Der Gilden-Dienst Nr. 07-2019


Vice – Der zweite Mann


von Adam McKay

(Universum, Kinostart 21. Februar 2019)

Dick Cheney – Man hört den Namen heute nicht mehr sehr oft, doch was der Mann politisch wollte und bewirkte, davon gibt es noch sehr deutliche Spuren.

Aus Wyoming stammt er, an die 40 Jahre seines öffentlichen Lebens werden in diesem Film heruntergespult.  Als junger Mann scheint er sich noch nicht besonders positiv verhalten zu haben; seine Frau Lynne (hier wunderbar verkörpert durch Amy Adams) war es, die ihm zu Besserem verhalf.

Doch dann ging es bei diesem beruflich überaus fähigen Erzrepublikaner steil bergan: Stabschef im Weißen Haus, Verteidigungsminister, Vize-Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika unter George W. Bush von 2001 bis 2009.

Bei der Besetzung Kuweits durch Saddam Hussein, beim Krieg der USA gegen den Irak, beim Sturz Saddam Husseins, beim Kampf gegen den Terrorismus, nicht zuletzt bei der Folter und bei Guantanamo oder bei der Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen (wegen seiner lesbischen Tochter Mary) – überall sprach er ein wichtiges wenn nicht das entscheidende Wort. Nicht selten dominierten dabei schockierende Methoden, Manipulationen, die Rafinesse oder auch ganz einfach die Unwahrheit.

Es waren zeitgenössische Entscheidungen dabei, die besser so nicht getroffen worden wären. Die Lage im Nahen und Mittleren Osten wäre heute vielleicht weniger kriegerisch und weniger revolutionär.

Ein sehr intelligenter, emotionaler, überraschender, äußerst reichhaltiger und vielschichtiger Film ist das geworden – ein Kaleidoskop amerikanischer Zustände und amerikanischer Politik, das sich über ein halbes Jahrhundert erstreckt. Temporeich werden immer wieder neue Ereignisse, Aspekte und Dokumente eingeblendet. Adam McKay führte nicht nur Regie sondern schrieb auch das Drehbuch.

Auch Cheneys Familienleben fehlt keineswegs.

Mit Christian Bale hat man im übrigen einen (von einem guten Maskenbildner immer wieder verwandelten) Darsteller gefunden, der seine Hauptrolle so souverän beherrscht – dass sein Spiel zwangsläufig zu Preisnominierungen führte.

Ein für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts politisch höchst aufschlussreicher Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Can You Ever Forgive Me?


Von Marielle Heller

(Fox, Kinostart 21. Februar 2019)

Man glaubt es kaum, aber es ist eine wahre Geschichte. Lee Israel lebt in New York. Sie ist um die 50. Besonders gepflegt wirkt und lebt sie nicht, ein Fachmann muss sogar ihre Wohnung desinfizieren. Ohne Whiskyglas sieht man sie selten.

Sie ist Journalistin. Ein Zeit lang wurden ihre Artikel, zum Beispiel Biographisches über Katharine Hepburn, oder andere  Prominente wie Estée Lauder, nicht schlecht verkauft. Dann aber lässt das Interesse nach. Ihre Agentin kann nichts mehr für sie tun. Lee hat kein Geld mehr, kann ihre Miete nicht mehr bezahlen.

Aber man muss eben Ideen haben, und die hat sie. Jetzt simuliert sie nämlich auf alten Schreibmaschinen Briefe von berühmten Leuten und verkauft sie als Originale. Das Geschäft läuft ganz gut. Sie wird immer dreister. Dann sucht sie Bibliotheken und Archive auf, stiehlt die Originale (etwa von Dorothy Parker oder Marlene Dietrich), ersetzt sie durch Kopien und verkauft die Originale dann teuer.

Sie ist zwar lesbisch veranlagt, lebt aber nicht mehr allein. Sie hat den gestrandeten homosexuellen kranken Jack Hock aufgetan, der ebenso viel säuft wie sie und der ihr beim Verhökern ihrer Fälschungen hilft. Die beiden halten rührend zusammen, auch wenn sie sich manchmal betrügen.

Lee ist erfolgreich, bis, ja bis das FBI ihr schließlich das Handwerk legt. 1993 das Urteil: fünf Jahre auf Bewährung, Hausarrest, Entwöhnung vom Alkohol.

Wie gesagt eine wahre Geschichte (Lee Israel starb an Weihnachten 2014). Die „Geschäfte“, das Milieu, die Dialoge, die Freundschaft mit Jack, die Grobheit der Protagonistin, ihre Schlagfertigkeit, ihr trockener Humor, ihre Gerissenheit, die Tatsache, dass ihr „Katzen lieber als Menschen“ waren, ihr Alkoholkonsum – das alles wird sehr authentisch wirkend inszenatorisch dargestellt. Man lebt als Zuschauer die ganze Zeit mit.

Und wie das gespielt ist! Melissa McCarthy als Lee und Richard E. Grant sind beide von Anfang bis Ende hinreißend, absolut hinreißend!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Asche ist reines Weiß


von Jia Zhang-Kes

(Neue Visionen, Kinostart 28. Februar 2019)

Datong, chinesische Provinz. Früher war der Kohlebergbau hier einmal groß, aber wie gesagt früher. Heute wirkt die Gegend eher verkommen.

Bin ist der unangefochtene Anführer einer Bruderschaft. Es wird gespielt, getrunken, gestritten.  Aber auch wenn ein bestimmter Ehrenkodex gilt, die Bruderschaft gleicht doch eher einer Gang von Schwerenötern um nicht zu sagen von Verbrechern.

Qiao ist nicht nur eine schöne sondern auch eine selbstbewusste stolze Frau. Sie liebt Bin. Und nicht nur das. Als Bins Gang von der Konkurrenz einmal angegriffen und Bin halb tot geschlagen wird, greift Qiao zur Waffe und gibt Warnschüsse ab. Sie rettet damit Bin das Leben.

Doch der Waffenbesitz war illegal. Die chinesischen Behörden verstehen da offensichtlich keinen Spaß. Qiao wird verhaftet und muss fünf Jahre ins Gefängnis.

Keine Frage, dass sie annimmt und hofft, dass danach mit Bin alles wieder so sein wird, wie es einmal war. Doch sie täuscht sich. Er ist verschwunden, weitab in die Gegend des Yangtse-Staudammes gezogen, er hat offenbar eine andere Frau, lässt sich verleugnen, will von Qiao nichts mehr wissen.

Zunächst ist Qiao sich dessen nicht bewusst. Sie kratzt Geld zusammen, fährt lange Strecken, sucht den, von dem sie glaubt, dass er noch ihr Mann sei.

Dann die Begegnung, die Trennung, der Abschied, die Wehmut, der Schmerz. Weder Bin noch das Land sind, wie sie einst waren.

Gangsterfilm, Liebesfilm, Drama, Tragödie – alles zusammen. Zwei Schwerpunkte: die vor allem wirtschaftliche Veränderung Chinas – und die Gefühlswelt der Frau.

Erstere rast dahin. Wegen des Staudammes verschwinden ganze Stadtviertel. Tausende werden umgesiedelt. Die Entschädigungen sind gering. Auf die Not, die dadurch entsteht, achtet die Obrigkeit offenbar wenig. In „Asche ist reines Weiß“ wird dies auf schmerzliche Weise deutlich.

Kaum ein Land, das sich so schnell entwickelt.

Dann Qiao. Dass sie leidet, dass eine gewisse Melancholie sie überfällt ist klar. Aber sie lässt es sich äußerlich kaum anmerken, innerlich ist sie stark. Eine absolut beachtliche darstellerische Leistung von Shao Tao, der Ehefrau des Regisseurs.

Der hat wieder einen oft gemächlich dahinfließenden,  ausladenden und sehr aufwendigen aber auf jeden Fall meisterlichen Film geschaffen. Stilistisch ist das Aufzeigen des Gegensatzes zwischen dem raschen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel einerseits und dem getragenen Handlungsrhythmus nicht immer einheitlich, aber was soll's – sehenswert (und vielleicht so gewollt) ist es allemal - vor allem auch die beachtliche Kameraarbeit.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Die Winzlinge – Abenteuer in der Karibik


von Thomas Szabo und Hélène Giraud

(Weltkino, Kinostart 21. Februar 2019)

Was für ein besonderer Film aus Frankreich! Unzählige gute Ideen.

Eine Mischung aus Insekten, Naturlandschaften, tropischen Gewächsen, immer wieder angereichert mit raffinierten computergenerierten Szenen. Marienkäfer spielen die Hauptrolle, doch es „spielen“ auch  Ameisen, eine schwarze Spinne und unzählige andere Tierchen und gar eine fleischfressende Pflanze.

Dabei entstehen nicht zuletzt Gefahren, Verfolgungen, Ängste, etwa durch Heuschrecken, grässliche stechende Raupen und sogar durch einen Haifisch. Auch ein Trupp von Holzfällern und Bauarbeitern will den Insekten ihren Lebensraum rauben.               

Doch ansonsten kommt vor allem auch die Karibiknatur voll zur Geltung, die Bäume und Büsche, der Ozean und die Strände, der Sonnenschein sowie Blitz und Donner während eines sehr schweren Sturms.

Der Fantasie und einem sehr lustigen Sound (ohne Dialoge) sind hier keine Grenzen gesetzt.

Die „Handlung“: Ein junger Marienkäfer landet versehentlich in einem Warenkarton, der verschickt werden muss – und zwar sehr weit, von Frankreich aus nach Guadeloupe. Der Vater des Jungen hat gar keine andere Wahl, er muss seinem Sohn nachreisen und vor allem ihn finden. Das tut er denn auch.

Da kann man Tierisches, Menschliches und Unbekanntes in einer Abenteuergeschichte entdecken – visuell ästhetisch, subtil animiert, handwerklich perfekt und sogar ein wenig emotional.

Kleinen und Großen zu empfehlen.



 


zum Download
Datum: 11.02.2019


Drucken