DER GILDEN-DIENST Nr. 10 - 2017
Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Von Nicolas Wadimoff

(W-Film, Kinostart 23. März 2017)

Ein hochinteressanter Dokumentarfilm über einen Rebellen.

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, um den es hier geht, entstammt einem durchaus bürgerlichen Milieu und genoss eine calvinistische Erziehung. Die hielt allerdings nicht lange an. Noch in jungen Jahren kam er nach Paris, traf mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zusammen – und war bald darauf Kommunist.

Er blieb es, und seither predigt er, intellektuell, oft radikal, zuweilen fanatisch, sich nichts sagen lassend, seine Anschauungen idealisierend: gegen das schweizerische  Finanzsystem; gegen die Handlanger der Konzerne; gegen den „Imperialismus der Schweizer Banken“; gegen die „Geierfonds“ (Hedge-Fonds); gegen den „Wirtschaftsterrorismus“; gegen jedes Profitdenken; gegen „simulative Demokratien“; gegen eine „kannibalische Weltordnung“; gegen den Hunger („das größte Unglück dieser Welt“ – „ein Kind, das aus Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“).

Er befürwortet bis zu einem gewissen Grade Revolutionen, vor allem in Südamerika, Nationalisierungen, Agrarreformen, auf jeden Fall den Kampf gegen den Kapitalismus. Kuba hat es ihm angetan. Ein großer Teil dieses Films gilt denn auch einem Kubabesuch. Ein paar Tage lang war er 1964 der Chauffeur von Che Guevara in Genf. Er wollte mit nach Kuba kommen, doch Che riet ihm, in Europa zu bleiben und gegen „das Gehirn des Monsters“ zu kämpfen.

Er verehrt das Leben und die Politik in Kuba. Dass sich die Dinge ändern könnten, dass die kubanische Jugend anfängt, freier zu denken und Freiheit zu fordern, will ihm nicht in den Kopf. „Die junge Generation hat kein politisches Gewissen“.

Dass er in seinem Tun und Lassen viele Fehler gemacht habe, räumt er ein – zum Beispiel mit Mugabe oder Gadaffi. Er zitiert: „Erzählen Sie mir ihr Leben, und ich bringe Sie vor Gericht.“

Immerhin gehörte er lange der UN-Menschenrechtskommission an, sogar als Berichterstatter, vorwiegend über afrikanische Angelegenheiten oder das Recht auf Nahrung. Nicht weniger als 16 Bücher hat er verfasst, zum Teil mit Titeln wie „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben.“

Im eigenen Land wurde er aufgrund seiner Ideologie und seiner Polemik, obwohl viele Jahre Nationalrat, oft sogar als Landesverräter angegriffen, musste einige Gerichtsprozesse und hohe Strafen und seinen finanziellen Ruin hinnehmen. Ziegler dagegen: „Die Schweiz ist für die Agonie von Ländern verantwortlich.“

Ausführlich und intensiv schildert der Film einen Revolutionär, der in sehr, sehr vielem Recht hat, der allerdings auch immer wieder über das Ziel hinausschießt. Der Mann aber bleibt bei seiner Überzeugung. Sinngemäß: „Wenn die schwachen Länder mit ihrer numerischen Mehrheit anfangen, nur die Krümel vom Tisch der Reichen aufzuschnappen, wird sich nichts ändern.“

Wie gesagt: ein äußerst interessanter Dokumentarfilm.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Von Felix Herngren und Mans Herngren

(Concorde, Kinostart 16.März 2017)

Hundert Jahre alt war Allan Karlsson schon, jetzt hat er noch ein Jahr draufgesattelt. Mit dem Geld aus den früheren „Erlebnissen“ hatten er und die Freunde sich an südlichen Stränden ein schönes Leben gemacht, aber jetzt geht die Kohle langsam zu Ende.

Allan und Julius werden zurückkehren. Während Allan die letzte Flasche „Volkssoda“ öffnet, kommen die alten Erinnerungen wieder: an die Zeit als Spion im Kalten Krieg; daran, wie Breschnew versuchte, die amerikanische Vormachstellung bei Softdrinks und Rock zu brechen und Nixon ihm entgegenarbeitete.

Benny und Miriam wollen nach Malmköping zurück, denn Miriams Kind wird bald zur Welt kommen. Allan und Julius müssen nun vor allem eins erreichen: das verlorene bzw. verloren geglaubte Rezept der Volksbrause wiederfinden. Aus dem Luxushotel hauen sie ohne Bezahlung ab; bis die Rechnung fertig wäre, würde es einfach zu lange dauern.

Durch einen TV-Clip bekommt die Tochter eines russischen Spions alles mit: Sie hat mit Allan noch eine Rechnung offen. Sie macht nämlich den einstigen Kollegen und Freund ihres Vaters für dessen Tod verantwortlich und glaubt, er habe ganz einfach das Soda-Rezept gestohlen, das eigentlich rechtmäßig ihr gehöre.

Mit dieser Rückkehr Allans aus dem Süden braut sich etwas zusammen. Beteiligt sind die CIA, der Sohn eines britischen Gangsters, natürlich ein Polizeiinspektor, ein obskurer schwedischer Psychiater und viele andere.

Chaos und Verwüstung.

Es war zu erwarten, dass nach dem überaus großen Erfolg des ersten Films ein Sequel folgen würde. Und das ist auch gerechtfertigt, wenn die Fortsetzung gelingt.

Das ist hier der Fall.

Man muss sich zwar durch die sehr turbulente Handlung durchkämpfen, aber das gelungene Zusammenspiel der Darsteller (Robert Gustafsson wieder als Allan Karlsson, Iwar Wiklander als Julius, Shima Niavarani als Miriam und David Wiberg als Benny), originelle Einfälle, der Humor, die temporeiche Inszenierung, die Handlungsorte (West-Schweden, Budapest und Thailand) sowie das unabhängig von Jonas Jonassons  Hundertjähriger-Roman verfasste Drehbuch von Felix Herngren und Hans Ingemansson sorgten für eine durchaus witzige und für viele unterhaltsame Komödie.

Im Arthouse-Bereich gut möglich.

 

Happy

Von Carolin Genreith

(Zorro, Kinostart 16. März 2017)

Dieter Genreith, um die 60, Verwaltungsangestellter in einer Ortschaft in der Eifel, Imker und Nebenerwerbsbauer mit Schweinen, Hühnern und Gänsen, sowie Vater von Carolin Genreith, der Regisseurin dieses Dokumentarfilms.

Der Mann ist geschieden, lebt allein. Aber er ist nicht nur allein, sondern er fühlt sich auch einsam. Eine Frau möchte er schon wieder, doch Kontaktanzeigen brachten nichts. Deshalb auf nach Thailand. Dort gibt es heiratswillige Frauen genug. Bei buddhistischen Mönchen lernt er thailändisch.

Genreith lernt die 33jährige Tukta kennen – und lieben? Die junge, gut aussehende Frau war bereits zweimal verheiratet, wurde aber anscheinend von ihren Männern gedemütigt, betrogen und geschlagen. Sie hat einen etwa 10jährigen Sohn. Sie lebt in Thailand, weckt ihren Dieter jeden Morgen telefonisch.

Genreith sagt seiner, manches in seinem diesbezüglichen Verhalten sehr peinlich findenden skeptischen Tochter, er liebe die Thailänderin („eine schöne junge Stiefmutter“). Nach zwei, drei Jahren gibt es jetzt auch Heiratspläne. Immer wieder hakt Carolin nach: Muss das sein? Sex im Alter? Schickst Du immer Geld? Ist das nicht ein Viehhandel? Torschlusspanik? Ohne Geld keine Liebe? Ein Ehevertrag? Kompatibel? Zu blauäugig?

Genreith: „Ich gehe das Risiko ein.“ Und tatsächlich wird in Thailand geheiratet. Die Tochter Carolin ist Trauzeugin.

Ist er sich bewusst, dass in der thailändischen Provinz möglicherweise ein anderes Verständnis von Liebe herrscht als in seiner Heimat?  Wer dort eine Frau ehelicht, muss die ganze Familie mitheiraten, die Eltern, die Tanten. Muss ein Haus bauen. Muss diese Menschen versorgen. Muss sehr freigiebig sein. Ein ganzer Rattenschwanz. (Außerdem wird ziemlich bald klar, dass Deutschland nie die Heimat Tuktas sein kann.)

Man sieht am Schluss des Films Dieter Genreith wieder allein in seinem Haus in der Eifel. Bis zu seiner Rente? Oder länger? Man weiß es nicht.

Ein dokumentarisch und filmisch gut dargestelltes, in seinem durchaus problematischen Thema gewichtiges Lebensbild. Hier scheint die Tochter klüger zu sein als der Vater. Es mag manche Zuschauer geben, die daraus etwas lernen können.

Im Arthouse-Bereich sehr gut möglich.

 

Last  Men in Aleppo

Von Feras Fayyad

(Rise and Shine Cinema, Kinostart 16. März 2017)

Der Name der Stadt Aleppo muss nun leider zu den Namen der am schlimmsten betroffenen Orte des Zweiten Weltkrieges oder des Balkan-Krieges, wie etwa Srebrenica, hinzugefügt werden, denn was der syrische Diktator Bashar Al Assad mit der Hilfe von Putins Russen dort getan hat, gehört zum Furchtbarsten, was in diesem Jahrhundert schon geschehen ist.

In dem mit dem in einer besetzten und bombardierten Stadt verfügbaren Material zusammengestellten Dokumentarfilm (mit der auffallend guten Trauermusik) passieren die letzten fünf, sechs Jahre Revue.

2011 lehnte sich ein Teil der Bevölkerung mit Demonstrationen in Damaskus gegen Assads autoritären Regierungsstil auf. Der ließ auf die Menschen schießen; der spätere Krieg in Aleppo war damit programmiert.

Dann: Beschuss der Stadtteile, in denen die Widerständler operierten; wahllose Bombardierung, auch von Krankenhäusern und Schulen, durch syrische und (ab September 2015) russische Flugzeuge; Nichteinhaltung von Feuerpausen; sehr rasch immenser und lebensgefährlicher Mangel an medizinischem Material und Lebensmitteln; Flüchtlingsströme aus der Stadt; ein großer Teil der verbliebenen Bevölkerung eingeschlossen.

Die eigentlichen Helden dabei, um die es in diesem Film hauptsächlich geht, waren die „Weißhelme“ (White Helmets, Civil Defense). Diese vielen, in Zentren organisierten und miteinander kommunizierenden Freiwilligen wollten eines: „Im Namen Gottes“ Menschen retten. Wenn wieder Granaten einschlugen oder Bomben explodierten, eilten sie herbei, bargen Erwachsene, Kinder oder unglücklicherweise auch Leichen  und Körperteile aus den Trümmern – oft mit bloßen Händen. Immer wieder.

Die Menschlichkeit war abhandengekommen. (Und dass Aleppo inzwischen gefallen ist, weiß man.)

Einige dieser Helden schworen sich, nicht wegzugehen, es sei denn auf den Friedhof. Zwischen den Angriffen richteten sie sich untereinander auf oder hörten Nachrichten – auch über die Folter in Assads Gefängnissen. Manchen gelang es, ihre Familien in die Türkei zu bringen.

Und die Rolle des Westens in dieser Nahost-Katastrophe? Eines ist sicher: Bei einer intensiveren Einschaltung hätte es wegen der Beteiligung der Russen zu einem großen Krieg kommen können.

Einer der Retter: Khaled, von seinem Widerstandsideal nicht abzubringen, Vater von zwei kleinen Mädchen und ein gestandener Mann. Auch er wurde getötet – gemeinsam mit über 150 Freiwilligen zwischen 2013 und 2017.

Aus vielen Gründen müssen die Menschen diesen Film sehen: um sich immer von Neuem bewusst zu werden, warum Kriege zu verdammen sind; um besser zu begreifen, wie es im Nahen und Mittleren Osten weitergehen muss; um in welcher Form auch immer, und sei es nur durch die richtige politische Haltung, an einer Verbesserung mitzuwirken.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Girls don’t fly

Von Monika Grassl

(Eksys’tent Distribution, Filmreihe Femmes Totales)

Ghana, einst britische Kolonie. Die Wege zwischen den einzelnen Städten und Ortschaften sind weit. Um Menschen, zum Beispiel wegen einer Krankheit, Hilfe bringen zu können, wären als Transportmittel Leichtflugzeuge das Beste. Elf junge Mädchen melden sich deshalb bei dem britischen Fluglehrer Jonathan Porter an. Sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen, wollen aber Pilotinnen werden. Nicht weniger als vier Jahre wird die Ausbildung dauern. „Dream big“, heißt die Parole.

Mit seiner Frau Patricia, einer Ghanaerin, erteilt Porter den Unterricht. Unterstützt werden die beiden von der jungen Lydia, um die sich Porter besonders kümmert. Lydia hat wegen einer Infektion in ihrer Kindheit einen kaputten Arm, will aber unbedingt ebenfalls Pilotin sein und muss deshalb mehrfach operiert werden.

Die elf Mädchen –Esther, Bernice, Mary, Sumaya, Barbara, Tina Mabel, Fauzia, Jennifer, Hamdiatu und Monica- sind unter afrikanischen Verhältnissen aufgewachsen, stammen zum Teil aus dem Busch. Mit der Schulbildung ist es nicht weit her. Sie haben bei Porter keine Namen sondern Nummern. Lange Haare sind verboten. Disziplin müssen sie erst noch lernen. Von Flugbegriffen wie Auftrieb, Schwerkraft oder Schub haben sie keine Ahnung. Immerhin ist sie stolz, „für einen Weißen zu arbeiten“, sagt eine. Trotz aller Schwierigkeiten wollen die Mädels bei der Stange bleiben.

Den größten Fehler macht wohl Porter selbst. Der Drill, das Training ist zu hart. Er sagt und lehrt zwar viele vernünftige Dinge, aber meistens brüllt er dabei. „Faule Ärsche“ klingt für ihn noch harmlos. Er führt sich auf, als hätte er es nur mit Rekruten zu tun. Die rein menschliche Seite fehlt fast vollständig.

Den Mädchen ist das auf die Dauer zu viel. Sie wollen nicht wie in der Kolonialzeit, nicht wie Tiere, nicht „wie Affen“, behandelt werden. Sie sind, als Porter von einer Reise zurückkehrt, nicht mehr da.

Die Träume sind zerplatzt. Porter wird am Ende allein dastehen – und nach England zurückkehren.

Das Ziel wurde nicht erreicht. Aber Esther, Lydia und die anderen haben doch dazugelernt. Vor allem sind sie stärker geworden!

Monika Grassl hat in ihrem Dokumentarfilm das alles, sowohl die Träume und die Enttäuschung der Mädchen als auch das polternde, falsche Verhalten Porters, sehr einleuchtend dargestellt. Und da das so ist, gab es für „Girls don’t fly“ auch bereits einen Preis.

 
zum Download
Datum: 06.03.2017


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