Der Gilden-Dienst Nr. 05-2019


Frühes Versprechen


von Eric Barbier

(Camino, Kinostart 7. Februar 2019)

Romain Gary war eine ziemlich schillernde Figur: Schriftsteller unter mindestens vier Namen, Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Kriegsteilnehmer, Pilot, Diplomat. Zweimal war er verheiratet, mit 66 Jahren nahm er sich das Leben. Er schrieb eine ganze Reihe von Romanen, um die Autobiographie „Frühes Versprechen“ (La promesse de l'aube) geht es hier.

Geboren ist er im baltischen Vilnius, der Vater verließ die Familie, als Romain noch ein Kind war. Sehr bald finden wir ihn mit seiner Mutter Nina in Frankreich. Rasch fällt auf, dass sie in seinem ganzen Leben eine dominierende Stelle einnehmen wird. Als ärmliches Kind wird er beispielsweise gezwungen, ein Instrument zu erlernen, und als das nicht klappt, soll er sich schriftstellerisch betätigen; ein Tolstoi soll er werden, meint die Mutter.

Dann Studium und im Zweiten Weltkrieg bald Widerständler sowie in Afrika und England Kämpfer (u.a. bei de Gaulle) gegen die Deutschen. Später Weltreisender und Diplomat. Unter anderem in zweiter Ehe verheiratet mit Jean Seberg.

Sehr ausführlich, lebendig und schillernd wird dieses Leben mit all seinen Szenen und Zeitabschnitten, mit all seinen Schauplätzen und Milieus geschildert. Romain brachte es zu einer überaus angesehenen Persönlichkeit, und dahinter standen, abgesehen vom eigenen Talent und der eigenen Willenskraft, zwei Dinge: der auf Romain Gary übertragene übergroße Ehrgeiz der Mutter und die übergroße Liebe der Mutter zu ihrem Sohn.

Dafür wurden zwei Schauspieler gefunden, die höchstes Lob verdienen. Selten sah man Charlotte Gainsbourg so gut. Wie sie diese ihr ganzes Vorstellungsvermögen und ihre ganze Kraft ihrem Romain widmende Frau spielt, ist stellenweise überwältigend.

Für den vor allem aus „Frantz“ von Francois Ozon bekannten Pierre Niney als Romain gilt genau dasselbe.

Diese äußerst interessante Lebensgeschichte ist auf einem sehr hohen künstlerischen Niveau filmisch nachgezeichnet.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Glück ist was für Weicheier


von Anca Miruna Lazarescu

(Concorde, Kinostart 7. Februar 2019)

„Es ist ein Film über Hoffen und Bangen und Lieben und Scheitern“, heißt es in einem Interview mit der Regisseurin.  Und das trifft es etwa.

Eine kleine Familie. Der Vater, Stefan Gabriel, der seine Frau und die Mutter der Kinder früh verlor, ist von Beruf Bademeister. Aber er hat auch einen Nebenberuf – und keinen gewöhnlichen: Er ist ehrenamtlich Sterbebegleiter und sich dieses Amtes voll bewusst; seine Gedanken und Gespräche kreisen nicht selten um den Tod. Man sieht ihn unter anderem bei einem Sterbenden, der sich originellerweise in seinen letzten Lebensstunden eine Haushaltsmaschine angeschafft hat.

Die älteste Tochter, Sabrina, eine besondere Schönheit, ist verliebt und lebenslustig – aber schwer krank, todkrank, wie man erfahren muss. Sie lebt denn auch nicht mehr lange.

Die Jüngste ist Jessica, ein ziemlich besonderes Stück. In der Schule hat die Englischlehrerin Schwierigkeiten mit ihr, die Jungens sowieso. Jessica leidet unter bestimmten Ticks, vor allem unter einer starken Zwanghaftigkeit. Deshalb muss sie zum Psychologen. Der rät ihr zu einem Tagebuch, einem „Zwang-Buch“ sozusagen, bringt ihr aber auch bei, wie man sich einen Mann angelt. Deshalb lässt sich Jessica über Sexualität aus – obwohl zwölfjährig und deshalb sicherlich nicht genau wissend, worüber sie spricht.

Sie liebt ihre Schwester Sabrina über alle Maßen. Die Trauer ist groß, als diese sterben muss. Immerhin spürt man, wenn sie am Schluss mit ihrem Vater allein am Esstisch sitzt, dass die Hoffnung nicht ganz verloren ist.

Der Tod wartet immer hinter einer Wand. „Er gehört zum Leben“, sagt Stefan einmal. Und es bleibt hier auch nicht bei der Theorie. Die in dem Film zum Ausdruck kommende Psychologie ist keineswegs falsch. Es geht im Leben ja nicht nur lustig zu. Man kommt aus einem lebensnahen, ziemlich professionell gestalteten, menschlich ansprechenden Film – doch wie gesagt auch mit dem Bewusstsein, dass jederzeit Schluss sein kann.

Es darf nicht vergessen werden zu erwähnen, wie überaus gut die junge Ella Frey ihre Rolle der Jessica spielt! (Martin Wuttke die seine als Vater übrigens auch.)

Leben und Tod – hier so nahe beieinander.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.


Generation Wealth


von Lauren Greenfield

(JIP-Film, Kinostart 31. Januar 2019)

Lauren Greenfield, die Regisseurin dieses Dokumentarfilms, ist Fotografin. Neben dem erstaunlichen Ergebnis ihrer Arbeit hat sie ein paar persönliche Probleme: Sie arbeitet zu viel; sie ist in der ganzen Welt tätig, demnach oft von ihrer Familie weg; sie hat fast eine halbe Million Bilder geschossen, eigentlich eine Überforderung; sie hat, weil sie ihren Sohn so oft allein ließ, Gewissensbisse; sie hat erst nach Jahrzehnten das Verhältnis zu ihrer Mutter klären können. Usw.

Doch sie fand für ihre jahrelange künstlerische Arbeit ein Thema, dass über ihr Land, also die USA und vor allem Kalifornien, sehr, sehr viel aussagt: Das Geld, der Reichtum, die Gier, der Luxus, der Ruhm, der Kapitalismus, die Macht des Geldes, der „rote Teppich“.

Beispiel 70er Jahre. Bei vielen – natürlich gab es auch viele andere – galt reich zu werden als oberstes Ziel. Der Goldstandard wurde aufgelöst und Geld in Mengen gedruckt. Es musste kein amerikanisches Auto sein sondern ein Mercedes oder ein BMW. Stars von Hollywood und Las Vegas galten als Vorbild. Sich alles leisten zu können war wichtig. „Viel ist gut, mehr ist besser“. Mit Pornographie waren Millionen zu machen. Mit Bauspekulationen (auf Kosten anderer) ebenso. Man wollte „leben wie im Film“. Nur die Rendite zählte. Durchschnitt war keine Option. Jetzt sprießten teure Schönheitsoperationen. Nun wurde „die Seele an den Teufel verkauft“. Sex galt als „Erweiterung des Handels“. Der Konzernkapitalismus dominierte.

Es galten die Extreme und Exzesse, die Illusionen und Obsessionen, der Narzismus und das Chaos – und natürlich auch die Dummheit und die Lächerlichkeit!

Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. 2008 kam die Bau- und Bankenkrise. „Der Kapitalismus hat die Kultur zerstört“, wurde gesagt. „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst“. Die Protagonisten dieses Films (z.B. ein halbkrimineller Spekulant, eine Provinzlerin, ehemals Busfahrerin, die sich zum Pornostar machen ließ, eine Mutter, die ihr dreijähriges Kind quasi als modisches Ausstellungsstück freigab, usw.), die jegliches normale Maß hatten vermissen lassen, kehrten um! In diesem Film gibt es dazu beeindruckende Beispiele.

Wie gesagt: Es handelt sich hier, wohl absichtlich und um seine Wirkung nicht zu verfehlen, um ein eindimensionales  Bild – das jedoch keineswegs ohne wahre und echte Wurzeln ist.

Lauren Greenfield hat das mit Intelligenz und größtem filmischem Geschick abgeliefert, und es ist auf jeden Fall Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Big Fish & Begonia


von Chun Zhang und Xuan Liang

(Universum, Kinostart 3. Februar 2019)

Die menschliche Welt und offenbar innerhalb dieser eine mystische Parallelwelt. Letztere will Chun als sie 16 ist endlich erkunden. Nach einer bestimmten Zeremonie kann sie als Fisch das tun.

Doch dann verfängt sie sich bei einem heftigen Strudel in einem Fischernetz. Gottlob ist da Kun. Der Junge rettet Chun, kommt dabei aber ums Leben. Chun ist von Kuns Hilfsbereitschaft und Mut derart gerührt, dass sie plant, ihm auf eine gewisse Weise das Leben zurückzugeben. Das jedoch ist keineswegs einfach. Sie muss dafür nämlich zumindest einen Teil ihres eigenen Lebens opfern. Außerdem muss sie Kun, der die Gestalt eines kleinen Delphins hat, erst großziehen.

Komplikationen gibt es dabei genug. Chuns Freundin Qiu spielt dabei ebenso eine Rolle wie ein Seelenverwalter, Ratten ebenso wie Schlangen. Es ist eine Art dauerndes Wechselspiel zwischen der mystischen und der Menschen-Welt. Geistige Grundlage sind anscheinend vor allem mehrere chinesische Mythen, dazu gesellt sich sowieso eine lebhafte Fantasie. Vom Formalen einmal abgesehen, ist das alles für den Betrachter nicht so ganz einfach  mitzuvollziehen.

Menschlich logisch, dass Chun und Kun am Ende eine wahre Freundschaft verbindet. Aber es kommt auch der Moment, an dem die Trennung unumgänglich wird.

Visuell ist der Film ein wahres Fest. Durchgehend eine  großartige Animation. Wilde, farbige, poetische Gemälde entstehen. Eine wirklich kreative Sache. Und ständig ein mächtiger Sound.

Üblicherweise sind Animationsfilme auch und oft in erster Linie für Kinder gedacht und gemacht. Das ist hier aber nicht der Fall.

Dennoch: Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





 



 

 







 



 








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Datum: 28.01.2019


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