Der Gilden-Dienst Nr. 10-2019


Der Fall Sarah und Saleem


von Muayad Alayan

(missingFILMs, Kinostart 14. März 2019)

Eine Geschichte auf Fakten beruhend.

Sarah betreibt in Jerusalem ein Café, ihr Mann David ist Oberst bei der Armee. Backwaren geliefert bekommt Sarah von dem Palästinenser Saleem. Doch der beliefert sie nicht nur sondern schläft auch mit ihr, und dies obwohl seine Frau Bisan derzeit schwanger ist.

Viel Geld hat Saleem nicht. Deshalb nimmt er zusätzlich einen problematischen Auftrag an: In den arabischen Teil Bethlehems soll er aus Jerusalem jeweils nachts bestimmte Güter, wahrscheinlich auch Telefone, schmuggeln. Das ist nicht ungefährlich, weil er dabei die Mauer überwinden muss, die  Juden und Palästinenser trennt.

Eines Abends nimmt er Sarah mit nach Bethlehem. Als in einer Bar ein Besucher Sarah anmacht, gibt es einen heftigen Streit. Saleem schlägt den Kerl nieder, kann sich  zwar nach dem Zwischenfall mit Sarah aus dem Staub machen, wird aber angezeigt. Nicht nur das, er wird überfallen. Und das ist das Problem.

Denn er wird jetzt (wenn auch fälschlicherweise) vom jüdischen Geheimdienst beschuldigt, Spione, sogar Prostituierte, zu rekrutieren und zu fahren. Es kommt zu Vermutungen, zu Missverständnissen, zum einseitigen Schutzversuch zu Gunsten Sarahs, zu Verhören, zu falscher Anschuldigung, zum Verrat, zum Vorwurf der Kollaboration,  zur Rache, zur Verhaftung, zu einer heillosen Verwirrung auch beim Geheimdienst, zu Trennungen, zu Scheidungen.

Saleem ist es, der am Schluss die größte Zeche zahlt.

Wo liegt die Schuld? Am Ehebruch von Sarah und Saleem? Zweifellos auch. Aber das Deutlichste, das hier sichtbar wird, ist die nahezu unüberwindbare Gegnerschaft zwischen Juden und Palästinensern. Wie es derzeit aussieht, bessert sich der politische Hintergrund nicht. Er ist nach wie vor hoch dramatisch, ja tödlich.

Letztendlich bleibt nur die Hoffnung.

Der Film bietet ein authentisches Bild des jetzigen Zustandes. Inszeniert und gespielt (von Adeeb Safadi als Saleem, von Kretchner als Sarah, von Ishai Golan als David und von Maisa Abd Elhadi als Bisan) ist er glänzend.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Vakuum


von Christine Repond

(RealFiction, Kinostart 14. März 2019)

André, erfolgreicher Architekt, und Meredith sind seit 35 Jahren verheiratet. Gerade sind alle, auch die Töchter Maya und Irene, dabei, aus diesem Anlass ein großes Fest vorzubereiten.

Meredith und André, beide schon Opa und Oma, lieben sich. Jedenfalls kann man davon ausgehen, wenn man das alltägliche gemeinsame Leben der beiden, übrigens auch im  Bett, betrachtet.

Dann allerdings erhält Meredith eines Tages von ihrem Arzt eine erschütternde Nachricht. Sie ist HIV positiv. Wie kann das sein? Denn sexuellen Verkehr hatte sie doch bloß mit ihrem Mann! Nun sind Medikamente unerlässlich. Sie muss André beobachten, sie hat keine andere Wahl. Und da stellt sich heraus, dass der scheinbar nette und brave Herr regelmäßig in ein Bordell geht.

Für Meredith bricht eine Welt zusammen. Sie wirft ihren Gatten aus dem Haus – übrigens ein komfortables Schweizer Vorstadtanwesen. Ihr Leben, das bisher zu großen Teilen aus Fürsorge für die Familie und einer vorbildlichen Ehe bestand, scheint zerstört zu sein. Nun ist sie allein.

Aber sie erträgt die Einsamkeit nicht. Nach einem heftigen Streit ist sie schließlich mit Andrés Rückkehr einverstanden, auch wenn noch nicht absehbar ist, ob der schwere Bruch überwunden werden kann. Kann es noch eine gemeinsame Zukunft geben? Wahrscheinlich ist das nur, wenn sie ihm voll und ganz verzeiht.

Das Schlussbild des Films lässt allerdings Zweifel daran aufkommen.

Eine auf tatsächlichen Geschehnissen beruhende, ziemlich eindrucksvolle Spielfilm-Dokumentation darüber, wie ein gewissenloser Mensch das Leben eines vermeintlich geliebten anderen kaputt machen kann.

HIV und Aids. Viele junge Menschen sollten diesen Film sehen. Denn die Ansteckungen nehmen wieder zu. Dabei wäre doch geschützter Sexualverkehr die einfachste Sache der Welt.  

Doch nicht eine solch banale Feststellung macht das Wesen und den Wert dieses Films aus, sondern die Art und Weise,wie Barbara Auer diese Frau spielt. Alle Achtung! Sie lässt überzeugend erkennen, was seelische Schmerzen sind.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




The Sisters Brothers


von Jacques Audiard

(Wild Bunch, Kinostart 7. März 2019)

Ein Western der besonderen Art.

Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts im Westen der USA. Nacht. Eine gewaltige Schießerei. Die Angegriffenen sind tot. Eli und Charlie waren die Schützen, die „Sisters Brothers“. Gehandelt haben sie im Auftrag des „Commodore“, der in der Region offenbar das Sagen hat. Sie müssen ungebetene Menschen aufräumen. Eli ist der Sanftere, Charlie der Aggressivere, der auch den Alkohol oder eine Prostituierte nicht unbedingt vermissen will.

Es ist die Zeit des Goldrausches. Sie haben einen neuen Auftrag. Sie sollen den Chemiker Warm auftreiben, ihm seine Formel für schnellere Goldfunde abnehmen und ihn dann töten. Im Auftrag des Commodore soll dies außerdem auch schon ein gewisser Morris tun.

Von Oregon bis Kalifornien müssen Eli und Charlie reiten. Ein weiter Weg. Einfach wird das nicht. Eli wird einmal krank, was vier Tage Verspätung bedeutet. In dem Ort Mayfield haben sie eine Schießerei zu überstehen. Dann findet man sie in San Francisco, wo es im Hotel eine Toilette mit Wasserspülung gibt. Für Eli eine Sensation.

Statt dass Morris Warm verfolgt, haben sich die beiden zusammengetan – absolut nicht vorgesehen. Es gelingt ihnen sogar einmal, Eli und Charlie gefangen zu nehmen; weil sie aber angegriffen werden, müssen sie die beiden  wieder freilassen.

Jetzt sind sie zu viert, finden mit Warms Formel viel Gold. Weil Charlie sich jedoch zu gierig zeigt, folgt ein Unglück auf das andere. Auch der Tod ist dabei. Außerdem suchen Männer des Commodore nach ihnen. Schließlich muss auch das noch mit Pistolen erledigt werden.

Vor allem Eli hat jetzt von diesem Leben genug. Er will nur noch heim.

Es wird viel geritten, geschossen, und es werden herrliche Landschaften durchstreift – wie eh und je in den Western.

Hier aber geschieht doch mehr. Es finden nach manchem Streit brüderliche Gespräche statt. Es geht, etwa im Beisein von Warm und Morris wenn auch nur in allgemeiner Form und nicht sehr direkt, um Themen wie den damaligen politischen Zustand des Landes, sogar um Demokratie, um die Erneuerung der Gesellschaft, um die menschliche Entwicklung oder um „eine andere Richtung als Gewalt“.

Rein inszenatorisch kann man nur von einem gelungenen Film sprechen Und wie etwa John C. Reilly den Eli Sisters spielt, das ist schon vom Feinsten!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks


von Louis Clichy und Alexandre Astier

(Universum, Kinostart 14. März 2019)

Asterix, Obelix und Miraculix sind seit Jahrzehnten zu Weltstars geworden. Millionen haben die gezeichneten Geschichten von René Goscinny und Albert Uderzo vom Kampf eines gallischen Dorfes gegen die römische Besatzung des Landes genossen.

Auch etwa ein Dutzend animierte und gespielte Filme gab davon. Jetzt ist ein neuer Animationsfilm hinzugekommen. Wie sind die Rechte freigegeben worden? Einfach dürfte das nicht gewesen sein. Doch die Rechteinhaber stimmten zu. Wichtigste Voraussetzung: Respekt vor den Schöpfungen Goscinnys und Uderzos, vor der „Marke Asterix“, vor der Ikone Asterix (die in diesem Film übrigens nicht im Mittelpunkt steht).

Ein entscheidender Gesichtspunkt: Eine klassische Asterix-Geschichte lag nämlich nicht vor. Alles wurde neu erfunden. Die Autoren – ihr zweiter Asterix-Film – konnten „der Fantasie freien Lauf lassen“, neue Gestaltungen vornehmen.

Clichy und Astier wollten erklärtermaßen nicht nur lustige Gespräche etwa zwischen Asterix und Obelix vorführen, sondern eine thematische Vertiefung erreichen. Warum, so zum Beispiel eine Frage, soll Miraculix mit dem Zaubertrank nur ein Dorf retten und nicht ganz Gallien? (Oder sogar: Wie können die Kriege in der Welt beendet werden?)

„Es gibt also“, so die Autoren weiter, „einen Bruch mit dieser Figur (Asterix). Sie hat es verdient, sich außerhalb ihrer Komfortzone zu bewegen.“

Eine Handlung besteht natürlich auch. Der Zaubertrank droht auszugehen. Miraculix sucht in ganz Gallien unter den Druiden einen Lehrling bzw. einen Nachfolger. Doch ihm macht der mit einer Tierhaut bekleidete hirschgeweihschädelige abgrundtief böse Dämonix das Leben schwer.

Die Beurteilung, inwieweit die Entfernung von der Urgeschichte eine gute Sache ist, muss dem Kinozuschauer überlassen werden.

Technisch ist nur Gutes zu berichten. Die vielen Begleitideen, die Animationsverfahren, das Tempo, die Synchronstimmen, überhaupt die gesamte Herstellung – das ist auf jeden Fall gelungen.




Der Lokführer, der die Liebe suchte


von Veit Helmer

(Neue Visionen, Kinostart 7. März 2019)

Veit Helmer dreht keine gewöhnlichen Filme. Das gilt auch dieses Mal.

In einem Dorf in Aserbaidschan lebt der Lokführer Nurian. Sein Arbeitsleben geht zu Ende. Es ist sein letzter Tag. Seinem Lehrling bringt er bei, was dieser in Zukunft zu tun haben wird.

Jahrelang lenkte Nurian einen Güterzug durch die Vororte der nahegelegenen Stadt und dies auch durch ein Viertel, in dem die Häuser so eng an den Gleisen stehen, dass ein Teil des Lebens der Anwohner sich auf diesen abspielt. Wenn sich ein Zug ankündigt warnt der kleine Azis, der später Nurians Freund werden wird, die Menschen mit seiner Trillerpfeife.

Die Frauen hängen auch ihre Wäsche über die Geleise, und so kommt es, dass manchmal ein Stück an der Lokomotive hängen bleibt. Der Lokführer versucht jeweils, die verlorenen Teile zurückzugeben. Aber was ist es dieses Mal? Ein blauer BH mit weißen Spitzen. Kein Wunder, dass Nurian, der sich sehr einsam fühlt, da ganz auf besondere Gedanken kommt, zumal er von seiner Lokomotive aus schon einmal eine Dame beäugte, die sich gerade ihres Büstenhalters entledigte.

Nurian will das sexy Stück zurückgeben und klopft an viele Türen: die einer Tänzerin, die einer vergesslichen Frau, die einer Betrügerin, usw. Er versucht es sogar, indem er BHs aufkauft und sich so bei diversen Damen Einlass verschafft. Dann wieder untersucht er viele Busen als „Arzt“.

Dass der BH von der Lokomotive einer Kollegin, nämlich der Weichenstellerin, gehört, konnte er natürlich nicht wissen. Das Gute lag also so nah – wie oft im Leben.

Aber der Einzelgänger Nurian ist mit seinen Erfahrungen nicht froh geworden. Er wird allein bleiben. Und sich wohl weiterhin einsam fühlen.

Ein besonderes Stilmittel Veit Helmers: Gesprochen wird in diesem Film nicht. Nur (schöne) Landschaftsbilder, Gesten, Blicke, ein origineller Sound, Annäherung, Zurückweisung.

Tägliche Routine auf der Lok. Gelungene Massenszenen.

Ärmliches Wohnen, Einsamkeit, Melancholie. Dann aber auch wieder Freundschaftsbeweise.

Dass nach den vielen Begegnungen Nurian doch wieder allein bleibt ist bitter.

Eine von Miki Manojlovic (als Nurian) wunderbar gespielte Skurrilität.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.   


zum Download
Datum: 04.03.2019


Drucken