Der Gilden-Dienst Nr. 06-2019


Club der roten Bänder – Wie alles begann


von Felix Binder

(Universum, Kinostart 14. Februar 2019)

Das Prequel zu einer bekannten und beliebten TV-Serie. Deshalb auch der Titelzusatz „Wie alles begann“.

Es geht um die Jugendlichen Leo, Jonas, Emma, Alex, Hugo und Toni – um ihr Leben, ihre Schwierigkeiten, ihre Krankheiten, aber auch um ihre Freundschaft, ihre Zuversicht, ihren Kampf trotz aller Hindernisse zu bestehen.

Im Vordergrund steht Leo, ein sympathischer Bursche, der jedoch eines Tages die Nachricht erhält, er habe Knochenkrebs. Es gibt keine andere einigermaßen sichere Möglichkeit als ein Bein zu amputieren. Auch die Lunge ist etwas später absolut nicht in Ordnung. Also ab in die Kölner Albertus-Klinik.

Leos Bettnachbar ist Benni. Der gibt sich zuerst schroff und patzig. Mit der Zeit wird er immer verträglicher, am Ende sind Benni und Leo wahre Freunde. Wie es ihm wirklich geht, verrät der todkranke Benni nicht. Vielmehr hält er kämpferisch an der ihm noch verbleibenden Zeit fest, gibt sich gut gelaunt und witzig, reißt den zuweilen mutlosen Leo mit sich - eine Haltung, die letzten Endes viel zur später wirklich gelingenden seelischen Gesundung Leos beiträgt.

Gesünder werden müssen auch die übrigen Mitglieder des „Clubs der roten Bänder“, Emma, die an Magersucht leidet, Jonas, der ebenfalls an Krebs erkrankt ist, Toni mit seinem Asperger-Syndrom, Hugo, der schon lange im Koma liegt, aber auch Alex, dessen Verhalten sehr problematisch wird, als er erfährt, dass sein Vater ein Verhältnis mit seiner Lehrerin hat.

Lebendig, emotional und sympathisch werden diese Jugendlichen und die Umstände, unter denen sie leben (oder leben müssen) gezeigt. Ein sehr positives Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf (auf der Grundlage eines autobiographischen Berichts von Albert Espinosa) liegt zugrunde.

Jürgen Vogel (Benni), Tim Oliver Schultz (Leo), Damian Hardung (Jonas), Ivo Kortlang (Toni), Timur Bartels (Alex), Luise Befort (Emma) und Nick Julius Schuck (Hugo) spielen drauflos, dass es eine Freunde ist.

Damit verbunden kein unwichtiger Aufruf an junge Menschen: bleibt mutig; die Zukunft liegt vor euch; gebt nicht auf; kämpft weiter: ihr könnt gewinnen: riskiert gegebenenfalls etwas!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Hotel Jugoslavija


von Nicolas Wagnières

(déjà vu, Kinostart 21. Februar 2019)

Der Balkan ist wie eh und je ein unruhiges Gebiet. Seit dem Bosnien-Krieg in der ersten Hälfte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist die Lage zwar besser geworden, aber wirklich gut ist sie nicht. Noch immer sind internationale Armee-Einheiten dort stationiert, um den Frieden zwischen den Bevölkerungsgruppen einigermaßen aufrecht zu erhalten.

Der Regisseur dieses Dokumentarfilms hat seine familiären Wurzeln auf dem Balkan, lebt jetzt jedoch seit langem in Westeuropa. Trotzdem blickt er mit Wehmut auf das Land, das Land seiner Mutter, in dem er als Kind in den Städten, an den Küsten, mit den Felsen, mit den Fischen, mit den Dinaren und mit Tito seine Ferien verbrachte.

Angelpunkt für seine Schilderungen ist das damals größte, heute zerfallene Hotel auf dem Balkan, das „Hotel Jugoslavija“ mit 3000 Gästen bei der Eröffnung, mit 300 Zimmern, mit 1000 Betten, mit Stars, Sportlern oder Touristen aus allen Nationen. Immer wieder gibt es lange Kamerafahrten durch das nunmehr absolut trostlos wirkende Haus – wohl eine Metapher dafür, was aus der wunderschönen Region Balkan geworden ist.

Marschall Tito war es gewesen, der nach dem Krieg das von den Nazis besetzt gewesene Gebiet mit seinem blockfreien Sozialismus, mit seinem ideologisch und propagandistisch untermauerten Kommunismus „light“, mit seinem „dritten Weg“ zusammen hielt. Die Lage war  zwischen dem christlichen und muslimischen Teil, vor allem zwischen Kroatien und Serbien schon immer schwierig gewesen. Doch Tito forderte und erreichte mit der staatlich kontrollierten Wirtschaft und Gesellschaftsordnung „Brüderlichkeit“ und „Einheit“.

Nach seinem ehrlich betrauerten Tod 1980 das (von vielen befürchtete) allmähliche Auseinanderfallen, das „verlorene Königreich“, der brutale bosnische Bürgerkrieg, die Bomben, die Ruinen, das Desaster, das schändliche Verbrechen von Srebrenica, insgesamt Tausende von Toten.

Während einer gewissen Periode war das Hotel sogar die Absteige von eher dunklen Gestalten und Kriminellen. Daran, dass die Herren während der fotografischen Aufnahmen die Hand vors Gesicht halten, erkennt man es.

Der Balkan erlebe eine selbstverschuldete Implosion, einen „Krieg gegen sich selbst“, heißt es in dem beachtlichen Kommentar dieses Dokumentarfilms. Man finde diesen „Teil von einem selbst“ nicht wieder. Der Nationalismus sei zurückgekehrt.

Immerhin fehlt auch die Hoffnung auf eine wiederkehrende Besserung nicht.

Ein historisch nicht unwichtiger Film. Interessierten zu empfehlen! In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.




Die Blüte des Einklangs


von Naomi Kawase

(Neue Visionen, Kinostart 14. Februar 2019)

Japan. Das Yoshino-Gebirge in der Präfektur Nara. Die Region ist sehr bewaldet. Tomo lebt hier allein seit 20 Jahren. Er habe sich zurückgezogen, weil er müde gewesen sei, sagt er.

In der Gegend ist auch die offenbar blinde alte Aki zu Hause, bei der Tomo gelegentlich einen ganz besonderen Kräutertee bekommt. Sie sei 1000 Jahre alt, meint die Frau.

Mit ihrer Freundin (und Dolmetscherin) Hana kommt aus Frankreich Jeanne (Juliette Binoche) an. Sie folgt nach langer Zeit offensichtlich früheren Erlebnissen. Tomo erlaubt den beiden, für einige Zeit in seinem Haus zu wohnen.

Hana verabschiedet sich bald. Jeanne und Tomo sind allein. Kein Wunder, dass sich nach einiger Zeit Liebes- und Sex-Gefühle zwischen den beiden einstellen. Dass sie sich jedoch menschlich besonders nah wären, kann man nicht erkennen.

Jeanne ist auf der Suche nach einer Pflanze namens Vision, die nur alle 997 Jahre blüht. Sie soll besondere Kräfte besitzen, die für sie sowohl innerlich als auch äußerlich heilsam wirken würden. Jeanne sucht danach.

Ein prächtiger Wald. Doch schon ist einer da, der mit der Kreissäge eine wunderbare hohe Tanne umhaut. Es tut fast weh. Ein Zeichen dafür, dass eine Veränderung vor sich geht – und sicherlich nicht zum Besseren. Auch Jäger scheinen im Wald zu sein.Es fallen Schüsse. Irgendwann wird Tomos treuer Hund tot hergetragen.

Der junge Rin erscheint, tut sich eine Zeit lang mit Tomo zusammen. Was will er? Sucht er so etwas wie eine Vaterfigur?

Mehr und mehr fließen nun Verhaltensweisen, Worte, Bilder und Zwischenmenschliches ins Transzendente. Es geht um Geburt, Tod, Zerstörung, Einsamkeit, ungewisse Zukunft, Mysteriöses. Die Interpretation überlassen die Akteure – die überzeugend spielen – dem Betrachter!

Das alles immer wieder in betörenden Natur- und Landschaftsbildern. Selten sieht man im Kino so schöne Bilder.

Ein Film, der Bereitschaft zum Spirituell-Metaphysischen verlangt.




Sweethearts


von Karoline Herfurth

(Warner, Kinostart 14. Februar 2019)

Mel ist eine Frau, alleinerziehende Mutter eines kleinen Mädchens, die man nicht gerade zärtlich nennen kann. Denn sie bestreitet, sehr oft mit Gewalt, ihren laufenden Lebensunterhalt unter anderem mit dem Raub von Diamanten, die sie dann an brutale Gangster weiterverkauft.

Bei Franny verhält es sich anders aber auch nicht viel besser. Sie hat Schwierigkeiten an ihrer Arbeitsstelle, außerdem leidet sie sehr oft an Panikattacken. Ihre Nerven liegen blank.

Der Zufall will es, dass eine Raubtour von Mel tüchtig schiefgeht und dass diese Franny als Geisel nehmen muss. Zuerst sind sich die beiden, die fliehen müssen und das zum Raub verwendete Auto in der Landschaft verbrennen, naturgemäß sehr lange spinnefeind – doch in ihrer beider großen Not werden sie ganz am Ende sogar zu echten Freundinnen.

Ein Sondereinsatzkommando unter der Führung von Ingrid von Kaiten stellt das verbrannte Auto sofort sicher. Mit dabei ist auch der (gutaussehende) Polizist Harry, der später offenbar mit Franny gerne anbandeln würde, was aber nicht so ganz hinhaut, so dass auch er am Schluss als Geisel herhalten muss.

Mit Kriminellen, mit Verfolgungen, mit Fluchten, mit Überraschungen, mit Schlägen und Schüssen, mit Fesselungen, mit Flirt- und Party-Szenen, mit Streit noch und noch geht es nun bis zum Filmende mit allen Beteiligten drunter und drüber.

Eine deutsche Thriller-Komödie – in Idee und Handlung von versuchter Originalität, doch inszenatorisch sehr lebhaft und außerdem gut gespielt: von der nervös-zappeligen Franny (Regisseurin und Mitautorin Karoline Herfurth), von der eher brutalen Mel (Hannah Herzsprung), von dem (ungewollt) außerdienstlichen statt zupackenden Polizisten Harry (Frederick Lau) sowie von der kompromisslosen SEK-Leiterin Ingrid von Kaiten (Anneke Kim Sarnau).



 


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Datum: 04.02.2019


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