück, um hier zu sterben. Die tägliche Dialyse lässt er ohne Beschwerden über sich ergehen, vielmehr versteht er sie als Strafe für ein schlechtes Leben. Denn Boonmee gehörte zu jenen Milizen, die den Norden Thailands und das angrenzende Laos terrorisierten. Doch der politische Bezug wird nur angedeutet, Regisseur Werasethakul konzentriert sich mehr auf die letzen Tage Boonmees, der noch einmal seine Familie um sich versammelt, nicht nur die Lebenden, auch die Toten erscheinen auf der Familienterrasse, wenn auch nur als Geister.
Der Film hat aber noch eine weitere spirituelle Ebene, die sich dem westlichen Zuschauer kaum erschließt. Am Anfang gibt es den hypnotisierenden Büffel, in der Mitte eine wundersame Szene in einem See mit Wasserfall, wo ein Katzenfisch auf eine schöne, reiche, in die Jahre gekommene Frau trifft und ihr gegen ihren gesamten Schmuck ein Stück ihrer Jugend wiedergibt, und am Ende sehen wir die Schlüsselszene, wenn die Familienmitglieder eine Grotte aufsuchen, in der sich Uncle Boonme zum Sterben niederlässt. Diese Szenen sind nicht nur von visueller, sondern auch von poetischer Kraft und zugleich Ausdruck eines höchst spirituellen Niveaus, das keine Konzessionen an westliche Sehgewohnheiten macht und so auf den ersten Blick etwas verschlossen erscheint.
Nicht der offizielle, für uns aber ein wunderbarer Abschlussfilm, war das schon in Cannes gezeigte fünfeinhalbstündige Biopic CARLOS (NFP) von Olivier Assayas. Die Story des ehemaligen Top-Terroristen erinnert zwar beiläufig an Uli Edels BAADER-MEINHOF-KOMPLEX, stößt aber in ganz neue Kinodimensionen vor, die selbst Steven Soderberghs fast fünfstündige Che Guevara-Biographie in den Schatten stellt. CARLOS ist Kino pur, mit großartiger Besetzung, in der Edgar Ramirez einen internationalen Top-Terroristen spielt, von dessen anfänglichen marxistischen Idealen nichts mehr übrig bleibt. Kann er anfangs mit der Geiselnahme der Energiepolitiker auf der OPEC-Konferenz in Wien bleibende Berühmtheit erlangen, wird er fortan zerrieben zwischen den Fronten eines Kalten Krieges, dem jegliche Mittel recht sind. Dass der Einzelkämpfer dabei den Kürzeren ziehen wird, ist die ganze Zeit absehbar, dennoch dauerte Carlos ‚Karriere“ gut zwanzig Jahre lang an, bis er 1994 von den Franzosen im Sudan festgenommen wird. Das beachtliche an diesem Film ist neben den schauspielerischen Leistungen, dass er keine Minute langweilig wird, und auch wenn fürs Kino eine Zweieinhalb-Stunden-Version geschnitten wird, wird es für Fans auch die Langfassung geben und die sollte man unbedingt im Original mit Untertiteln zeigen, denn CARLOS ist auf der ganzen Welt zu Hause, spricht fließend spanisch, englisch, französisch und deutsch, was dem Film in der synchronisierten Fassung sicherlich nicht zu gute kommt.
Womit wir bei den französischen Filmen des Festivals wären. Auch DES HOMMES ET DES DIEUX (Of Gods and Men) von Xavier Beauvois wird von NFP herausgebracht. Der auf realen Vorkommnissen im Jahre 1996 beruhende, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury gekürte Film erzählt von Mönchen in einem Kloster in Algerien, die dort medizinische Hilfe für die durch Anschläge und Morde extremistischer Islamisten stark verunsicherte Bevölkerung leisten. Als die Lage immer prekärer wird, beginnt die Diskussion unter den Mönchen, ob man bleiben oder lieber das Kloster verlassen und in sichere Gefilde wechseln sollte. Obwohl einige lieber gehen wollen, vertagt man zunächst die Entscheidung. Am Ende werden die Mönche entführt und als Geiseln genommen. Nur einer von ihnen kann sich verstecken und überlebt, die anderen kommen um. Ein ruhiger meditativer Film, bei dem der Zuschauer hautnah am Leben im Kloster teilnimmt– bei den rituellen Gesängen, der Landwirtschaft, dem gemeinsamen Essen, den Diskussionen über das Für und Wider des Bleibens oder Gehens – Fragen, die grundsätzliche ethische Werte berühren und somit für jeden von Bedeutung sind. Mag das Erzähltempo vielleicht stellenweise auch ein wenig zu behäbig und in sich gekehrt erscheinen, es wäre nicht das erste Mal, dass ein meditativer Klosterfilm (DIE GROSSE STILLE) die Herzen der Zuschauer erobert.
Claude Miller legte zusammen mit seinem Sohn Nathan Miller JE SUIS HEUREUX QUE MA MERE SOIT VIVANTE (I’m Glad My Mother’s Alive) vor, in dem eine junge Mutter ihren Sohn in die Obhut einer Pflegefamilie gibt. Seither sucht dieser nach seiner leiblichen Mutter, und als er sie in erwachsenem Alter schließlich findet, genießt er es, einen leiblichen Bruder zu haben und probiert ein neues Familienleben neben dem alten, bis es zur Katastrophe kommt. Dass uns Kindheit und Erziehung ein Leben lang prägen, ist klar, die Millers zeigen aber hier, dass das Fehlen von Eltern einen Menschen ebenso prägt. Sensibel spüren sie der Leerstelle im Leben dieses jungen Mannes nach, die er nie verwinden kann, obwohl es ihm an nichts mangelt.
Bertrand Taverniers Kostümfilm DIE PRINZESSIN VON MONTPENSIER (Kinowelt) war ebenfalls schon in Cannes zu sehen. Er erzählt von einer vermögenden französischen Erbin, die 1562 von ihrem Vater gegen ihren Willen verheiratet wird, um das Familienprestige zu erhöhen, obwohl sie in jemand anderen verliebt ist. Bald findet sie sich in einem Eifersuchtskrieg wieder, der der draußen tobenden Schlacht gegen die Protestanten in nichts nachsteht. Was als Kostümschinken mit Schlachtgetümmel beginnt, mausert sich am Ende zu einer pointierten Betrachtung der Rolle der Frau als Spielball männlicher Interessen.
In der Reihe ‚American Independents‘ stach John Hillcoats THE ROAD (Senator) hervor, der schon im letzten Jahr in Venedig zu sehen war. Er versucht sich an Cormac McCarthys Kultroman und erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte vor dem Szenario einer postapokalyptischen Welt, in der es kaum noch Lebewesen auf der Erde gibt. Lediglich ein paar Menschen sind übrig geblieben. Sie haben sich zu marodierenden Banden zusammengeschlossen und ziehen als Kannibalen übers Land. In diesem Umfeld versucht der Vater dem Sohn die Werte einer zivilisierten Gesellschaft zu vermitteln, muss diese aber immer wieder brechen, um das eigene Überleben zu sichern. Am Ende stellt der Sohn das Verhalten des Vaters in Frage und wird seinen eigenen Weg gehen. Mit ziemlich düsteren Bildern gelingt es John Hillcoat, die Menschen auf rudelbildende Lebewesen zu reduzieren und den Nullpunkt einer zivilisatorischen Gesellschaft zu beschreiben.
In MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE! (Kinowelt), der ebenfalls in Venedig zu sehen war, erzählt Werner Herzog eine ödipale Geschichte, in der sich sein Protagonist Brad zwischen seiner Mutter und seiner Freundin entscheiden muss. Dabei beginnt er mit dem Ende des Films und lässt die Polizei anrücken, weil Brad seine Mutter mit einem Schwert getötet hat und sich nun mit zwei Geiseln in der gemeinsamen Wohnung verschanzt. Bei dem nun folgenden Polizeifilm um eine Geiselnahme bringt er uns den Charakter Brads in Rückblenden näher und erzählt, dass er einst von einer inneren Stimme vor einer lebensbedrohlichen Kajakfahrt gerettet wurde. Seitdem hört er immer öfter auf diese innere Stimme, die ihn mehr und mehr in den Wahnsinn treibt. So wird Brad zu einem typischen Herzog-Helden, dessen Beweggründe immer irrationaler und mythologischer werden. Herzog verbindet diese Geschichte mit vielen surrealen Elementen, die auf David Lynch verweisen, der hier produziert hat. Er verpackt das Ganze in ein Stück Genrekino, das wiederum die Wirklichkeit in Gestalt der Medien karikiert, die das menschliche Drama zu einem gigantischen Medienereignis aufbauschen. Und es wäre kein echter Herzog, hätte er nicht von diesem Fall in der Zeitung gelesen.
Ebenfalls bereits schon in Venedigprogramm aber immer noch ohne Verleih ist Todd Solondz LIFE DURING WARTIME, der quasi eine Fortsetzung seines Films HAPPINESS ist und uns ein Wiedersehen mit den drei Schwestern Joy, Helen und Trish bringt, die nun im sonnigen Florida ihre Beziehungsneurosen pflegen. In einem episodisch angelegten Kammerspiel inszeniert er diverse Tischgespräche und andere Begegnungen, in denen die Beteiligten ihren Phobien so richtig freien Lauf lassen. Dabei gelingt es ihm, ein bürgerliches Amerika zu dechiffrieren, das vor lauter Angst vor diversen Perversitäten selbst pervers geworden ist. Wenn der Film auch Zeugnis ablegt von Solondz‘ cineastischem Vermögen, er erscheint stilsicher und merklich gereift, so darf dennoch bezweifelt werden, dass eine solche Geschichte ein deutsches Publikum interessiert.
Das ging auch Susanne Bier so, deren Film BRØDRE hierzulande ein arger Flop war. Jim Sheridan hat das Drama um zwei Brüder, von denen der eine die Ehre des Vaterlandes in Afghanistan verteidigt, während der andere - ursprünglich das schwarze Schaf der Familie - sich vom Saulus zum Paulus verwandelt, mit eindrucksvollem Cast verfilmt. Tobey Maguire, Natalie Portman und Jake Gyllenhaal sollen auch in Deutschland die Zuschauer ins Kino locken, wo der Film unter dem Titel BROTHERS (Koch Media) herauskommen soll.
Man sieht also, dass das Internationale Programm sehr starke Anleihen bei den Festivals in Venedig, Sundance, Berlin und Cannes machte, was München für Kinobetreiber ausgesprochen interessant werden lässt, kann man hier doch die wichtigsten Filme sehen, die sich früher einmal stärker noch auf Hof und Hamburg verteilt haben. Abgesehen vom guten Biergartenwetter, das einen die Pausen zwischen den Filmen auch einhalten lässt, kümmern sich auch die Verleiher mit vielen Tradeshows sowohl um das visuelle wie das leibliche Wohl.
So stellte Prokino das Biopic GAINSBOURG von Joann Sfar vor, das zwar zwiespältig aufgenommen wurde, für uns jedoch ein echtes Highlight war. Der Film entspricht auch in seiner Machart dem provokativen Charakter Gainsbourgs, spielt nur wenige Akkorde seiner Musik an, stellt reihenweise seine Frauen vor, um sie direkt wieder fallen zu lassen und huscht ansonsten von einem Skandal zum nächsten. Am Ende ist man beeindruckt von einer genialen Künstlerpersönlichkeit, dessen arrogante und unsympathische Seite nicht verschwiegen wird.
Den diesjährigen Auslandsoscargewinner, der so überraschend DAS WEISSE BAND geschlagen hat, stellte der Camino Filmverleih vor. IN IHREN AUGEN kommt als komplexer Kriminalfall daher, der die Protagonisten ein Leben lang beschäftigt hat. Tatsächlich aber ist er eher eine emotional bewegende Liebesgeschichte, die von unerfüllten Träumen und einem nicht gelebten Leben erzählt. Wenn er auch an DAS WEISSE BAND nicht heranreicht, so sollte er dennoch hierzulande sein Publikum finden.
Zuletzt stellte noch 3 Rosen SHAHADA von Burhan Qurbani vor, der bereits auf der Berlinale mit dem Gilde Preis ausgezeichnet wurde. Er ist kein fundamentaler Religionsfilm, kein Kopftuchfilm, sondern eine Innenansicht junger Moslems in Deutschland aus einer erfrischend neuen Perspektive. Sie alle sind hier aufgewachsen, haben die gleichen Schule besucht, tragen die gleichen Klamotten und haben ähnliche Vorlieben wie deutschstämmige Jugendliche. Was man immer noch nicht wahrhaben will, es sind Deutsche, die nicht irgendwann wieder verschwinden werden. Der einzige Unterschied ist ihre Religion und auch ihre Religiosität, die für uns oft nur schwer nachvollziehbar ist. Genau an diesem Punkt geht SHAHADA deutlich weiter als Fatih Akins GEGEN DIE WAND. Er ist kein Plädoyer mehr dafür, dass die Türken der 2. und 3. Generation längst Deutsche sind, sondern er zeigt ein Stück Deutschland, dass wir nicht kennen und vor dem wir gerne die Augen verschließen.
Doch kommen wir wieder zurück zum Filmfest, bei dem auch einige deutsche Produktionen zu sehen waren. Immerhin wird hier der Förderpreis Deutscher Film vergeben, der in verschiedenen Kategorien insgesamt 60.000 € Preisgelder ausschüttet.
Den Preis für die Beste Regie ging an Ralf Westhoff für DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG (X-Verleih), der ein würdiger Nachfolger seines Erstlings SHOPPEN ist. Diesmal geht es nicht um ganz viele Paare, die nur eine Minute Zeit haben, um sich kennenzulernen, sondern um ein einziges Paar, das sich das Zusammenleben weiß Gott nicht leicht macht. Und so ist der Konflikt, den Leo und Claire hier austragen, einer, der die Frage aufwirft, ob man über Gefühle reden kann. Die beiden können es jedenfalls nicht und daran droht ihre Beziehung zu zerbrechen. Schnell erkennen sie, dass der eine quasi das Gegenteil vom anderen ist, und so oft sie sich auch streiten, immer wieder gibt es gemeinsame Momente, die sie nicht missen mögen und am Ende stellen sie fest, dass sie weder miteinander noch ohne einander können. Westhoff inszeniert dies als eine Art Kammerspiel und vertraut dabei auf das, was er am besten kann: Dialoge schreiben. Mit denen trifft er mitten ins Herz einer Generation und scheint damit das Lebensgefühl der Thirty-Somethings abzubilden, deren Bindungsängste, Phobien und Ängste er genüsslich aufs Korn nimmt.
Um die Generation 40+ geht es dagegen in Alexander Riedels MORGEN DAS LEBEN (Movienet). Judith, Ulrike und Jochen sind drei Menschen in einer Großstadt, die die ersten Enttäuschungen des Lebens bereits hinter sich haben. Drei Menschen, die versuchen ihrer Sehnsucht nachzukommen und auf ein anderes Leben hoffen, aber immer wieder an der Wirklichkeit scheitern. Alle versuchen sie ihre Träume zu leben, stoßen aber auf eine Gesellschaft, die das nicht zulässt, sie müssen sich anpassen und die Jobs machen, die keiner machen will. So halten sie sich mit Heimarbeit über Wasser oder machen in Wellness und Versicherungen, allesamt Jobs, die nur das Ziel haben, den Kunden auszunutzen. So wirft Alexander Riedel einen dunklen Blick auf unsere Gesellschaft und lädt zum Nachdenken ein. Leider fällt ihm auf der Bildebene nicht viel ein, was den Film fürs Kino qualifizieren würde. Immerhin wissen seine Darsteller zu überzeugen, die den Förderpreis für den besten weiblichen und männlichen Darsteller bekamen.
Thematische Parallen hierzu zeigt DIE HUMMEL (Movienet) von Sebastian Stern. Im Mittelpunkt der lakonische Komödie steht ein Vertreter von Schönheitsprodukten in einer niederbayrischen Kleinstadt, der erkennen muss, dass er das falsche Leben führt. Mit seiner Vertretertätigkeit hat er sich zwar von der Arbeitslosigkeit befreit, verkauft aber letztlich nur überteuerte Produkte. Als er immer weniger verkauft, versucht er, die Produkte alten Freundinnen anzudrehen und enttäuscht damit vor allem seine Jugendfreundin Christiane, die in einer unbefriedigenden Beziehung steckt und sich Hoffnungen auf das Wiederaufleben ihrer Freundschaft gemacht hat. Doch für den Antihelden geht es noch ein ganzes Stück bergab, bis er bereit für einen Neuanfang ist. Ein sympathischer kleiner Film über Frustrationen und Lebenslügen mit guten Schauspielerleistungen, lakonisch erzählt und mit kleinen Absurditäten des Alltags gewürzt. Der Regisseur nennt den Film „eine traurige Komödie“, deren Komik nicht vordergründig komisch ist, sondern aus der Ernsthaftigkeit ihres Handelns entsteht – eine Geschichte, die vom Scheitern erzählt und dennoch zum Schmunzeln einlädt.
Für das Beste Drehbuch wurde Christoph Hochhäusler UNTER DIR DIE STADT (Piffl) ausgezeichnet, der schon in Cannes zu sehen war. Die geteilte Kritik, die ihm schon dort widerfuhr (siehe unser Cannes-Bericht), setzte sich in München fort, wo sich immerhin einige Freunde dieses unterkühlten Films ausmachen ließen.
Bleibt noch DAS LETZTE SCHWEIGEN (NFP / Warner) von Baran bo Odar, der bereits im August in unseren Kinos startet und uns versucht, großes Kino vorzugaukeln. Mit einem beachtlichen Cast (Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Katrin Sass, Burghart Klaußner, Sebastian Blomberg), auf Cinemascope gedreht und mit Effekten aufgepumpt, soll er vergessen machen, dass es sich lediglich um einen aufgeblasenen TATORT handelt. Besonders ärgerlich ist, dass er seine heikles Thema (Pädophilie) nie wirklich ernst nimmt, sondern immer nur als Kulisse für einen Krimi verwendet. Schwache Dialoge, schlecht geführte Darsteller und am Ende noch Unzulänglichkeiten im Plot runden das ganze Ärgernis ab, das gelegentlich verdammt nah ans Exploitation-Kino kommt.
Über den österreiche Dokumentarfilm AM ANFANG WAR DAS LICHT (Movienet) von P.A. Straubinger werden sich die Esotheriker die Köpfe heiß reden. Er berichtet von Menschen die keine Nahrung aufnehmen, quasi von Licht leben. Er spürt sie auf der ganzen Welt, ja sogar in der Antike auf, berichtet von Fällen und stellt entsprechende Erklärungstheorien vor, die er wiederum von Wissenschaftlern überprüfen lässt. Am Ende muss dann mal wieder die Quantenphysik herhalten, um das Unerklärliche zu erklären. Irgendwie erinnert das Ganze an WHAT THE BLEEP DO WE KNOW, bei dem der wissenschaftliche Teil auch eher die Crux des Films war. Die Esotheriker wird dies aber kaum stören, hier sollte man eher noch einmal über den Titel nachdenken, der nicht gerade zielführend ist, zumal das Phänomen, dass sich Menschen ausschließlich durch Licht ernähren, gerade erst durch die Presse gewandert ist. Das sollte sich im Titel wieder finden.
Weniger umstritten war dagegen JANE‘S JOURNEY (Die Filmagentinnen / Universum), mit dem Regisseur Lorenz Knauer dem Lebenswerk von Jane Goodall ein Denkmal setzt. „Ich heiße nicht Diane Fossey, und ich habe auch nicht über Gorillas geforscht“, sagt Jane Goodall gleich zu Anfang des Films und klärt damit die wohl häufigste Verwechslung auf, die ihr immer wieder widerfährt. Ähnlich wie Diane Fossey hat sie mit Schimpansen gearbeitet, lange Zeit mit ihnen gelebt und entdeckt, dass sie kleine Werkzeuge herstellen, um z.B. Ameisen aus einem Holzstamm zu angeln. Das war damals eine Sensation. Doch die schönen Tieraufnahmen haben schnell ein Ende, wenn Jane Goodall beinahe zwangsläufig in eine ganz andere Rolle hinein wächst. Die Lebensräume der Affen werden immer kleiner, viele Arten sind vom Aussterben bedroht und so gründet sie das "Institute for Wildlife Research, Education and Conservation", sie wird UN-Friedensbotschafterin und ist seit 25 Jahren mehr als 300 Tage im Jahr unterwegs. Überall auf der Welt hat Jane Goodall Niederlassungen gegründet, sucht Verbündete und kämpft darum, das Denken und Handeln der Menschen nachhaltig zu verändern.
Erstaunlich, dass sie Zeit gefunden hat, persönlich zur Premiere ihres Films nach München zu kommen und das anschließende Publikumsgespräch war nicht nur fachlich interessant, sondern zeigte eine Frau, die es gewohnt ist, sich auf internationalen Parkett zu bewegen und für ihre Anliegen größte Aufmerksamkeit einzufordern. So meinte sie auf die Frage eines Zuschauers, dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko unweigerlich dazu führen wird, dass die Menschheit umdenken und auch ihre Forderungen mehr Gewicht finden werden. Eine Gesellschaft, die nur auf Wachstum setzt, gleichzeitig aber auch mit zur Neige gehenden Rohstoffen zu kämpfen hat, kann wohl in Zukunft nicht weiter existieren. So halt wie jedes biologische System, das immer nur dann stabil und lebensfähig ist, wenn es im Gleichgewicht ist. Eigentlich eine wissenschaftliche Binsenweisheit, der auch unsere Kanzlerin während ihres Physikstudiums mal begegnet sein muss.
So haben wir dann doch trotz Sommer, Fussball-WM und Biergartenwetter noch einige interessante Filme gesehen, auf die sich unsere Zuschauer in der zweiten Hälfte des Jahres freuen dürfen und die die derzeitige Flaute in unseren Kinos beheben sollte.
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Humpday
Eine amüsante Betrachtung einer verzwickten Männerfreundschaft. Mehr... | |
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