Der Gilden-Dienst Nr. 09-2019


Beale Street


von Barry Jenkins

(DCM, Kinostart 7. März 2019)

Der Film stützt sich auf einen erfolgreichen Roman des US-Autors James Baldwin.

USA, 70er Jahre. Die Rassentrennung ist noch in vollstem Gange. Noch immer werden die quasi wie in der Diaspora lebenden Farbigen wie schon Jahrhunderte  zuvor wie Sklaven behandelt.

Der junge Fonny versucht sich beruflich mit Holzschnitzereien. Seit seiner Kindheit war er mit der kleinen Tish vertraut. Inzwischen jedoch sind die beiden älter geworden; Tish ist nunmehr ein sehr schönes Mädchen. Kein Wunder, dass die beiden sich verlieben. Und nicht nur das. Tish, kaum viel älter als 20, erwartet bereits ein Kind.

Als sie dies zuhause bekannt gibt, ist zuerst die Verwunderung und danach die Freude groß. Nur eine Freundin der Familie, die mit den Ihren zur Feier des Ereignisses eingeladen worden war, stellt sich (in einer dramatischen, sehr geglückten Szene des Films) als frömmelnde Spielverderberin heraus. Mit der Freundschaft ist es vorbei.

Wie freuen sich Fonny und Tish auf das gemeinsame Leben mit dem Kind! Doch da greift das Schicksal ein. Es ergeht den beiden, wie es damals noch vielen Farbigen erging. Fonny wird verdächtigt, eine Frau aus Puerto Rico vergewaltigt zu haben. Beweisbar ist das nicht. Zeugen gibt es nicht, nur eine Anschuldigung. Zudem war es dunkel, eine genaue Feststellung des Täters also sowieso nicht möglich.

Einem Charakter wie Fonny ist eine Vergewaltigung ohnehin nicht zuzutrauen. Und doch wird er verurteilt und eingesperrt. Etwa weil er nicht die richtige Hautfarbe hat? („schwarz wie das Böse gegenüber einem weißhäutigen Gott“)

Tish muss mit dem Kind allein leben. Lange Zeit.

Es ist ein schöner, gefühlvoller, gut gestalteter Liebesfilm geworden. Aber natürlich noch sehr viel mehr! Es ist ein Aufschrei gegen die Rassentrennung, gegen die Misshandlung der Afro-Amerikaner, es ist ein Beweis, wie viel Unrecht geschehen ist, es ist indirekt die klare moralische wie juristische Forderung, dass derlei nie mehr geschehen darf.

Nicht zu vergessen, wie bewegend Kiki Layne als Tish und Stephan James als Fonny spielen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Kirschblüten und Dämonen


von Doris Dörrie

(Constantin, Kinostart 7. März 2019)

Doris Dörries Verbindung zu Japan ist eng und vielfältig. Man weiß das. Auch ihr neuester Film dreht sich wieder darum. Das Interessante daran: Japan ist spirituell und animistisch völlig anders beschaffen als das geistig viel nüchternere Deutschland. Sie geht in ihrem neuen Film in vielfältige Weise darauf ein.

Bei „Kirschblüten und Dämonen“ handelt es sich (nach vielen Jahren) um eine Fortsetzung ihres bekannten Films „Kirschblüten – Hanami“. Damals waren es die Eltern, Trudi und Rudi Angermaier, die, summarisch ausgedrückt, die Kinder besuchten und innerlich suchten, dieses Mal ist es umgekehrt.

Im Vordergrund steht der Sohn Karl – aus Japan nach München zurückgekommen. Er ist in einem schlechten Zustand, trinkt, bringt nichts zusammen, hat seine Arbeit verloren, ist von Frau und Töchterchen getrennt.

Da taucht die Japanerin Yu auf, die seinerzeit nicht weit weg vom Berg Fuji Karls Vater Rudi über den Tod seiner Frau hinwegtröstete. Sie will Rudis Grab besuchen, schließt sich anfänglich ziemlich aufdringlich Karl an, der erst mit der Zeit eine gewisse Zuneigung und später vielleicht sogar Liebe zu der Frau verspürt.

Sie besuchen den alten Allgäuer Bauernhof der Familie, der seit zehn Jahren leersteht. Das Verhältnis zwischen den Geschwistern ist nicht sonderlich gut, so wie auch früher eine Distanz zwischen Karl und seinem Vater bestand.

Mit den Erinnerungen kommen auch die alten Ängste und Depressionen wieder hoch. In diesen Träumen sind die toten Eltern da, fragen, warum er sein Leben nicht meistert, warum beispielsweise ein solches Missverhältnis zwischen den Geschwistern besteht. Karl durchlebt angsterregende Szenen - wachen und träumen, Realität und Fiktion vermischen sich dabei.

Yu stuft dies auf ihre Weise ein (und in ihrer teilweise japanischen Sichtweise auch die Autorin und Regisseurin): Auf die jeweilige persönliche oder ganz allgemein psychologische  Situation bezogen sind diese Ängste und übrigen Negativa nichts anderes als Dämonen und Gespenster. Ein Albtraum ist ein Dämon. Die Vernachlässigung der eigenen Person und Identität wie bei Karl ist ein Dämon. Die Nazi-Verbrecher waren Dämonen – im übrigen noch präsent, wenn sich etwa Karls Neffe ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert. Natürlich ist auch der Tod ein Dämon.

Da hilft nur eine Richtung: aus der Dunkelheit ans Licht.

Doris Dörries neueste Arbeit ist ein sehr persönliches, teils philosophisches, teils poetisches, teils metaphorisches, teils kompliziertes, teils auch willkürliches Werk. Rein filmisch und formal durchgehend interessant (etwa Kamera und Montage) und von besten Darstellern wie Elmar Wepper, Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr, Golo Euler oder der Japanerin Kiki Kirin bewältigt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Germania


von Lion Bischof

(Mindjazz, Kinostart 7. März 2019)

Studentenverbindungen gab es früher viele, heute offenbar wahrscheinlich weniger. Warum?

Diese Burschenschaften sind der Tradition verhaftet, und das gilt heute nicht mehr allzu viel. In der angeblich modernen Öffentlichkeit, in den Medien, in den social media wird beispielsweise zwischen Nationalismus, Chauvinismus und Patriotismus kaum mehr unterschieden. Das macht eine gerechte Beurteilung schwer.

In diesem Dokumentarfilm wird - zu Recht völlig ohne moralische, gesellschaftliche, aktuelle oder sonstige Bewertung - anhand der Erklärungen der betroffenen jungen Studenten festgestellt, was sie in Ehren halten und was sie anstreben:

Sie wollen die Geschichte und die Tradition pflegen; teilweise waren schon ihre Väter und Großväter in entsprechenden Corps; sie halten sich durch Gymnastik körperlich fit; sie liefern mit ihren gefochtenen Mensuren, die auch der Selbstverteidigung dienen sollen, bestimmte Mutproben; sie bleiben in Verbindung mit den „alten Herren“, also früheren Mitgliedern der Konvents; sie versuchen sich gegenseitig zu erziehen; sie haben keine Vorurteile gegenüber anderen Kulturen; sie wollen auch so etwas wie ein Gegenpol sein zur gegenwärtigen überhitzten Welt; sie verlangen unter sich Treue; sie streben auch eine gewisse Elite an; sie unterstützen die freie Meinung; sie haben bestimmte Rituale und Uniformen; sie besprechen auch aktuelle Probleme wie zum Beispiel die Massentierhaltung; als oberstes Motto haben sie „Freundschaft und Ehre“; sie schätzen den Gesang und das Bier; sie sind für Zucht und Ordnung; sie wollen Werte, die der Veränderung der Welt dienen können, weitertragen.

Das alles wird wie gesagt in völlig neutraler Form vorgetragen. Die Beurteilung verbleibt einzig und allein beim Zuschauer. Es ist ein Hochschulfilm, an dem rein inszenatorisch da und dort noch etwas hätte verbessert werden können.

Aber um ein sehr bedenkenswertes Thema handelt es sich allemal.




The Big Jump


von Ernst Kaufmann

(Kinostar, Kinostart 7. März 2019)

Es handelt sich um einen Dokumentarfilm über eine kleine Gruppe von Menschen. Dass sie klein ist, versteht man sehr gut, wenn man genauer hinschaut, denn es handelt sich um die Skispringer und Skiflieger. Mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 120 Kilometern verlassen sie die Sprungschanze und landen nach einem 8-Sekunden-Flug inzwischen bei bis zu 240 Metern.

Unter anderem werden in diesem Dokumentarfilm sechs Skispringer interviewt, Norweger und Österreicher, also Sportler aus den Nationen, die in dieser Kategorie sowieso führend sind. Angst haben sie keine, sagen sie, Respekt schon! Fliegen, ein alter Menschheitstraum, sei etwas Schönes.

Aber die Sache kann auch höchst gefährlich sein. Man sieht ein paar Stürze, die Schrecken einjagen. Einer berichtet, wie schwer er gestürzt sei – und dass er danach das Springen aufgegeben habe; er habe auch mental nicht mehr teilnehmen können.

Ist die Schanze gut vorbereitet? Stimmt das Wetter? Ist der Wind nicht zu stark? Haben die Verantwortlichen alles im Griff? Wie weit kann, wie weit darf gesprungen werden? Sind die Skier richtig gewachst? Ist die Bindung in Ordnung? Kommen genug Zuschauer? Haben die Medien ihre riesigen Übertragungsanlagen aufgebaut?

Alles Fragen, die geklärt werden müssen. Dann beginnt die Show. Es geht um Meter, um Zentimeter. Jeder Sprung beeindruckt. Ein Meer von Fahnen. Die Fans sind aus dem Häuschen.

Sachlich, professionell und mit einigen gefühlsmäßigen Höhepunkten wird dies alles hier berichtet.

Skifahrer und -liebhaber gibt es zu Hunderttausenden. Vor allem ihnen dürfte dieser Film gefallen.

Für Interessierte.




Helmut Berger, meine Mutter und ich


von Valesca Peters

(Salzgeber, Kinostart 7. März 2019)

Jung ist Helmut Berger jetzt nicht mehr, aber einst galt er als der „schönste Mann der Welt“.

Der frühere Star interessierte die Regisseurin dieses Dokumentarfilms sowie deren (manchmal sehr kritische) Mutter, und so luden die beiden ihn ganz einfach zu sich nach Nordsehl (Niedersachsen) ein. Während längerer Zeit lebte er mit dieser Familie, und in dem Film lässt er - nicht ohne eine gewisse Wehmut, die immer wieder deutlich spürbar wird – sein Leben vorüberziehen.

Der Österreicher war nicht nur ein Schönling sondern ist auch ein berühmter Filmschauspieler. Als seine wichtigste Zeit bezeichnet er seine zwölf Jahre mit Luchino Visconti („Viscontis Witwe“ wurde er einmal genannt), mit dem er bedeutende Film wie „Die Verdammten“, „Ludwig II.“ oder „Gewalt und Leidenschaft“ schuf.  Wie Viscontis Tod ihn schmerzte, ist noch heute spürbar. Sein Leben hat er in die Zeit vor, mit und nach Visconti eingeteilt.

An mindestens zwei Dutzend anderen Filmen war ebenfalls beteiligt.

Höhen und Tiefen kennzeichnen seine Laufbahn. Die Höhen - die er einmal mit geschlossenen Augen an sich vorüberziehen lässt: Unzählige Berühmtheiten wie Vittorio de Sica oder Romy Schneider, Elisabeth Taylor oder Silvana Mangano, Edith Piaf oder Charles Azanavour und viele andere mehr kannte er oder arbeitete und feierte mit ihnen zusammen. Von dem bekannten Fotografen Helmut Newton wurde (auch nackt) abgelichtet. Alles seine Wahlverwandtschaften. “Ich danke den wundervollen Menschen, denen ich begegnete und die ich liebte.“

Die Tiefen: Seine Ungeduld und Überheblichkeit („Was andere von mir denken, interessiert mich nicht, ist mir scheißegal“); die Lust an der Provokation („Ich bin kein einfacher Mensch“); seine skandalumwitterten Süchte; die Rückerinnerung an den Vater, mit dem er sich nicht verstand; burn outs in seinem Leben; das Hadern mit dem Alter („Meine Rente habe ich mir anders vorgestellt“); die Pleite im Dschungelcamp oder: „Mein ganzes Leben habe ich nur Rollen gespielt.“ Aber auch: „Ich habe nie etwas Falsches getan, ich liebe den Moment und dem Moment haftet nichts Falsches an.“  

Er gibt keineswegs auf. Er wird mit 73 Jahren sogar noch einmal Theaterschauspieler an der Berliner Volksbühne.

„Alle haben den Wunsch irgendwo anzukommen – auch bei uns selbst“, sagt er.

Ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen, aber auch der Beweis, dass man selbst nach einem tiefen Fall wieder aufstehen muss und kann.

Interessierten in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.          



 


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Datum: 25.02.2019


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