Der Gilden-Dienst Nr. 02-2019


Capernaum – Stadt der Hoffnung


von Nadine Labaki

(Alamode, Kinostart 17. Januar 2019)

Die Slums von Beirut. Souad und Selim wohnen dort. Sie haben nicht weniger als ein Dutzend Kinder. Eines ist noch nicht auf der Welt, ein paar sind bereits gestorben. Sie leben in einer Wohnung, die man eigentlich so nicht nennen kann. Sie sind außerdem „Illegale“ - wie viele Flüchtlinge und andere in Beirut.

Zu essen gibt es wenig, dafür umso mehr Schläge. Souad und Selim sind sogar bereit, ihre elfjährige Sahar dem Kleinhändler Assad auszuliefern, damit dieser das Kind heirate. Was dann auch geschieht.

Dagegen wehrte sich Zain, ein zwölfjähriger Sohn, mit Händen und Füßen, weil er Sahar besonders mag. Doch er konnte die Untat nicht verhindern. Deshalb reißt er von zuhause aus, landet nach einiger Zeit bei der Afrikanerin Rahil, einer ebenfalls illegal im  Libanon lebenden Reinigungsfrau mit einem einjährigen Kind, dem Yonas. Für diesen Buben gibt es nicht einmal einen Geburtsschein. Erstens hatte Rahil damals kein Geld und zweitens darf kein Mensch wissen, dass sie in Beirut lebt.

Rahil wird bei einer Razzia festgenommen. Jetzt hat Yonas nur noch Zain. Der organisiert Essen für den Kleinen, sucht Rahil, weigert sich lange, den kleinen Yonas dem Verbrecher Aspro zu überantworten, der das Kind verkaufen möchte.

Zain rächt sich. Er sticht Assad nieder, weil der für den Tod Sahars verantwortlich gemacht wird. Dafür wird Zain fünf Jahre ins Gefängnis müssen. Doch vor dem Richter verklagt er (in einem echten zweiten Verfahren) seine Eltern, weil diese Kinder in die Welt setzen, die sie dann nicht lieben!

Die Regisseurin gründete ihren Film – halb Fiktion, halb Dokument - auf reale Geschehnisse. Sie will die Aufmerksamkeit auf die Kindesmisshandlung, auf die Fehler des „Systems“, auf den Rassismus, auf das Flüchtlingsproblem, auf die Ausbeutung der Illegalen und der Armen, auf das Fehlen von Bildung und ärztlicher Versorgung und nicht zuletzt auf die verheerenden Zustände in den Gefängnissen richten - und dies alles zur Debatte stellen.

Die Verhältnisse in dem während der gesamten Filmlänge gezeigten Slum sind unvorstellbar. Und doch zeigt Nadine Labaki nichts, was sie nicht selbst sah. Ja auch die Darsteller präsentieren ihr wahres Leben.

(Dabei muss man vor allem das hervorragende Spiel des jungen Zain sowie der Mutter hervorheben.)

So drastisch wird die Verelendung der heutigen  Welt selten vorgeführt. Man kann da als Zuschauer eigentlich nur in sich gehen – und schauen ob man etwas verbessern kann.

Nur einen winzigen Hoffnungsschimmer gibt es zum Schluss.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Yuli


von Iciar Bollain

(Piffl, Kinostart 17. Januar 2019)

Spitzentänzer gibt es nicht allzu viele. Hier ist einer. Und was für einer!

Havanna, Kuba, 80er Jahre. Es fällt auf, dass bei den in einem Vorort abgehaltenen Breakdance-Wettbewerben der kubanischen Jungen Yuli Acosta der Begabteste ist. Das wird auch seinem Vater bewusst, einem ebenso seine Familie liebenden wie äußerst groben Kerl, und deshalb zwingt er den Buben, eine Tanzausbildung zu machen.

Yuli wehrt sich dagegen immer wieder, vergeblich. Der Vater überredet ihn, malträtiert ihn, schlägt ihn – bis der Junge schließlich in einem Internat landet, in dem er sich einsam fühlt. Denn die Familie, die Liebe zu seiner Mutter und seinen Geschwistern ist ihm viel wichtiger als alles andere.

Die Leiterinnen der entscheidenden kubanischen Tanzakademie haben längst erkannt, welche Begabung in dem Kind steckt – und Yuli wird am Ende doch ein Tänzer sein, und zwar ein ganz großer.

Er ist nun 18. Nach dem Gewinn der Goldmedaille beim renommierten Prix de Lausanne will ihn sogar das English National Ballet London haben. Also die absolute Spitze. Einen farbigen Romeo hatte es bis dahin nicht gegeben, nun gibt es einen.

Er verletzt sich, und es zieht ihn in die Heimat zurück. Die Karriere steht auf dem Spiel. Yuli, in Wirklichkeit Carlos Acosta, muss sich entscheiden.

Selten sieht man einen solch perfekten artistischen Ballettfilm. Das Spiel von Carlos selbst; die glücklicherweise häufigen und ausführlichen Ballettszenen; die Auswahl der Tänzerinnen und Tänzer; die kunstvolle Verflechtung seiner Lebenszeiten und auch seiner künstlerischen Ausdrucksformen; das spezielle politische Milieu Kubas; die vielen überaus originellen Choreographien (Maria Rovira); die Musik von Alberto Iglesias; die Kamera von Alex Catalan; das mächtige Spiel von Santiago Alfonso als Carlos' Vater – das alles hat höchstes Niveau.

Ein tänzerisches, inszenatorisches und emotionales Kunstwerk.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Verlorene


von Felix Hassenfratz

(W-Film, Kinostart 17. Januar 2019)

Die Mutter ist tot, Johann, der Vater, lebt mit den beiden Töchtern Maria und Hannah zusammen. Er hat eine Schreinerei und kann den eines Tages auftauchenden Valentin, einen jungen Zimmermann auf der Walz, gut gebrauchen.

Maria und Hannah mögen sich, auch wenn sie grundverschieden zu sein scheinen. Hannah, die jüngere, ist eigenständiger und eigenwilliger, Maria gilt als die ruhigere, reifere. In der nahen Kirche sitzt sie oft an der Orgel und spielt auf wunderbare Weise Präludien von Johann Sebastian Bach.

Es wäre verwunderlich, wenn Valentin es nicht auf eines der Mädchen absähe; er hat sich Maria ausgesucht. Die beiden verstehen sich – beispielsweise auch in Sachen Musik – und kommen sich näher, einer Liebe aber steht dann doch etwas im Wege.

Hannah ist es, die dieses Etwas eines Tages auf ihrem Smartphone mitfilmt: dass nämlich Johann mit Maria, also mit seiner eigenen Tochter, Sex hat. Man spürt an deren Verhalten – und an der ganzen Stimmung des Films -, dass  das ihr Leben verpfuscht. Ist es so schwerwiegend, dass sie sich sogar selbst verletzt?

Es erscheint nur folgerichtig, dass die beiden Schwestern ihr Elternhaus eines Tages verlassen.

Das Fehlen eines endgültigen Standortes in der Jugend, das schwierige und eher unglückliche Verhältnis Marias zu Valentin, der schwerwiegende sexuelle Missbrauch durch den Vater, eine gewisse Unreife und Flatterhaftigkeit Hannahs – aber auch die (manchmal schwierige) Liebe und Vertrautheit der beiden Schwestern zueinander, das alles erzählt Autor und Regisseur Felix Hassenfratz hier auf sehr sensible, eher diskrete jedoch ziemlich überzeugende Weise.

Das Dorf als Schauplatz stimmt ebenso wie der Dialekt, den die Beteiligten sprechen, das Familienmilieu ebenso wie die erlesene Musik. Zudem machen Maria Dragus als Maria, Anna Bachmann als Hannah, Clemens Schick als Johann und Enno Trebs als Valentin ihre Sache sehr gut.

Psychologisch, schicksalhaft, menschlich.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




Die Geheimnisse des schönen Leo


von Benedikt Schwarzer

Real Fiction, Kinostart 17. Januar 2019)

In der Bonner Zeit unserer Bundesrepublik lebte der in seiner Fraktion führende Bundestagsabgeordnete Leo Wagner, der, Gründungsmitglied der CSU und enger Vertrauter von Franz Joseph Strauß, offenbar ein guter Politiker aber ein schlechter Ehemann, Vater und Geschäftemacher war.

Sein Enkel Benedikt Schwarzer hat in und mit diesem Dokumentarfilm versucht, über seinen Großvater, den schönen Leo, wie er genannt wurde, Genaueres herauszufinden. Und da hat sich so einiges ergeben.

Leo Wagner führte im Grunde ein Doppelleben. Untertags widmete er sich der Politik, am Abend ging es von Bonn nach Köln in die Nachtlokale. Da floss der Champagner und da tanzten die Damen, die dann teilweise zu Geliebten wurden.

Das kostete natürlich Geld, sehr viel Geld, und da konnte es schon einmal zu finanziellen Schwierigkeiten kommen. Mit seiner Familie hatte Leo nicht viel im Sinn. Nur etwa alle drei Wochen kam er von Bonn nach Günzburg, die Ehe war kaputt, diente höchstens noch zum schönen Schein während eines Wahlkampfes. Am Schluss stellt sich sogar heraus, dass seine „Tochter“ Ruth, die Mutter des Regisseurs, gar nicht seine Tochter sein konnte.

Bekannte von damals – auch eine Geliebte – berichten dem Regisseur, wie das damals alles war. Zu den Zeitzeugen gehört auch ein Stasi-Offizier, und da wird es interessant! Leo Wagner war nämlich in der DDR als informeller Mitarbeiter registriert, muss also mit dem kommunistischen Regime engeren Kontakt gehabt haben. Und natürlich bot die Stasi für gute Informationen Geld – und das konnte bei seinem Nachtleben Leo Wagner gut gebrauchen.

Es war die Zeit, in der Willy Brandt bei großer Zustimmung der sowjetischen Seite die neue Ostpolitik der Bundesrepublik einleitete. Die Opposition, also CDU und CSU, war strikt dagegen. Es wurde ein Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Brandt anberaumt. Die Opposition war sich nach den zuvor durchgeführten Befragungen sicher, dass sie gewinnen würde. Die Sache schlug fehl. Zwei CDU-Abgeordnete machten nicht mit. Einer von ihnen gab das später zu – doch wer war der zweite? War es Leo Wagner, der wie gesagt 50 000 DM bestens gebrauchen konnte?

Bewiesen wurde sein Verhalten nie, doch es bestand und besteht eine starke Vermutung.

Das alles wird hier sachlich, informativ und ausführlich dargestellt. Der Film wirft ein bezeichnendes Licht auf jene Epoche. Auf jeden Fall interessant. Man könnte einwenden, dass dies alles eher als Privatangelegenheit des Regisseurs und seiner Mutter gelten könnte. Doch es schildert auch sehr gut eine politisch für die Bundesrepublik überaus wichtige Zeit und Entwicklung.



Deshalb auf jeden Fall sinnvoll.




Hotel Auschwitz


von Cornelius Schwalm

(Déjà vu, Kinostart 17. Januar 2019)

Auschwitz, ein Name, der immer mit einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verbunden sein wird. Insofern wird auch die Erinnerung daran nicht vergehen.

Die Generation, die an Auschwitz schuld ist und alles noch direkt erlebt hat, gibt es fast nicht mehr. Aber deren Nachkommen leben natürlich noch – und müssen sich wohl oder übel damit auseinandersetzen. Es handelt sich keineswegs nur um etwas „Historisches“.

Wie sich mit dieser Dimension des Grauens beschäftigen? Wer hat dazugelernt und wer nicht? Ist die Welt besser geworden? Sind Unterdrückung und Machtmissbrauch verschwunden?

Martin, der Regisseur (Cornelius Schwalm), Sabine, die Hauptdarstellerin (Franziska Petri), Holger, ein Darsteller (Patrick von Blume), Matti der Assistent des Regisseurs (Jörg Kleemann), und Bronski, der Fahrer (Oli Bigalke), machen sich nach Auschwitz auf. Sie wollen an Ort und Stelle einen Film drehen.

Wie jetzt mit der Sache umgehen? Mit der todbringenden Rampe? Mit der teuflischen „Judengasse“ und den 200 000 ungarischen Juden, die 1944 umgebracht wurden? Mit den Krematorien? Mit dem Zyklon B? Mit der Tatsache, dass Firmen wie Thyssen-Krupp oder die IG Farben dabei waren? Mit der Tatsache, dass eine israelische Gruppe das KZ besucht?

Es ist ja in Zitaten zu hören, wie schlimm alles war.  Beispielsweise wie man als Häftling zum totalen Egoisten werden musste, darauf wartete, dass einer starb, um seinen besseren Schlafsack zu bekommen oder seine  Essensration verschlingen zu können.

Als Gegensatz dazu Auschwitz im Abendlicht und schönste Schubert-Musik.

Bald allerdings stellt sich heraus, dass das Filmexperiment offenbar doch nicht gelingt. Martin sagt, dass er keinerlei Gefühle habe und den Film wahrscheinlich abbrechen müsse. Sabine, die mit Holger ein Verhältnis hat (Er: „Ich liebe Dich. Ich will Deinen Schmerz auffangen“), sich aber auch von Martin verführen lässt, vermutet „Auschwitz in uns“. Bronski zweifelt an der Zahl der Getöteten. Matti, schon immer ein Außenseiter, verlässt eifernd und geifernd die Truppe.

Eine polnische Jüdin (Katharina Bellena) ist dazugestoßen. Sie erhält eine Rolle, feiert zuerst bei einer Party tüchtig mit, distanziert sich dann aber heftig, weil sie, deren Familie zu den Opfern der Nazis gehörte, nur einen positiven Part akzeptieren würde.

Zorn, Streit, Chaos.

Ein wichtiges Thema und ein durchaus positiver Umgang damit. Ein Low-Budget-Experiment mit viel gedanklicher wie filmischer Improvisation.

Am Schluss steht die Erkenntnis, dass der Mensch noch oft genug scheitert und ganz allgemein noch viel tun muss, damit die Dinge besser werden. „Alle sind Opfer und Täter zugleich“, wird dazu einmal gesagt.




Unzertrennlich


von Frauke Lodders

(Mindjazz, Kinostart 17. Januar 2019)

Die Familie ist eine schöne Gemeinschaft. Was aber, wenn Krankheiten oder sonstige Unglücksfälle das alltägliche Leben stören oder gar zerstören?

Von solchen Fällen ist in diesem sehr realistischen Dokumentarfilm die Rede.

Es sind Familien, in denen ein Kind nicht sprechen kann, chronisch krank oder geistig behindert ist;

in denen die Mütter deshalb oft mit einem Übermaß an beinahe schmerzlicher Liebe derart beansprucht sind, dass sie die Geschwister vernachlässigen müssen - wie hier im Falle der 20jährigen Svea, die sich bitter beklagt und die Eltern zu der Aussage veranlasst, dass sie in dieser Beziehung Fehler begangen haben;

in denen man tragischerweise mit dem frühen Tod des kranken Kindes rechnen muss;

in denen aus solchen Gründen auf vieles zu verzichten ist;

in denen krankheitsbedingt der Tod bereits eingetreten ist – wie hier im Falle des Mädchens Judith, an die ihr Bruder Max (mit Frau und Kind) täglich denkt und deren Kinderzimmer so erhalten geblieben ist wie es war, als sie noch lebte;

in denen der etwa 12jährige Gustaf, der gerade seine Konfirmation feiert, wegen der Erfahrungen mit dem Leiden seiner kleinen Schwester (und wohl auch mit der Trennung seiner Eltern) viel reifere Gedanken äußert, als man es andernfalls von ihm erwarten würde;

in denen neben den erlittenen Traumata oft sogar noch gesellschaftliche Benachteiligungen hingenommen werden müssen.

Es ist ein sensibler, authentischer Dokumentarfilm, der indirekt dazu auffordert, froh über die eigene Gesundheit und die der eigenen Familie zu sein, der aber auch dazu anregen könnte, an von einem Unglück betroffene Familien zu denken und ihnen vielleicht sogar in irgendeiner Form zu Hilfe zu kommen.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.


zum Download
Datum: 07.01.2019


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