Der Gilden-Dienst Nr. 09-2018
Molly’s Game – Alles auf eine Karte

Von Aaron Sorkin

(Square One, Kinostart 8.März 2018)

Eigentlich ist Molly Bloom eine sehr gute Skiläuferin, doch ein schwerer Sturz bedingt das Ende ihrer Karriere. Was soll die hochintelligente junge Frau jetzt tun? Ihr Jurastudium hat sie nämlich abgebrochen.

Durch einen Aushilfsjob kommt sie mit Kreisen in Berührung, wie sie es zuvor nie hätte erahnen können. Es handelt sich um die geheime Poker-Untergrundwelt der Reichen und Mächtigen von Los Angeles. Die Pokerrunden können tagelang dauern, die Einsätze sind von schwindelerregender Höhe. Natürlich spielen da auch Alkohol und Drogen eine große Rolle, von den Bluffs, Tricks und Betrügereien ganz zu schweigen.

Die Sache lohnt sich für Molly, jahrelang, und der damit verbundene Glamour schmeichelt ihr. Ist es nun ein Versehen, dass sie irgendwann russische Mafiosi an den Pokertisch bringt? Die schöne Zeit geht damit zu Ende, denn sie wird plötzlich vom FBI verhaftet.

Jetzt stehen Ermittlungen und eine Gerichtsverhandlung an. Wieviel wusste sie von illegalen Machenschaften? Und wie lauten die Namen der Beteiligten? Molly wird (auch in dem Buch, das sie schreibt) wichtige Namen keinesfalls preisgeben; lieber nimmt sie Strafe auf sich. Denn sie hat Charakterstärke und will sich selbst treu bleiben. Regisseur Sorkin: „Sie hatte das Glückslos gezogen, sie hätte reich und berühmt werden können, indem sie die Wahrheit erzählt, aber sie hat das einfach nicht gemacht.“

Ihr letztlich einziger Verbündeter ist ihr sich um sie fachlich und menschlich entscheidend bemühender Anwalt Charlie Jaffey. Insbesondere eine Szene zwischen den beiden ist von großer inszenatorischer Kraft.

Der sportliche Unfall, das Verhältnis Mollys zu ihrem Vater, das befremdliche Poker-Milieu, die geheimen Spielszenen, Machenschaften, Streitfälle und Tricksereien, Mollys Glanzzeit, die brutale Verhaftung, die juristischen Abläufe, die helfende Hand des Anwalts, das ganze blendende aber auch verblendende Ambiente und die packende Dramaturgie. . . 

. . . ergeben letztlich einen Film von hohen Graden.

Dazu kommt, dass das Ganze vorzüglich gespielt wird, sowohl von Jessica Chastain als Molly Bloom als auch von Idris Elba als Anwalt Charlie Jaffey und schließlich auch von Kevin Costner als Mollys Vater.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Arthur und Claire

Von Miguel Alexandre und Josef Hader

(Universum, Kinostart 8.März 2018)

Seine Frau spricht nicht mehr mit Arthur, sein Sohn ebenfalls nicht, und zwar Letzterer deshalb, weil Arthur ihm die Freundin ausgespannt hat. Außerdem leidet er an einem Tumor. Zuweilen ist seine Atemnot so stark, dass er annimmt, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Was soll er also noch auf dieser Welt!

Er hat den Entschluss gefasst, in den Tod zu gehen. In den Niederlanden kann man das. Noch dazu hat Arthur einen Freund, der in einer Amsterdamer Klinik Arzt ist. Also auf – von Wien nach Amsterdam. „Ich hab nichts mehr vor“, sagt er.

Einen Tag hat er noch zur Verfügung. Also wird er es sich im Hotel bei einem guten Essen gemütlich machen – wenn das in seinem Fall überhaupt möglich ist.

Doch gemütlich ist es nicht, denn im Nachbarzimmer ertönt Musik, die so laut ist, dass einem Hören und Sehen vergeht. Claire ist die Schuldige. Doch sie lässt nicht mit sich reden. Da entdeckt Arthur bei ihr eine große Menge Schlaftabletten. Er wird hellhörig. Will Sie sich etwa auch das Leben nehmen? Das geht nicht!

Claire saß vor einem Jahr am Steuer und baute einen Unfall. Und ihr Töchterchen? Tot. Es hat den Anschein, als wolle auch sie nun nicht mehr leben.

Als Claire sich absetzen will, rennt Arthur ihr nach. Er erleidet dabei einen derartigen Anfall, dass wiederum sie ihm zur Seite springt. Die beiden verbringen den Abend zusammen.

Es folgt nun ein langer Passus mit Gesprächen, Rotwein, Cola, Whisky, Disco und Haschisch, der zum Besten gehört, das man in einem Film dieses Genres geboten bekommt.

Beide können danach nur noch halbtot ins Hotelbett fallen.

Was wird Claire am nächsten Morgen tun? Was wird Arthur tun?

Beide scheinen nach ihrer gemeinsamen Zeit über Nacht klüger geworden zu sein. Claire will anscheinend doch weiterleben. Sie verpasst beinahe den Bus, der sie in ihr Provinzstädtchen bringen soll.

Was ist denn jetzt geschehen? Arthur sitzt schon längst in diesem Bus. Und nun folgt noch eine sehr lustige Holländisch-Unterrichtsstunde.

Wer könnte noch daran zweifeln, dass Filme mit Josef Hader erstklassige Filme sind! Es ist auch dieses Mal so. Ein herrliches Vergnügen. Und nicht nur das. Es geht ja schließlich auch um Leben und Tod.

Sowohl Hader selbst als Arthur als auch Hannah Hoekstra als Claire spielen unübertroffen.

Ein tiefgehendes Vergnügen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Walter Pfeiffer – Chasing Beauty

Von Iwan Schumacher

(Salzgeber, Kinostart 8. März 2018)

Walter Pfeiffer, ein Schweizer Fotograf, den kennenzulernen sich lohnt.

Fotograf allein wäre viel zu wenig gesagt. Denn er betreibt das ganze „Vabanquespiel der Kunst“, lernt immer wieder am, wie er sagt, „Lehrstuhl an der Universität des Lebens“.

Ästhetik und Stil sind ihm dabei das Wichtigste. Blumen und Jungs fotografiert er hauptsächlich. Seine Homosexualität lebt er mit den Fotos Dutzender junger Männer aus, im Film immer erotisch, zuweilen frivol, nie anzüglich, niemals pornographisch, seine „private Ästhetik“.

Das ist die persönliche seiner zwei Welten, die andere gehört der Schönheit, die er „ernst nimmt“. Seine Stillleben sind sehr beachtlich. In diesem Dokumentarfilm zieht er die Bilanz seines bisherigen Lebens, erzählen Freunde von ihm:

Er ist Grafiker; er zeichnet und malt verblüffend gut; er entwarf Filmplakate; er arbeitete in Paris und New York; zu seiner großen Verwunderung und Freude wurde er von Andy Warhol gelobt; er veröffentlicht Bildbände; er scherte sich wenig um die schweizerische Moral im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts; er experimentiert immer wieder; er legt lange Pausen ein, dann ist „Funkstille“; ein Freund sagt von ihm, er spiele auf der „Klaviatur der Leichtigkeit; er verbindet Mode (Vogue) und Kunst, arbeitet fantasievoll und inspirierend mit bekannten Models; seine Portraits sind ausgesprochen schön; er ist längst in Sammlungen und Museen vertreten; er ist, wie gesagt wird, wandelbar, aber auch neurotisch und besessen; als Fotograf gilt er als „Scharfschütze“.

Ein ganz besonderes Künstlerleben – und ein ganz besonderer Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Operation: 12 Strong

Von Nicolai Fuglsig

(Concorde, Kinostart 8. März 2018)

11. September 2001. Das World Trade Center in New York stürzt ein, eine der schlimmsten terroristischen Taten überhaupt. Fast 3000 Menschen kommen zu Tode.

Verantwortlich dafür Al-Kaida, die Taliban, die Dschihadisten insgesamt. Die USA müssen reagieren. In einem Militärlager in Kentucky wird eine aus nur wenigen Männern bestehende Sondereinheit zusammengestellt. Sie soll von einer Armeebasis in Usbekistan aus gemeinsam mit afghanischen Milizen, die gegen die Taliban kämpfen, den Norden des Landes säubern, vor allem die Stadt Masar- Scharif einnehmen.

Jeder der Betroffenen weiß, dass es um ein Höllen-, ein Todeskommando geht. Deshalb fällt den Ausgewählten auch der Abschied von den Ehefrauen alles andere als leicht.

Mit dem Hubschrauber werden die Männer abgesetzt. Das Gelände könnte schwieriger nicht sein: Berge, Unwegsamkeit, endlose Strecken. Dann die Begegnung mit der afghanischen Miliz unter einem gewissen General Dostum. Verständlich, dass zunächst ziemliches Misstrauen herrscht, das sich langsam auflöst.

Ein Teil des vorausliegenden Weges kann nur mit Pferden geschafft werden, Pferde aber sind nicht genug da. Die Trennung der Truppe ist die Folge. Nur langsam geht es vorwärts.

All das beruht auf wahren Begebenheiten.

Zuerst müssen einige Dörfer genommen werden. Ohne die Unterstützung der US-Luftwaffe wäre das unmöglich. Also Bombardements. Doch wegen schlechter Karten und mangelnder Verbindung mit dem Hauptquartier werden die angestrebten Ziele nicht immer getroffen.

Dann die Nähe der Stadt. Die Kämpfe werden immer heftiger. Denn die Taliban verfügen über Raketenwerfer. Es kommt zu sehr verlustreichen Schlachten und Toten auf beiden Seiten.

Dostum allerdings kann sein Eroberungsziel nicht erreichen, weil die Stadt von einer konkurrierenden afghanischen Miliz (und einer zweiten Special-Forces-Einheit) genommen wird.

Kriegsfilme können die Amerikaner drehen, das ist bekannt und bewiesen! Und das ist auch hier so. Nie fehlt dabei ein gewisser, manchmal wirklich übertriebener Hurra-Patriotismus. Wenn man den Film sehen will, muss man es in Kauf nehmen.

Denn rein inszeniert ist er erstklassig: die Darsteller - alles gestandene, gut spielende und untereinander einigermaßen überzeugend agierende Männer- die Region, die Ausstattung, die Dramatik, die Spannung, die Tragik – das alles stimmt.

Für Interessierte.

 

Loveless

Von Andrey Zvyagintsev

(Alpenrepublik, Kinostart 15. März 2018)

Shenja und Boris sind schon seit Jahren ein Ehepaar. Sie haben einen 12jährigen Sohn, den Aliosha. Ehepaar heißt jedoch noch lange nicht Liebespaar. Denn die beiden haben sich nicht nur auseinandergelebt, sondern sie hassen sich inzwischen regelrecht.

Shenja sagt sowieso einmal, sie habe ihren Mann nie geliebt und hätte auch ihr Kind am liebsten abgetrieben. Man hört sie praktisch nie normal miteinander sprechen; sie schreien sich nur noch an.

Beide haben wieder einen anderen Partner, Boris eine Freundin, die bereits ein Kind erwartet, und Shenja einen blonden Schönling, der schon eine erwachsene Tochter hat. Sex wird von beiden neuen Paaren mit Eifer betrieben.

Dann geschieht etwas Schlimmes. Aliosha ist verschwunden. Eine intensive Suche beginnt. Die Polizei schaltet sich zunächst noch nicht ein aber immerhin eine Institution, die auf Vermisstenfälle spezialisiert ist. Es fällt auf, wie viel Bürokratie in einem solchen Fall zuerst zu erledigen ist. Dann wird die Suche sehr intensiv: in der Schule, in der Stadt, in der ganzen Gegend, im naheliegenden Wald.

Das Kind wird lange nicht gefunden – erst wieder tot in der Leichenhalle. Die Reaktion der Mutter ist furchtbar.

Die sich aufdrängende Erkenntnis ist ebenso einfach wie schrecklich: Letzten Endes ist der Tod des Kindes in erster Linie auf die Lieblosigkeit der Eltern zurückzuführen!

Realistisch, minutiös und mit Spannung wird alles geschildert: der aufgrund der Scheidung vorgesehene Verkauf der Wohnung; die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Alioshas Eltern; die befremdliche Szene mit Shenjas Mutter; die lange verzweifelte Suche nach dem Kind; das dem trüben Grundthema angepasste Milieu und Wetter; der Zusammenbruch Shenjas nachdem sie ihr Kind nur noch tot wiederfinden kann.

Bemerkenswert auf jeden Fall, wie überzeugend die Darsteller ihre Rollen spielen.

Man kann durch den Film zu einer ebenso einfachen wie notwendigen Einsicht kommen: Lieblosigkeit führt nur zum Unglück.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.     

 

 

 

 

        

           

 

 

     

 

  

 

 

  

   

   

 

 
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Datum: 26.02.2018


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