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Volker Schlöndorff: Brief an die Kinomacher
(18.12.07)
In einem Interview vor einigen Tagen befand Regisseur Volker Schlöndorff, das die Zeit von klassischen Kinos vorbei sei (siehe hier...). Diese missverständlichen Äußerungen wurden branchenintern als befremdliche "Grabrede aufs Kino" gewertet. Nun hat Volker Schlöndorff auf diese Diskussion reagiert und mit einem langen Brief an die Kinos geantwortet und seine Position erläutert. Ihm gehe es sehr wohl um die Zukunft des anspruchsvollen, des Arthouse-Kinos ("...um den Mainstream und seine Multiplexe sollen andere sich Sorgen machen"), aber die Veränderungen in den Konsumgewohnheiten seien nun mal eklatant. Schlöndorffs provokative Frage: "Sollten wir die Produktionsförderung für ein paar Jahre halbieren und hundert Millionen jährlich in Kinos stecken?" - Der ganze Brief von Schlöndorff an die Arthouse-Kinomacher hier...


Liebe Kino-Freunde,

von Rosenheim bis Glückstadt bin ich vor 41 Jahren zum ersten Mal mit meinem TOERLESS von Kino zu Kino durch Deutschland getingelt, und seitdem immer wieder unbeirrt, obwohl die Zeiten oft schlimmer waren als heute. Weil ich ans KINO glaubte, damals wie heute, habe ich das auf mich genommen: diese Woche Dresden, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, München und Berlin natürlich.
 
Ich sitze in Zügen und Hotels, ich sehe junge Leute, die sich anöden,
ich sehe mittelalte Pärchen in midlife Krisen, die lustlos aber teuer essen gehen,
ich sehe hellwache Ältere in Café-Konditoreien, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen,
und ich sage mir: denen ginge es allen besser, wenn sie mal ins KINO gingen.
Sie würden etwas erleben, sie kämen sich näher, sie hätten etwas zum Reden.
Warum tun sie es nicht?
Ich komme aber auch in überfüllte Kunstausstellungen, Konzerte und Museen. Warum gehen die nicht mal ins Kino?
Nur diese Frage treibt mich um: es gibt tolle Filme, es gibt interessierte Menschen - warum kommen sie nicht zusammen?
In New York ist es genauso, in Spanien, in Holland, in Israel, in Warschau, in Moskau und sogar in Pusan, Nord-Korea, um nur ein paar Orte zu nennen, wo ich mit Publikum, Verleihern und Theaterleuten in den letzten Monaten diskutiert habe.
Es ist also ein Zivilisationsproblem, das es überall gibt, das schlimmer wird - und sich nicht von selbst lösen wird, fürchte ich.
Der Faden zwischen leidenschaftlichen Filmemachern und dem Publikum scheint zu reissen, und zwar quer durch die Generationen.
Um den Mainstream und seine Multiplexe sollen andere sich Sorgen machen.
Mir geht es um die Filmkunst -, Arthouse -, Programmkinos.
Und um unsere Filme, die auf diese Häuser angewiesen sind.
Was können wir tun, um uns neu zu erfinden, um die vielen Menschen,
die Geld und Zeit und Interesse an guten Filmen hätten, wieder ins Kino und in unsere Filme zu locken?

Dazu muss man erst mal ansprechen, was los ist. Nichts anderes versuche ich, es geht nicht darum jemanden zu kritisieren oder die Kassandra zu spielen.
Fangen wir bei uns selbst an, unerschrocken:
- 1. Unsere Filme sind nicht attraktiv genug, unterscheiden sich nicht genug von Fernsehfilmen. Je mehr es dieselben Geschichten, die gleichen Erzählweisen, die gleichen Gesichter sind, je weniger haben die Leute Grund ins Kino zu gehen. 
- 2. es gibt zu viele Filme, von denen die meisten gar nicht ins Kino gehören. Publikum und Kritik sind verwirrt, verlieren den Überblick und die Lust.
- 3. die Programmkino-Leute kämpfen mit Idealismus und unter Selbstausbeutung gegen den negativen Trend an, aber sie können sich die Investitionen nicht leisten, die nötig sind, um auf der Höhe unserer shopping-mall Standards zu bleiben.
Stadtteile haben sich verändert, Schwerpunkte verlagert, die Karawane zieht weiter, das Kino bleibt an seinen Ort gebunden.
Was kann man tun?
Sollten wir die Produktionsförderung für ein paar Jahre halbieren und hundert Millionen jährlich in Kinos stecken?
Die Bestehenden renovieren und ausstatten mit neuer Technologie,
neue Kinoformen für Arthouse-Filme entwickeln,
so wie es der Mainstream vor Jahren mit den Multiplexen getan hat?
Sollten Kinos sich mit Hotels, mit Buchhandelsketten, mit Restaurants, mit Kunsthallen und Internetcafés zusammentun, um neue Orte fürs Kino zu erfinden?
Eine lebendige Gesellschaft, jede große und kleinere Stadt, jeder Stadtteil braucht solche Orte.
Das einzige Gemeinschaftserlebnis, neben Konzerten, das uns zusammen kommen lässt - und das preisgünstigste obendrein - ist das KINO.

Deshalb wird es auch überleben.
Wenn meine Äußerungen oder ihre Wiedergabe missverständlich waren, Unverständnis und Unmut ausgelöst haben, bedauere ich das. In der Not müssen wir zusammen halten. Zu viele würden uns gerne auseinander dividieren.
Es ist das alte Lied, wie zu Zeiten des Oberhausener Manifestes: das Kino ist tot, ES LEBE DAS KINO!

Euer Volker Schlöndorff

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Datum: 18.12.2007