Der Gilden-Dienst Nr. 01-2020


Der marktgerechte Mensch


von Leslie Franke & Herdolor Lorenz

(Salzgeber, Kinostart 16. Januar 2020)

Der Filmtitel trifft es haargenau. Der heutige Mensch ist dem Markt unterworfen: dem Kapitalismus; befristeten Arbeitsverträgen; der Gefahr, durch einen Computer oder einen Algorithmus ersetzt zu werden: der Gefahr, sich nur noch auf „Arbeit auf Abruf“ oder auf „Mindeststunden“ verlassen zu können; der Gefahr, Subunternehmen zugeschustert zu werden.

Die Studenten, die Fahrrad-Lieferboten, die Lkw-Fahrer aus Südosteuropa oder die Näherinnen in Äthiopien können ein Lied davon singen. Der Begriff Arbeitsrecht kommt bei ihnen nicht vor.

Anhand von unzähligen Beispielen, Gesprächen, Beweisen und Klagen demonstriert der Film diese Zermürbung, diese Verwundbarkeit, dieses Sozialdumping.

All das führt zu einem Konkurrenzdenken, zur Entsolidarisierung und Isolation, zu Depressionen, zu Beziehungsstörungen, denen ernsthafte gesundheitliche Schäden folgen können.

Natürlich fehlen auch die Ratgeber nicht. Sie beschwören die Menschen: dass man nie aufgeben dürfe, dass man seines Glückes Schmied sei, dass man aufpassen müsse, am eigenen Unglück nicht selbst schuld zu sein, dass man Stress mit Training besiegen könne. Einer sagt sogar „Heirate dich selbst“ - was immer das heißen mag.

Ganz braucht man die Hoffnung nicht fahren zu lassen, denn es gibt eine ganze Reihe ermutigender Ansätze, die nicht auf die Profitmaximierung ausgerichtet sind sondern auf das Gemeinwohl – gemäß dem (bayerischen) Verfassungsartikel „Die wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“. Sogar eine Bank gehört dazu!

Leider stehen dieser Gemeinwohlökonomie zu oft nahezu unüberwindbare (europäische) bürokratische Hindernisse im Wege.

Der manchmal absichtlich überspitzte Film kann wie ein Schlag treffen. Doch er sagt im Wesentlichen die reine Wahrheit – und deshalb sollte man ihn sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Vom Gießen des Zitronenbaums


von Elia Suleiman

(Neue Visionen, Kinostart 16. Januar 2020)

Regisseur Elia Suleiman ist Palästinenser. Er stammt aus Nazareth. Also Angehöriger eines Volkes, das es in unserer Zeit schwerer hat als andere. Doch gerade deshalb ist es erstaunlich, ja bewundernswert, wie er die Welt sieht.

Zitronenbäume gibt es in seinem Land. Gottlob wachsen sie – wenn man sie gießt. Was er sonst zu Beginn des Films von seinem Land zeigt, gehört nicht gerade zum Feinsten. Möglicherweise will er den ehrlichen Zustand aufdecken.

Vielleicht geht er deshalb auf Reisen: nach Paris, nach New York, wahrscheinlich auch nach Montreal. Doch da sieht er, dass es noch absurder und grotesker zugeht als in seiner Heimat bei einer orthodoxen religiösen Feier: bei der Mode; bei einem Engel, der sich als Illusion herausstellt; bei der Flughafenkontrolle; bei der Parade zum französischen Nationalfeiertag; bei Menschen in Amerika, die alle schwer bewaffnet sind: bei all der Lautheit, Falschheit (z.B. in der Werbung), Aggressivität, den überfüllten Städten – im Gegensatz zu menschenleeren Straßen in Paris, die Suleiman ebenfalls lange auf den Zuschauer wirken lässt.

Das Bekenntnis zu seinem Land fehlt natürlich nicht. „Palästina wird kommen, wenn auch nicht zu unserer Lebenszeit“, heißt es dazu (selbst wenn er es vorerst nur von einem Kartenleser bestätigen lässt).

Er kehrt wieder heim nach Nazareth: zur Intimität, zur Poesie auch, zu seiner Arbeit, zum Zitronenbaum, der in der Zwischenzeit gut gewachsen ist.

Gesprochen wird in dem Film überhaupt nicht – aber geschaut und gezeigt, viel gezeigt, weniger Gutes dafür umso mehr Absonderliches.

Anlass zum Nachdenken gibt es hier in Hülle und Fülle, zum Beispiel auch über einen „Regiekommentar“ aus dem 12. Jahrhundert: „Wem sein Heimatland lieb ist, der bleibt doch ein zärtlicher Anfänger; wem jedes Land Heimat ist, der ist schon stark; wem aber die ganze Welt Fremde ist, der ist vollkommen.“

Kein Film wie „normale“ Filme, aber



Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Crescendo – Make Music Not War


von Dror Zahavi

(Camino, Kinostart 16. Januar 2020)

Ein Film über (klassische) Musik, aber – leider unverzichtbar – auch ein Film über den ewigen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

(Es besteht unter dem Dirigenten Daniel Barenboim ein Orchester, in dem Juden und Araber gemeinsam musizieren (Orchester des West-östlichen Divan). Möglicherweise hat dieser Film das genannte Orchester zum Vorbild.)

Die Handlung: Wieder einmal sollen Friedensverhandlungen stattfinden. Die Hoffnung, dass sie gelingen, ist nicht sehr groß. Doch jugendliche Musiker aus beiden Lagern sollen ein Vorbild sein, die Verhandlungen gemeinsam mit einem Konzert begleiten.

Als Dirigent wird der Musikdirektor Eduard Sporck gewonnen. Die Geigerin Layla und der Klarinettist Omar sind unter den Kandidaten. Sie kommen aus dem Westjordanland; schon an der Grenze werden ihnen Schwierigkeiten bereitet. Der Geiger Ron ist Israeli; er hat es entschieden leichter, offenbar auch was seinen Rang im zu bildenden Kammerorchester betrifft – was zu einer Konkurrenz zwischen ihm und Layla beiträgt.

Sorgfältig wählt Sporck die in Frage kommenden Instrumentalisten aus. Viele hatten sich beworben, nicht wenige fallen durch.

Um die Politik aus den Konzertvorbereitungen herauszuhalten, werden die gesamten Proben nach Südtirol verlegt.

In dieser Zeit in Sterzing sucht Sporck, dessen Eltern eine kriminelle Nazi-Vergangenheit hatten, mit allen psychologischen und praktischen Mitteln die Gegnerschaft zwischen den jüdischen und den palästinensischen Musikern auszuschalten. Das ist nicht leicht, denn die Streitigkeiten gehen manchmal bis zu einem Handgemenge.

Eine jüdisch-palästinensische Liebesgeschichte ist trotzdem dabei.

Schließlich kann feierlich musiziert werden.

Ein CCC-Film, der professionell gestaltet und gespielt wurde und der nötig ist, weil vor allem jungen Menschen auch die tragische Vergangenheit nahe gebracht werden muss. Manches allerdings hätte man sich dabei weniger plakativ, manches mit etwas weniger Einfalt gewünscht!




Alkohol – Der globale Rausch


von Andreas Pichler

(Tiberius, Kinostart 9. Januar 2020)

Alkohol ist eine Droge, aber eben eine legale – das ist das Problem. 10 Liter reinen Alkohols pro Kopf und Jahr, das ist die entsprechende Zahl für Deutschland. In kleinen und vernünftigen Mengen konsumiert kann er dem Gehirn und den von diesem gelenkten Stimmungen sogar sehr gut tun; übermäßig genossen macht er unter Umständen gewalttätig und krank, nicht selten krebskrank.

10 bis 15 Prozent der (deutschen) Bevölkerung sind gefährdet.

Viele Aspekte des Alkoholkonsums werden in diesem Dokumentarfilm auf die ausführlichste und seriöseste Weise beleuchtet: der mächtige Lobbyismus der Alkoholindustrie; deren zum Teil katastrophale Werbung, die auch vor Kindern nicht haltmacht; die Tatsache, dass der Alkoholismus dem Staat zwar Steuern bringt, dass aber auf der anderen Seite hohe Kosten die Gesellschaft zu tragen hat, beispielsweise die Krankenkassen oder die Rentenversicherung; der Umstand, dass Berater entlassen wurden, weil sie vor Alkoholismus warnten; die Lage in Afrika, wo etwa drei Konzerne das Sagen haben, wo so gut wie keine Kontrolle stattfindet, wo sich der Alkoholkonsum seit den 60er Jahren teilweise verdoppelt hat, wo die Alkoholindustrie gegen die Warnungen vor Alkoholismus regelrecht kämpft; die Tatsache, dass bei „Risikotrinkern“ (im Gegensatz zu „Genusstrinkern“) so gut wie alle Körperteile gefährdet sind – bei Frauen stärker als bei Männern.

In Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen bedroht, in Europa 23 Millionen. In der Welt stirbt alle 10 Sekunden ein Mensch an Alkoholvergiftung, pro Jahr sind es 3 Millionen.

Geschildert werden in dem Film aber auch Menschen, die ihre Sucht gottlob überwunden haben.

Als Paradebeispiel gilt Island – Alkoholwerbung verboten – wo bereits Kinder aufgeklärt werden. Der eingetretene Erfolg ist überwältigend.

Natürlich wendet sich der Film nur gegen den Alkoholismus – keineswegs gegen einen vernünftigen und gemütlichen Genuss!

Doch enorm wichtig ist dieses sehr aufschlussreiche Filmbeispiel auf alle Fälle.

 


zum Download
Datum: 06.01.2020


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