Der Gilden-Dienst Nr. 01-2018
Your Name – Gestern, heute und für immer

Von Makoto Shinkai

(Universum, Kinostart 11. Januar 2018)

Eine japanische Manga-Geschichte.

Das pubertäre Mädchen Mitsuha lebt in einem kleinen Ort. Sie würde lieber in Tokio sein.

Der ebenfalls jugendliche Taki geht in der Großstadt zur Schule, arbeitet, um seinen Unterhalt zu verdienen, noch in einem Restaurant. Er würde lieber auf dem Land wohnen.

Beide haben seltsame Träume. Darin ist Mitsuha Taki und umgekehrt! Die Körpertauschgeschichte ist voller Fantasie, hat mit der Wirklichkeit natürlich nichts zu tun. Dass die beiden deswegen viel durchmachen, Schönes und Fürchterliches, versteht sich. Sie verlieren sich auch immer wieder, finden sich aber am Schluss, lieben sich.

Wie mit der irrealen Körpertauschidee geht es mit manchem in dieser Geschichte: mit der Zeit- und Raumverschiebung, mit Vorahnungen, mit Tricks, mit Visionen, mit Halluzinationen, mit der Zerstörung eines Teils von Mitsuhas Städtchen durch einen bedrohlichen Kometen, mit vielen anderen originellen kurzen Handlungselementen.

Logik oder Systematik: totales Fehlurteil. Dafür wirklich perfekte Animation, verblüffende Lichteffekte, Farben über Farben, Romantik, Poesie, Traumhaftes, dazwischen immer wieder reizvolle Landschafts- und Naturszenen, teils Bilder von überwältigender Schönheit. . .

. . . Kunst eben.

Unter Makoto Shinkais renommierten Filmen sicherlich der Beste.

Filmkunsttheatern und Programmkinos ist diese bereits in vielen Ländern höchst erfolgreiche Animation bestens zu empfehlen.



Julian Schnabel – A Private Portrait

Von Pappi Corsicato

(Weltkino, Kinostart 11.Januar 2018)

Berichte, Filme oder Erzählungen über außergewöhnliche Menschen sind immer interessant; manchmal kann man daraus sogar eine ganze Menge lernen.

Im jetzigen Fall geht es um den amerikanischen Maler und Filmemacher Julian Schnabel, eine talentierte, in die Zukunft vorpreschende, selbstbewusste, erfolgreiche, sich auf das Subjektive verlassende, umschwärmte, vielleicht sogar geniale und doch sehr menschlich gebliebene Persönlichkeit.

Er stammt aus dem südlichen Texas, hatte sehr gebildete Eltern, die ihn unterstützten, wurde künstlerisch in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts in New York auf manchmal turbulente Weise groß. Er wich mit seinen großflächigen Tableaus vom Üblichen ab, probierte immer Neues, Ungewöhnliches, Revolutionäres aus, wurde dafür extravagant oder provozierend genannt oder aber stürmisch gefeiert.

Natürlich blieben auch Krisen und Kontroverses nicht aus. Er hatte den Tod seines engen Freundes Lou Reed zu beklagen, oder er bedauerte, sich seinen Eltern nicht genügend gewidmet zu haben. Er gilt als guter Familienvater, hat Töchter und einen Sohn, die hier alle zu Wort kommen.

Aus nicht weniger als 80 Stunden Material wurde in mehreren Schüben, die insgesamt eineinhalb Jahre in Anspruch nahmen, dieser Dokumentarfilm gestaltet. Julian Schnabels Leben und Arbeit entsteht so filmisch aus Aussagen seiner Schwester Andrea, aus Berichten seiner Galeristin Mary Boone, mit der er nicht weniger als zehn Jahre zusammenarbeitete, aus alten Videos, aus Familienfotos, aus viel persönlichem Archivmaterial, natürlich auch aus seinen bemerkenswerten eigenen Worten, aus Beiträgen von Freunden wie Al Pacino oder Willem Dafoe, wie Emmanuelle Seigner oder Mathieu Amalric, seinem Hauptdarsteller aus dem wunderbaren Film „Schmetterling und Taucherglocke“.

Er kenne keine Grenzen, wird von Schnabel gesagt. Solche Menschen muss es aber geben. Sie weisen der Allgemeinheit manchmal den Weg. Aus alledem ist ein interessantes, reich bebildertes, manches Gescheite mitteilendes Dokument entstanden. . . . das Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen ist.



The Commuter

Jaume Collet-Serra

(Studiocanal, Kinostart 11.Januar 2018)

Die Commuters sind Pendler, die jeden Tag von der Stadtmitte aus (hier New York) weit ins Land hinausfahren müssen.

Michael MacCauley war früher Polizist. Seit sieben Jahren bekleidete er eine mittelprächtige Stellung bei einer Versicherung. Doch jetzt wird er Knall auf Fall gekündigt. Das ist schlimm, denn das Haus ist noch nicht abbezahlt, ihn plagen also Schulden, zudem hat sein Sohn eine Universität ausgesucht, die hohe Gebühren verlangt.

Und wie soll er seiner Frau die Kündigung beibringen?

Im Pendler-Zug spricht ihn eine Frau an. Er könne viel Geld verdienen, wenn er einen bestimmten Passagier ausfindig mache, der unter falschem Namen reise, an einem bestimmten Zielbahnhof aussteige und etwas besonders Wertvolles bei sich habe.

MacCauley befindet sich in einem Dilemma. Einerseits braucht er Geld, andererseits verhält sich die Frau, die sich Joanna nennt, äußerst geheimnisvoll und kann er die Konsequenzen nicht absehen. Die Sache könnte mit einer Gefahr, vielleicht sogar für Leib und Leben, verbunden sein.

Und so ist es denn auch. MacCauley akzeptiert zwar, ahnt aber nicht, dass es offenbar sowohl bei der Stadtverwaltung als auch bei der Polizei um korrupte Baupläne geht, dass wichtigste Daten verschwunden sind, die ein Pendler oder eine Pendlerin nun bei sich trägt, dass es deswegen bereits mindestens einen Mord gab, und dass die Verfolger vor weiteren Morden keineswegs zurückschrecken würden.

Deshalb setzt jetzt in dem betreffenden Zug ein Sturm ein, der den Film zu einem spannenden Thriller der Oberklasse macht: Verdächtigungen, Verwechslungen, Identifizierungsversuche, Verschwörungstheorien, Streitereien, Kämpfe, Notbremse, Entgleisung, Schüsse, Explosion, Polizei – und all das fast ausschließlich im fahrenden Zug, was natürlich der Sache eine beträchtliche Rasanz verleiht.

Thriller-Fans werden auf ihre Kosten kommen. Geschichte und Handlung sind abgesehen vom rein Filmischen ein wenig einfach gestrickt, mehr als entschädigt wird man aber durch die Tatsache, dass Liam Neeson den MacCauley darstellt, und zwar so intensiv und perfekt wie immer.

Vor allem für Fans von bombastischen Thrillern.



Score – Eine Geschichte der Filmmusik

Von Matt Schrader

(NFP, Kinostart 4.Januar 2018)

Oft werden im Film die Musik und der ganze Soundtrack unterschätzt. Dem wirkt dieser Dokumentarfilm entgegen. Denn eine Vielzahl von Komponisten, Interpreten, Kritikern oder Technikern und anderen Fachleuten geben hier aufschlussreiche Interviews, unter ihnen Quincy Jones, Danny Elfman, Trent Reznon, natürlich auch Hans Zimmer und etwa der Regisseur James Cameron.

Oft ist der zeitliche Druck auf die Filmmusiker groß. Denn musikalische Kreativität kann man nicht erzwingen.

Muss es Musik sein oder genügen Geräusche? Welche Instrumente kommen in Frage? Genügt ein Piano oder ist ein Orchester geeigneter? Wie ist es mit dem Tempo? Mit der Lautstärke? Wie kann die dramatisch oder ruhig verlaufende Handlung betont werden? Wie sind durch Klang Emotionen hervorzurufen? Müssen es klassische Instrumente sein, oder genügt auch ein Objekt aus dem Trödelmarkt?

Wie lange soll man auf eine Eingebung warten? Wie sehr beeinflusst die Musik das Filmerlebnis?

Aber wenn die Musik steht, sind es in einer Vielzahl von Filmen wunderbare Melodien. „Score“ gibt überzeugende Beispiele und Auszüge. Es sind mit ihrer Musik unterlegte laute und leise Passagen, für die ein anderer Soundtrack gar nicht denkbar erscheint. Es ist Musik, die bleibt.

Natürlich sind auch Komponistinnen beteiligt, deren symphonische Kreativität außer Frage steht. Der Film ist zudem ausgezeichnet recherchiert, manche Szenen üben eine Faszination aus.

Fazit: Zu oft wurde und wird die Berücksichtigung der Filmmusik im Gegensatz zum Drehbuch oder zur Regie sträflich vernachlässigt. Eines ist aber sicher: Sie kann sehr bedeutend sein.

Für Interessierte ist dieser Film ein Genuss, er ist jedoch im Arthouse-Bereich auch allen anderen wärmstens zu empfehlen.



Lux – Krieger des Lichts

Von Daniel Wild

(Zorro, Kinostart 4. Januar 2018)

Torsten Kachel ist ein junger Berliner, der etwas unternehmen will, das leider ziemlich selten geworden ist: Er will Gutes tun. Obdachlosen oder anderen Benachteiligten verschafft er beispielsweise etwas zu essen. Eine Maske ist dafür auch gefunden. Er verhüllt sein Gesicht und tritt als „Lux – Krieger des Lichts“ auf.

Der Dokumentarfilmregisseur Jan Mika Zogg und der Produzent Holger Brandt werden auf ihn aufmerksam. Sie werden einen Film über Torsten drehen. Der ist zunächst auch einverstanden, doch dann verrät der ziemlich schmierig wirkende Produzent seine Absicht: In dem Film müsse etwas mehr los sein als Gutes zu tun, beispielsweise sollte auch der Sex nicht fehlen. Zudem müsste der „Krieger und Held“ sich auf Kriminelle konzentrieren.

Der gutmütige Torsten, der ein enges Verhältnis zu seiner Mutter hat, trifft auf die junge hübsche Simone, die allerdings als Kitty in einem Sexladen (und sogar mit Sex im Auto) ihr Geld verdient. Mit getürkten pornographischen Aufnahmen von Simone wird der Film gefälscht und Torsten schwer betrogen. Gottlob fliegt die Sache bei der Premiere des Films auf.

Torstens gute Absichten bleiben auf der Strecke. Vorerst.

Ein mit vielen authentischen und hochaktuellen Szenen und Facetten gelungener Berliner Kiez-Film, zu dessen Besuch man insbesondere jungen Menschen nur raten kann. Begrüßenswert, dass einmal in einem deutschen Gegenwartsfilm nicht nur Bösewichter am Werk sind, sondern ein Mann gezeigt wird, dessen Ideal es ist (und hoffentlich bleibt), für andere da zu sein.

Ein Bravo für Drehbuchautor und Regisseur Daniel Wild.

Franz Rogowski spielt diesen „Krieger“ perfekt. Ähnliches gilt jedoch auch für die übrigen Darsteller (Heiko Pinkowski als Produzent, Tilman Strauss als Regisseur oder Kristin Suckow als Kitty). Ein besonderes Lob verdient Eva Weißenborn als Torstens Mutter. Eine solche Mutter (und Schauspielerin) kann man sich nur wünschen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Alte Jungs

Von Andy Bausch

(Camino, Kinostart 4.Januar 2018)

Bei Fons, Lull, Nuckes und Jängi scheinen die besten Jahre vorbei zu sein. Die Männer sind alle altersheimreif, und doch wollen sie noch ein wenig leben. Aber im Seniorenheim wird ihnen verboten zu rauchen oder Sexfilme anzuschauen. Also beschließen sie, sich in einer Kommune zusammenzuschließen. Ohnehin standen einige vor dem Rauswurf.

Allerdings, ganz so einfach wird das nicht. Denn da sind schließlich auch noch die Ehefrauen, die Freundinnen, die Tochter des einen, die Enkel oder die Chefin des Altersheims. Anderes kommt dazu wie etwa Geldmangel, Wohnungssuche (weil Jängis idyllisches Gartenhäuschen einem Neubau weichen muss) oder Krankheit. 

Was also ist zu tun?

Unglücklicherweise macht’s einer nicht mehr. Er stirbt. Die Trauer unter den Freunden ist groß. Denn er war besonders rührig und dazu auch beliebt. Aber dann raffen sich die Übriggebliebenen doch noch auf. In einem neu erstandenen ziemlich feudalen Wohnmobil machen sie sich auf zu einer großen Fahrt. Wohin es geht und wie lange die Sache dauern wird, weiß kein Mensch.

Etwas, das selten vorkommt: ein Film aus Luxemburg, und zwar ein guter! Fast zwei Dutzend Schauspieler treten auf, einer besser als der andere. Ein Familienfilm, ein Dialogfilm, ein Freundschaftsfilm, ein Team-Film, sehr witzig, sehr amüsant  und sehr emotional zugleich, ein ebenso sensibles wie originelles Vergnügen.

Man spürt, mit welcher Motivation alle dabei waren und spielten. Sie sprechen (natürlich in der Schriftsprache untertitelt) luxemburgisch – die ganze Palette frei von der Leber weg.

Hier wird man glänzend unterhalten.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




zum Download
Datum: 02.01.2018


Drucken