Berlinale 2017

67. Berlinale 2017

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz, Silvia Bahl und Anne Wotschke
 
Festivaldirektor Dieter Kosslick stellte gleich zu Beginn der diesjährigen Berlinale den Stellenwert des politischen Films heraus, und tatsächlich zogen sich in den folgenden Tagen die politischen Statements gegen Trump und für Flüchtlinge und mehr Menschlichkeit wie ein roter Faden durch Pressekonferenzen und Filmtalks. In der Tat verhandelten viele Arbeiten politische Themen, was sie aber nicht zwangsläufig zu guten Filmen machte. So war schon die Eröffnungsgala „Django(Weltkino) eher enttäuschend. Zwar hatte sich jedermann schon auf das Biopic des berühmten Gitarristen und Komponisten Django Reinhardt gefreut, doch das Regiedebüt von Etienne Comar wusste kaum dramaturgische Akzente zu setzen und Hauptdarsteller Reda Kateb („Die schönen Tage von Aranjuez“) blieb merkwürdig blass. Trotz stimmiger Musikpassagen kommen nur selten Emotionen auf. Selbst seine Flucht vor den Nazis und die Sabotageakte der Resistance geben dem Film keinerlei Drive. Nur am Schluss, als im Abspann die Polizeifotos von umgekommenen Sinti zu rekonstruierten Klängen von Djangos verloren gegangener Sinfonie zu sehen sind, gelangt die Tiefe und Tragik ins Bewusstsein, welche diese Geschichte in sich birgt. So jedenfalls wird der Film dem schillerndsten Vorreiter des europäischen Jazz und Begründer des Gypsy-Swing kaum gerecht.
 
In „Ein Kuss von Béatrice“ (Universum) treffen mit Catherine Frot und Catherine Deneuve zwei große Stars des französischen Kinos aufeinander. Claire (Catherine Frot) ist eine Hebamme mit Leib und Seele und leidet unter der modernen Technik, die ihren Job immer unpersönlicher macht und mehr Wert auf Effizienz als auf Claires Einfühlsamkeit legt. In dieser persönlichen Krise erhält sie einen Anruf von Beatrice (Catherine Deneuve), der frivolen und extravaganten früheren Geliebten ihres verstorbenen Vaters. Beatrice hat wichtige Neuigkeiten und möchte, nachdem sie seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr hatten, sie nun dringend wiedersehen. Mit der pflichtbewussten und zurückhaltenden Claire und der lebenslustigen Beatrice prallen Welten auf einander. Die Konstellation erinnert an den Film „Zwei ungleiche Schwestern“, in dem Catherine Frot und Isabelle Huppert sich eine wahre Schauspielerinnen-Schlacht liefern, aber Regisseur und Drehbuchautor Martin Provost („Séraphine“) weiß von dieser ersten gemeinsamen Arbeit der beiden Diven des französischen Kinos nicht so recht zu profitieren.
 
Der von „Kick it like Beckham“-Macherin Gurinder Chadhas außer Konkurrenz gezeigte Wettbewerbsbeitrag „Viceroy’s House“ verdankt seinen Titel dem Schauplatz des Films. Dieser war die prächtig ausgestatteten Residenz des britischen Vizekönigs in Delhi während der Kolonialherrschaft Großbritanniens über Indien. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die dramatische Teilung des Landes in das muslimische Pakistan und das säkulare Indien im Jahre 1947. Downton-Abbey-Star Hugh Bonneville verkörpert hier den letzten dieser Vizekönige - Lord Mountbatten, Urenkel von Queen Victoria, der vor 70 Jahren mit Frau und Tochter nach Delhi beordert wurde, um den Weg des Landes in die Unabhängigkeit zu überwachen. Doch in Indien brodelt es an allen Ecken und Enden. Es kommt immer häufiger zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs, die zu eskalieren drohen. Doch auch unter den rund 500 Bediensteten in Viceroy’s House, das hier als Mikrokosmos dient für die Verhältnisse im ganzen Land, gären die Scharmützel. Einig sind sich alle nur in einem: der unliebsame Kolonialherr, über den sich alle insgeheim lustig machen, möge so schnell wie möglich verschwinden. Dramatisch wird es, als der Beschluss der Teilung Indiens fällt, und sich eine ganze Nation innerhalb kürzester Zeit entscheiden muss, in welcher Hälfte sie leben will.
Chadhas spart in ihrem prächtig ausgestatteten Historienspektakel nichts aus: Intrigen und Verhandlungen der politischen Eliten, religiöse Auseinandersetzungen, Flucht und Vertreibung - eigentlich ein überaus spannendes und aktuelles Thema, das Chadhas jedoch mit allzuviel Kitsch und einer etwas aufgesetzt wirkenden Liebesgeschichte zwischen der muslimischen Palastangestellten Aalia und dem Hindu Jeet anreichert. Vielleicht hat Chadhas einfach zu viel gewollt: die Familie der 1960 in Kenia als Tochter indischer Eltern aufgewachsenen Regisseurin war selbst in die damaligen Ereignisse verwickelt und der Film ist ihr daher ein persönliches Anliegen. Schade, dass dies hinter ihren Zugeständnissen ans Bollywood-Kino verdeckt bleibt.
 
Eine Überraschung war der japanische Wettbewerbsbeitrag „Mr. Long“ (Rapid Eye Movies“), der in zwei Hälften zerfällt. Er beginnt als Gangster-Film und bricht nach der Hälfte um in eine Liebesgeschichte. Ein taiwanesischer Auftragskiller strandet in einer japanischen Vorstadt. Als seine Mission dort missglückt und er dabei schwer verletzt wird, bleiben ihm fünf Tage, um das Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Er findet schwer verletzt Unterschlupf in einem verlassenen Viertel einer Kleinstadt. Dort bekommt er unerwartet Hilfe vom achtjährigen Jun, der ihm Wasser und Kleidung besorgt. Der Kleine haust dort mit seiner Mutter, der drogensüchtigen Zwangsprostituierten Lily, die geflohen ist und einen Selbst-Entzug versucht. Long erkennt die Situation und beginnt für die beiden zu kochen, eine Fähigkeit, die er überraschend gut beherrscht. Langsam bahnt sich eine zarte Liebe zwischen Lily und Mr. Long an und als sich zufällig Nachbarn auf das Gelände verirren, sprechen sich Longs Kochkünste bald herum, und die Leute stehen Schlange. Irgendwann wird die Idee einer fahrbaren Suppenküche geboren und Long, Lily und Jun haben fast so etwas wie einen kleinen Familienbetrieb. Auch Lilys Entzug scheint zu gelingen. Doch als Lilys Zuhälter den Suppenwagen entdeckt, holt die Vergangenheit alle Beteiligten ein.
Regisseur Sabu inszeniert die Liebesgeschichte wundersam poetisch und zurückhaltend, erinnert in Sachen Einfühlsamkeit an Wong Kar Wais „In the Mood for Love“ und bedient sich andererseits bei den Gangster-Episoden ausgesprochen brutaler und blutiger Splatterszenen, die - wenn auch kunstvoll gegeneinander gesetzt - nicht recht zusammen harmonieren können.
 
Oren Moverman versammelt in “The Dinner” (Tobis) Richard Gere als populären Kongressmann, der im Wahlkampf steckt, seinen psychisch labilen Bruder (Steve Coogan) und deren beider Ehefrauen, gespielt von Laura Linney und Rebecca Hall, zu einem Dinner in einem First Class Restaurant vor der Kamera. Zwischen den exquisiten Speisen kommen allerdings dunkle Familiengeheimnisse auf den Tisch. Die Söhne der beiden Paare sind, bislang unentdeckt, für ein schreckliches Verbrechen verantwortlich. Ihre Eltern müssen nun entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen. Es kommt zum Streit, denn eine öffentliche Enthüllung würde das Leben für jeden Einzelnen von ihnen für immer verändern.
Im Prinzip erinnert die Konstellation an Roman Polanskis “Der Gott des Gemetzels”, nur dass der Konflikt nicht wirklich funktioniert, denn nur dem Kongressmann ist klar, dass die Kinder für ihre Tat die Verantwortung übernehmen müssen, was die Mütter zu Furien werden lässt, die für ihre Kinder alles tun würden. Doch der Konflikt Mutterliebe versus Mord geht nicht auf, hat eine viel zu hohe Fallhöhe, als dass man darauf ein Streitgespräch aufsetzen könnte, welches einen ganzen Film trägt. Dies scheint auch Regisseur Moverman klar geworden zu sein, weshalb er dann doch mit der Kamera den Gesprächskreis durchbricht und in Rückblenden die Tat nicht nur zeigt, sondern so inszeniert, dass deutlich ersichtlich ist, wieviel Spaß die Kinder an ihrem Verbrechen hatten. Getoppt wird das Ganze von einem derart übertriebenen Finish, dass der Film längst nicht mehr ernst zu nehmen ist, sondern bestenfalls als überdrehter Psychothriller durchgeht.
 
Auch Sally Potter hat ihren Film “The Party(Weltkino) auf engstem Raum und sogar in Cinemascope inszeniert. Janet (Kristin Scott Thomas) ist gerade zur Ministerin im englischen Parlament ernannt worden – die Krönung ihrer politischen Laufbahn. Mit ihrem Mann Bill (Timothy Spall) und ein paar engen Freunden soll das gefeiert werden. Die Gäste treffen in ihrem Londoner Haus ein, doch die Party nimmt einen anderen Verlauf als erwartet. Bill platzt mit gleich zwei explosiven Enthüllungen heraus, die nicht nur Janets Existenz in den Grundfesten erschüttern. Liebe, Freundschaften, politische Überzeugungen und Lebensentwürfe stehen zur Disposition. Unter der kultivierten linksliberalen Oberfläche brodelt es, und in der Auseinandersetzung werden schließlich scharfe Geschütze aufgefahren.
Sally Potter hat einen Film über ein zerbrochenes England und den Niedergang der Linke gemacht. So gerät ihr Film nicht zur Party, sondern eher zu einer Abrechnung mit Lebenslügen. “Eigentlich sagt jeder das, was man zu einem solchen Anlass normalerweise nicht sagt.” meinte Sally Potter auf der Pressekonferenz. Für ihre Schwarzweiß-Aufnahmen hat sie den russischen Kameramann Alexey Rodionov gewonnen, der schon bei „Orlando“ für sie gearbeitet hat und mit seiner Kamera Räume öffnen kann. Seine Tiefenschärfe geht den Worten auf den Grund (russische Tradition: sculpting white light). Obwohl ihr Film nach einem Theaterstück schreit, hat sie ihn rein cinematographisch geplant. Ihr gelingt ein Cocktail an höchster Schauspielkunst mit Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Cherry Jones, Emily Mortimer und Cillian Murphy in weiteren Rollen, den sich Weltkino noch auf dem Festival sichern konnte. Und die lustigste Frage auf einer Pressekonferenz ging an Timothy Spall: “Ob er lieber für Sally Potter oder Harry Potter arbeite? Ausgezeichnet wurde „The Party“ schließlich noch mit dem GILDE-Filmpreis!
 
Eine wahrlich solide Arbeit lieferte Stanley Tucci („Der Teufel trägt Prada“ oder „Spotlight“) mit „Final Portrait“ (Prokino) ab, in dem er uns von dem amerikanischen Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord erzählt, der während einer Parisreise im Jahr 1964 dem Bildhauer und Grafiker Alberto Giacometti Modell für sein Portrait sitzt. Terminiert auf wenige Sitzungen muss Lord seine Abreise immer wieder verschieben, weil der Maestro, nach jeder vermeintlichen Fertigstellung, das Bild sogleich wieder übermalt und von vorne beginnt. Erst allmählich begreift Lord, dass dies zur Arbeitsmethode Giacomettis gehört und durch einen Trick gelingt es ihm am Ende doch, sein Portrait mit nach Hause zu nehmen, auch wenn es für Giacometti längst nicht fertig, sondern bestenfalls ein Anfang ist. Fast wie nebenbei vermittelt Tucci dem Zuschauer durch die zahlreichen im Film vorkommenden Gespräche mit Personen aus Familien- und Freundeskreis auch ein stimmiges Porträt des Künstlers Giacometti und seiner Arbeitsweise, das gelegentlich an Henri-Georges Clouzots Dokumentation „Le mystère Picasso“ erinnert.
 
Ein sehenswertes Künstlerportrait ist auch Andres Veiels Dokumentarfilm „Beuys“ (Piffl), der unzählige Stunden von Filmmaterial, das im Museum Hamburger Bahnhof lagert, spannend zusammenmontiert. Dabei nimmt man gerne die schlechte Qualität der Originalaufnahmen in Kauf, weil sie einen intimen Einblick in Beuys‘ Arbeitspraxis bieten, der seiner Zeit so weit voraus war, dass weder die 68er noch DIE GRÜNEN letztlich ihn in ihren Reihen wissen wollten. Beuys war ein Freund des streitbaren Diskurses, hatte einen kindischen Spaß daran, wenn ihm mal wieder eine Aktion gelungen war, die Leute dazu veranlasste, bei ihm privat anzurufen und „Arschloch“ ins Telefon zu brüllen. „Immerhin hat er seinen eigenen Arsch mal hoch gekriegt und es bis zum Telefon geschafft“, resümiert der provokante Künstler zufrieden im Film. Auch stellt Veiel den Kunstbegriff Beuys‘ klar, der ihn sagen ließ „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Damit meint er nicht, dass jeder Mensch ein guter Maler oder Bildhauer ist, sondern dass Kunst immer im Kopf beginnt und denken kann schließlich jeder.
 
Volker Schlöndorff widmete seinen neuen Film “Rückkehr nach Montauk(WildBunch/Central) dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch, was einen Schweizer Kollegen zu der kritischen Nachfrage veranlasste, ob Schlöndorff meint, dass sich Frisch über diese Widmung freuen würde. Tatsächlich hat Max Frisch, der von Literaturverfilmungen eh nicht viel hielt, es sein Leben lang verhindert, dass diese sehr persönliche Novelle je verfilmt wurde. Jetzt hat ein deutscher Produzent die Rechte gekauft und Volker Schlöndorff die Gelegenheit gegeben, eine eigene persönliche Geschichte daraus zu machen. “Es gibt eine Liebe im Leben, die du nie vergisst, so sehr du es auch versuchst.” sagt Schlöndorff und schickt sein Alter Ego, den Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård), zu seiner Buchpremiere nach New York, wo er zufällig Rebecca (Nina Hoss) wieder trifft, seine große Liebe von damals. Sie ist inzwischen eine sehr erfolgreiche Anwältin, ursprünglich aus Ostdeutschland und seit 20 Jahren in New York. Sie beschließen, noch einmal ein Wochenende miteinander zu verbringen. Wer nun tolle Landschaftsaufnahmen erwartet, wird enttäuscht, denn es ist Winter in Montauk, dem kleinen Fischerhafen am Ende von Long Island, und zwischen den beiden ehemaligen Lovern will es auch nicht so richtig funken. Nina Hoss spielt wie immer die unterkühlte Diva - die offensichtlich nur Christian Petzold auf der Kinoleinwand in Szene setzen kann – und Stellan Skarsgård ist auch nicht gerade das, was man einen leidenschaftlichen Liebhaber nennen könnte. Auch wenn sich der alternde Protagonist zunehmend selbst demontiert, bleibt der Film hartnäckig auf der Seite der männlichen Fantasie – und wird nicht nur damit der komplexen Vorlage in keinster Weise gerecht.
 
Auch Thomas Arslan hat es mit „Helle Nächte“ (Piffl) mal wieder in den Wettbewerb geschafft, in dem er schon 2013 mit „Gold“ vertreten war. Diesmal erzählt er von dem aus Österreich stammenden Bauingenieur Michael. Schon seit Jahren hat er kaum Kontakt zu seinem 14-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel aus „Tschick“). Als Michaels Vater stirbt, reisen die beiden dennoch gemeinsam zum Begräbnis in die Einsamkeit des nördlichen Norwegens. So beginnt die Aufarbeitung eines Vater-Sohn-Konfliktes, der auf der sprachlichen Ebene einfach nicht funktionieren will. Thomas Arslan verlängert diese Sprachlosigkeit in die endlose norwegische Landschaft mit den nicht enden wollenden Tagen, auf die der Titel anspielt. Doch die meiste Zeit sind die beiden im Auto klaustrophobisch gegenübergesetzt, und erst als sie sich zu einer mehrtägigen Wandertour entschließen, scheint etwas Ähnliches wie Kommunikation möglich. Arslan arbeitet mit reduzierten Mitteln, und seine Konfrontation von Luis mit seinem Vater ist über lange Zeit ausgesprochen anstrengend. Das Georg Friedrich für die Rolle des Vaters einen Silbernen Bär erhielt, ist reichlich unverständlich, da hat er uns in Josef Haders „Wilde Maus“ weit besser gefallen.
 
Irgendwie ist „Wilde Maus“ (Majestic) ein Haas-Krimi, nur ohne Krimi, und irgendwie gleicht auch Georg, den Josef Hader jetzt spielt, dem stets depressiven Kommissar Brenner, nur dass er hier nicht ermitteln muss – und wenn, dann nur in eigener Sache. Georg schreibt als renommierter Musikkritiker für das Feuilleton einer Wiener Zeitung und ist hier recht angesehen, auch wenn seine Extravaganzen manchmal der ganzen Redaktion auf die Nerven gehen. Doch Georg will damit nur einfordern, dass man ihn gefälligst zuvorkommend behandelt – schließlich ist er ein König auf seinem Gebiet! Dann kann ihn sein Chef schließlich doch noch überraschen: Und zwar mit der Kündigung. Diese ist nicht etwa die späte Rache für allerlei Verfehlungen, sondern lediglich den zeittypischen Sparmaßnahmen geschuldet, Musikkritiken kann nämlich auch die Praktikantin schreiben.
Josef Hader spielt den geschassten Georg mit einer Mischung aus Depression und Manie, aus seiner anfänglichen Teilnahmslosigkeit wird Verantwortungslosigkeit, und der Allerweltsbürger mutiert zum Wutbürger, der sich rächen will. Und dennoch ist „Wilde Maus“ - der Titel spielt nicht nur symbolisch auf einen durchgedrehten kleinen Angestellten an, sondern bezeichnet auch eine ganz bestimmte Achterbahn-Konstruktionsweise - nie anklagend oder belehrend, sondern zeigt selbstreflektierend und erschreckend gut nachvollziehbar, wie sich gebildeten Menschen in prekären Situationen verändern können.
 
Auch in den Nebenreihen waren viele deutsche Filme zu sehen, die bald in unsere Kinos kommen. So versucht Sam Garbarski („Der Tango der Rashevskis“, „Irina Palm“) in „Es war einmal in Deutschland“ (X-Verleih), der in der Reihe Berlinale Special uraufgeführt wurde, den Holocaust von der komischen Seite her zu sehen. Doch so ganz geht seine Mischung aus Tragödie und Komödie nicht auf, denn der Krieg ist bereits zu Ende und die überlebenden Juden zerrissen zwischen dem Wunsch, das Land zu verlassen, was sie sich oft finanziell nicht leisten können, und der Gründung einer neuen Existenz im verhassten Deutschland. Dass man dafür das schlechte Gewissen der Deutschen ausnutzt, liegt auf der Hand und so stellt David (Moritz Bleibtreu) eine Truppe von Juden zusammen, die für ihn als Wäsche-Vertreter deutsche Haushalte aufsuchen und mit allerlei Tricks ihre Waren an die Frau bringen. Dafür erzählen sie von ihren Kriegs-Erlebnissen, drücken schwer auf die Tränendrüse und bieten am Ende einen Ablass an, wenn sie gleich das ganze Sortiment kaufen. Dieser Teil ist ausgesprochen gelungen, flott inszeniert blickt er in Abgründe, doch ihm gegenüber steht die Geschichte Davids, der auch von seiner Kriegsvergangenheit berichten muss, allerdings vor einem amerikanischen Ausschuss der klären soll, ob er mit den Nazis kooperiert hat. Gerade dieser Teil gelingt nicht immer, weil Garbarski oft nicht die feinen Zwischentöne trifft und sich in zu viele Klischees flüchtet. So ist die amerikanische Kommissarin eine attraktive Frau, mit der David am Ende auch im Bett landet, doch seine Geschichten, die seine innere Verzweiflung, den Nazis gefällig gewesen zu sein, um das eigen Überleben zu sichern, widerspiegeln, will sie lange Zeit nicht glauben. Einmal fasst er sie in dem Satz zusammen: "Ich war der Clown der Mörder meiner Brüder“ - und erreicht mit einer Metapher mehr Tiefe als mit etlichen Geschichtchen. Ein Blick auf Benignis „Das Leben ist schön!“, der hier Pate gestanden haben könnte, zeigt, dass er sich damals aus solch pikanten Situationen stets mit einer Art magischem Realismus“ gerettet hat, der hier völlig fehlt.
 
In der gleichen Reihe war auch Matti Geschonnecks („Boxhagener Platz“) „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (X-Verleih) zu sehen. Wolfgang Kohlhaase hat den zugrunde liegenden Roman von Eugen Ruge auf einen einzigen Tag im Film verdichtet. Es ist der 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), hochdekoriertes SED-Parteimitglied und Familien-Patriarch, der 1952 aus dem mexikanischen Exil in die DDR zurückkehrte, die er aus Überzeugung mit aufbaute. Doch als ehemaliger „West-Emigrant“ stand ihm nur eine eher bescheidene SED-Parteikarriere offen. Heute aber bringen ihm Junge Pioniere ein Ständchen, und er wird mit Orden behängt. Während Wilhelm hartnäckig verleugnet, dass sein Ideal einer besseren Welt nur eine Chimäre war und die großen Hoffnungen von einst in Bürokratie und Angst erstickt sind, verlässt die junge Generation das Land. Ein großartiger Bruno Ganz in der Hauptrolle , macht diesen Film zu einem Zeitdokument.
 
Nach seinem Debütfilm „Love Steaks“, der 2014 krachend einschlug (Gewinner Max-Ophüls-Preis, Gewinner Förderpreis Neues Deutsches Kino in allen vier Kategorien, nominiert für den Deutschen Filmpreis), meldete sich Jakob Lass mit „Tiger Girl“ (Constantin) in der Sektion Panorama zurück. Dabei begleitet er zwei junge Frauen in Berlin, die eine, Tiger, meint ihren Platz jenseits der Gesellschaft gefunden zu haben und verteidigt ihn nicht nur mit coolen Sprüchen, sondern auch mit präzisen Handkantenschlägen. Genau diese will Vanilla unbedingt lernen, doch aus der Polizeischule ist sie bereits rausgeflogen und mit ihrer zurückhaltend weiblichen Art wird sie auch in der Security-Firma, bei der sie inzwischen angeheuert hat, keine Karriere machen. Eines Tages, als sie sich mal wieder hilflos in eine gefährliche Situation verstrickt hat, hilft ihr Tiger aus der Klemme. Fortan sind die beiden ein Herz und eine Seele und Tiger bringt Vanilla all das bei, von dem sie bisher nur geträumt hat.
Im Grunde geht es um Gewalt – und aus Gewalt gegen Frauen wird hier schnell Gewalt von Frauen und Gewalt gegen Polizisten. Kein Thema, mit dem man zur Zeit oberflächlich umgehen kann, Jakob Lass tut es trotzdem, mit einem kongenialen Sound-Track, schnellen Schnitten und bonbon-farbenen Outfits, schickt er seine Mädels auf den nächtlichen Parkour, um mal so richtig aufzuräumen. Sinnentleert wie im Comic, dafür aber immer wilder, gefährlicher und brutaler nimmt er den Zuschauer mit auf einen Tripp, aus dem es kein unschuldiges Erwachen geben wird.
 
Mit dem Publikumspreis der Sektion Panorama ebenso wie mit dem Label Europa Cinemas wurde der Film „Insyriated“ (Weltkino) des belgischen Regisseurs Philippe Van Leeuw ausgezeichnet. Bereits 2013, als der Krieg in Syrien noch weitgehend außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit Europas wütete, begann er mit dem Schreiben eines Drehbuches, welches er mit Einheimischen realisieren wollte, um die syrische Realität erfahrbar zu machen. Dies ist Van Leeuw auf sehr eindrucksvolle Weise gelungen und für eine der Hauptrollen konnte er die bekannte palästinensische Schauspielerin Hiam Abbas („Lemon Tree“, „Die syrische Braut“) gewinnen. Der Film funktioniert größtenteils als Kammerspiel zweier Familien, deren Wohnraum im Kriegsgeschehen zum Gefängnis geworden ist. Während in Damaskus Bomben fallen und Scharfschützen jedes Leben auf den Straßen bedrohen, kämpfen die verbliebenen Menschen um Alltäglichkeit und Würde. Doch der Schutzraum wird durch permanente Bedrohungen erschüttert und der Ausnahmezustand fordert schließlich eine extreme Entscheidung der Bewohner, die nur deutlich macht, dass jeder Versuch eines moralischen Lebens in diesen Zuständen hinfällig werden muss. Der Raum des Kinos schafft wie kein anderer die Möglichkeit einer Teilhabe und Übertragung – auch von schrecklichen Zuständen, für die uns normalerweise die Bilder fehlen. „Insyriated“ vermag es, dem Zuschauer begreifbarer zu machen, warum so viele Menschen unter größter Not ihre Heimat verlassen mussten – auch wenn der Krieg, in seinen unmenschlichen Konsequenzen, dadurch umso unbegreiflicher erscheint.
 
Bereits bei seiner Premiere in Sundance sorgte der neue Film von Luca Guadagnino (“I Am Love”) für großen Applaus, entsprechend überlaufen waren auch die Screenings in Berlin. Wer es in den Saal geschafft hatte, wurde nicht enttäuscht: In seiner Sinnlichkeit und Ausdruckskraft kann „Call me by your name“ an Werke von Eric Rohmer, André Téchiné oder Bernardo Bertolucci anknüpfen. In einer ruhigen und atmosphärischen Coming-of-Age Geschichte, die sich gleichzeitig als Coming-Out entwickelt, erzählt der Film die Romanze zwischen einem jungen Professoren-Sohn und einem amerikanischen Gaststudenten im sonnendurchfluteten Italien. Neben „Final Portrait“ ist auch hier der attraktive Armie Hammer in der Hauptrolle zu sehen und überzeugt als Sunnyboy mit überraschendem Tiefgang. Es ist vor allem das malerische Setting, das den Film zu einem queeren Highlight werden lässt: Ähnlich wie in seinem ebenso eindringlichen Vorgänger mit Tilda Swinton kommuniziert Guadagnino darüber ganze Seelenlandschaften. Der Dialog zwischen Vater und Sohn gegen Ende, soviel sei versprochen, wird in die Filmgeschichte eingehen – und für einige Tränen sorgen. Mit viel Sensibilität gelingt es Guadagnino das Gefühl der ersten großen Liebe für den Zuschauer zum Leben zu erwecken, wie die Züge einer antiken Statue – und sie fühlt sich an wie ein lichtdurchfluteter Sommertag.
 
Abstand zur Familie sucht die Hauptfigur Manana (Ia Shugliashvili) aus der georgisch-deutschen Co-Produktion „My Happy Family“ (Zorro) des Regieduos Nana & Simon. Manana steht sowohl als Mutter, Tochter und Ehefrau im Zentrum einer sehr lebhaften Familie, die mit drei Generationen unter einem Dach lebt. Schon in den ersten Einstellungen sieht man ihr an, wie unglücklich sie in ihrer Rolle ist und zunächst versteht man schlecht warum. Die Familie geht liebevoll miteinander um, doch bald wird deutlich, dass es an Raum für Manana fehlt. Die Körper der Familienmitglieder bewegen sich in aufwändigen Choreographien durch die enge Wohnung, Mananas Weg wird gekreuzt, ihre Sätze unterbrochen. Manana plant insgeheim ihren Ausbruch aus den häuslichen Verhältnissen und besichtigt eine Wohnung am anderen Ende der Stadt. Die leeren Zimmer mit den kahlen Wänden versprechen einen Neuanfang abseits der Bevormundung durch die Familie. Diese macht selbst ein herzlich vorgetragenes Geburtstagsständchen zu ihren Ehren unerträglich. Als sie kurz darauf in ihre neue Wohnung einzieht, bespannt sie ihre Gitarre mit neuen Saiten und singt für sich selbst. Für jeden Anlass gebe es ein georgisches Lied, so der Schauspieler Merab Ninidze im Nachgespräch. Das chaotische Miteinander erscheint in den polyphonen Gesängen der Feiern als komplexes gesellschaftliches Gefüge, dem Mananas Lied als individueller Ausdruck entgegen steht. (Gastbeitrag von Franziska Merlo).
 
Kein anderes A-Festival ermöglicht so viele Dokumentarfilm-Premieren wie die Berlinale, in diesem Jahrgang wurde das Angebot endlich mit einem eigenen Preis gewürdigt, der von einer dreiköpfigen Jury vergeben wurde. Die Filmemacher Laura Poitras („Citizenfour“) und Samir („Iraqi Odyssey“) zeichneten gemeinsam mit der mexikanischen Festivalkuratorin Daniela Michel den herausragendsten Dokumentarfilm aller Sektionen mit dem „Glashütte Original Dokumentarfilmpreis“ aus.
Ihre Wahl fiel dabei auf den palästinensischen Beitrag „Ghost Hunting“ von Raed Andoni, der sich mit den Hafterfahrungen in israelischen Gefängnissen auf theatrale Weise auseinandersetzte. Über eine Zeitungsannonce castet er Ex-Häftlinge und lässt sie, in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess, die traumatischen Erinnerungen szenisch nachspielen und variieren. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel unser Körpergedächtnis an Gesten und Ausdrucksformen speichert, die der Sprache nicht mehr zugänglich zu sein scheinen. Andoni arbeitet mit einer Methode, die an das berühmte „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal angelehnt ist, auch seine eigene Erfahrung durch und macht „Ghost Hunting“ zu einer eindringlichen Studie über das unheimliche Fortleben von politischer Gewalt. Dies erinnert stark an Filme von Rithy Panh („S-21“) oder Joshua Oppenheimer („The Act of Killing“), hat allerdings nicht ganz deren inszenatorische Präzision.
 
Mit dem Publikumspreis der Sektion Panorama wurde Raoul Pecks furioser Doku-Essay „I Am Not Your Negro“ ausgezeichnet, der bereits letztes Jahr in Toronto Premiere feierte und nun auch vom europäischen Publikum große Anerkennung erhielt. Ausgangspunkt bildet ein unvollendet gebliebenes Manuskript des afroamerikanischen Autors James Baldwin, in welchem er den ermordeten Freunden und Weggefährten der Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Malcom X und Medgar Evers zu gedenken versucht – und dabei die rassistischen Zustände reflektiert, die sein Schreiben zu einem der wichtigsten literarischen Zeugnisse der Civil Rights Movement machen.
Den Voice-Over der Originaltexte spricht Samuel L. Jackson mit großer Eindringlichkeit und die Kraft des Films entfaltet sich durch die Bilder, die Raoul Peck zu dieser Stimme montiert: Aus den fünfziger Jahren der Segregation ebenso wie der Polizeigewalt in Ferguson, Bilder erniedrigende Stereotype in der Populärkultur wie erschütterndes dokumentarisches Material des letzten Jahrhunderts. Dabei gelingt ihm die ernüchternde Feststellung, dass sich, trotz des Wandels der Legislative und einem schwarzen Präsidenten, nicht viel am Problem des Rassismus geändert hat. Die Worte Baldwins markieren nicht nur ein literarisches Jetzt, sie beschreiben auch die politische Dringlichkeit unserer Gegenwart, wie sein Bezug auf die Black Lives Matter Bewegung deutlich macht.
 
Hochaktuell war auch das Thema von “Investigating Paradise”, einem Dokumentarfilm von Merzak Allouache, der sich in Algerien mit den Paradiesvorstellungen im Islam auseinandersetzt. Trotz seiner Länge von über zwei Stunden versammelt der Film, der stilistisch an die „Chronik eines Sommers“ von Jean Rouch erinnert, eine Fülle von Material, über das man öffentlich diskutieren sollte und das nie an Spannung verliert. Neben vielen (frankophonen) Künstlern und Intellektuellen sind es vor allem einfach Menschen auf den Straßen, die von den Interviewern angesprochen und zu ihren Glaubensvorstellungen befragt werden. Natürlich verrät gerade die Vorstellung eines abstrakten (oder wie in vielen Fällen leider viel zu konkreten Jenseits) noch viel mehr über die lebendige Gegenwart des nordafrikanischen Landes, ebenso wie seine koloniale Vergangenheit. Zu den erhitzten Debatten über den Islam in Europa und religiöse Radikalisierung würde ein solcher Film viel zu einem differenzierteren Bild beitragen können.
 
Ebenfalls sehr aufschlussreich und formal außergewöhnlich zeigten sich auch der chilenische Film „Adriana’s Pact“ sowie der mexikanische Beitrag „Devil’s Freedom“, welcher im Berlinale Special zu sehen war. Beide setzen sich auf ihre Weise mit politischer Gewalt in Lateinamerika auseinander, letzterer sogar unter dem Einsatz des eigenen Lebens und der Sicherheit. Regisseur Everardo González führt dem Publikum die grausamen Konsequenzen der mexikanischen Drogenkriminalität vor Augen, indem er sich gerade auf den Blickkontakt konzentriert. Die Gesichter seiner Zeugen, Opfer wie Täter, sind durch hautfarbene Masken unkenntlich gemacht – ein Schutz der Anonymität mit ganz eigenen Effekten, denn was zunächst entmenschlichend scheint, ermöglicht im Laufe des Films schließlich eine geteilte Humanität. Es gelingt ein intensives Porträt der mexikanischen Gesellschaft, das gleichzeitig zu einer Analyse der Ursprünge gesellschaftlicher Gewalt wird und mit dem Amnesty International Filmpreis ausgezeichnet wurde.
 
Die junge Regisseurin Lissette Orozco wiederum ist auf ganz eigene Weise in die Geschichte ihres Landes eingebunden. „Adriana’s Pact“ folgt den Enthüllungen über ihre Lieblingstante, die als Top-Agentin des chilenischen Diktators Pinochet enttarnt wird und diese Vergangenheit vehement abstreitet. Der Film selbst ist zunächst ein Versuch, die Unschuld eines geliebten Menschen zu beweisen, gerät aber immer mehr zu einem enorm eindrucksvollen Dokument, das wie kaum ein anderer Film auf dem Festival eine schwindelerregende Kraft entwickelt. Auch hier gelingt beides: Eine fesselnde Aufarbeitung von Zeitgeschichte ebenso wie ein Zeugnis von großer Übertragbarkeit. Warum behaupten Menschen in Diktaturen, sie hätten nichts gesehen und nichts wissen können? Und wie greift ein solches System auch in familiäre Zusammenhänge ein? Orozcos Aufsehen erregende Doku wurde mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet.
 
Ein großes dokumentarisches Highlight bildete schließlich noch der „Film ohne Namen“ den Michael Glawogger selbst nicht mehr fertig stellen konnte, der jedoch von seiner Cutterin Monika Willi mit viel Elan zusammenmontiert wurde. „Sagt niemandem, dass ich hier bin. Bis ich so lange da war, dass mich keiner mehr sieht“, schrieb Glawogger von seiner Weltreise aus einem entlegenen Winkel Liberias. Sein überraschender Tod an Malaria nur vier Tage nach diesen Zeilen, bilden einen gespenstischen Rahmen für „Untitled“ (Real Fiction), der nun in seiner finalen Fassung wahrscheinlich dem sehr nahekommt, was sich der engagierte Filmemacher für sein Projekt gewünscht hat.
Eine Reise durch entlegene Gebiete, sei es auf unserem Kontinent oder jenseits davon, und die Magie ihrer Alltäglichkeit wollte er dem Publikum nahebringen. Nicht exotisch ausgestellt, sondern ohne den lästigen formalen Rahmen, den Glawogger selbst bei seinen herausragenden Arbeiten wie „Whore’s Glory“ oder „Working Man’s Death“ als einschränkend empfand. Aus den über 70 Stunden Material ist ein faszinierender Reise-Essay über die Sehnsucht nach dem Verschwinden geworden, der formal ein wenig an Chris Markers „Sans Soleil“ erinnern möchte. Die kraftvollen Bilder erzählen jedoch ihre ganz eigene Geschichte und formieren sich zu einem würdigen Gedenken an einen viel zu früh von uns gegangenen Künstler.
 
Einen weiteren Höhepunkt im Wettbewerb setzte Călin Peter Netzers „Ana, mon amour (Real Fiction), der schon 2013 mit „Mutter und Sohn“ einen Goldenen Bären gewann. In seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag wird die symbiotische Beziehung eines rumänischen Ehepaares auf die Probe gestellt, als die lebenslang unter Angstphobien leidende Ehefrau durch eine Therapie geheilt wird und hierdurch neues Selbstbewusstsein entwickelt. Sie befreit sich aus der sie erstickenden Fürsorge ihres Mannes, was das jahrelange Ehegefüge zu zerbrechen droht und wiederum ihn in die Therapie treibt. Innere Struktur geben diesem überaus komplex und mit Rückblenden in die Vergangenheit der Protagonisten erzählten Film die Therapiesitzungen, die wechselnd ihre und seine Perspektive beleuchten. Die glaubhaft aufspielende Darstellerriege und der auf den Punkt gesetzte stimmige Schnitt, der mit einem Silbernen Bären belohnt wurde, machen diesen Film überaus sehenswert.
 
Besonders erfreulich war auch der Silberne Bär, der für die Beste Regie an Aki Kaurismäkis „Die andere Seite der Hoffnung (Pandora) ging. Zum ersten Male hat es der Berlinale-Stammgast endlich in den Wettbewerb geschafft und den längst verdienten Preis gewonnen. Der zweite Teil seiner Hafentrilogie, die er überlegt in eine Flüchtlingtrilogie umzuwandeln, erzählt zunächst zwei Geschichten, die des syrischen Flüchtlings Khaled, der mit einem Kohlefrachter nach Helsinki kommt und die des Hemdenverkäufers Wikström, der Frau und Job aufgibt, um ein Restaurant zu eröffnen, in dessen Hinterhof sich die Wege der beiden kreuzen. Dass dieser Film weit besser funktioniert als sein letztes Werk „Le Havre“ ist überraschend und mag daran liegen, dass seine Metaphern und Bildeinfälle noch treffender sind. Vielleicht haben aber auch wir uns verändert, sind für die Flüchtlingsthematik inzwischen derart sensibilisiert, dass uns sein lakonischer Humor besser erreicht. Jedenfalls ist Kaurismäki mit seinen gewohnt minimalistischen Mitteln ein Beitrag gelungen, der an Menschlichkeit im Wettbewerb nicht zu überbieten war.
 
Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio ist mittlerweile nicht nur ein Wahlberliner, sondern eröffnete nach dem großen Erfolg von „Gloria“ in Kreuzberg sogar ein Restaurant mit dem Namen seiner ausgezeichneten Titelheldin. Auch dieses Jahr schafft er, mit seiner dezenten wie anrührenden Inszenierung, “Eine fantastische Frau” den Raum für eine weitere große Frauenrolle, die gleichzeitig jene Kategorie herausfordert. Denn Marina, eindringlich verkörpert von Daniela Vega, ist eine Trans-Frau. Anstatt die Annahme eines bestimmten Milieus oder Genres zu bedienen, macht Lelio gerade das Moment des Unerwarteten auch auf der Ebene der Erzählung zum Programm. Die lebhafte Kellnerin und insgeheime Opern-Sängerin lebt in einer erfüllten Partnerschaft mit dem wesentlich älteren Orlando, der für sie Frau und Kinder verlassen hat. Eines Abends jedoch erleidet dieser einen Gehirnschlag, stürzt die Treppe hinunter und verstirbt kurz darauf im Krankenhaus. Die verzweifelte Marina muss sich nun nicht nur mit ihrer eigenen Trauer, sondern einer komplexen, und wie ihre Umgebung es nennt, heiklen Situation auseinandersetzen. Denn schon die Frage nach der Rechtmäßigkeit ihres Angehörigenstatus gerät zur Konfrontation mit den Diskriminierungsmechanismen der Gesellschaft. Die Beziehung von Marina und Orlando wird von allen Seiten in Frage gestellt, sei es durch eine übermotivierte Sozialarbeiterin, Polizei und Behörden oder die verbitterten Hinterbliebenen – und jene Unterstellungen kreisen um sämtliche Stereotype und Klischees, die man damit in Verbindung bringen könnte, harmlose ebenso wie offen gewalttätige. Aus Marinas stoischer Konfrontation mit ihnen, die fast schon zu einer Passionsgeschichte wird, entwickelt der Film seine ganze emotionale Kraft, die sich dadurch trägt, dass diese beiden Menschen sich tatsächlich einfach geliebt haben und über den Tod hinaus lieben, auch wenn dies in keine Kategorie passt.
Allzu leicht hätte der Film jene Spannung zugunsten eines schrillen Schlagabtauschs mit konservativen Positionen ausbeuten können, aber Lelio nimmt seine Protagonistin und ihre Gefühlswelt spürbar ernst, lässt gerade durch ihre Zurücknahme den Zorn im Zuschauer aufkommen. Marina wird sich ihr Recht auf Trauer und einen persönlichen Abschied mit ebenso viel Kraft erkämpfen, wie sie ihre Weiblichkeit eingefordert hat, und Daniela Vegas facettenreiches Spiel fasziniert ohne jemals eine voyeuristische Position zu ermöglichen. Es sind jene, die ihr all dies absprechen wollen, die Lelios leiser und doch grandioser Film als abscheulich und pervers ausstellt. Leider hatte die Jury nicht den Mut die exzellente Hauptdarstellerin auszuzeichnen, aber immerhin gab es einen Silbernen Bären für das Beste Drehbuch.
 
Ein weiteres Porträt einer unbeugsamen Frau lieferte Alain Gomis mit „Félicité“, der mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Und auch hier dreht sich alles um eine passionierte Sängerin, die den Kampf um einen geliebten Angehörigen nicht aufgeben will, auch wenn sie dabei nicht auf gesellschaftliche Unterstützung hoffen kann. Den Magnet des Films bildet dabei ganz und gar das wechselhafte Gesicht von Véro Tshanda Beya, mal strahlend und erhaben – dann wieder ausdruckslos und voller Verzweiflung. Die von ihr gespielte Félicité versucht Geld für die Operation ihres Sohnes zu organisieren und mobilisiert das teilnahmslose Kinshasa so gut es geht, in einer trotzigen Odyssee. Doch bald wird klar, dass diese Stadt nach ihren eigenen Regeln funktioniert, die sich uns nicht so einfach erschließen werden, vieles bleibt notwendig fremd in diesem gelungenen, wenn auch stellenweise etwas zu lang geratenen Drama. Was jedoch berührt, ist auch hier wieder die Passion einer starken und ausdrucksvollen Frau, die sich ihre eigenen Wege in einer unbarmherzigen Realität erkämpft.
 
Auch Agnieszka Holland gelang es feministische Akzente mit einem recht ungewöhnlichen Genre zu setzen, einem Öko-Thriller. In „Pokot“ setzt sie dafür eine störrische Protagonistin in Szene, die sich in einem entlegenen polnischen Dorf gegen die patriarchale Männerwelt zur Wehr setzt – scheinbar auch mit nicht ganz so pazifistischen Mitteln. Nachdem ihre geliebten Hündinnen plötzlich verschwunden sind, tauchen stattdessen nämlich immer mehr Leichen von konservativen Männern auf, deren Ableben in Verbindung mit wilden Tieren zu stehen scheint. Doch der Verdacht richtet sich schnell auf die ältere Vegetarierin, die sich fortan mit den unerfreulichen Seiten der ländlichen Gemeinschaft auseinandersetzen muss.
Mit dem Alfred-Bauer-Preis für eine besondere künstlerische Leistung wurde „Pokot“ von der Jury ausgezeichnet – und er überzeugt vor allem durch die Qualität seiner visuellen Gestaltung, die eine ganz eigene Atmosphäre zu erzeugen vermag. Leider macht der Film schließlich zu vieles explizit, was nicht hätte ausbuchstabiert werden müssen und nimmt seiner Geschichte dadurch etwas an Komplexität. Dennoch gelingt Holland die Schöpfung einer sehr skurrilen und liebenswerten Figur, anhand derer sie grundlegende Konflikte der polnischen Gesellschaft verhandelt.
 
Der Goldene Bär stand in diesem Jahr schon am zweiten Festivaltag fest. „Von Körper und Seele“ (Alamode) heißt der Titel des ungarischen Wettbewerbsbeitrags übersetzt und schaffte unter den Kritikern der verschiedensten Länder tatsächlich eine Art Konsens des Berührtseins. Regisseurin Ildikó Enyedi kehrt mit ihm nach einer langen persönlichen Krise zurück ins Filmschaffen und vielleicht verdankt sich die sanfte Melancholie, die das romantische Drama so außergewöhnlich macht, eben jener Sensibilität für die düsteren Momente des Lebens. Eine zärtliche Traumszene durchzieht den Film von Beginn an, ein Hirsch-Paar streift bedächtig durch einen schneebedeckten Wald, und es streift einander. Ähnlich verhält es sich mit den beiden Außenseitern, deren Annäherung auf ebenso humorvolle wie behutsame Weise an einem völlig konträren Ort stattfindet, einem Schlachthaus.
Der in die Jahre gekommene und teilweise gelähmte Endre verwaltet den kleinen Betrieb mit Sorge und Genauigkeit, fast weigert er sich einen neuen Mitarbeiter einzustellen, dem das Töten der Tiere vermeintlich egal ist. Denn so grausam der Vorgang der industriellen Schlachtung auch ist, Mitgefühl sei die notwendige Voraussetzung jener oft gesellschaftlich ausgeblendeten Arbeit. So fällt sein empfindsamer Blick bald auf die seltsamen Eigenheiten der neuen Mitarbeiterin Mária, die als Qualitätskontrolleurin für die Einhaltung der Vorgaben zuständig sein soll. Die zierliche junge Frau stößt schnell die gesamte Belegschaft durch ihre scheinbare Kälte und Empathielosigkeit vor den Kopf - und jeden vorsichtigen Annäherungsversuch Endres von sich fort. Es stellt sich jedoch heraus, dass sie durch einen obskuren Zugang miteinander verbunden sind, sie teilen jede Nacht den selben Traum. Nach und nach öffnen sich die beiden, auf ihre je eigene Weise verletzten Seelen, füreinander.
Ildikó Enyedi gelingt eine ganz spezielle Form der Romantik, deren verträumte Schwere immer wieder von lakonischem Humor durchbrochen wird. Mária ist Asperger-Autistin und so wird die ungewöhnliche Liebesgeschichte zu einer poetischen Erkundung, was Nähe sein kann. Das Festival endete somit zur Abwechslung nicht mit einem expliziten politischen Statement bei der Preisvergabe – jedoch mit einer selten erlebten Zufriedenheit der meisten mit dieser Jury-Entscheidung.
 
 
 

Drucken