Der Gilden-Dienst Nr. 10-2018
I, Tonya

Von Craig Gillespie

(DCM, Kinostart 22. März 2018)

80er, 90er Jahre in den USA. Die kleine Tonya beginnt bereits mit 4, 5 Jahren Schlittschuh zu laufen. Sicherlich ist sie begabt, aber die ständig treibende Kraft ist ihre Mutter LaVona Golden. Diese ist nicht nur die Mutter sondern eine Kratzbürste ersten Ranges. Gnadenlos treibt sie das Kind an. Dass sie auch positive Gefühle haben könnte, ist ihrem Verhalten nicht zu entnehmen. Man versteht, dass der Ehemann Reißaus nimmt.

Ohne Wirkung bleibt das Treiben der Mutter natürlich nicht. Tonya wird immer besser und ist schließlich die erste amerikanische Eiskunstläuferin, die den dreifachen Axel springen kann. Da sie sich charakterlich wie äußerlich wenig anpassungsfähig zeigt, tut sie sich trotzdem schwer, beispielsweise auch bei den Preisrichtern.

Sie hat Jeff Gillooly geheiratet. Die beiden lieben sich leidenschaftlich, doch ist ihre Ehe eine einzige Schlacht. Immer wieder geraten sie aneinander, es gibt auf jeden Fall mehr Schläge als Küsse.

Weil er bei Tonya etwas wieder gutmachen will, sorgt Jeff mit einem von einem halbverrückten Freund ausgeführten Anschlag dafür, dass die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan, also Tonyas Konkurrentin, an den Beinen schwer verletzt wird. Aber die Sache geht gewaltig schief. Erstens erholt sich die Geschädigte rechtzeitig und gewinnt bei den amerikanischen Meisterschaften den wichtigsten Wettkampf, den Tonya gewinnen wollte, und zweitens fliegt die Sache auf. Das Ergebnis: Das Gerichtsurteil fällt ziemlich happig aus!

Was für ein Leben! Die erfolgreichen wie die schlimmen Phasen werden auf die lebendigste Weise geschildert: die Kindheit, das Training, die Erfolge, die seelischen wie die realen Abstürze, die Ehe, wie sie dramatischer nicht hätte sein können, das unmögliche Verhalten der Mutter, die juristische Enttäuschung. 

Am Ende ziehen alle Beteiligten noch einmal Bilanz. Und die Geschichte ist eben keine Fiktion sondern Realität.

Eine hochinteressante filmische Biographie. Ein Auf und Ab in einem Leben, wie man es sich nicht gerade wünscht. Der Film ist ein voller Erfolg, Auszeichnungen gab es bereits mehrere. Das liegt auch daran, dass Margot Robbie als Tonya sowohl als Eiskunstläuferin als auch als Darstellerin Spitze ist.

Eine besondere Erwähnung verdient Allison Janny, die die Mutter verkörpert. Alle Hochachtung vor einer solchen schauspielerischen Leistung – auch wenn die Frau, die sie zu spielen hatte, nicht gerade sympathisch genannt werden kann. Einen Golden Globe gab es bereits.

Ein Film, den man nicht verpassen sollte.

Filmkunsttheatern und Programmkinos bestens zu empfehlen.



Fünf Freunde und das Tal der Dinosaurier

Von Mike Marzuk

(Constantin, Kinostart 15. März 2018)

Dinosaurierskelette und –knochen findet man normalerweise in Sibirien – aber jetzt auch bei uns und zwar im Kino.

Der Paläontologe Dr. Herzog fand in heimatlicher Gegend einen Dinosaurier-Gelenkknochen und zusätzlich offenbar sogar ein Tal, in dem es mehr davon gibt. Leider stirbt er, und sein Sohn Marty weiß nicht so genau, was er damit anfangen soll, denn er macht einen sehr reservierten Eindruck.

Ein Gauner namens Weiler stiehlt Marty den Knochen und will damit viel Geld machen. Doch er hat seinen Diebstahl ohne die fünf Freunde Julian, George, Dick, Anne und Timmy, den Hund, gemacht. Die Freunde wollen neben der Entdeckung des Diebes vor allem auch das „Tal der Dinosaurier“ finden und schließen sich deshalb einer Wandergruppe an.

Zuerst allerdings heizen sie dem Übeltäter Weiler mit einem Funkmikrophon und einem Sprachverzerrer tüchtig ein.

Allerdings gibt es, ohne dass die Freunde das ahnen könnten, in der genannten Gruppe zweifelhafte Existenzen, die sich mit dem Gesuchten ebenfalls bereichern wollen. Und nicht nur das. Diese Leute sind brandgefährlich, drohen sogar mit Waffen. Die Fünf werden denn auch gefangen genommen und im Turm einer Burg eingesperrt. Auf lebensgefährliche Weise müssen sie sich abseilen.

Keine Frage, dass die Freunde das Tal finden. Und noch einiges mehr. In einer Höhle steht nämlich ein ausgewachsenes Dinosaurierskelett, dessen Entdeckung einzig und allein auf sie zurückgeht und das nun zur Belehrung aller ausgestellt werden kann. Die Freude ist am Schluss groß.

Der Filmstoff basiert auf Enid Blytons Fünf-Freunde-Büchern.  Und wenn man sich die Dramatisierung und Inszenierung an manchen Stellen auch zügiger vorstellen könnte, so kann doch davon ausgegangen werden, dass Kinder den Film mögen. Es wurde versucht, Humor mit einzustreuen, und auch die Musik spielt eine passende Rolle.

Bekannte Schauspieler wie Jacob Matschenz als Marty, Jürgen Tarrach als ausgedienter, ständig reklamierender  Kommissar und vor allem Milan Peschel als Bösewicht Weiler sind mit von der Partie. Die eigentliche Freude an der Sache aber machen die Kinder Allegra Tinnfeld als George, Marinus Hohmann als Julian, Ron Antony Renzenbrink als Dick sowie Amelie Lammers als Anne. Alle vier spielen sie schön drauflos. Man wird sicherlich noch von ihnen hören.

Und Timmy, den Hund nicht vergessen!



Winchester – Das Haus der Verdammten

Von Michael und Peter Spierig

(Splendid, Kinostart 15. März 2018)

Das Winchester Repetiergewehr ist ein berühmtes Objekt, bestimmt zum Jagen, aber noch mehr zum Töten.

Der Firmeninhaber William Winchester ist zu Beginn des Films schon seit langem tot, aber seine immer schwarz gekleidete Witwe ist noch da und hat den Mehrheitsanteil an der berühmten Firma. Zurückgezogen lebend will sie das Andenken an ihren Mann in Ehren halten und lässt –auch um aller durch das Gewehr Getöteten zu gedenken- am gemeinsamen Haus immer weiter bauen: 7 Stockwerke hoch, 500 Räume, 10.000 Fenster, 2000 Türen, Bodenklappen Gucklöcher, Giebel, Türmchen, Vordächer, um nur ein paar Zahlen zu nennen.

Die trauernde Witwe baut nicht nur gerne, sie ist auch spiritistisch angehaucht. Sie ist der festen Überzeugung, dass Menschen, die mit einem Winchester-Gewehr getötet wurden, noch irgendwie und irgendwo, vor allem in ihrem Haus, herumspuken. Sie hält entsprechende Séancen ab und konsultierte wahrscheinlich ein Medium. Daher macht sie sich bei den übrigen Firmeninhabern des Wahnsinns verdächtig. Sie wollen nun Sarah auf ihren wahren Geisteszustand untersuchen lassen.

Dafür in Anspruch genommen wird ein gewisser Dr. Price, seines Zeichens Psychiater. Das Problem: Price hat selbst mit Halluzinationen und Visionen zu kämpfen, und er war vor allem schon einmal halb tot. Ob er also für die Beurteilung Sarahs der richtige ist, ist doch sehr die Frage.

Die Winchester-Residenz existiert wirklich noch und ist eine Touristenattraktion ersten Ranges. In den Jahrzehnten seit der Gründungszeit (ca.1870) und insbesondere seit dem Tod des Firmeninhabers konnten sich natürlich um dieses „Leichenhaus der Geister“ sowie „Sarahs Verantwortung für so viele Tote“ Mythen und Legenden bilden. Die Realität und die Wahrheit verschwimmen hier total. Das nicht aufzulösende Dilemma: einerseits Sarahs Empathie für andere, auch die unzähligen Verstorbenen, und andererseits ihr überaus großes Einkommen aus einer derart tödlichen Quelle.

Die beiden Regisseure fertigten daraus einen übersinnlichen Thriller: Vermutungen, Mysterien, Übersinnlichkeit, Fantasie, Dämonisches, Gruseliges, Wahrheitssuche, Gegebenheiten, Wirklichkeit . . .

. . . dann dazu Schilderung der Epoche, der Örtlichkeiten sowie der Mode, filmische Licht-, Sound- und Geräuscheffekte noch und noch –

und die bemerkenswerte Darstellungskunst von Helen Mirren als Sarah Winchester.

Den Fans des Genres kann’s gefallen.



Florida Project

Von Sean Baker

(Prokino, Kinostart 15.März 2018)

Die USA sind gleichzeitig eines der reichsten und ärmsten Länder der Welt.

Orlando Florida. In der Nähe des großen Vergnügungszentrums Disneyworld steht unweit eines vielbefahrenen Highways das in Pink angestrichene „Magic Castle Hotel“, in dem vor der Immobilienpleite durchaus gut situierte Familien gelebt haben dürften. Jetzt ist das anders. In den durchnummerierten Appartements, die in die Hunderte gehen, wohnen meistens Menschen, die es nicht geschafft oder die abgewirtschaftet haben.

Für die Kinder allerdings ist die Gegend prima. Sie sind meistens draußen, sie spielen, sie stellen Streiche an, sie betteln die Vorübergehenden um Eis an, sie nehmen wohl auch mal was mit, das sie nicht bezahlen können, sie lassen, wenn sie nicht aufpassen, einen Brand entstehen.

Sie betrachten sich vor allem als Freunde, sind von den Sorgen der Erwachsenen nicht behelligt. Mooney, Scooty und Jancey gehören dazu.

Natürlich sind auch die Erwachsenen zu Gange. Willem Dafoe beispielsweise, der zwar einen auf Korrektheit bedachten jedoch außergewöhnlich gefühlvollen und sympathischen Hausmeister abgibt – die gewohnte Leistung von ihm.

Bria Vinaite als Halley nicht zu vergessen. Sie gibt für eine  junge Frau nicht gerade ein gutes Beispiel ab. Kiffen und fernsehen sind die Hauptbeschäftigung. Auf ihr Kind passt sie so halb und halb auf. Tut es etwas, was es nicht tun dürfte, nimmt sie es vor allen in Schutz. Die Miete kratzt sie mit teils betrügerischen Methoden zusammen. Das alles ginge vielleicht noch. Und es funktioniert auch lange genug. Aber sie empfängt Herrenbesuche! Prostitution aber ist im Wohnblock ein absolutes Tabu. Nun kommt doch die Polizei. Ihr Mädchen Mooney muss wohl in eine Pflegefamilie.

Das ist vom Drehbuch und der Regie her authentisch und überzeugend wirkend geschildert.

Also doch: reiches und armes Amerika.

Der Clou sind die Kinder. Sie agieren alle von Anfang bis Ende mit einer Natürlichkeit, die einen richtig freut. So muss Casting sein.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos möglich.



Midnight Sun

Von Scott Speer

(Square One, Kinostart 22. März 2018)

Katie Price ist ein hübsches junges Mädchen. Die Mutter ist leider schon tot, aber Vater und Tochter sind ein sehr gutes Gespann.

Die High School wird erfolgreich abgeschlossen, aber da ist etwas ganz Schlimmes: Katie leidet an der Krankheit XP (Xeroderma Pigmentosum), ein schwerer Gen-Defekt, der bewirkt, dass die betreffende Person sich immer im Dunkeln aufhalten muss. Bestandteile der Sonnenstrahlung sind für die Betroffenen tödlich. Wenigstens hat Katie ihre treue Freundin Morgan, und da ist noch die Musik. Katie hat eine schöne Stimme, singt gut und spielt Gitarre.

Mit einem eventuellen Liebesverlangen steht es weniger gut. Katie kann den Nachbarsjungen Charlie, auf den sie anscheinend schon lange ein Auge geworfen hat, nur vom (strahlengeschützten) Fenster aus beobachten.

Endlich erlaubt ihr der Vater, dass sie zu einer Party geht. Und wer ist dort? Charlie. Es dauert nicht lange, bis die beiden sich etwas näher kommen. Katie zögert verständlicherweise, aber es ist nichts zu machen: Langsam verliebt sie sich.

Die beiden verbringen eine schöne Zeit. Von Katies Krankheit weiß Charlie immer noch nichts. Da, während einer Reise nach Kanada und einer verliebten Zeit am Strand plötzlich der Sonnenaufgang. Katie gerät in Panik, und eine Gefahr für ihr Leben ist die Folge. Jetzt weiß Charlie, wie problematisch die Lage ist. Aus Rücksicht will Katie sich zurückziehen.

Charlie wehrt sich dagegen.

Die Lebensdauer der an XP Erkrankten ist sehr beschränkt. Katie weiß das, und dennoch entscheidet sie sich für einen ausgiebigen Segelturn mit Charlie auf hohem Meer und in praller Sonne.

Der bedeutet aber auch ihr Ende.

Man müsste hier drei Faktoren bedenken: Erstens ist es gut, dass das Wissen um die schwere Krankheit auf diese Weise einmal an die Öffentlichkeit gelangt (stofflich übrigens auf japanischer Grundlage).

Zweitens wird es viele geben, die von „Midnight Sun“ als von einer Schnulze sprechen dürften. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Sentimental, traurig und tränenreich ist die Sache schon . . . 

. . . drittens ist sie aber eben dramaturgisch auch bestens präsentiert. Und sowohl die charismatisch wirkende Bella Thorne als Katie als auch der verführerisch aussehende Patrick Schwarzenegger, sowohl die Katie sehr verbundene Quinn Shepard als Morgan als auch Rob Riggle in einer geradezu exemplarischen Vaterrolle spielen fabelhaft. Ein sehenswertes Team!

Insofern ist der Film auch im Arthouse-Bereich gut brauchbar. 




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Datum: 05.03.2018


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