Der Gilden-Dienst Nr. 05-2018
Playing God

Von Karin Jurschick

(RealFiction, Kinostart 8.Februar 2018)

Was ist ein Mensch wert? Ist eine Rasse mehr wert als die andere? Sind die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft mehr wert als die einer anderen? Was ist ein Arbeiter wert? Was ist ein Manager wert? Was ist ein Soldat wert? Was ist ein Gefangener wert?

Das sind problematische, nur scheinbar hypothetische, vermessene, unerlaubte Fragen – und doch  werden sie in bestimmten Situationen gestellt, müssen sie sogar bis zu einem gewissen Grade gestellt werden.

Es geht in diesem Falle um die Vereinigten Staaten.

Grob gesagt setzte der Kongress nach der Katastrophe vom 11. September 2001 einen riesigen Entschädigungsfonds ein, um damit den Opfern und Hinterbliebenen zu Hilfe zu kommen. Wie aber die Verteilung vornehmen? Was verdiente beispielsweise ein Feuerwehrmann, der umkam? Wie alt war er? Wie lange hätte er noch in dem Beruf gearbeitet? Was hätte er Zeit seines Arbeitslebens verdient? Und das galt natürlich für alle der beinahe 3000 Toten. Sollte etwa der einfache Arbeiter weniger erhalten als zum Beispiel der Chef eines Unternehmens?

In den Genuss einer Entschädigung konnte kommen, wer auf ein gerichtliches Verfahren verzichtete. Aber ist der Wert eines geliebten verlorenen Menschen überhaupt mit Geld aufzuwiegen?

Hier das Gesetz zu befolgen, hier Gerechtigkeit zu erreichen, hier die Hinterbliebenen aufzusuchen, hier die Opfer zu berücksichtigen – eine nahezu unlösbare Aufgabe!

Ein Mann musste gefunden werden, der entschied. Es war der erfahrene Jurist Ken Feinberg, ein gescheiter, umsichtiger, integrer, charismatischer Mann. Trotzdem wurde er im Laufe der Jahre auch immer wieder persönlich hart angegriffen.

Auf diese Weise entschieden werden musste –zum Teil bereits früher- auch im Falle der großen BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und der dadurch geschädigten Fischer; im Falle  Tausender von Vietnam-Soldaten, die wegen des damals verwendeten Entlaubungsmittels Agent Orange schwer erkrankten; im Falle verschiedener Amokläufe oder Attentate wie z.B.in Boston; im Falle des Wall Street-Crashs von 2008/2009; nicht zuletzt im Falle des drohenden Bankrotts des US-Rentensystems.

Minutiös dokumentiert der Film die riesigen Auswirkungen eines solchen unmenschlichen Dilemmas, indem so viele steckten oder noch stecken.

Hier geht es um die Vereinigten Staaten. Aber ist so etwas nicht überall möglich?

Ein Film, der sehr nachdenklich macht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Wind River

Von Taylor Sheridan

(Wild Bunch, Kinostart 8. Februar 2018)

Ein abgelegenes ärmliches Indianer-Reservat in Wyoming. Ein Puma hat ein Pferd gerissen. Also wird der mit der Indianerin Wilma verheiratete Fährtenleser und Jäger Cory Lambert, der einzige Weiße, der im Reservat diese Tätigkeit ausüben darf, damit beauftragt, den Puma unschädlich zu machen. Doch was er findet ist nicht das Tier sondern die Leiche einer Frau.

Die Gegend ist kalt, eisig, schneebedeckt, gebirgig. Die Spuren weisen darauf hin, dass die junge Frau, Natalie, vor etwas geflohen sein muss. Mit der Zeit jedoch führte die eisige Luft in ihren Lungen zum Tode.

Die indianischen Eltern der Toten sind am Boden zerstört. Lambert empfindet dies nach, denn er hat selbst vor Jahren seine geliebte Tochter Emily unter ungeklärten Umständen verloren.

Das FBI wird in Gestalt der beruflich noch etwas unerfahrenen Jane Banner zugezogen. Lambert soll sie unterstützen. Nur langsam, nach manchen Irrtümern, ergeben sich endlich stichhaltige Verdachtsmomente. Sie führen zu einem nahe gelegenen Bohrgelände, wo viele Männer, Weiße wie offenbar auch Indianer, arbeiten. Der Focus wird gefunden. Natalie war mit einem der Arbeiter liiert. Von Kollegen werden die beiden überrascht. Es kommt zuerst zu vulgären Bemerkungen, dann zum Streit, zum Kampf, schließlich zu einer Schießerei, bei der viele zu Tode kommen, auch Natalie, die zuvor vergewaltigt wurde.

Es ist Cory Lambert, der sich auf den Weg macht, den flüchtigen Vergewaltiger zu stellen. Dieser erhält die gleiche Chance wie zuvor die fliehende Natalie. Sie ist gleich null.

Ein sehr kraftvoller, das übliche Milieu außer Acht lassender Independent- Film. Die Handlungsidee (Sheridan ist auch der Drehbuchautor), die Dramatisierung, die Landschaft und die dazugehörige Atmosphäre, die Kamera- und Lichtarbeit, die trauernden Worte von Cory Lambert sowie von Natalies Eltern um die verlorenen Kinder, das Spiel der Darsteller, vor allem dasjenige von Jeremy Renner als Lambert – das alles ist stimmig und künstlerisch sehr beachtlich. Nur die Rache-Schießerei an den Bohrtürmen erscheint reichlich übertrieben.

Regie-Preis bei Un Certain Regard in Cannes.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Freiheit

Von Karin Jurschick

(RealFiction, Kinostart 8. Februar 2018)

Nora ist Anwältin, ihr Mann Philip ebenfalls. Er vertritt einen offenbar von einem deutschen Rechtsradikalen bewusstlos geschlagenen Schwarzen. Auch zwei Kinder sind da: Lea und Jonas.

Eigentlich müsste alles funktionieren. Die Verständigung zwischen den Eltern ist zwar nüchtern, doch trotzdem klappt es. Die ältere Lea spielt Cello, der jüngere Jonas ist ein schöner blonder Lockenkopf.

Nora scheint mit einem solchen Familienleben abschließen zu wollen. Offenbar will sie „Freiheit“. Wieviel Freiheit braucht der Mensch? Ohne geht es gar nicht – doch was ist, wenn es eigentlich mit der Familie, den Freunden und der Arbeit gut gehen soll?

Nora geht trotzdem! Sie will neu anfangen, sich von Abhängigkeit lösen. Mit dem nächstbesten Kerl liegt sie im Bett, wird von ihm sogar noch bestohlen. Dann irrt sie lange umher, trampt von Wien nach Bratislava (Pressburg), wo sie sich mit einer jungen Frau (und deren Familie) anfreundet, die auf offener Bühne Sex „performt“. Noch immer sucht sie, erlebt Unerwartetes. Aus Amsterdam komme sie, sagt sie, eine glatte Lüge. Sie hat sich gestylt, sieht anders aus als früher. Dann sieht man sie als Zimmermädchen in einem Hotel arbeiten, in dem, wie sie erfährt, schon Elisabeth II. und Wladimir Putin nächtigten.

Ihre Unruhe innere wie äußere Unruhe ist immer zum Greifen nahe.

Unterdessen kümmert sich der gefühlsmäßig verletzte Philip um die Kinder. Mit einer Freundin ist er ausgerechnet dann erotisch zu Gange, als Lea nach Hause kommt und die beiden sieht. Ob Nora je wiederkommen wird, weiß er nicht. „Ihre Freiheit ist für mich eine Fessel“, heißt es bei ihm.

Was wird aus Nora? Nicht ausgeschlossen, dass sie sich sogar das Leben nimmt.

Ein filmisch meist anschaulicher und mit dieser Hauptdarstellerin auch eingängiger Versuch, die mögliche psychologische Verfassung einer Frau unserer Zeit, zu der in diesem Falle auch Wurzellosigkeit und Leere gehören, zu hinterfragen, zu demonstrieren und auf den Prüfstand zu stellen.

Das Gelingen ist zum großen Teil auf die Leistung der Darstellerin Johanna Wokalek zurückzuführen.

Im Arthouse-Bereich möglich.



Big Time

Von Kaspar Astrup Schröder

(Salzgeber, Kinostart 8. Februar 2018)

Architektur ist eine Kunst wie jede andere. Wie viele herrliche Bauwerke, Paläste, Kirchen, Residenzen aus der Vergangenheit gibt es!

Aber auch in der jüngeren Zeit wurden bedeutende Fortschritte gemacht. Denken wir nur an Klenze, Semper, Gaudi, Le Corbusier oder die Bauhaus-Gemeinde, Männer, die die Zeit und die Welt bis zu einem gewissen Grade verändert haben. Und wer dominiert heute? Einer davon ist der Däne Bjarke Ingels, und von ihm ist in diesem Film die Rede.

Man kann, man muss ihn zu einem der wichtigsten Architekten der Gegenwart rechnen. Mehre Jahre verfolgte Kaspar Astrup Schröder ihn und seine Arbeit.

Natürlich lenkte er schon im heimatlichen  Kopenhagen die Aufmerksamkeit auf sich, etwa mit den außergewöhnlichen  Mountain Dwellings oder dem Müllheizkraftwerk mit den „Rauchringen“. Sehr bald wurde klar, dass seine Ideen neu, kreativ, geistreich und auch kompromisslos sind. Doch er hatte auch viele technische und juristische Schlachten zu schlagen.

Sogar die Königin kam dann zu Eröffnungen. Amerikanische Zeitschriften krönten ihn gar zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Bald wurde klar, dass er nicht im heimatlichen Dänemark würde gehalten werden können. Die halbe Welt wurde sein Arbeitsfeld, und natürlich vor allem das „skandiamerikanische“ New York – dort in erster Linie das Aufsehen erregende Two World Trade Center und der prächtige Bau VIA 57 West.

Auf sympathische Weise verfolgt der Regisseur dieses Dokumentarfilms den charismatischen Kerl, der seit dem Beginn dieses Jahrtausends also mehrere berühmt gewordene Bauten erstellte. Auszeichnungen und Preise gab es schon viele. Dabei wollte Bjarke Ingels ursprünglich nicht Architekt sondern Comics-Zeichner werden.

Er ist bei weitem nicht nur Architekt, sondern vor allem auch Mensch, verantwortlich für die vielen Mitarbeiter der Bjarke Ingels Group (BIG). Wenn der Vierzigjährige zu viel unterwegs ist, kann der Umsatz schwanken oder können die Aufträge ausbleiben; das sind Sorgen.

Ein Drama: Bjarke litt an einer Gehirnerschütterung, die ständige Kopfschmerzen hervorrief. Also mussten Gehirn-MRT-Scans angefertigt werden. „Es ist unmöglich, nicht denken zu können, lieber würde ich einen Arm verlieren“, sagt er.

Gottlob ging alles gut aus.

Und noch etwas: Ein Mann mit 40 könnte auch einmal an eine Partnerschaft und an die Liebe denken. Gesagt, getan. Er hat seine Ruth gefunden, eine Spanierin, die er offensichtlich sehr liebt.

Es ist erzählerisch und auch bildlich ein interessanter und aufschlussreicher Film geworden. Man wird Ingels natürlich nicht beneiden können. Aber einem selbst kann ein solches Dokument schon einen gewissen Auftrieb geben.

Insofern Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Dinky Sinky

Von Mareille Klein

(Koryphäen Film, Kinostart 8. Februar 2018)

Frida ist eine hübsche Frau, 36 Jahre alt, Sportlehrerin von Beruf. Wie viele Frauen wünscht sie sich sehnlichst ein Kind. Mit ihrem Freund Tobias versucht sie dies schon zwei Jahre lang. Keine Chance. Als Frida immer mehr darauf drängt und es Tobias zu viel wird, haut er ab. Und nach nicht allzu langer Zeit hat er schon eine neue Freundin.

Frida muss es auf andere Weise versuchen. Sie findet im Internet zwei Typen, doch sie kommen beide nicht in Frage. Einer ist der Vater von nicht weniger als drei Kindern und hat sich angeblich gerade von seiner Frau getrennt.

Was nützt es, wenn sie in einem Geschäft Kinderwägen anschaut aber kein Kind hat!

Fridas Mutter Brigitte hat sich einen neuen Freund geangelt, den Hartmut. Einen glänzenden Eindruck macht der allerdings nicht. Außerdem, ist Brigitte bereits seine vierte Frau. Für umfassende Untersuchungen und Operationen, etwa in der „Kinderwunschklinik“, bräuchte Frida von ihrer Mutter einen Kredit. Aber daraus wird nichts.

Schmerzlich muss sie zusehen, wie die jungen Frauen ihrer Umgebung Kinder auf die Welt bringen, Kindergeburtstage feiern können. Nun wird sie auch noch von ihrer besten Freundin enttäuscht.

Wird sie es zur Not mit einer Samenbank versuchen?

Mit ihrer Befindlichkeit steht es inzwischen nicht mehr besonders gut. Auch in der Schule nicht, als sie bemerkt dass sich Schüler an ihren intimen Daten zu schaffen gemacht haben und sie an einem Elternabend nicht einmal Unterstützung erfährt.

Wenigstens hilft ihr der Sport. Sie nimmt an einem Stadtmarathon teil.

Und sie darf und wird wohl auf keinen Fall aufgeben.

Die Autorin und Regisseurin konzentriert sich gänzlich auf den Kinderwunsch, auf den Charakter, auf den psychologischen Zustand, auf das Verhalten, auf die Enttäuschungen, auf die Fehler und auf die unmittelbare Zukunft Fridas.

Sie tut dies mit sehr viel gutem und richtigem Gespür. Auf jeden Fall eine eindrucksvolle Charakterstudie.

Dazu kommt, quasi als zweiter Pluspunkt, dass neben Till Firit (Tobias), Ulrike Willenbacher (Mutter Brigitte) und Michael Wittenborn (Hartmut) die schöne Katrin Röver als Frida ihre Rolle wunderbar und im Gedächtnis haften bleibend ausfüllt.    




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Datum: 29.01.2018


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