DER GILDEN-DIENST Nr. 12 - 2017
I Am Not Your Negro

Von Raoul Peck

(Salzgeber, Kinostart 30. März 2017)

In den USA besteht auf dem Papier Gleichheit für alle, und doch ist die Rassendiskriminierung zwischen weiß und schwarz alles andere als vorbei. Dies ist eine traurige aber unumstößliche Tatsache.

Dass es darüber diesen Dokumentarfilm von Raoul Peck gibt, ist  deshalb nicht nur begrüßenswert sondern notwendig.

Schwerpunkt bildet ein Essay des 1987 verstorbenen farbigen amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, der im Filmmaterial sehr oft auftritt und dem der Schauspieler Samuel L. Jackson die Stimme leiht. Es geht hier im Gegensatz zu anderen Schriften Baldwins einzig und allein um die Segregation, um die jahrhundertelange Diskriminierung,  Unterdrückung und Demütigung der schwarzen Bevölkerung in den USA. 

Intelligent, messerscharf und als Zeuge berichtet und argumentiert Baldwin, und es kommt Erschreckendes zutage.

Der Regisseur dieses Films seinerseits trug eine Menge  Materials vor allem aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zusammen, das belegt:

wie vor allem in Süden der Staaten die Feindschaft gegen die Schwarzen loderte; mit welcher Gewalt der Ku-Klux-Klan, die Polizei und der Pöbel gegen sie vorging; wie auf weißen Demos „Wir wollen Hass!“ geschrien wurde; wie Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King, alle drei keine 40 Jahre alt, ermordet wurden; wie man ganze farbige Familien verkaufte; wie viele Neger gelyncht wurden; wie man weiße und farbige Kinder in den Schulen wie auch im übrigen Leben trennte – Erwachsene sowieso; wie in den Hollywood-Filmen Schwarze lediglich als Diener gezeigt wurden; wie die Wirtschaft des Landes ohne billige schwarze Arbeitskraft niemals so stark geworden wäre; wie Leute wie der Präsidentenbruder Bobby Kennedy zwar redeten aber nichts Entscheidendes taten; wie selbst die christliche Kirche sich keineswegs besser verhielt; dass viele heutige brutale Vorfälle zeigen, dass die Situation noch lange nicht so ist, wie sie sein müsste.

„Die Massaker wurden zur Legende stilisiert“, „das Leid verleugnet“, sagt Baldwin verbittert. Er ist entsetzt über die „moralische Apathie meines Landes“. Am Werk gewesen seien nicht „Menschen sondern Ungeheuer“, nicht „Landsleute sondern Feinde“. Dies so zu empfinden stelle auf keinen Fall eine Paranoia dar. „Weiß ist eine Metapher für Macht.“

Natürlich ist auch viel Gutes geschehen, darüber wird kein Wort verloren, und insofern ist der Film eindimensional. Aber: Dass so viel Leid geschehen ist musste einmal wie hier herausgeschrien werden! Zu vergessen ist das niemals. Und:

Jeder müsste diesen Film sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.          

 



A United Kingdom

Von Amma Asante

(Alamode, Kinostart 30.März 2017)

Afrika und Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg.

In London beendet der Afrikaner Seretse Khama sein Jurastudium. Er ist kein gewöhnlicher junger Mann sondern der künftige König  von Bechuanaland. Weil sein Vater schon tot ist, fungierte bis jetzt sein Onkel Tshekedi als Regent, nun aber ist es für Seretse Zeit, selbst die Regierung zu übernehmen.

Er trifft eines Abends auf die aparte Ruth Williams, und es dauert nicht lange, bis die beiden sich verlieben. Ein schwarzer Mann und eine weiße Frau – 1947 noch undenkbar. Entsprechend ist die Reaktion von Ruths Vater und diejenige der Nachbarn, aber auch Seretses afrikanische Freunde sind entsetzt.

Die beiden geben nicht nach, heiraten. Ruth ist bereit, mit ihrem Mann in Afrika zu leben. Onkel Tshekedi will inzwischen verhindern, dass Seretse König wird und hetzt die Bevölkerung von Bechuanaland auf. Seretse aber gelingt es mit einer flammenden Rede doch noch, die Menschen auf seine Seite zu ziehen.

Nun setzt die große Politik ein. Die Briten, die sich in einer ebenso überheblichen wie lächerlichen Weise noch immer für die Inhaber eines „Weltreiches“ halten, tun alles, um den jungen König zu Fall zu bringen. Sie fertigen einen mit falschen Angaben durchsetzten Geheimbericht an; sie wollen Ruth nach England locken, um sie nicht wieder nach Afrika zurückkehren zu lassen; sie sorgen dafür, dass Südafrika mit seiner Apartheid sich gegen Bechuanaland wendet; sie wollen Seretse auf Lebenszeit verbannen. Winston Churchill spielt dabei eine besonders traurige Rolle.

Doch Seretse ist schlau, hat auch Freunde – und mit bedeutenden Edelsteinfunden, von denen die Briten aber noch nichts wissen, einen starken Trumpf in der Hand. Er wird schließlich der Sieger sein und insbesondere weiter um Gerechtigkeit und die Gleichheit von Weißen und Schwarzen kämpfen.

Bechuanaland ist heute Botswana.

Der Film ist, nicht zuletzt, weil es sich um wahre Begebenheiten handelt, zu einer geschichtlichen und politischen Lehrstunde geworden. Menschlich ist er genauso bedeutsam; dafür sorgen vor allem David Oyelowo als Seretse und Rosamund Pike als Ruth mit ihrem überzeugenden Spiel.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 



Die andere Seite der Hoffnung

Von Aki Kaurismäki

(Pandora, Kinostart 30. März 2017)

Der aus Syrien stammende Khaled musste fliehen.  Er landete zunächst in Litauen, kam aber dann, versteckt in einem Kohledampfer, nach dem finnischen Helsinki- Dort hat er das Recht, Asyl zu beantragen. Doch er bekommt es nicht. Also beschließt er, sich illegal im Land aufzuhalten.

Wikström ist Hemdenvertreter, gibt diesen Job aber auf, gewinnt beim Pokern eine ganze Menge Geld und beschließt, ein heruntergekommenes Restaurant zu kaufen. Von seiner Frau trennt er sich wortlos.

Bei den Mülltonnen neben seinem Betrieb findet er Khaled schlafend. Er stellt ihn als Putzmann und Tellerwäscher an. Alles scheint gut zu gehen, sogar behördliche Kontrollen überstehen Wikström und seine vier Angestellten.

Khaled sucht dringend nach seiner Schwester. Die übrigen Familienangehörigen sind in Aleppo umgekommen. Die Suche wird endlich von Erfolg gekrönt. Mirja wird gefunden. Die beiden können sich in die Arme schließen.

Doch dann wird Khaled als Fremder, als Flüchtling, von einem Nationalisten niedergestochen. Wird er den hinterlistigen Angriff überleben?

Und wird aus Wikstöms Ehe doch noch etwas?

Ein typischer Aki-Kaurismäki-Film. Verständlich, dass er sich der in Europa (und überall) brennenden Flüchtlingskrise annahm. Sein jetziger Film ist wie immer stoisch, leise, geruhsam, aus kurzen, aber alle wesentlichen Stationen eines Flüchtlingslebens und Flüchtlingsschicksals beschreibenden Szenen zusammengestellt. An einigen Stellen, die mit den Aggressionen der fanatischen Flüchtlingsgegner zusammenhängen und die die Fremdenfeindlichkeit symbolisieren, ist das allerdings etwas zu schematisch, zu stereotyp ausgefallen.

Die Komik fehlt nicht gänzlich. Wie Wikström, um das Geschäft anzukurbeln, es statt mit Bier und Hackbällchen mit Sushi oder indischen Gerichten versucht und jedes Mal seine Bediensteten entsprechend ausstattet, ist wirklich lustig.

Gespielt wird durchgehend wirklich exzellent. Kaurismäki ist da wieder etwas gelungen. Nicht umsonst gab es dafür in Berlin einen Bären.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 



Die versunkene Stadt Z

Von James Gray

(Studiocanal, Kinostart 30. März 2017)

1906. Zwischen Bolivien und Brasilien herrscht wegen des Kautschuks Streit. Die Briten, die sich damals ja ausschließlich als „Empire“ begriffen, wollen eingreifen. Sie senden zu Vermessungsarbeiten den Armeeangehörigen und Forscher Col. Percival Fawcett mit seinem Adjutanten Henry Costin in die Region. Doch Fawcett hat noch wesentliche andere Interessen. Im tiefsten Regenwald am Oberlauf des Flusses Rio Verde stößt er auf Reste von Keramik. Er vermutet eine frühere Hochkultur. Und er nennt die untergegangene Stadt „Z“.

Zurück in England. Von seiner Frau Nina mit ihrem Söhnchen Jack wird er in Liebe unterstützt, auch wenn die etablierte Wissenschaft ihn eher mitleidsvoll belächelt, weil sie im Regenwald nur „Wilde“ vermutet.

Mit dem reichen Abenteurer James Murray unternimmt er einen zweiten Versuch. Die Durchquerung des Regenwaldes wird eine immer größere Strapaze mit Regen, Krankheit und schwindenden Vorräten – von den mit giftigen Pfeilen immer wieder angreifenden Kannibalen einmal ganz abgesehen. Fawcett findet vielversprechende Skulpturen, muss aber zurückkehren, weil Murray schlapp macht.

Erster Weltkrieg. Hat er sich im Laufe der vielen Jahre, in denen er abwesend war, etwa von seiner Familie entfremdet? Er führt in dem furchtbaren Stellungskrieg auf französischer Seite eine Artilleriebrigade an.

Längst im Ruhestand, reist er mit seinem Sohn noch einmal an den Amazonas. Er will auf alle Fälle die versunkene Stadt Z finden. Inzwischen ist die Öffentlichkeit aufmerksam geworden, Millionen Zeitungsleser verfolgen das Abenteuer.

Doch es sieht und geht schlecht aus. Seit 1925 weiß man von den beiden nichts mehr.

Das ist nicht etwa eine erfundene sondern eine, wenn auch für das Kino aufbereitete, wahre Geschichte.

Sie zeigt, dass wir niemals entscheidende Fortschritte gemacht hätten, wenn es nicht auf allen denkbaren Gebieten Menschen gegeben hätte, die, umgeben von welchen Gefahren auch immer, gedacht, geforscht und Versuche unternommen hätten – nicht selten unter Einsatz des eigenen Lebens.

Dramatisiert ist der Film kraftvoll. Intensive Szenen wie hier aus dem Regenwald oder tödliche Passagen aus dem Ersten Weltkrieg sieht man nicht oft. Gespielt wird von Charlie Hunnan (Fawcett), Sienna Miller (Nina) und Robert Pattison (Costin) sehr routiniert. Besonders Sienna Miller hat Szenen, die berühren.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Una und Ray

Von Benedict Andrews

(Weltkino, Kinostart 30. März 2017)

Una war höchstens 12, 13, als der Nachbar Ray sich ihr sexuell näherte. Angesichts des Alters des Mädchens müsste man wohl von Kindesmissbrauch sprechen.

Nun ist Una erwachsen, lebt mit ihrer Mutter zusammen. Sie hat offenbar das frühere Erlebnis entweder nicht vergessen oder nicht verkraftet. Jedenfalls sucht sie Ray.

Der musste damals vor Gericht, wurde zu vier Jahren verurteilt. Danach nannte er sich Peter oder Pete, bekam einen Job in einer riesigen Lieferfirma. Mit der Zeit wurde er sogar einer der Chefs.

Una taucht auf. Jetzt sprudeln eine ganze Nacht lang hinter den verschlossenen Firmentüren die Vorwürfe, die Beteuerungen, die Entschuldigungen, die Zweifel  – und dann doch die sexuelle Annäherung, die Peter jedoch psychologisch nicht vollziehen kann.

Denn Pete ist seit Jahren verheiratet, hat Frau und Kind. Bei ihm findet kurz darauf eine abendliche Party statt. Plötzlich taucht Una auf, und dies mit einem befreundeten Kollegen von Peter, der sich nach dessen Weggang um die Frau kümmerte (und mit dem sie umgehend Sex hatte).

Der Schwebezustand zwischen den Beteiligten hält an.

Ein raffiniert gestaltetes psychologisches Kammerspiel, in dem Abscheu und sexuelle Anziehungskraft, Reue und (wiedererwachte?) Liebe, Erinnern-müssen und Vergessen-wollen sich teils ablösen, sich teils bedingen. Der thematische Rahmen bleibt zwar verhältnismäßig eng, das real-inszenatorische wie das meist dunkle emotional-geistige Ambiente überzeugt jedoch.

Zudem wird auf der Grundlage des erfolgreichen Theaterstücks „Blackbird“ exzellent geschauspielert: von Rooney Mara als anklagende und sich zugleich verlierende Una, von Ben Mendelsohn als reuiger sich aber auch wehrender Peter sowie von Riz Ahmed als sich sorgender aber die Situation auch für sich ausnützender Freund Peters.

Ein sensibles, wenn auch ausgefallenes Psycho-Stück. Im Arthouse-Bereich gut möglich.
zum Download
Datum: 20.03.2017


Drucken