DER GILDEN-DIENST Nr. 09 - 2017
Wien vor der Nacht

Von Robert Bober

(Salzgeber, Kinostart 9. März 2017)

Wien vor der langen Nacht des Holocaust . . .

. . . und ein Film, in dem auf ebenso bewegende wie intelligente Weise Vergangenheit aufgearbeitet wird.

Der Autor und Erzähler ist der Dokumentarfilmer Robert Bober, der anhand des Lebens seines Urgroßvaters Wolf Leib Fränkel,  den er allerdings nicht mehr kannte, weil er erst zwei Jahre nach dessen Tod geboren wurde, in einer teilweise von ihm gestalteten fiktiven „Erinnerung“ von der Geschichte seiner Familie und der Vergangenheit Wiens berichtet, jener Stadt, die zu der Zeit der ausgehenden Donaumonarchie eine so bedeutende kulturelle Rolle spielte.

Fränkel, als Jude in Polen geboren, hatte Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA auswandern wollen, weil er dort ein Leben erwartete, das „besser als die Gegenwart und sicherer als die Zukunft“ sein sollte. Dies wurde ihm jedoch wegen einer Augenkrankheit versagt, weshalb er sich mit seinem Beruf als Blechschmied und Hersteller von Leuchten („in der Dunkelheit liegt ein geheimes Licht verborgen“) in der Hauptstadt Österreichs niederließ.

Bober besucht für seinen Film, der, wie er ausdrücklich sagt, nur „Teil der Wirklichkeit“ sein kann, das damalige Wien und das Viertel Leopoldstadt, in dem früher jeder Zweite Jude war; er geht auf den verlassenen und von Rotwild bewohnten Friedhof zum Grab seines Urgroßvaters; er besucht den Stadttempel, die einzige Synagoge, die nach der furchtbaren Reichskristallnacht“ im November 1938 heil blieb; er trauert um die vielen, die aus seiner Familie von den Nazi-Verbrechern ermordet wurden („Ostjuden haben nirgendwo eine Heimat, aber Gräber auf jedem Friedhof“); er bedauert, dass die Wiener erst 2012 den Straßennamen des antisemitischen früheren Bürgermeisters Karl Lueger änderten; er zeigt den Heldenplatz und den überwältigenden Jubel der Österreicher über den Anschluss („die Hölle regiert“); er sagt, dass 40 Prozent der in  den Vernichtungslagern Beschäftigten Österreicher waren, obwohl danach keiner den Krieg gehabt haben will;  er geht noch vielen anderen Spuren nach . . .

. . .  er berichtet essayistisch und historisch präzise von den ihm vertrauten und geliebten Schriftstellern und Intellektuellen, die zu jener Zeit Wien kulturell groß machten - wie Stefan Zweig, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Franz Kafka oder Karl Kraus und andere – und „ihren literarischen Stoffen von Entwurzelung, Exil und leiser Hoffnung“, wie dazu gesagt wird.

Er vergisst auch nicht, in einer Fahrt im Fiaker die Kunst und Schönheit der Stadt zu zeigen. Das Jüdische Museum spielt dabei eine gemahnende Rolle. Viele interessante Bilder aus dem damaligen jüdischen Leben in Polen sind zu sehen; trotz der Schwere dieses Lebens geht es auch poetisch zu.

Es ist ein rein filmisch sehr gelungenes Dokument, das Regisseur Robert Bober wohl für sich selbst machte, machen musste, das aber jeder andere auch wahrnehmen sollte, erstens um einen guten Dokumentarfilm zu sehen, und zweitens vor allem um das Leid zu begreifen, das den Juden angetan wurde, und um auf seine Weise dafür zu sorgen, dass endlich dem Antisemitismus entgegengewirkt wird.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Original Copy – Verrückt nach Kino

Von Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen

(W-film, Kinostart 9. März 2017)

Der Digitalismus überrollt die ganze Welt. Da haben es überkommene Fakten, Situationen, Entwicklungen und Traditionen schwer. Das gilt auch für das Kino allgemein, um das es in diesem rührenden Dokumentarfilm geht - und hier ganz speziell um den Kinopalast „Alfred Talkies“ in der indischen Metropole Mumbai.

Hier werden sie vorgestellt, diese Kino-Idealisten, die Inhaberin des „Alfred Talkies“, die ursprünglich von ihrem Großvater das Kino nicht bekommen sollte, weil sie eine Frau ist (!), und dann beispielsweise die Plakatmaler. Sie schaffen mit künstlerischer Ambition noch riesige Poster, mit denen das Publikum angelockt werden soll. Mit viel Farbe müssen die Heldinnen und Helden herausgehoben werden, sie sind die Starken, dürfen nicht sterben. „Keine kühlen Filme.“ Die Schurken sollen diskreter vorgestellt sein.

Diese Maler, um den (sich ein wenig für zu bedeutend haltenden) Scheich Rehman versammelt, wissen, wie wichtig Werbung ist, wie der Filmtitel und die Bollywood-Bilder sein müssen.

(A propos: Wird nicht noch heute Woody Allen „Stadtneurotiker" genannt, weil dieser Filmtitel damals so gut war?)

Regelmäßig durchstreift der Hindu-Priester mit Weihrauchritualen  das Areal. Die Maler und das übrige Personal beten dann.

Materiell geht es schlecht. Oft gehen die Einnahmen zurück. Es ist wie bei einem „sinkenden Schiff“, wird gesagt. Die Smart- und IPhones, die Computer und Tablets nehmen überhand. Die Arbeitsplätze sind in Gefahr. Einige haben Schulden. Die Söhne von Scheich Rehman „achten meine Arbeit nicht, hören nicht auf mich, verdienen alle mehr“. Ist die Zeit um?

Aber die Alfred-Talkies-Idealisten verkünden trotz allem: „Wir müssen das tun.“ – „Wir geben nicht auf.“ – „Das Kino muss am Leben erhalten bleiben.“ – „Gute Geister wohnen hier.“ – „Der Film des Lebens läuft weiter.“ – „Gottes Film ist nie zu Ende.“

Gottlob gibt es sie noch, die, die das Kino nie untergehen lassen werden. Die beiden Regisseure verdienen für ihr warnendes, ehrliches und aktuelles Zeitbild Dank und Lob. Ihr Film ist  eine willkommene Liebeserklärung an das Kino.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Moonlight

Von Barry Jenkins

(DCM, Kinostart 9. März 2017)

Drei Lebensabschnitte eines Afro-Amerikaners.

I. Chiron, ein kleiner Junge aus Miami. Er kommt allerdings nicht gerade aus einer noblen Gegend der Stadt. Mit seiner Mutter Paula hat Chiron, der in der Schule wegen seiner eigenen, etwas linkischen Art gemobbt und „Little“ genannt wird, auch nicht sehr viel Glück. Denn sie ist drogensüchtig. Er weiß gar nicht immer, wohin er gehen soll. Immerhin hat er in Kevin einen Freund.

Gerade muss er sich wieder verstecken, weil andere nach ihm werfen. Glücklicherweise wird er von Juan entdeckt, einem gestandenen Kerl, der sich als sehr liebenswert erweist. Der Mann nimmt Little mit zu seiner Freundin Teresa; dort geht es ihm gut. Juan baut den Jungen auch moralisch auf, gibt ihm gute Ratschläge, lehrt in schwimmen.

Juan ist allerdings nicht nur ein netter Kerl, sondern auch Drogendealer. Chirons Mutter ist seine schwer abhängige Kundin. Einmal nimmt sie deshalb dem Jungen sein letztes Geld ab. Dem wird zunehmend klar, dass die schwierigen Verhältnisse, unter denen er leben muss, nicht zuletzt auch mit Juan zusammenhängen. Er scheut sich nicht, ihm dies auch deutlich zu machen.

II. Chiron besucht die High School. Neben denen, die ihn demütigen und  tyrannisieren wollen, hält Kevin zu ihm. Und mit dem hat er eines Nachts am Strand auch seine erste intime sexuelle Erfahrung – quasi eine Liebesbeziehung.

III. Er ist älter geworden, lebt jetzt in Atlanta. Eine gewisse Zeit in einer Strafanstalt hat er hinter sich. Die Mutter ist inzwischen in einer Entziehungseinrichtung. Sie bittet ihren Sohn um Verzeihung, sagt, dass sie ihn liebe. Chiron, der sich jetzt „Black“ nennt, erscheint gerührt, verschwindet dann aber wortlos.

Er erhält einen Anruf. Er kommt von Kevin, der jetzt ein  Restaurant leitet. Chiron sucht ihn auf. Sie erkennen sich beinahe nicht wieder, so lange hatten sie keinen Kontakt. Fast verlegen sind beide, schweigen, wissen nicht weiter.

Dann jedoch fahren sie gemeinsam in die Nacht. Wohin?

Ein Film, der nicht durch eine dramatische Handlung oder durch viel Lärm und Aufhebens auffällt, sondern durch sein Thema; durch eine solide Drehbuch- und Inszenierungsarbeit;  durch den Kampf, den dieser Chiron in den einzelnen Lebensphasen (wie jeder Mensch) mit sich selbst durchzustehen hat; durch sehr ausdrucksstarke Gesichter; durch eine dem ganzen psychologischen Ablauf angepasste Bildgestaltung; durch einen dem oft schweren Geschehen entsprechenden Rhythmus; durch exzellent ausgewählte Musik . . .

. . . und durch hervorragende Schauspieler, von denen vor allem Mahershala Ali als Juan mit seiner doppelten Moral, Naomie Harris als ebenso drogenabhängige wie unglückliche Paula, Trevante Rhodes als gereifter Black und André Holland als voller Erwartung fragender und zweifelnder (erwachsener) Kevin auffallen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Little Men

Von Ira Sachs

(Salzgeber, Kinostart 2. März 2017)

Der Großvater des 13jährigen Jake (Jacob) ist gestorben. Für Jakes Familie heißt das umziehen, und zwar von Manhattan nach Brooklyn, weil der Opa dort ein Haus besaß. Brian, Jakes Vater, ist mehr oder minder erfolgreicher Schauspieler, Kathy, die Mutter, Psychotherapeutin.

In Großvaters Haus in Brooklyn wohnt Leonor mit ihrem Buben Tony (Antonio). Sie ist chilenischer Abstammung und betreibt in einem kleinen Laden ein Mode- und Schneidergeschäft. Ihr Mann ist über alle Berge, irgendwo in Afrika.

Da trifft es sich, dass Jake und Tony sich langsam anfreunden. Sie gehen zur Schule (ein Lehrer im Sprachunterricht: „Schreibt ein Gedicht über jemanden, den ihr liebt“), befassen sich mit Videospielen und schnuppern auch in einer Schauspielschule (sehr gute Szene), übernachten manchmal zusammen. Beide streben an, später auf der LaGuardia-Hochschule zu studieren. Jake zeichnet und malt sehr gut.

Offenbar wäre alles bestens, wenn die Erwachsenen nicht wären. Brian hat nämlich eine Schwester, Audrey, die Leonor die Miete verdreifachen möchte. Brian und Kathy kämpfen lange mit sich selbst; allerdings verdient der Schauspieler, der endlich einen gewissen Erfolg auf der Bühne erlebt, selbst so wenig, dass auch ihm mehr Mietkosten zupass kämen. Die Miete muss den Laden abdecken, sagt Audrey.

Leonor kann aber nicht mehr bezahlen. Außerdem weist sie darauf hin, dass sie zum Großvater immer ein besseres Verhältnis hatte als dessen eigene Familie. Die Situation wird problematisch, sogar von Vertragsbruch und Zwangsräumung ist die Rede.

Die Leidtragenden sind Jake und Tony. Verbote gegen sie werden ausgesprochen. Jake beschimpft sogar seine Eltern. Langsam zerbricht die Freundschaft zwischen den Buben. Wehmütig sieht Jake Tony später einmal wieder, doch einen Kontakt gibt es nicht mehr.

Feinfühlig, tagtäglich dahin gehend, von außen wie von innen gut beobachtet, anscheinend unentrinnbar, halb tragisch wird alles filmisch geschildert. Ein solches Unglück passiert, eine solche Freundschaft geht verloren, wenn die Alten das natürliche Leben der Kinder zunichtemachen. (Insofern ist der Film fast so etwas wie ein Lehrstück).

In manchen Kommentaren werden ein Mehr an Handlung und ein intensiverer Schluss vermisst. Aber es bedurfte hier keines Tamtams, keiner von außen hereingetragenen Dramatik, es ist ein eher stilles, natürliches, zuweilen bis ins Poetische gehendes, menschliches Stück.

Glück hatte man mit den beiden Jungen. Theo Taplitz als Jake und Michael Barbieri als Tony spielen ihre Rollen wirklich wunderbar. Das gleiche gilt für Paulina Garcia als Leonor. Gut auch, Greg Kinnear (als Jakes Vater) endlich wieder einmal bei uns zu sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Marija

Von Michael Koch

(RealFiction, Kinostart 9. März 2017)

Marija ist Ukrainerin. Da ihr Land in einer tiefen Krise, ja gar in einem Krieg steckt, emigriert sie mit ihrer Freundin. Wohin? Nach Deutschland.

Sie ist jetzt in der Dortmunder Nordstadt, offenbar nicht gerade ein nobles Viertel. Die Kleinen beuten die noch Kleineren aus, heißt es. Über 100 Nationen sind da vertreten.

Marija möchte einen Friseursalon eröffnen. Aber dazu braucht es Geld, das sie nicht hat. Derzeit wohnt sie in einer schäbigen Wohnung des Vermieters Cem, der von zweifelhaften Geschäften lebt. Wenn sie die Miete nicht bezahlen kann, befriedigt sie ihn sexuell. „Wenn du Arbeit brauchst, sag Bescheid.“

Der Frisiersalon ist in ihrem improvisierten Leben immer noch in weiter Ferne. Sie putzt in einem Hotel, stiehlt etwas und wird entlassen; manchmal ist sie jetzt Escort-Dame; hilft beim Übersetzen vom Russischen ins Deutsche; bringt einen Arbeiter zu einem Arzt, der ihm ohne die nötige Krankenversicherung Versicherung weiterhilft; sorgt bei einer Migrantenfamilie dafür, dass Kindergeld bezogen werden kann; trifft auf Georg, der illegale Bauarbeiter beschäftigt, den sie zu lieben vorgibt und es vielleicht sogar glaubt, der von einem krummen Geschäft viel Geld erwartet und dann doch im Knast landet; muss ihre Freundin Olga ziehen lassen.

Meistens Probleme, selten ein Lächeln.

Aber schließlich kann sie im Gegensatz zu früher doch erhobenen Hauptes durch die Straßen ziehen. Ihr Ziel hat sie endlich erreicht.

Ein Migrantenleben, wie es wahrscheinlich viele gibt. Es ist schwer, problematisch, oft erniedrigend. Und doch: Wenn man charakterstark ist, wenn man die Unterdrückungen wegsteckt, wenn man am Glauben an sich selbst festhält, kann es aufwärts gehen.

„Marija“ ist dafür ein gutes Lehrbeispiel. Der junge Regisseur Michael Koch ist, wie es zahlreiche Migrantenleben zeigen, ziemlich ehrlich und realistisch vorgegangen – auch wenn es da und dort im Fortlauf der Handlung und in den Anschlüssen noch Verbesserungen geben muss. Aber die Authentizität ist tatsächlich groß. Verstärkt wird sie dadurch, dass er Komparsen aus dem Dortmunder Nordstadtviertel hinzuzog.

Und er hat neben Sahin Eryilmaz (Cem), Olga Dinnikova (Freundin Olga) und vor allem dem Österreicher Georg Friedrich (Georg) in der Theaterschauspielerin Margarita Breitkreiz eine überzeugende, wunderbare, stoische, sich selbst  beherrschende und schließlich siegende Darstellerin der Marija gefunden.      

 
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Datum: 27.02.2017


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