Der Gilden-Dienst Nr. 01-2019


Fahrenheit 11/9


von Michael Moore

(Weltkino, Kinostart 17. Januar 2019)

US-Präsident Donald Trump wird von vielen gehasst, aber auch von vielen geliebt. Der Dokumentarfilm-Regisseur Michael Moore hasst ihn, das ist sicher.

Dennoch hat sein neuester Film erhebliche Bedeutung. Denn Moore liebt sein Land, und dass in diesem vieles nicht so ist, wie es sein sollte, stellt er beinhart an den Pranger:

dass die Demokratische Partei nicht „links“ genug handelt, deren „Elite“ mehr für sich selbst sorgt als für die Bevölkerung, sich von den Republikanern übertölpeln lässt; dass die Waffengesetze nicht verbessert werden; dass Lehrer streiken müssen, weil sie zu wenig verdienen; dass es in erster Linie Schüler sind, die sich gegen Missstände wenden; dass der republikanische Gouverneur Michigans, Richard Snyder, die Menschen in der Stadt Flint bleivergiftetes Wasser trinken und die entsprechenden Daten fälschen lässt; dass trotz einer Stimmenmehrheit der Demokraten nicht selten die Republikaner regieren; dass auch Obama, wie eine Aktivistin sagt, von Goldman Sachs große Spenden angenommen habe. Usw.

Das „System“, so Moore, sei schon kaputt gewesen, bevor Trump auftauchte. „Ich bin gegen Hoffnung, Hoffnung das war die Obama Zeit. Wir brauchen nun eine Generation der Taten.“ - „Das Amerika, das ich retten will, das hat es noch gar nicht gegeben.“

Das ist die eine Seite des Films. Die andere besteht aus Frontalangriffen gegen Trump. Moore nennt ihn ganz einfach einen Tyrannen, einen Lügner und einen Rassisten. Er beleuchtet seinen Wahlkampf gegen Hilary Clinton so negativ wie möglich; ebenso seine Begegnungen mit Putin oder Kim Jong-un; sein, vorsichtig ausgedrückt, zu nahes Verhältnis zur Tochter Ivanka; er bringt, wenn auch natürlich indirekt, Trump in eine ideologische Verbindung mit Adolf Hitler; er simuliert in relativ plumper Weise Trumps Nähe zudem korrupten Gouverneur von Michigan; er relativiert ein eigenes Treffen mit Trump!; er kommentiert nicht unbedingt seriös sondern sagt, was ihm in seinen propagandistischen Kram passt; er verurteilt scharf, dass Trump seine Kritiker in einer rein diskreditierenden Weise behandle. Usw.

Man sieht: Michael Moore geht mit seinem Medium genau so vor wie Trump mit seiner Politik.

Dennoch, das ist ein politisch wie menschlich vielsagender Film, den man gesehen haben sollte.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Manhattan Queen


von Peter Segal

(Tobis, Kinostart 17. Januar 2019)

Studieren, studieren, studieren, einen möglichst hohen Abschluss haben. Maya hat das alles nicht. Verständlich, dass dies in der heutigen Welt zu gewaltiger Frustration führt.

Sie ist stellvertretende Filialleiterin in einem Supermarkt in Queens. Sie hat da gute und vor allem gewinnbringende Ideen verwirklicht, und eigentlich müsste sie die Filialleiterin sein – aber erstens ist sie eine Frau und zweitens hat sie wie gesagt keinen gescheiten Studienabschluss.

Maya ist unglücklich, und da sie mit 40 immer noch keine Kinder will, wird sie auch von ihrem Freund verlassen. Immerhin hält ihre Freundin Joan zu ihr.

Deren halbwüchsiger Sohn will ihre Situation verbessern. Er erfindet im Internet für Maya eine glänzende neue Identität, sogar einen neuen Namen. Daraufhin bekommt sie von einem Konzern in Manhattan, der zu den ersten Firmen für Kosmetik gehört, sofort eine führende Stellung. Und nicht nur das. Maya hat Ideen, stellt gewisse Artikel auf Bio um, legt Produkte zusammen und spart damit Geld ein. Sie wird gefeiert.

Aber kann man mit einer Lüge, mit einem zur Adoption freigegebenen Kind, mit einer falschen Identität leben? Nein, das kann man nicht. Maya tritt denn schließlich auch vor die versammelte Mannschaft der Firma und bekennt alles.

Wird sie trotzdem oben bleiben können? Verzeiht ihr ihre Tochter? Und kommt vielleicht sogar der Freund zurück, der abgehauen war?

Jennifer Lopez tritt nicht nur wie üblich als Protagonistin auf sondern sie ist einer der wichtigsten Produzenten des Films. Verständlich, dass sie sich als Maya eine herausragende Rolle sicherte. Sie spielt denn auch wie immer glänzend. Übrigens Leah Remini als Freundin Joan ebenso. 

Doch das ist nicht der einzige Vorteil. Das New Yorker Ambiente, Queens auf der einen, Manhattan auf der anderen Seite, ein gewöhnlicher Supermarkt auf der einen und die Superfirma im Wolkenkratzer auf der anderen Seite, ist durchweg echt gezeichnet - und die Problematik von Maya ist die Problematik sehr, sehr vieler Menschen.

Insofern ist der Film von einiger Aktualität.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.


Robin Hood


von Otto Bathurst

(Studiocanal, Kinostart 10. Januar 2019)

Robin Hood ist eine unvergängliche Heldengestalt. Filme über ihn gab es schon eine ganze Menge. Hier ist ein neuer. Er verlässt die traditionelle historische Auffassung und auch die bisher gepflegte Form, etwas Neues also.

Der junge Lord Robin von Locksley will eben sein Leben aufbauen, und er hat in der schönen Marian auch bereits eine Partnerin gefunden, mit der er dies tun will. Da erreicht ihn  eine dramatische Botschaft: Er wird zu einem Kreuzzug gerufen. Nicht weniger als vier Jahre wird er fort sein.

Grausame Kämpfe erwarten ihn. Immer wieder geraten in schwersten Schlachten Christen und Muslime aneinander. In der Heimat wird verbreitet – wahrscheinlich von Menschen, die von seinem Tod profitieren wollen – Robin sei ums Leben gekommen. Marian trauert, wendet sich jedoch nach einer gewissen Zeit einem anderen Mann, nämlich Will, zu.

Robin kehrt zurück. Dass er Marian verloren zu haben glaubt schmerzt ihn. Doch wartet auf ihn eine große Aufgabe: Der korrupte Sheriff der Region Nottingham hat sich mit der Kirche, mit einem besonders kriminellen Kardinal zusammengetan. Die Bevölkerung wurde erniedrigt und zur Arbeit in Bergwerken verdammt, die Burg Locksley wurde zerstört. Sheriff und Kardinal rauben die Menschen fortdauernd aus, erklären, sie bräuchten das gestohlene Geld für die Kreuzzüge  - was natürlich mit der Wahrheit nichts zu tun hat.

Robin hat in dem maurischen Krieger John einen treuen Freund gewonnen, der ihn auf die Endschlacht vorbereitet. Gemeinsam gehen sie nun gegen den Sheriff und den Kardinal vor. Robin schmeichelt sich zunächst beim Sheriff als getreuer Lord ein und kann auf diese Weise erfahren, wie die beiden Verbrecher genau vorgehen wollen.

Nun kann die endgültige Schlacht beginnen.

Und nach gewonnener Schlacht können Robin und Marian wieder glücklich sein.

Eine Leonardo Di Caprio-Produktion, wie gesagt nicht im altertümlichen Stil sondern mit zeitgemäßen Bezügen: für eine Generation, die mit Videospielen umgeht und Superheldenfilme anschaut; mit Aufzeigen des Widerstandes gegen das Establishment, wie man ihn heute überall spürt; mit einem Tempo, das schwindlig macht; mit härtesten Kampfszenen; mit halsbrecherischen Stunts; mit Pfeilschüssen, wie man sie noch nie sah; mit Kampf-Choreographien von überzeugender Qualität; mit einem großzügigen gemischten historischen und modernen Materialaufwand, vor allem was Schauplätze, Waffen und Kleidung betrifft; mit Action noch und noch; mit neuesten digitalen Errungenschaften und Aktionen.

Natürlich bedurfte es dazu fähiger Darsteller, und die wurden gefunden, sehr fähige sogar: Taron Egerton als in jeder Beziehung tapferer Robin Hood, Jamie Fox als getreuer maurischer Krieger Little John, Eve Hewson als liebliche Lady Marian, Jamie Dornan als Marians vorübergehender Gefährte Will, F. Murray Abraham als krimineller Kardinal,  Ben Mendelsohn als korrupter Sheriff von Nottingham und viele andere mehr.

Eine in mancher Hinsicht überwältigende Show.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Adam und Evelyn


von Andreas Goldstein

(Neue Visionen, Kinostart 10. Januar 2019)

DDR, 1989. Es ist Sommer. Vom Mauerfall weiß noch niemand etwas. Adam und Evelyn sind ein Paar. Adam ist Schneidermeister, Evelyn hat zwar studiert, ist aber derzeit offenbar als Kellnerin beschäftigt. Der Urlaub steht vor der Tür. Es soll nach Ungarn an den Balaton gehen.

Adam ist Damenschneider. Als er einer Dame etwas zu nahe kommt und Evelyn das bemerkt, will sie mit ihrer Freundin Mone und deren Freund aus dem Westen, Michael, ohne Adam fahren. Allerdings macht Adam da nicht mit. Er fährt in seinem himmelblauen Wartburg den Freunden nach.

Es ist wie gesagt Sommer. Wunderbare Naturbilder zeugen davon.

Das DDR-Radio ist zu hören. Man nimmt wahr, wie kritisch die Lage im östlichen Deutschland geworden ist. Demonstrationen, offene Kritik an der Regierung. Man versucht in Ostberlin verzweifelt, die Schuld dem Westen in die Schuhe zu schieben.

Ungarn handelt. Die Grenze nach Österreich wird geöffnet. Was wird jetzt? Und was wird aus Evelyn und Adam? Aus dem Urlaub muss eine Lebensentscheidung werden. Adam legt eigentlich keinen Wert darauf, dass sein Leben sich groß ändert. Evelyn schon!

Zwei Geschichten. Die politische Umwälzung und die brüchige Beziehung zwischen den beiden Liebenden, die ihre Zukunft neu ordnen müssen. Ganz so einfach ist das nicht. Evelyn hat nämlich mit Michael rumgemacht, weshalb Mone abreiste. Doch trennen werden sich Adam und Evelyn nicht. Am Ende stehen beide in einer leeren Wohnung. Sie muss jetzt so oder so mit  Leben gefüllt werden. Wie es genau aussieht – wer weiß?

Eine bedächtige, etwas spröde aber intellektuell sich durchaus auf der Höhe befindliche Story in wie gesagt sehr schönen Landschaftsbildern. Ohne, wie Autor und Regisseur Goldstein sagt, „DDR-Ausstattungsnaturalismus“. Dafür auf beiden Ebenen, der öffentlichen wie der persönlichen, die Sichtbarmachung einer Zeit der Skepsis und der Suche.

Gleichwohl nicht ohne Hoffnung.


Ben Is Back


von Peter Hedges

(Tobis, Kinostart 10. Januar 2019)

Holly Burn hat ihren zweiten Mann und vier Kinder. Eine echte Familie also, die allerdings ein Problem hat. Ben, der Älteste, ist drogensüchtig. Er war bis jetzt auf Entzug, steht jedoch Heiligabend, als die anderen aus der Kirche kommen, plötzlich vor der Tür. Sein Stiefvater und seine Schwester Ivy sind nicht sehr begeistert – schon eher ist die Mutter nachgiebig und schließt ihren Sohn in die Arme, erlaubt ihm, einen Tag von der Entzugsklinik wegzubleiben.

Ben ist ein echter Problemfall. Anscheinend hat er schon ein junges Mädchen auf dem Gewissen, von dem es heißt, dass er es drogenabhängig gemacht habe. Außerdem hat er mit Drogendealern zusammengearbeitet. Denen scheint er etwas zu schulden, denn sie brachen ausgerechnet an Heiligabend bei den Burns ein, schmissen den schön geschmückten Christbaum um und taten vor allem eines: Sie nahmen den von allen geliebten Hund quasi als Geisel mit.

Ben weiß, was er seiner Familie antut. Voller Reue flieht er im Auto der Mutter. Für diese beginnt nun, nachdem sie sich ein anderes Auto beschafft hat, eine hochdramatische Nacht der Verfolgung, der Suche, des Umherirrens, der Verzweiflung, der Angst um ihren Sohn.

Sie findet ihn schließlich, aber er ist bereits bewusstlos. Wird er es mit Hilfe seiner Mutter schaffen?

Die Familie wird lebendig und realistisch geschildert, die Dramatisierung stimmt. Zwei Punkte stehen im Vordergrund: Anhand von Bens Drogenproblem wird einmal mehr gezeigt, wieviel Kummer – besonders auch für die Nahestehenden -, Krankheit, Leid und Tod mit der Sucht verbunden sein kann.

Eine Art Warnung für die Betroffenen.

Der zweite Punkt betrifft Julia Roberts. Sie war eben nicht nur die „Pretty Woman“ sondern beweist hier wieder (wie einst in „Erin Brockovich), welche aufbruchs- und ausdrucksstarke Schauspielerin ohne (Oscar)-Starallüren sie sein kann.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.


Das Mädchen, das lesen konnte


Von Marine Francen

(Film Kino Text, Kinostart 11. Oktober 2018)

Frankreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Gebirgsdorf in der Provence. Das Volk begehrt gegen die Monarchie auf. Louis Napoleon, der sich wenig später zum Kaiser krönen wird, schlägt die Aufstände nieder. Alle Männer des Dorfes werden abgeführt.

Die Frauen müssen nun allein Nahrung beschaffen, sich um die Ziegen und Schafe kümmern, sie müssen die Ernte einbringen. Violette ist eines der jungen Mädchen, die hier zu Hause sind. Sie ist besonders hübsch. Und sie ist die einzige, die lesen kann.

Eines Tages taucht ein Mann auf. Er  hat, wie sich später herausstellt, jemanden umgebracht und muss sich im Gebirge verstecken. Er nennt sich Jean und bietet den Frauen an, ihnen zu helfen. Violette ist es, die ihn mit einem Zimmer und dem nötigen Essen versorgen soll.

Jean gewöhnt sich ein und arbeitet hart mit. Die Frauen sind nun schon sehr lange allein und bräuchten, um Kinder zu kriegen, einen Mann. Es wird vereinbart, dass Jean sie alle geschlechtlich versorgt.

Doch das ist im Grunde nur ein Plan. Denn Violette und Jean haben sich längst unsterblich ineinander verliebt und verbringen eine schöne Zeit. Sie liest ihm zuweilen Gedichte von Victor Hugo vor. Wie soll Jean da noch andere Frauen befriedigen!

Die Zeit schreitet voran. Einige der verhafteten Männer wurden getötet, andere in die Strafkolonie Französisch Guayana gebracht, mehrere kehren zurück.

Was ist nun mit Jean? Er wird das Dorf verlassen müssen. Die liebevolle Zeit mit Violette neigt sich dem Ende zu. Doch die junge Frau war inzwischen schwanger. Todtraurig muss sie ihr Kind allein gebären.

Ein äußerst feinfühliger, bis zu einem gewissen Grade auch sehr tragischer Film - mit vielen wunderschönen Aufnahmen und menschlichen Situationen, einem besonders eindrucksvollen Gebirgsmilieu, gutem Spiel der Darstellerinnen und einem allgemein gültigen Lebensthema: Das Glück, so schön und so reich es eine Zeit lang sein kann, es ist immer bedroht!




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Datum: 02.01.2019


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