DER GILDEN-DIENST Nr. 35 - 2016
Der Landarzt von Chaussy

Von Thomas Lilti

(Alamode, Kinostart 8. September 2016)

Jean-Pierre Werner ist Landarzt im nördlichen Frankreich. Er lebt allein, seine Frau hat sich nach Paris abgesetzt. Offenbar gibt es auch noch irgendwo einen Sohn.

Dafür gibt es etwas anderes nicht, nämlich geregelte Arbeitszeit. Es geht Tag und Nacht, weit weg oder bei Regen. Hausbesuche sind obligatorisch.

Alt und Jung, Männlein wie Weiblein, Blutbild, Diagnose, Therapie, Schmerzen, Wunden, Verletzungen, Blutdruck messen, Lungen abhören, Harmloses, Schlimmes, Schwangerschaft, Zeit zum Sterben.

Werner ist selbst betroffen: ein Tumor im Gehirn. Inoperabel. Wird er mit einer Chemo beseitigt werden können? Eine Chance besteht.

Noch eine Chance. Ein Kollege schickt zu Jean-Pierres Unterstützung die junge Ärztin Natalie Delezia. Er: „Ich brauche niemanden.“ Sie hat noch nicht sehr viel Erfahrung, umso skeptischer ist Werner. Er behandelt sie nicht sonderlich gut. Einmal will er sie, weil sie etwas gegen seinen Willen tut, sogar fortjagen. Aber Natalie wird sich durchbeißen, wird sich als umsichtige, fähige, menschlich großartige Ärztin erweisen. Werner braucht lange, bis er das kapiert. Er wird seinen Tumor besiegen.

Das Telefon klingelt – ein ärztlicher Auftrag. Wohl nichts Besonderes. Es geht einfach weiter.

„Man ist nicht nur Heiler von Krankheiten und Ansprechpartner für Kummer aller Art, vielmehr wird man auch Zeuge landschaftlicher Veränderungen, von Ereignissen im Dorf, von Abschied und Ankunft.“

Ruhig, realistisch, geradezu dokumentarisch, überzeugend –auf die wie überall auch in Frankreich bestehenden Landarztprobleme hinweisend auch - ist das gemacht. Vollkommen natürlich, natürlicher geht’s nicht. Ein schöner Film.

Gewiss steht und fällt so etwas, von einer guten Dramatisierung und Inszenierung (die hier vorliegen) einmal abgesehen, auch mit den Darstellern. Die Rolle des Jean-Pierre Werner hat Francois Cluzet übernommen. Das sagt alles. Er agiert großartig wie immer. Neben ihm als Natalie Delezia spielt Marianne Denicourt. Eine verdammt gute Wahl. Sie tut es Cluzet gleich.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

The Farmer and I

Von Irja Bernstorff

(Kinostar, Kinostart 8. September 2016)

Bhutan, ein kleines Himalaya-Land. Schon von der Modernisierung erfasst oder noch konservativ wie in der guten alten Zeit? Darum geht es in diesem halbdokumentarischen Spielfilm.

Von guter alter Zeit scheint nicht mehr die Rede sein zu können. Die Landflucht ist im Gange, die Wälder werden abgebrannt, die Bauern werden immer weniger, die nationale Identität könnte verloren gehen.

Die deutsche Regisseurin Irja Bernstorff (die inzwischen mit ihrer Familie sogar in Bhutan lebt) nahm sich dieser Probleme an. Sie hatte in dem (intellektuellen) einheimischen Bauern Sangay einen Drehbuch-Mitautor, was ebenso wichtig wie zeitweise eher nachteilig war.

Sangays Anliegen: Die Landwirtschaft muss wieder gesunden; die Bauern müssen auf das eigene Land zurück; die jungen Bhutaner sollen nicht nach Australien auswandern; die Leute sollten einheimisches Gemüse essen und nicht nur importiertes chemisches Essen aus Indien; es muss ein anderes Bewusstsein her, weil es sonst für die nächste Generation schlecht aussieht (beispielsweise die internationale Schulspeisung in Bhutan 2018 eingestellt wird); und weil, wie in dem Film gesagt wird, alle 3,6 Sekunden auf der Erde ein Mensch verhungert.

Der nationale Fernsehsender ist einverstanden, dass Frau  Bernstorff eine anschauliche Serie über diese Probleme dreht, vor allem soweit sie Bhutan direkt betreffen.

Die Serie wird also hergestellt – aber jetzt geht es in dem vorliegenden Film längst nicht nur darum, sondern auch um den Culture Clash, um die gegensätzlichen Auffassungen zwischen dem dickköpfigen Sangay und der unsicher gewordenen Irja, um das „Stadtmädchen“ und den überzeugten Landwirt, um das Geld auch. Der Zusammenprall ist so stark, dass es sogar eine kurze Auszeit geben muss.

Dann werden die beiden doch wieder vernünftig, und es wird in der Hauptstadt Thimphu weitergedreht. Sangay fordert auf dem Hauptstadtmarkt die Menschen auf, Gemüse aus dem eigenen Land zu kaufen, doch die Leute reagieren nicht. Er ist darüber derart erzürnt, dass er sogar abgeführt wird. Und jetzt hat auch der Sender noch zu reklamieren. Der (Lehr-)Film sei zu didaktisch, heißt es.

Aber: Die Serie stellt sich schließlich doch als großer Erfolg heraus.

Die angesprochenen Probleme wie die Landflucht, die nötige Konzentration auf den eigenen Grund und Boden, die Gefahr einer zu starken Globalisierung, die Notwendigkeit persönlicher  Verständigung und Zusammenführung . . . 

. . . den damit zustande gebrachten Erfolg nicht zu vergessen, das alles ist doch sehr wichtig!

Und deshalb kann auch dieser Film für Filmkunsttheater und Programmkinos als wichtig gelten.

 

Viva

Von Paddy Breathnach

(Salzgeber, Kinostart 15. September 2016)

Havanna. Der junge Jésus muss mit seinem Leben allein zurechtkommen. Die Mutter ist tot, der Vater zunächst verschollen.

Um an Geld zu kommen, pflegt er Perücken und Haare, und zwar bei „Mama“, dem (männlichen) Chef eines Clubs, in dem Drag-Queens auftreten, Männer, die sich zum Teil dem weiblichen Element verschrieben haben, entsprechend aufgedonnert sind und leidenschaftliche und melancholische kubanische Lieder singen.

Jésus fühlt sich dazu hingezogen, mit einer dezidierten Heterosexualität kann er nicht viel anfangen. Er möchte wie die Drag-Queens singen. Nach langem Flehen und Betteln darf er es, und, siehe da, er singt wunderbar. Sein alter ego ist „Viva“.

Wäre da nicht der Vater, der plötzlich auftaucht. Der ist mit den Vorlieben seines Sohnes nicht einverstanden: „Hör‘ auf mit dem Viva-Quatsch!“, „Mach dich nicht zum Affen!“ Er ist ein früherer Boxer, der seine Frau schlug, einen Menschen umbrachte, im Gefängnis saß, nie ohne Flasche zu sehen ist. Er hat sich letztlich zugrunde gerichtet, ist nur noch eine erbärmliche menschliche Ruine, die nicht mehr lange zu leben hat.

Doch der Gegensatz zu den Wünschen seines Sohnes bleibt. Diese Auseinandersetzungen sind hart, traurig, deprimierend. Jésus kann nur noch heimlich singen.

Und doch tritt dann noch vor dem unvermeidlichen Tod ein Wandel ein. Der Vater hat rechtzeitig begriffen, stimmt dem Sohn zu.

Jésus hat seinen Kampf gekämpft und gewonnen. Er wird jetzt nicht mehr so sehr von außen beeinflussbar sein, sondern er wird  er selbst sein. „Ich verstecke mich nicht mehr.“ Er wird so leben, wie er will, wie er es für richtig hält – und kubanische Songs  („Sterne und Sonne kann ich Dir schenken“) zum Besten geben.

Und er wird einer in Not geratenen jungen Mutter helfen.

Am Milieu, an der Dramatik, am Gefühl, am Ambiente, an der Inszenierung, an der Musik hat mit dem Iren Paddy Breathnach ein wirklicher Könner gearbeitet. Entsprechend gut ist der Film geworden.

Eine Entdeckung ist Hector Medina. Sein gefühlvolles Spiel hinterlässt einen lange nachwirkenden Eindruck. Zwei ihn glänzend ergänzende Darsteller sind ebenfalls dabei: Jorge Perugorria als Vater und Angel Gutierrez als „Mama“.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Thank You For Calling

Von Klaus Scheidsteger

(Die Schneiderei Audio-Videoproduktion, Kinostart  15.September 2016)

Mit dem Handy fing es an, mit dem Smartphone hört es vermutlich nicht auf. Die Rede ist natürlich von der täglichen erdumfassenden Kommunikation. Geräte gibt es an vielen Stellen der Erde heute mehr als Einwohner. Dutzende Male werden sie von den Nutzern täglich angewendet. Der Wachstumsmarkt ist garantiert.

Das ist nichts Neues – aber Fragen stellen sich sehr wohl: Sind damit Gefahren verbunden? Erzeugen die Funkwellen eventuell sogar Krebs? Sind bekannte Fälle von Gehirntumoren (z.B. bei Elektrotechnikern, die stärker ausgesetzt sind als andere) auf den „Strahlenschmutz“ zurückzuführen? Sind die Gefahren kurz- oder langfristig? Wie nah darf beispielsweise ein Gerät an den Körper gehalten werden? Wie weit ist die Mobilfunk-Forschung vorangeschritten (auch wenn die Industrie auf Fortschritte gerne verzichten würde)?

Das Problem hat wie alles zwei Seiten. 

Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es einen Mann, der sich damit auseinanderzusetzen hatte. Doch die dazu nötigen Gelder kamen offenbar zum Teil von der Industrie. Er war der falsche Mann am richtigen Ort.

Gottlob gab und gibt es den Dr. Georg Carlo. Der machte es sich zur Lebensaufgabe, Licht ins Dunkel zu bringen. Er mobilisierte Wissenschaftler aus den USA, Finnland, Deutschland, Griechenland, Österreich und anderen Ländern, die zwischen 2005 und 20013/14 forschten, Daten zusammen trugen, Beweise lieferten.

Die Industrie aber ist mächtig (etwa 17 Billionen Dollar Umsatz). Sie mobilisiert Hunderte von Anwälten, investiert in die Abwehr Millionen, stellt Risiken, genetische Schäden, Zellveränderung, Expertisen, elektrosensible Funde in Abrede, würgt die systematische Mobilfunkforschung als geschäftsschädigend ab, diskreditiert seriöse Wissenschaftler, wo es nur geht, scheint bewusst zu täuschen. Meistermanipulierer sind am Werk.

Wie steht es in diesem Kampf Davids gegen Goliath um die gegenwärtige Realität? Sind die Bedenken, Befürchtungen und Ängste gerechtfertigt oder zu groß, unnötig, übertrieben, fehl am Platz?

Fortschritte sind erzielt worden. Nach langer Zeit entschied ein Oberstes Gericht in Washington, dass in Fragen des möglichen Schadenersatzes, der möglichen Irreführung, des nötigen Verbraucherschutzes, der möglichen  Risiken, der Frage des höchstmöglichen Gesundheitsstandards ermittelt werden muss.

Natürlich legen die Anwälte der auf Profit bedachten Industrie Berufung ein. Also wird noch weitere Jahre gekämpft werden müssen.

Eines darf nicht verschwiegen werden: An vielem sind die Nutzer selbst schuld. Denn die ununterbrochene Massenkommunikation übt auf sie eine solche Faszination aus, dass sie sich um die möglichen Schäden gar nicht kümmern. Also noch einmal: tatsächlich an der Verkennung der (vor allem langfristigen) Gefahren in hohem Maße selbst schuld.    

Die Beteiligten an diesem Dokumentarfilm und die Macher aber können sich eines großen Verdienstes rühmen. Dafür ehrliches Lob.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

König Laurin

Von Matthias Lang

(Zorro, Kinostart 1. September 2016)

„Einst, so sagte man, lebte in den Bergen der Zwergenkönig Laurin, der einen magisch leuchtenden Rosengarten besaß.  Nachdem er aber im Kampf dem großen Dietrich von Bern unterlegen war, verfluchte er die Rosen, dass man sie nie wieder sehen möge, weder bei Tag noch bei Nacht. Doch Laurin hatte die Dämmerung vergessen, und so erglühen die Rosen auch heute noch allabendlich für einen kurzen Augenblick.“  

Dolomiten, Rosengarten – ein besonders schönes Fleckchen Erde. Hier spielt die Geschichte dieses Kinder- und Familienfilms.

König Friedrich hat einen Sohn, den Theo, doch der ist klein gewachsen, scheu und unsicher. Er scheint kein tapferer und siegreicher Ritter zu werden. Zudem hat er noch Wittich zum Gegner, den Sohn vom Bruder des Königs, seinen Vetter also. Wittich kämpft mit unlauteren und versteckten Mitteln gemeinsam mit seinem Vater um den Königsthron.

Laurin ist seinerseits der König der Zwerge. In seinem Reich gedeihen die Pflanzen wunderbar, die Rosen vor allem. Doch einst verbannte König Friedrich aus einem falschen Verdacht heraus die Zwerge aus seinem Reich. Seither wächst darin kaum noch etwas.

Laurin und Theo kommen zusammen. Als ein Turnier vorbereitet wird, nimmt Theo Laurins Zaubergürtel an sich. Damit müsste ein Sieg gelingen. Theo will aber vor allem Menschen und Zwerge wieder versöhnen – und auch Wittichs und dessen Vaters Pläne zunichtemachen.

Wird es ihm gelingen?

Im Grunde eine sehr simple Geschichte, aber eine, die mit Gespür für die Zeit, in der sie spielt, und mit größter szenischer Sorgfalt gestaltet wurde. Die Ausstattung ist fantasievoll, die Massenszenen sind gelungen. Die einzelnen Akteure spielen ihre Rollen mit Verve und Pathos. Die Schönheit der Landschaft wird in den Aufnahmen voll genutzt.

Natürlich enthält der Film auch Lehren: dass Versöhnung wichtiger ist als Gegnerschaft; dass die Dinge nicht so sind, wie sie manchmal scheinen; und dass es nicht auf die Körpergröße ankommt, wenn man Großes vollbringen will.

Für einen Kinder- und Familienbesuch ist der Film geeignet. Die Auszeichnung „Goldener Spatz“ gab es bereits.

 

 
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Datum: 29.08.2016


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