DER GILDEN-DIENST Nr. 06 - 2017
Elle

Von Paul Verhoeven

(MFA, Kinostart 16. Februar 2017)

Von Paul Verhoeven ist nie Gewöhnliches zu erwarten. So auch hier nicht.

„Elle“, Michelle Leblanc, gehört der Pariser Großbürgerschicht an und ist, gemeinsam mit ihrer Partnerin Anne, Chefin einer Videogame-Produktion. Dort sorgt sie dafür, dass nicht gerade gewöhnliche Spiele geschaffen werden. „Erotischer, bitte!“

In ihrer schönen Altbauwohnung wird sie von einem Maskierten plötzlich brutal vergewaltigt. Wie wird sie reagieren? Sie bricht nicht etwa psychologisch zusammen, sondern beseitigt die entstandenen Schäden und erzählt ihren Freunden in den nächsten Tagen eher beiläufig, was geschehen ist.

Was ist das für eine (Ausnahme-)Frau? Zu ihrer Mutter, die in ihrem Alter sich noch einmal mit einem jungen Kerl verlobt, hat sie ein sehr angespanntes Verhältnis. Hat sie vielleicht seelischen Schaden genommen, weil ihr Vater, ein Massenmörder war, der im Gefängnis sitzt? Die Beziehung zu ihrem Sohn und seiner schwangeren Geliebten könnte auch um einiges besser sein. Desgleichen der Umgang mit ihrem Ex-Mann Richard, der jetzt mit einer Jüngeren zusammen ist.

Sexuell ist sie nicht zimperlich. Sie nimmt sich beispielsweise Annes Mann vor; eigentlich kommt jeweils die nächste Affäre, wenn die eine beendet ist. Ihr Vergewaltiger bleibt nicht lange unentdeckt; mit ihm kommt es zu einem ambivalenten Katz-und-Maus- und Rachespiel.

Michelle ist intelligent, elegant, schlagfertig, exzentrisch – aber auch provokant, zweideutig, asozial, brutal, amoralisch bis zur Perversion. Was sie tun wird ist nie vorhersehbar.

„Die Moral ist hier manipulierbar“, sagt Verhoeven in einem Interview. Gewalt, Sex, Religion, alles ist vorhanden. Ein eigenes Urteil über den Stoff und seine Themen (literarische Vorlage von Philippe Djian, Drehbuch von David Birke) gibt er nicht ab. Erklärungen anhand der vorgegebenen Elemente müssen ohne Rechtfertigung die Betrachter selbst finden, so Verhoeven weiter.

Und daran wird es nach einem Besuch dieses Films sicherlich nicht fehlen!

Eines ist schon einmal sicher: Die Darstellung der „Elle“-Rolle durch Isabelle Huppert ist so sensationell, dass man wohl von der besten künstlerischen Leistung ihrer Schauspielkarriere sprechen kann. Nicht umsonst gab es eine Oscar-Nominierung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Do Not Resist

Von Craig Atkinson

(DCM, Kinostart 23. Februar 2017)

Amerika ist nicht nur wegen Präsident Trump geteilt, sondern auch wegen des immer noch inhärenten Rassismus zwischen Weißen und Schwarzen. Dazu kommen die Amokläufe, da ist die Gefahr terrorostischer Anschläge, und es geraten eigentlich legitime Demonstrationen außer Rand und Band.

Wie hat sich in all diesen Fällen die Polizei zu verhalten? Das ist das Thema dieses nachdenklich machenden Dokumentarfilms.

Er beginnt mit dem tragischen Vorfall in der Stadt Ferguson, wo im  August 2014 ein unbewaffneter farbiger Schüler oder Student mit 18 Schüssen niedergestreckt wurde. Kein Wunder, dass die Bevölkerung über die Ausgangssperre hinaus mit nicht ungefährlichen Demonstrationen gegen die „Killercops“ reagierte. „Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden“, aber auch „Wir haben die Schnauze voll!“, hießen die Parolen. Wie muss in solchen Fällen die „gerechte Gewalt“ der Polizei gegenüber denen, die von manchen Monster oder „metastasierende chaotische Massen“ genannt werden, aussehen? Ein Polizeioberer: „Monsters are real.“

Tränengas? Schutzfahrzeuge? Panzerwagen? Körperkameras? Militarisierung der Polizei? Flugkörpereinsatz? Bei jedem Flug würden 30 bis 40 Straftaten entdeckt, wird gesagt.

Ein anderes Mal wird erklärt, dass verfassungsgemäß die Army im Inland nicht militärisch operieren dürfe. Doch dass die Polizei hochmilitärisch ausgerüstet und immer wieder trainiert wurde und wird, ist eine Tatsache. Teure, aus dem Nahostkrieg übrig gebliebene Panzerwagen, in denen teilweise sogar noch menschliche Überreste vorhanden sind, werden übernommen. Von einer anderen Stadt oder Polizeitruppe ist die Rede, die nicht weniger als 12 000 Bajonette bestellt habe. Die Waffen werden nicht nur bei Aufständen, sondern auch bei Hausdurchsuchungen oder Drogenrazzien angewandt. Einer: „Das Herz läuft auf Hochtouren.“

Und wie entscheiden im Justizfall die Schwurgerichte? Wie steht es mit den Grundrechten?

Ein besonders schwieriges Kapitel ist der sogenannte Heimatschutz, nach 9/11 gesetzlich installiert. Da operieren, in Uniformen und bewaffnet, aber oft auch ohne behördlichen Auftrag private Typen, die Gefahren der Bürgerbedrohung nicht beseitigen, sondern selbst gefährlich werden können. Wahrlich dubiose Hilfskräfte.

Die Technik schreitet voran. Es gibt theoretisch anscheinend bereits digitale Verfahren, mit denen man vorausberechnen kann, ob ein Verbrechen geschehen wird oder nicht. Ein besonders krasses, hoffentlich nie zur Anwendung kommendes Beispiel: Anhand der Auskünfte über die Eltern oder, beispielsweise, die Hautfarbe könnte vorhergesagt werden, ob ein Junge einen Mord begehen wird, bevor er das 18. Lebensjahr erreicht hat.

Das wäre eine Zukunft zum Fürchten.

Der Film zeigt rücksichtslos dies alles auf. Und das muss sein. Ein Dokument mit teilweise erschreckenden Informationen, aus denen man eigenen Schutz ableiten kann.

Ein verdienstvoller Film. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Empörung

Von James Schamus

(X Verleih, Kinostart 16. Februar 2017)

1950er Jahre. Der junge Marcus Messner lebt mit seinem Vater, dem koscheren Metzger Max, und seiner Mutter Esther im jüdischen Viertel von Newark, New Jersey. Es ist die Zeit des Korea-Krieges. Die Eltern sind froh, dass Marcus nicht eingezogen wird. Überhaupt sind sie, vor allem der Vater, total überbesorgt.

Marcus wird an der Winesburg-Universität studieren, einer angesehenen Anstalt aber mit strengen Kontrollen und überwachtem Kirchenbesuch. Marcus ist intelligent, studiert ernsthaft, lässt sich auch vom Dekan der Universität nicht einschüchtern. Mehrere Male kommt es zu einem verbalen Schlagabtausch.

Er wirft ein Auge auf die schöne Olivia Hutton. Sie besitzt starke Anziehungskraft. Doch hinter ihrer Schönheit stecken Probleme, von denen Marcus zunächst nichts weiß. Das Mädchen hat psychiatrische Schwierigkeiten, wollte sich einmal umbringen. Trotzdem fängt eine Liebe an zu keimen. Schon beim ersten Date befriedigt Olivia den völlig unerfahrenen, unschuldigen, gewissermaßen „koscheren“ jungen Mann sexuell. Und es bleibt beileibe nicht beim ersten Mal.

Unglücklicherweise werden die beiden dabei entdeckt und verraten; nun dauert es nicht mehr lange, bis die unnachsichtige Esther auftaucht und von ihrem Sohn die Trennung von Olivia verlangt. Sie erreicht ihr Ziel; bald darauf ist Olivia verschwunden.

Wird Marcus Messner jetzt doch in den Krieg ziehen?

Eine äußerst sensible, elegische, schmerzhafte, letzten Endes tragische Liebesgeschichte. Eingeengte, spießige, religiös überspitzte, rückständige, zeitgebundene Moralvorstellungen sind es schließlich, die eine schöne Liebe zerstören.

Wunderbar, wie das alles gezeigt wird. Die gefühlsbetonte Stimmung, der die damalige Epoche wiedergebende Look, die gut gewählte Szenerie (Inbal Weinberg), die der Zeit angepassten Kostüme (Amy Roth), alles stimmt.

Das gleiche gilt für die beiden Hauptdarsteller. Sarah Gadon ist eine aparte souveräne Olivia, Logan Lerman der komplex veranlagte, intellektuelle aber unerfahrene Marcus. Ein Kammerspiel mit zwei beachtlichen Protagonisten.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Enklave

Von Goran Radovanovic

(Barnsteiner, Kinostart 16. Februar 2017)

Schon immer galt der Balkan als Pulverfass, und allzu viel hat sich bis jetzt noch nicht geändert. Solange Tito die gut ein halbes Dutzend Länder zusammenhielt, ging es einigermaßen gut. Nach Titos Tod war der Teufel los.

Srebrenica ist noch nicht lange her.

Diese Grundstimmung ist es, die Goran Radovanovic in seinem Film beschreibt. 2004, Kosovo, kurz nach einem Aufstand, bei dem 19 Menschen getötet wurden und viele Serben aus dem Gebiet flohen. In diesem muslimischen Land liegt die kleine  serbische (also serbisch-orthodoxe) Enklave Metohija. Der kleine Nenad, der dort mit seinem Vater Vojislav und seinem Großvater Milutin lebt, muss, um jeden Tag in die Schule zu kommen, von UNO-Soldaten im Panzerfahrzeug über die „Grenze“ gebracht werden. Er ist der einzige Schüler, und bald wird auch das zu Ende sein, weil die Lehrerin fortzieht.

In einem Aufsatz mit dem Thema „Mein bester Freund“ schreibt Nenad, dass er keine Freunde besitze – nur seinen Großvater - aber der liegt im Sterben.

Der Junge wird losgeschickt, den Priester zu holen, doch der erwartet eine neue Glocke, kann nicht sofort kommen.

Nenad, der Serbe -der auch immer so genannt wird-, trifft auf drei muslimische Jungen; sie spielen, das Spielzeug dabei ist nicht nur der Ball, sondern auch der Revolver. Folgt eine harte Szene: Weil Nenad beim Schwimmen seine Kleider verloren hat, wird er vom Vater hart bestraft.

Symptomatisch dann für die politisch-ethische Situation in der Enklave: Die Kosovaren feiern eine fröhliche Hochzeit, die Enklave-Serben tragen den Großvater zu Grabe.

Es gibt in diesem Film viele Passagen, die typisch sind für den dortigen trostlosen politisch-gesellschaftlichen Zustand: der brennende Glockenturm; die Zerstörung des Reisebusses; die Suche nach versteckten Waffen; der verlassene Friedhof; die zerschossene Glocke; die verwundeten Buben; die leere Landschaft; die allgemeine Armut; die gedrückte Stimmung des Vaters.

Radovanovic musste bei seiner Gestaltung wohl radikal bei der Realität bleiben. Künstlerisch ist das gleichwohl sehr interessant. Die Traumata wirken immer noch nach – vielleicht gibt es eines Tages Hoffnung.

Glück hatte man bei der Wahl des etwa 10-12jährigen Nenad. Wie melancholisch er blickt, das wirkt noch lange nach.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Die Gabe zu heilen

Von Andreas Geiger

(Camino, Kinostart 23. Februar 2017)

Das menschliche Leben hängt von der Gesundheit ab. So einfach ist das. Deshalb wird seit Jahrtausenden gegen Krankheiten gekämpft: mit der Schulmedizin -die in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte machte- und mit anderen, die Schulmedizin ergänzenden, manchmal recht kuriosen oder gar obskur erscheinenden Mitteln. Darum geht es in diesem Dokumentarfilm.

Fünf Menschen werden vorgestellt, die sich als „Heiler“ empfinden. Sie beziehen die von ihnen angewandten Heilkräfte nicht aus den üblichen, verschreibungspflichtigen Medikamenten, sondern aus von vornherein angenommenen religiösen und geistigen Strömungen. Von Unzähligen wird das belächelt. Aber: halt! Wer ist so töricht zu behaupten, dass wir immer von allem Kenntnis hätten? Starke übernatürliche, seelische, ätherische, mentale, ideelle Kräfte können durchaus bestehen.

Wir wissen es ganz einfach nicht so genau.

Zwei ältere Männer, einer aus Vorarlberg und einer aus der Schweiz (Toggenburger Land), eine Schamanin aus Asien, eine Hamburgerin (St.-Pauli-Fan) und ein jüngerer Mann, der eine Praxis für geistiges Heilen betreibt, sind am Werk. . . 

. . . Sie gehen tief religiös vor, sie legen Hände auf, sie verteilen Kräuter, sie segnen, sie rufen die Ahnen, sie hypnotisieren, sie meditieren, sie senden Strahlen aus, sie beschwören die Patienten mit Positivem, sie entgiften, sie verlangen Verzeihung für das Verhalten eines Schuldigen, sie treiben Dämonen aus, sie lassen in den Himmel blicken, sie danken Gott, sie treiben Ängste aus, sie trocknen Tränen, sie beten, sie arbeiten mit dem Pendel, sie beraten - oder sie versuchen die ganz normale psychoanalytische Therapie.

Und: Verblüffende Vorgänge führen hier zum Teil zu verblüffenden gesundheitlichen Ergebnissen.

Man kann lächeln oder staunen, je nachdem. Auf jeden Fall wird man, wenn man die Wirkung und das Resultat sieht, diesen „Heilern“ und ihrem ideellen Wesen die Daseinsberechtigung nicht so ohne weiteres absprechen können.

Ein Dokumentarfilm zur Gesundheit, also zu einem der wichtigsten Themen überhaupt, über den nur jeder persönlich urteilen kann. Ein Film, der viele Fragen stellt – aber auch gewisse Antworten nicht vorenthält.

 

 
zum Download
Datum: 05.02.2017


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