Der Gilden-Dienst Nr. 07-2018
Die Verlegerin

Von Steven Spielberg

(UPI, Kinostart 22. Februar 2018)

Regierungsskandale in aller Welt gibt es wie Sand am Meer. In diesem Film sind die Vereinigten Staaten an der Reihe. Im dritten Drittel des vergangenen Jahrhunderts erschütterten vor allem zwei Skandale Amerika schwer: Pentagon-Papers und Watergate.

Der Vietnam-Krieg ist wohl eine der größten politischen und militärischen Pleiten, die die USA je erlebten. Der Skandal: Nicht weniger als vier Präsidenten belogen das Volk, machten ihm vor, dass es militärisch voranginge, dass am Ende der Sieg stehe. Unzählige Bomben wurden geworfen, Wälder durch Chemie zerstört, Zehntausende junger Soldaten wurden geopfert, die vietnamesische Bevölkerung dezimiert, und doch wurde es kriegerisch immer schlechter. Am Ende stand die blamable Niederlage.

Verteidigungsminister McNamara hatte über all das Tausende von Seiten wichtiger Dokumente anlegen lassen. Ein cleverer früherer Berater bekam das in die Hand – und wenig später stand der erste Artikel darüber in der „New York Times“. Ein Gericht stoppte die Publikation.

Nicht in der „Washington Post“. Man neidete dem New Yorker Blatt die Sensation und befasste sich selbst mit der Sache.

Die „Post“ wurde damals von Katherine Graham geleitet, weil ihr Mann sich das Leben genommen hatte. Sie war nicht in erster Linie Journalistin sondern Frau und Mutter. Der Zeitung ging es nicht gut. Man versuchte deshalb, sie mit einem Börsengang nach vor und nach oben zu bringen. All das stand kurz bevor, als „Post“-Chefredakteur Ben Bradlee in den Besitz der McNamara-Papiere kam.

Jetzt konnte man der „Times“ zeigen, was Konkurrenz bedeutet, jetzt konnte man einen nie geahnten Skandal aufdecken, jetzt konnte man der Regierung Nixon eins auswischen, jetzt konnte man die Gerichtsentscheidung ignorieren, jetzt konnte man die Auflage der Zeitung vervielfachen.

Im Mittelpunkt des Films steht der Kampf um die folgenschwere Entscheidung, ob an die Öffentlichkeit treten oder nicht, steht der interne Kampf zwischen Chefredakteur Ben Bradlee, der unbedingt veröffentlichen will, und Katherine Graham, die alles auf sich nehmen muss, die die Justiz düpieren soll, die ihre Freundschaft zu McNamara riskiert, die Präsident Nixon entgegenarbeitet, die letzten Endes allein steht und ihr Gewissen befragen muss.

Sie entscheidet sich für die Veröffentlichung – und bekommt später von der obersten Justiz Recht.

Steven Spielberg, Meryl Streep, Tom Hanks – wenn man solche Namen liest, weiß man, was man filmisch zu erwarten hat. Und tatsächlich ist ein packender, bewegender, spannender Film entstanden. Er zeigt die mit der Publikation verbundenen Risiken auf, er schildert das aufgeregte Treiben in den Redaktionen, er zeigt die quirlige Reaktion des Publikums, er beschreibt die politischen Folgen, kurzum, es ist ein Werk entstanden, das man nicht verpassen sollte.

Wie Tom Hanks (Ben Bradlee) und Meryl Streep (Katherine Graham) ihre inneren und äußeren Beschlüsse darstellerisch zum Ausdruck bringen – besser geht es einfach nicht,

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Docteur Knock – Ein Arzt mit gewissen Nebenwirkungen

Von Lorraine Lévy

(Wild Bunch, Kinostart 22. Februar 2018)

Es ist höchste Zeit, dass der Ganove Knock sich aus dem Staub macht. Denn Lansky, dem er Geld schuldet, ist hinter ihm her. Knock flüchtet sich auf ein Schiff, das einen Mediziner sucht. Knock ist das zwar nicht, aber er tut so. Er gibt sogar vor, Typhus heilen zu können.

Jahre später. Knock hat tatsächlich Medizin studiert und übernimmt in der französischen Provinz eine Arztpraxis. Das Problem: Die Menschen sind dort viel zu gesund. Also muss er sich etwas einfallen lassen. Er macht Gratissprechstunden, und schon hat er Zulauf. Und noch etwas: Er schwatzt den Leuten die  fantasievollsten und pseudowissenschaftlichsten Krankheiten auf, die sie jedoch gar nicht haben. Bald blüht sowohl sein Geschäft und auch das des Apothekers. Knock wird sich wohl bald ein Sanatorium leisten können.

Denn dass Knock ursprünglich ein Ganove war, ist ja nicht aus der Welt. Und bis zu einem gewissen Grade ist er es auch jetzt noch. Er jubelt über seinen Reichtum und setzt seine im Grunde krummen Arztgeschäfte fort.

Allerdings hat er nicht mit dem örtlichen Pfarrer Lupus gerechnet, der bis jetzt im Ort das Sagen hatte und seinen Einfluss zu verlieren fürchtet. Der heizt Knock kräftig ein. Außerdem taucht Lansky plötzlich auf. Das kann gefährlich werden.

Und noch etwas Unerwartetes geschieht: Knock verliebt sich heftig in die junge Adèle, die bis jetzt als Dienstmädchen arbeitete. Das Unglück: Adèle ist schwer krank, muss sogar sterben. Die ganzen ärztlichen Künste Knocks nützen nichts.

Am Ende triumphiert er doch wieder.

Zugrunde liegt ein an Molière erinnerndes Drama („Der eingebildete Kranke“) von Jules Romains aus dem Jahre 1923. Romains machte, auch in Anbetracht der damaligen sehr schlimmen Nachkriegswirren in ganz Europa, aus Knock einen richtig düsteren Bösewicht. Die Autorin und Regisseurin dieses Films folgte dem nicht. Bei ihr ist Knock zwar auch noch ein Schuft – aber eher ein komödiantischer, weder grausam noch gnadenlos. Die literarische Grundlage ist demnach schwer verändert, und das ist beileibe nicht nur ein Vorteil. Zudem baute Lorraine Lévy drum herum noch eine ganze Gruppe von Nebenfiguren auf, die die Komödie zwar erzählerisch zum Teil originell erweitern aber filmisch im Einzelnen nicht vertieft werden.

Das Trumpf-Ass ist natürlich Omar Sy als Knock. Er ist bekannt, sehr beliebt, schauspielerisch in dieser Rolle wie eh und je exzellent, gut aussehend, bis zu einem gewissen Grade charismatisch.

Das wird dem Film geschäftlich auf jeden Fall helfen.

 

Wer ist Daddy?

Von Lawrence Sher

(Warner, Kinostart 15. Februar 2018)

Die eher exzentrische Helen ist nicht mehr ganz so jung, ist aber gerade dabei zu heiraten. Natürlich lädt sie zur Hochzeit ihre beiden Söhne ein, uneheliche zweieiige Zwillinge namens Kyle und Peter. Die beiden sind sehr verschieden und haben sich seit vier Jahren nicht gesehen. Kyle ist eher ein Luftikus, Peter, wie sein Name zufällig sagt, ein Miesepeter.

Helen hatte ihren Söhnen immer vorgemacht, beider Vater sei an Darmkrebs gestorben. Und jetzt stellt sich zufällig heraus, dass das eine glatte Lüge war. In den aufrührerischen 70er Jahren führte Helen wie so manche ein Lotterleben und nahm es mit dem Sex nicht so genau. Und deshalb weiß sie selbst nicht, von welchem Mann ihre Zwillinge wirklich sind.

Die aber wollen es nun genau wissen. Deshalb gehen sie durch die ganzen Vereinigten Staaten auf Tour. Ist es der berühmte Footballspieler Terry Bradshaw, der vor Kyle und Peter von Helen in den höchsten Tönen schwärmt? Ist es der Tätowierte, der gerne teure Autos knackt? Ist es der Tierarzt? Oder ist es gar der, der bereits tot im Sarg liegt?

Also ergibt sich die Frage, ob das überhaupt je zu klären ist.

Zwischen Drama und Komödie hat sich Regisseur Lawrence Sher nicht so ganz entschieden. Es gibt ein wenig Bruderstreit und ein wenig Bruderliebe; es gibt Road Movie und Buddy Movie; es gibt einen vermeintlichen Serienkiller; es gibt ein Zugunglück; es gibt saftige, nicht ganz geschmackvolle Bettgeschichten der Mutter. Es gibt durchaus liebenswerte oder komische Passagen. Weil immer schnell weitergesprungen wird, sind die einzelnen Geschehnisse und die menschlichen Charaktere allerdings nicht sehr vertieft.

Wer damit nicht ganz zufrieden ist, der bekommt trotzdem einen Ausgleich. Denn es handelt sich immerhin um einen Darstellerfilm ersten Ranges. Mit dabei sind die sympathische und unverwüstliche Glenn Close als Mutter Helen, Owen Wilson als angeblich „lebensfroher“ Kyle, Ed Helms als alles negativ sehender Arzt Peter, Oscar-Preisträger J.K. Simmons als professioneller Autodieb, Oscar-Preisträger Christopher Walken als endlich wieder einmal in den deutschen Kinos zu sehender Tierarzt und nicht zuletzt der wie alle in die Jahre gekommene Football-Quarterback Terry Bradshaw als er selbst.

 

Der Geschmack von Leben

Von  Roland Reber Und Mira Gittner

(wtp, Kinostart 22. Februar 2018)

Sehr summarisch kann man sagen, dass der Mensch eine  geistige und eine materielle Seite aufweist. Und ebenfalls grob gesagt: Zur materiellen gehört der Sex. Wer filmischen Sex sehen will, wird hier gut bedient: Nacktheit, sexuelle Ergüsse, vieles bis zur totalen (auch religiösen) Schamlosigkeit getrieben. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass das zur „modernen“ Freiheit zu gehören scheint.

Doch damit ist dieser Film natürlich nicht ausreichend charakterisiert. Denn Roland Reber, der Hauptautor und Regisseur des „Geschmacks von Leben“, denkt auch nach. Und das kommt hier in einer teilweise verblüffenden Weise zum Ausdruck: Einsichten, gedankliche Entdeckungen, Wortspiele,  gerechtfertigte Empörung, Aufdeckung von Widersprüchen, Banalitäten, Behördensprache. Als Beispiel sei nur die Aufzählung von einem halben Dutzend Gesetzesüberschriften und –inhaltsangaben genannt. Da graut es einem.

Förder- oder Sendergelder lehnt die Rebersche Truppe ab. Sie will ihre abenteuerliche Kreativität bewahren.

Es gibt auch so etwas wie ein Handlungsgerüst. Eine junge Frau, die sich als Exhibitionistin bezeichnet, fasst die Handlungs-, Aussage-, Ideen-, Nacktheits- und Sexelemente in einem fünfteiligen Videoblog zusammen. Sie geht dabei total frei vor, freier geht’s nicht! „Ich habe die  Erfahrung gemacht, dass die eigenen negativen Gedanken oft viel zerstörerischer sind als die Situation, von der sie ausgelöst wurden“, sagt sie. Sie will dabei in der Tradition des „nackten Narren“ handeln, der „ungeniert und lustvoll das bloßlegt, was andere eher verbergen möchten“.

Rein filmisch und technisch ist manches absichtlich arg improvisiert, das wird aber als reine künstlerische Freiheit betrachtet.

Ein Mitwirkender bringt das Anliegen und den Inhalt des Films auf den Punkt: Der ständige Diskurs über political correctness und das große Thema der wtp-Filme –Anspruch und Wirklichkeit, Worthülse und Bedeutung, Tiefsinn und Strumpfsinn in der medialen Gesellschaft- findet in den Figuren des neuen Films sicher eine neue Zuspitzung.

Für Interessierte.

 

 

     

 

  

      

       

 

      

 
zum Download
Datum: 12.02.2018


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