Der Gilden-Dienst Nr. 02-2018
Nr.02-2018 – 8.1.2018

 

Hannah – Ein buddhistischer Weg zur Freiheit

Von Marta György-Kessler und Adam Penny

(W-Film, Kinostart 18.Januar 2018)

Der Buddhismus ist eine hochmoralische Spitzenphilosophie, manche sagen auch, er sei eine Religion. Jahrhunderte war er auf Asien beschränkt, bis in den 60er Jahren die junge Generation, die den überholten Geist der Nachkriegszeit satt hatte, ausschwärmte und in Indien, Nepal, Sikkim oder Tibet die buddhistischen Lamas und Gurus hören wollte. Zunächst waren vor allem die Hippies beteiligt, doch bald nahm die Bewegung auch seriösere Formen an.

In diesem Film ist nun von einer Frau die Rede, von der Dänin Hannah Nydahl, die das Großartige des Buddhismus, die „Erleuchtung des Geistes“, derart verinnerlichte, dass sie von ihrer Jugend an bis zum leider viel zu frühen Tod ihm zusammen mit ihrem Mann Ole ihr Leben widmete.

Sie begriff und ergriff diese Wesens- und Lebensform so sehr, dass sie –immer gemeinsam mit ihrem Mann- bei einem der höchsten Priester des Buddhismus drei Jahre in die Lehre ging; Übungen absolvierte, Sprachen lernte; Texte erstmalig übersetzte und damit zugänglich machte – bis sie, von seiner Heiligkeit dem 16. Karmapa, geistiges Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus, hochgeschätzt, in alle Welt geschickt wurde, um den Buddhismus zu verbreiten.

Tatsächlich schufen sie und ihr Ehemann zahlreiche solcher Zentren.

Die totale Verschmelzung ihrer materiellen Existenz und ihres immateriellen psychischen und geistigen Seins mit der buddhistischen Lehre machte sie zweifellos zu einer außergewöhnlichen Person. Das ist in diesem sehr lebendigen und inspirierenden, bestens montierten Dokumentarfilm dem Archivmaterial, den Interviews mit ihrem Mann und vielen Freunden, den eigenen Aussagen (indirekt zum Beispiel auch zur chinesischen Diktatur in Tibet) zu entnehmen.

Hier ist, schon vom vielfältigen Bildmaterial her, eine ganze Menge zu erfahren und zu lernen – nicht zuletzt wie man, jeder auf seine Art, nach seinen Zielen und Möglichkeiten, sinnvoll leben und wie man dem Tod gegenübertreten sollte.

Eine großartige Frau – und ein erlebenswerter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wir töten Stella

Von Julian Roman Pölsler

(Picture Tree International, Kinostart 18.Januar 2018)

Der Film beruht auf der bekannten gleichnamigen Novelle der 1970 verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Es handelt sich um einen Teil einer Trilogie. (Dazu gehört z.B. auch „Die Wand“.)

Ein gut bürgerliches Viertel in Wien. Anna wohnt dort mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Richard, und den jugendlichen Kindern Wolfgang und Anette. Die drei letzteren sind gerade für ein paar Tage unterwegs.

Anna ist allein. Aber nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich. Sie wird niederschreiben, was geschehen ist. Die Familie hatte die Studentin Stella aufgenommen. Zunächst scheinen Anna und Stella ganz gut zu Recht zu kommen. Anna kauft der jungen Frau Kleider, leuchtend rote, während sie sich eher blau kleidet – was für die psychologischen Aussagen des Films genauso wie das bewusst unterschiedliche Licht zwischen den Innen- und den Naturaufnahmen bereits eine gewisse Bedeutung hat.

Richard ist so etwas wie ein gehobener Macho. Er verhält sich kaltherzig, eher wie ein Fremder. Mit seiner Frau hat er nicht mehr viel zu tun, da trinkt er lieber ein Glas Rotwein und liest in der Financial Times. Einmal fragt Anna ihn, ob er sie noch liebe. „Ja, weil Du mir gehörst“, ist die Antwort.

Von den Kindern steht der Sohn der Mutter am nächsten.

Richard lässt sich Stella nicht entgehen. Doch nach einer gewissen Zeit scheint der Reiz schon wieder vorbei zu sein. Abtreibung. Stella stürzt sich dann bald vor einen Lkw. „Wir töten Stella“.

Anna allein in dem kalten leeren Haus. Sie beschreibt ihren eigenen psychischen Zusammenbruch. Durch Stella war die eingespielte Ordnung gestört. Jetzt muss Anna die Tragödie verarbeiten. Das mit Richard und Stella wusste sie natürlich. Ist sie durch ihre Distanziertheit mitschuldig? „Lieber wäre ich tot“, sagt sie einmal. Narben werden auf jeden Fall bleiben.

So subtil wie poetisch, so hart wie spröde, „so ruhig wie gnadenlos“ sezierten sowohl die Autorin der Novelle als auch der Regisseur des Films diesen inneren Untergang.

Dass er das Bild einer eher schwächeren Frau zeige und nicht, wie das heute sein müsse und auch der Fall sei, dasjenige einer „Feministin“, will Regisseur Pölsler nicht gelten lassen.

Eine chronologisch interessant angeordnete Inszenierung! Die begleitende Cello-Musik ist von hohen Graden.

Und mit allen nötigen Nuancen, großartig wie immer, spielt Martina Gedeck diese Anna. Sehenswert.

Kein ganz einfacher aber im Arthouse-Bereich empfehlenswerter Film.

 

Marlina – Die Mörderin in vier Akten

Von Mouly Surya

(Eksystent Distribution, Kinostart 18. Januar 2018)

Die indonesische Insel Sumba. Eine spröde aber herrliche Landschaft.

Irgendwo eine Hütte. Marlina wohnt darin. Sie ist Witwe. Die Leiche ihres Mannes hat sie jedoch nicht begraben noch verbrannt. Sie hat sie in einer Ecke ihres Aufenthaltsraumes sitzend aufbewahrt.

Ein Fremder kommt auf dem Motorrad angefahren. Er will Hühnersuppe. Marlina kocht sie ihm. Sie kennt den Mann nicht, muss ihm anscheinend doch gehorchen. Ist das bereits eine Anspielung der Autorin und Regisseurin auf eine Dominanz der Männer in Indonesien?

Der Fremde sagt, dass noch sechs Kollegen kommen würden. Und dass er, wenn noch Zeit bliebe, mit Marlina schlafen d.h. sie vergewaltigen würde.

Marlina scheint verschuldet zu sein. Deshalb werden die Männer die Kühe, die Ziegen, die Schweine und die Hühner mitnehmen. Etwas dagegen tun kann sie nicht. Oder doch?

Einem, der sich auf sie geworfen hat, haut sie mit einer Machete ganz einfach den Kopf ab. Den anderen geht es nicht viel besser. Denn die Suppe, die sie ihnen zu servieren hatte, war nicht ganz koscher.

Mit dem abgeschlagenen Kopf macht sie sich reitend auf den Weg. Sie will der Polizei alles melden. Dann erneut die angebliche Überlegenheit des männlichen Geschlechts. Denn die Polizisten sagen, die Untersuchung würde Wochen dauern. Sie spielen lieber Tischtennis als der Frau zu helfen.

Völlig verkrustete patriarchalische gesellschaftliche und menschliche Strukturen.

Marlina trifft auf die schwangere Novi. Frauengespräche und Frauenfreundschaft. Novis schreiender und fuchtelnder Ehemann hat Angst vor einer Steißgeburt. Das sei ein schlechtes Omen.

Jetzt trifft Marlina in einem Gasthaus auf ein kleines Mädchen. Dieses hat jedoch den Namen eines Jungen. „Damit ich so stark werde wie ein Junge“, sagt das Kind. Dies alles sind legitime feministische Anspielungen.

Wenn es sein muss, wird Marlina auch töten.

Dann im 4. Akt des Films die dramatische Geburt von Novis Kind.

Ein gut gespielter Frauenfilm. Fast in der Art eines Western. Ein Rache-Drama. Eine schöne Bildsprache und ein hervorragender Sound. Von Anfang bis Ende ein feministischer Grundton.

Ein (auch geographisch) sicherlich wichtiger wenn auch nicht gerade ganz einfacher Film.

Im Arthouse-Bereich zu empfehlen.

 

Wonder Wheel

Von Woody Allen

(Warner, Kinostart 11. Januar 2018)

Woody Allen hat schon ein paar Dutzend Filme hinter sich, doch seine schöpferische Kraft hat bisher so gut wie nicht nachgelassen. Das spürt man wieder in „Wonder Wheel“.

1950er Jahre, man hört dies vor allem an der Musik. Schauplatz ist ein an der Küste von Coney Island gelegener Vergnügungspark. Humpty betreibt dort ein schönes Karussell. Seine Frau Ginny, die er sehr liebt –sie hat von einem anderen Mann einen zehnjährigen Sohn, der gerne zündelt-, war früher Schauspielerin, arbeitet aber jetzt als Kellnerin. Die Küste wird von dem Rettungsschwimmer Mickey bewacht, der gerne Literat wäre.

Eines Tages schneit in Mumpys eigentlich friedliche Familie dessen erwachsene Tochter Carolina herein, und damit ist es mit dem Frieden aus. Denn Carolina hat zu früh einen Mann geheiratet, der sich als Gangster herausstellte, und dass Humpty dafür kein Verständnis hatte und immer noch nicht hat, kann man verstehen.

Heftiger Krach ist also programmiert, doch das ist beileibe noch nicht alles. Denn Ginny hat sich Mickey verguckt und möchte, dass er mit ihr Coney Island verlässt. Eine Zeit lang haben die beiden ein ganz schönes Intim- und Sexleben.

Dann aber passiert es: Mickey verliebt sich unsterblich in Carolina – doch die ist eines Tages verschwunden, weil sie von ihrem Gangster-Ex entführt wurde.

Ganz schön dramatisch die Sache. Woody Allen erweist sich darin wieder einmal als Meister. Die Dramaturgie, der Schnitt, die vielen ratternden und auf den Punkt genauen Dialogszenen –dieses Mal gänzlich ohne Humor- sie ergeben ein kleines Feuerwerk, wie man es von ihm gewohnt ist.

Spielen tun die vier –Jim Belushi als Humpty, Kate Winslet als Ginny, Juno Temple als Carolina und Justin Timberlake als Mickey- über die Maßen gut. Den Vogel allerdings schießt Kate Winslet ab. Schon lange war sie nicht mehr derart überragend.

Ein glänzender Woody Allen sorgt wieder einmal für gute Unterhaltung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Der andere Liebhaber

Von Francois Ozon

(Weltkino, Kinostart 18. Januar 2018)

Eigentlich gehört Francois Ozon zu den Regisseuren, auf deren Filme man immer wieder wartet. Das dürfte sich dieses Mal in Grenzen halten.

Es geht um eine Frau zwischen zwei Männern. Wie man hört, soll dies vorkommen.

Chloé hat gerade keinen Job, dafür eine Depression und Magenschmerzen. Sie scheinen auf psychologische Ursachen zurückzuführen zu sein. Also sucht sie den Psychotherapeuten Paul Meyer auf. Eine, zwei Sitzungen, in denen (nur) sie ihren Kummer vorträgt. Dann bricht Paul die Behandlung ab, denn es ist etwas geschehen, das mit einem psychotherapeutischen Vorgehen nicht vereinbar ist. Er hat sich in Chloé verliebt.

Ihr Widerstand ist gering. Schon in Kürze wohnen die beiden zusammen. Die Schmerzen sind überwunden. Sogar glücklich sind sie.

Doch Chloé entdeckt, dass mit Pauls Namen etwas nicht stimmen kann. Tatsächlich hat er diesen geändert. Er hieß nicht Meyer sondern Delord – wie sein ebenfalls als Psychiater arbeitender Zwillingsbruder Louis, von dem er sich im Unfrieden trennte.

Im Geheimen besucht Claire diesen Louis, offenbar um auch von ihm Ratschläge zu bekommen. Während Paul ein durchaus normales, eher liebevolles Verhalten an den Tag legt, gibt sich dieser Louis arrogant, herablassend, zynisch und vor allem sexbesessen. Sein Frauenbild dürfte bei dieser männlichen Dominanz mit der Achtung vor dem weiblichen Geschlecht wenig zu tun haben.

Dennoch fühlt sich Chloé hingezogen. Die geplante Behandlung besteht aus Sex. Die Penetration spielt die Hauptrolle. Merkwürdigerweise hält dieser Louis die Frau trotzdem für frigide.

Man sieht, die Psychoanalyse spielt eine viel geringere Rolle als der Sex. „Eher gymnastisch als erotisch“, heißt es in einer Besprechung des Films.

Francois Ozon ist ernstzunehmender, bedeutender Regisseur. Sein vor wenigen Jahren in Szene gesetzter Film „Frantz“ gehört zu den sehenswertesten Arbeiten der letzten Zeit. Hier arbeitet er mit Spiegelungen, Täuschungen, Spannungsmomenten, Symbolen, doch Freude kommt nicht auf. Zu Vieles ist oberflächlich, unausgegoren, einseitig, bizarr sowieso.

Eindruck macht Marina Vacth als Chloé, Jérémie Renier spielt sowohl den Paul als auch den Louis. Auch sieht man wieder einmal Jacqueline Bizet, die eine kleine Rolle innehat.

Für Interessierte. 

 

   

 

    

 

     

 

 

 

 

  

          

 

 

   

   

 
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Datum: 08.01.2018


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