DER GILDEN-DIENST Nr. 07 - 2017
Lion – Der lange Weg nach Hause

Von Garth Davis

(Universum, Kinostart 23. Februar 2017)

Ein Film nach einer wahren Begebenheit.

Ein indisches Dorf. Der kleine Saroo, der sonst seiner Mutter beim Steine klopfen und Steine schleppen hilft, will dieses Mal mit seinem Bruder Guddu zu dessen Arbeit mitgehen. Die beiden verlieren sich.

Saroo schläft in einem Eisenbahnwaggon ein – und wird auf diese Weise 1600 Kilometer von seinem Heimatort entfernt. Jetzt ist er in Kalkutta und auf sich selbst angewiesen. Er verirrt sich immer wieder, hat so gut wie nichts zu essen, wird ein Straßenkind, wie es einer Statistik nach um die 80 000 in Indien gibt.

Einmal wird er, angeblich freundlich, von einer Frau mitgenommen, die ihn aber, das stellt sich schnell heraus, einem Kinderschänder zuführen will.

Nach längerer Zeit wird er aufgegriffen und ins Waisenhaus gebracht. Von dort adoptiert ihn (zusammen mit einem anderen Jungen) das australische Ehepaar Sue und John. Jetzt geht es Saroo endlich gut.

20 Jahre später. Aus dem Kind ist ein stattlicher Mann geworden, der seinen Adoptiveltern Freude macht, langsam selbständig wird – und sich in die sympathische Lucy verliebt. Die beiden haben eine glückliche Zeit.

Und doch wird bei Saroo ein Gefühl immer deutlicher: Er muss seinen Heimatort finden; er will wissen, wer er ist, da er ja, als er verloren ging, ganze fünf Jahre alt war; er möchte seine Mutter und seine Geschwister sehen. Der Drang wird immer stärker. Nächte lang sucht er auf Google Earth ganz Indien ab.  Immer wieder vergeblich. Der Trieb wird so belastend, dass sogar seine Liebe zu Lucy in die Brüche zu gehen droht.

Dann die Erlösung. Er findet, was er sucht, kehrt zurück, schließt alle in die Arme, lässt seine Adoptiveltern nach Indien kommen – und auch das Verhältnis zu Lucy ist nun nicht mehr gefährdet.

Minutiös wird alles geschildert: die überaus harte und doch glückliche Kindheit; die Zeit, in der er herumirrt und herumgestoßen wird; das Geborgensein bei Sue und John; die Verzweiflung, als er seine Familie nicht findet; das „Happy End“.

Filmisch sind sowohl Drehbuch als auch Inszenierung und Kameraarbeit sehr, sehr solide gemacht. Gefühle ergeben sich en masse aus dem authentischen Geschehen. Dazu kommt, dass Dev Patel diesen Saroo wunderbar spielt.

Auf jeden Fall etwas für Emotionsliebhaber.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Europa  - Ein Kontinent als Beute

Von Christoph Schuch und Reiner Krausz

(Salzgeber, Kinostart 23. Februar 2017)

Wie ging es Europa vor zehn Jahren? Gut. Wie geht es Europa heute? Schlecht. Worin liegen die Ursachen? Wer trägt die Schuld?

Drei Herren, die man wohl als Fachleute wird bezeichnen können, versuchen Ursachenforschung zu betreiben: Fabio De Masi, Abgeordneter des Europäischen Parlaments, Dr. Daniele Ganser, ein Schweizer Historiker, und der bekannte Wirtschaftsfachmann Dirk Müller, „Mister Dax“ genannt.

In groben Zügen schälen sich Gründe für den derzeitigen Zustand ziemlich rasch heraus . . .

. . . der immer radikaler werdende Gegensatz zwischen der (finanziellen) „Oberschicht“ und der „Unterschicht“, der viele Menschen zu Demonstranten, Aktivisten und sogar Revolutionären werden ließ; schwere politische Fehler in so gut wie allen Ländern der Europa-Union; die viel zu gedanken- und sorglos durchgezogene Privatisierung wirtschaftlichen Potentials; die Tatsache, dass Konzerne und Banken immer mehr finanzielle, ökonomische und auch politische Macht an sich ziehen; dass in Brüssel Tausende von einflussreichen Industrielobbyisten arbeiten; die immer größer werdende Verschuldung; die Kriege; ein gewisser Abbau der Demokratie; der offene Druck auf Parlamentarier; die riesigen Steuerbetrügereien der Finanzmafia; eine drohende Einschränkung der Bürgerrechte; die Tatsache, dass europäische Staaten sich gegeneinander ausspielen; die immer „dreister“ werdende „Arroganz der Regierenden“; das deutliche Versagen in der Bewältigung der Flüchtlingskrise, usw.

Mit zahlreichen Fakten werden diese Argumente hier belegt! Die Betonung liegt allerdings fast ausschließlich auf der Klage  und zu wenig auf der Frage, warum manche Zustände so geworden sind, wie sie sind, warum es etwa Portugal, Spanien und vor allem Griechenland so schlecht ging oder noch geht – warum beispielsweise in Griechenland mit den Steuern, mit der Übertragung des griechischen Kapitals ins Ausland, mit der Bevorzugung der Milliardäre, mit der Begünstigung des Beamtentums jahrelang so sehr geschlampt wurde, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Trotzdem: Es handelt sich in filmisch sehr einfacher Form mit einem ausgefallenen jedoch zu den behandelten Themen passenden Soundtrack um aktuelle und dringende Auseinandersetzungen, die man sich in dieser gebündelten Weise anhören sollte – um zu begreifen und um zur Besserung beizutragen, wenn man dazu mit welchen Schritten auch immer eine Möglichkeit hat.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Neruda

Von Pablo Larrain

(Piffl, Kinostart 23. Februar 2017)

Chile 1948, die Amtszeit des Präsidenten Videla. Der berühmteste Dichter des Landes ist Pablo Neruda (eigentlich Neftali Ricardo Reyes Basoalto), Literatur-Nobelpreisträger (1971). Noch ist er Politiker, Senator seines Landes, aber nicht mehr lange. Denn er bezichtigt in einer flammenden Rede den Staatspräsidenten des Verrats an der Bevölkerung. Zu Beginn des Kalten Kriegs ist Neruda ein eingefleischter Kommunist, ein vorbehaltsloser Anhänger Stalins. Das verträgt sich nicht mit der derzeitigen politischen Stellung Chiles – und seiner Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. (Wie später Salvador Allende gestürzt wurde und es zur langjährigen Pinochet-Ära kam, weiß man.)

Neruda muss demnach verfolgt werden. Neruda im Untergrund, das ist der hauptsächliche Handlungsstrang dieses Films. Doch der Film hat viel, viel mehr zu bieten.

Neruda versteckt sich, narrt die Verfolger, übt währenddessen keineswegs Verzicht, weder auf seine Arbeit noch auf seine  hedonistischen Ausflüge, noch auf die Liebe zu seiner argentinischen Frau Delia. Man hetzt den Kommissar Peluchonneau auf seine Fersen, aber das Ganze ist wie ein Spielchen, immer wieder entkommt ihm der Dichter. Hoch in den verschneiten Kordilleren dann das Ende – aber nicht des Dichters, sondern des Verfolgers.

Wer meint, er bekomme hier eine gradlinige ausführliche Biographie zu sehen –wie der Titel zunächst vermuten lässt- liegt falsch. Von Regisseur Larrain ist schon aus seinen früheren Filmen bekannt, dass er künstlerisch und künstlich zugleich vorgeht; dass er wie hier Biographisches und Krimi vermischen kann; dass er gewissermaßen einen Stil à la Neruda pflegt (wie er selbst andeutete); dass er gerne falsche Spuren legt; dass er realistisch und surrealistisch arbeitet, sich also auf mehreren Ebenen gleichzeitig befindet; dass er für die hier häufigen Voice-Over-Kommentare Dichterisches, Fiktives und Wirkliches findet und erfindet.

Das ist in diesem Film in vielfältiger, sehr lebendiger Weise zu erleben, und genau so vital ist die Kamera. Alles ist begleitet von einer vorzüglich ausgesuchten Musik, z.B.  von Grieg oder von Penderecki.

Von bester Qualität auch das Spiel der Darsteller. Luis Gnecco ist der ebenso politische wie dichterische, ebenso gerissene wie sinnesfreudige Neruda. Gael Garcia Bernal mimt originell den halb fanatisch vorgehenden, halb lächerlich erscheinenden Verfolger Peluchonneau. Bei Mercedes de Moran als Delia spürt man auf rührende Weise die Liebe zu ihrem Mann.

Ein künstlerisch beachtenswertes Stück Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Bailey – Ein Freund fürs Leben

Von Lasse Hallström

(Constantin, Kinostart 23. Februar 2017)

Amerikanische Provinz, 60er Jahre. Eine kleine Familie, Vater, Mutter und der junge Sohn Ethan. Die Mutter und der Bub finden in einem abgestellten Auto einen Hund, der am Verdursten ist. Sie nehmen ihn mit. Ethan bettelt bei seinen Eltern so lange, bis er die Golden-Retriever-Welpe behalten darf. Er nennt den Hund Bailey.

Von nun an bestimmt Bailey weitgehend das Leben des Kindes. Doch stellt sich zudem rasch heraus: Es ist kein gewöhnlicher Hund. Er kann denken, wundert sich über das Verhalten der Menschen, vor allem, wenn sie sich küssen, was er „abschlecken“ nennt; er kümmert sich um den Sinn seines eigenen Lebens; und er hat die Gabe, dass er, wenn sein erstes Leben vorbei ist, wiedergeboren wird.

Ethan ist jetzt in dem Alter, in dem man sich verliebt. Er hat eine schöne Zeit mit Hannah. Bailey ist immer dabei. Dann trennen sich die beiden.

In seinem nächsten Leben wird Bailey ein Polizeihund, dann das Haustier eines lieben farbigen Mädchens. Und schließlich: Er findet zurück zu Ethan und Hannah, die sich nach vielen Jahren im Alter wiedergefunden haben.

Wie gesagt, schon wegen seiner Reinkarnation kein gewöhnliches Tier. Bailey besitzt Geist – und Moral: Lebe dein Leben. Genieße es, sagt er zum Beispiel. Und: Hilf, wem du kannst.

Eine simpel, passagenweise frisch erzählte (immerhin Lasse Hallström), von einer originellen (literarischen) Grundidee ausgehende, leicht sentimental-kitschige, gut gespielte (immerhin Dennis Quaid) Menschen- und Tiergeschichte.

Die guten Hundedressuren fallen auf – wenngleich bereits während der Dreharbeiten anhand eines weit verbreiteten Videos aufkam, dass zumindest ein Schäferhund (Bailey als Polizeihund) nicht nur dressiert, sondern mit Gewalt gezwungen (oder muss man es gequält nennen?) wurde. Also hier ein gewisser Vorbehalt.

Aber ein alles in allem gelungener Kinder- und Familienfilm.

 

A Cure for Wellness

Von Gore Verbinski

(Fox, Kinostart 23. Februar 2017)

In New York steht im Wall Street-Bereich eine Fusion an. Es wäre noch etwas zu klären, doch der dafür entscheidende Mann, ein Mr. Pembroke, befindet sich in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen. Also wird der junge Manager Lockhart in die Schweiz geschickt, um mit Pembroke möglichst schnell nach New York zurückzukehren.

Schon bei seiner Ankunft im Sanatorium bekommt Lockhart die dort herrschende besondere, reservierte, mysteriöse Atmosphäre zu spüren. Pembroke bekommt er nicht zu fassen. Als er kurz darauf wegen eines schweren Autounfalls selbst Patient wird, gerät sein erzwungener Sanatoriumsaufenthalt immer mehr zu einem Albtraum.

Warum verhallten sich die Menschen so merkwürdig? Es entsteht der Eindruck als hätten alle dieselbe Krankheit. Was hat der Chefarzt Volmer mit der Manipulation seiner Patienten im Sinn? Welche Rolle genau muss dabei die junge Hannah spielen?  Warum sind manche Orte in diesem riesigen, schlossähnlichen Areal nicht zugänglich? Was spielt sich hinter den Türen in den langen Gängen ab? Tut vielleicht eine Geschwisterehe von vor 200 Jahren etwas zur Sache? Welche Experimente am Menschen werden hier und wie lange schon vorgenommen?

Lockhart dringt langsam in das alles ein, in die geheimnisvollen Örtlichkeiten und die darin vorgenommenen Handlungen ebenso wie in das geistige Ambiente in der Anstalt. Aber der Albtraum, das böse Geheimnisvolle, die Umnachtung, die Krankheit, sie haben ihn selbst schon lange eingeholt. Für ihn bedeutet es ein quälendes gefährliches Vorkommnis nach dem anderen. Wie wird das alles enden?

Ein äußerst fantasievoller Psycho-Thriller, mit sehr speziellem atmosphärischem Aufwand. Die Geschichte und die Handlung kann man mögen oder nicht, rein filmisch, rein handwerklich, rein inszenatorisch, rein von der Auswahl des Schauplatzes und der Landschaft her ist der Film zweifellos eine Leistung.

Und das gilt auch für  die Hauptdarsteller: für Dane DeHaan als der von den vielen negativen Ereignissen überwältigte und überforderte Lockhart, für Mia Goth als die von Volmer an einem aufblühenden Leben gehinderte Hannah sowie für Jason Isaacs als der die Inkarnation des Bösen verwirklichende Sanatoriumschef Volmer.

Im Arthouse-Bereich für Psycho-Thriller-Fans gut möglich. 
zum Download
Datum: 13.02.2017


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