Der Gilden-Dienst Nr. 06-2018
Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Von Guillermo del Toro

(Fox, Kinostart 15. Februar 2018)

Liebesgeschichten gibt es wie Sand am Meer. Wenn aber Guillermo del Toro daran geht, eine zu erzählen, dann kann man sich schon auf etwas gefasst machen. Und so ist es denn auch.

60er Jahre. Es ist die Zeit, in der die amerikanischen Autos der bekannten Marken beinahe Zimmergröße haben. Der Kalte Krieg herrscht. Regierungsfunktionen müssen also im Geheimen stattfinden. Allerhand gedankliche und materielle, vor allem auch militärische Experimente werden durchgeführt, denn man will ja einen Vorsprung vor dem Gegner herausarbeiten.

Im untersten Untergrund des OARC-Labors, um das es hier geht, arbeiten Eliza und Zelda. Sie sind für die Reinigung zuständig, verstehen sich bestens. Zelda plaudert unentwegt, Eliza ist stumm.

In einem riesigen mit Wasser gefüllten Bottich wird aus dem Amazonas ein dort als Gott verehrter Amphibienmann als neues Versuchsobjekt angeliefert. Wie experimentiert werden soll, ist noch geheim. Eliza aber spürt, dass der Amphibienmann nicht nur gottähnlich sein kann, sondern dass er auch ein halb leidendes, halb monsterähnliches Wesen ist, das vielleicht der Hilfe, vielleicht der Liebe bedarf. Ein paar mit Eliza befreundete Kollegen sind zusammen mit ihr bereit, das mysteriöse Wesen zu ernähren, zu beschützen, notfalls zu befreien – und, im Falle von Eliza, zu lieben, auch wenn sie ursprünglich von Furcht davor erfüllt war. Also geht es hier wieder einmal um „Die Schöne und das Biest“.

Del Toro machte daraus eine rührende Liebesgeschichte, die vor allem von Sally Hawkins als Eliza wunderbar zum Ausdruck gebracht wird.

Natürlich wird um das fremdartige Wesen zwischen den Amerikanern und den Russen auch gekämpft – ein angeblicher Chef ist nichts anderes als ein Spion! Also fehlen letztlich auch Kalter-Kriegs-Konfrontation, Verrat, Verwundete und Tote keineswegs.

Das Herausragende an diesem Film ist jedoch die Inszenierung, sind die vielen Ideen, ist die Schilderung der Zeit, ist die Mischung aus Realem und Irrealem, sind die alten Musical- und Tanzszenen, ist das Schauspielerteam, ist die Poesie, ist der Vergleich der Kraft des Wassers mit der Kraft der Liebe, sind die Farben und Bilder, ist die Romantik, ist die Sensibilität, ist das Füllhorn voller Originalität im Vergleich zu Dutzenden anderen Filmen.

Ein inszenatorisches Experiment, aber ein Besonderes. Auszeichnungen gab es übrigens schon genug. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Alles Geld der Welt

Von Ridley Scott

(Tobis, Kinostart 15. Februar 2018)

Die Entführung des Enkels Paul von John Paul Getty in Rom im Jahre 1973 gilt noch immer als einer der spektakulärsten Fälle in der Verbrechensgeschichte. Die kalabrischen Kriminellen forderten anfangs nicht weniger als 17 Millionen Dollar – von einem der reichsten Männer der Welt.

Getty war nicht aus Zufall reich. Er arbeitete bis ins hohe Alter hart, war in wirtschaftlichen Verhandlungen äußerst geschickt, war führend im Erdölgeschäft, hatte wohl auch Glück. Seine Kunstsammlungen waren ebenso berühmt wie sein Geiz. Und er wollte mehr, immer mehr.

Da neben Paul noch 13 weitere Enkel zu seinem Clan gehörten, weigerte er sich hartnäckig, Lösegeld zu zahlen. Er meinte, wenn er das täte, käme es nur zu weiteren Erpressungen. Also blieb Paul gefangen – fünf Monate lang.

Für den dem Verbrechen zum Opfer gefallenen Sohn kämpfte mit allen Mitteln in erster Linie seine (von ihrem Mann getrennte) Mutter Gail. Als Hilfe stand ihr, immerhin vom alten Getty beauftragt, der frühere Geheimdienstmann Fletcher Chace zur Verfügung, und nach langer Zeit gelang schließlich auch die Befreiung des Entführten.

Lange war Paul gefangen. Er vegetierte in einem Käfig dahin, dann wurde er „verkauft“, ihm wurde aus Rache für die Zahlungsverweigerung ein Ohr abgeschnitten. Wenigstens stellte sich einer seiner Wächter langsam auf seine Seite. Und so gelang denn dem Jungen, erst 16 Jahre alt, nach einem Polizeieinsatz auch die Flucht.

Entscheidend für diesen Film ist nicht die Tatsache, dass der schlimme Kasus nach vielen Jahren noch einmal hervorgekramt wurde. Entscheidend ist die Inszenierung, und die stammt eben von keinem Geringeren als von Ridley Scott. Da stimmt alles: die Schilderung der Epoche, das Tragische des Verbrechens (etwa mit dem abgeschnittenen Ohr), die Anordnung der Chronologie, die durchgehende Dramatik, die reichhaltige Ausstattung, der überzeugende Realismus, die ständige Spannung, das Schicksal des Entführten, der Kummer der Mutter.

Ein weiterer Clou: die Darsteller. Ridley Scott kann sich die Schauspieler natürlich aussuchen. Und er tat gut daran, für die Rolle der Mutter Michelle Williams, für die des Fletcher Chase Mark Walberg und für die des John Paul Getty Christopher Plummer (ursprünglich Kevin Spacey) auszuwählen. Das Trio ist darstellerisch sensationell. Vor allem bei Christopher Plummer bleibt einem die Spucke weg.

Ein Spitzenfilm. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Die Grundschullehrerin

Von Hélène Angel

(Alamode, Kinostart 15. Februar 2018)

Die schulischen Verhältnisse haben sich geändert: die Schüler, die Lehrer, die Schulen selbst, die Art und Weise, wie Schüler und Kinder heute erzogen werden. Wie bei den Schülern gibt es bei den Lehrern solche und solche.

Florence ist Mitte 30, geschieden, Grundschullehrerin. Sie lebt mit ihrem 10jährigen Sohn Denis zusammen und hat sogar das Privileg, in der Schule oberhalb der Klassenzimmer wohnen zu können.

Lehrerin ist sie aus Leidenschaft. Eine Idealistin.

Sie hat eine Klasse sehr junger Schüler, und das macht die Sache nicht gerade einfach: Unaufmerksamkeit, Streit, Streiche, Lärm ohne Ende, Chaos. Aber sie hilft den Kleinen auf beispielhafte Weise. Sogar die griechische Mythologie wird dazu spielerisch bemüht. Ein Theaterstück um Hephaistos, Gaia, Zeus und Hera wird eingeübt.

Sacha wird in ihre Klasse gebracht. Ein Problemkind, bei dem man die Ungepflegtheit sieht und riecht. Seine Mutter kümmert sich nämlich seit langem nicht im Geringsten um den Buben und ist auch nicht erreichbar. Entsprechend problematisch und sogar böse verhält Sacha sich. Einmal rastet er gefährlich aus, schlägt wild um sich.

Ein Notfall fürs Jugendamt?

Wenigstens kümmert sich Mathieu, ein Ex-Freund von Sachas Mutter, um das Kind. Und Florence tut desgleichen, lässt ihn sogar bei sich wohnen. Das wiederum macht Denis neidisch, so sehr, dass er sich wünscht, mit seinem Vater ein Jahr zu verreisen. Besondere Aufmerksamkeit und Fürsprache wdmet Florence der Autistin Charlie.

Für Florence wird dann doch alles ein wenig zu viel. Sie verliert langsam ihre Kraft, stößt an ihre Grenzen. Zudem gibt es Streit mit den Kollegen – und dann auch noch mit Mathieu, obwohl da schon ganz schön gemeinsame Sympathie aufgekeimt war! Geht die Motivation verloren?

Nicht bei Florence.

Eine Regie-Meisterleistung, wie diese überbordenden Kinder inszenatorisch geführt wurden. Und ein sehr schönes Charakterbild von einer Lehrerin. Wie Florence müssten sie alle sein!

Sofort entsteht Sympathie für Sara Forestier, die diese Lehrerin so gut verkörpert. Auch Vincent Elbaz, der Zukünftige von Florence, macht seine Sache glänzend.

Ein sehr schöner und beispielhafter Film. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Luna

Von Khaled Kaissar

(Universum, Kinostart 15. Februar 2018)

Über Geheimdienste, beschönigend Nachrichtendienste genannt, verfügen alle Staaten. Sie bespitzeln sich in der Regel auf Teufel komm raus. Problematisch wird es allerdings, wenn einer zum Spion wird oder die Seiten wechselt.

Um derlei geht es in diesem Film. Vorbild ist ein tatsächlicher Fall.

Jakob und Julia, die Eltern, wollen mit ihren jungen Töchtern Luna und Leni zur Erholung in die Berge in eine an einem See gelegene Hütte fahren. Die Familie freut sich, die Stimmung ist bestens, die Erwartungen sind hoch. Voller Gefühl sagt der Vater zu Luna, die müsse wissen, dass er nichts auf der Welt mehr liebe als seine Familie. Warum sagt er das?

Ahnt er etwas?

Es dauert nicht lange, bis das Unglück geschieht. Killer tauchen auf, töten auf brutale Weise Jakob, Julia und die kleine Leni. Zum Glück kann Luna nach einer dramatischen Flucht entkommen.

Was ist da los? Langsam kommt man dahinter. Jakob war russischer Geheimdienstler, der 20 Jahre lang in Deutschland arbeitete, dann aber ausstieg, um seine Familie zu schützen, und natürlich deshalb von Moskau verfolgt wurde – nicht nur verfolgt sondern eben „erledigt“.

Gottlob wird Luna von Hamid, einem Freund ihres Vaters, gerettet. Dummerweise telefoniert sie in Hamids Wohnung mit ihrer Freundin Charlie, was den Killern die Möglichkeit gibt, sie digital aufzuspüren. Klar, dass es jetzt für sie und auch für Hamid hochdramatisch und gefährlich wird. Aber Luna resigniert nicht etwa, sie gibt sich nicht zufrieden – bis die Killer das Zeitlich gesegnet haben.

Ganz gut, einmal zu erfahren, wie es bei den Whistleblowern, den Spionen und den Geheimdienstlern so zugeht, auch wenn es hier nur Kino ist. Immerhin liegen reale Erkenntnisse zugrunde. Weiter ist zu bemerken, dass Inszenierung, Milieuzeichnung und Kameraarbeit gelungen sind und dass die junge Lisa Vicari ihre Rolle als Luna ganz ausgezeichnet meisterte.

Im Arthouse-Bereich gut möglich.






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Datum: 05.02.2018


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