Der Gilden-Dienst Nr. 11-2018
Zwei Herren im Anzug

Von Josef Bierbichler

(X Verleih, Kinostart 22. März 2018)

Ein durch und durch bayerischer Film. Man darf gespannt sein, wie er bei den Nordlern ankommt.

1984. Die Theres, Pankraz‘ Frau, ist leider gestorben. Natürlich gibt es einen Leichenschmaus. Als die Gäste fort sind, bleiben nur der Seewirt Pankraz und sein Sohn Semi übrig. Es kommt zu einem langen Gespräch.

Worüber? Über die Zeit, die seit dem Ersten Weltkrieg vergangen ist und die die Welt wie auch die Technik und die Menschen allmählich so sehr verändert hat: über den gescheiterten Münchner Revolutionsversuch der 20er Jahre; über Hitler und seinen verbrecherischen Nazismus; über den Zweiten Weltkrieg; über die bittere Nachkriegszeit, die militärische Besatzung und die politische Aufteilung Deutschlands; über die Studentenunruhen der späten 60er und der 70er Jahre; über das erstaunliche Wirtschaftswunder; dann über die nachfolgende Zeit, also etwa über die unzähligen Flüchtlinge und schließlich auch über das, was in der Familie passiert ist.

Es ist, dem Roman „Mittelreich“ von Bierbichler entnommen, ein bild- und szenenstarkes, vielschichtiges und ereignisreiches Deutschland-, Bayern-, Voralpenland-, Konservatismus-, Heimat- und Familienepos mit ein paar Dutzend bewährten und überzeugend agierenden Schauspielern, darunter Martina Gedeck (Pankraz‘ Ehefrau Theres), Josef Bierbichler selbst (Pankraz), aber auch etwa Irm Hermann (Pankraz‘ Schwester) oder Simon Donatz, Bierbichlers Sohn (als Semi).

So viele Personen es sind, so viele Ereignisse, Meinungen und Probleme ergeben sich. Das ist natürlich auch unterhaltsam, doch vor allem wird der Geschichte und der Wahrheit der Spiegel vorgehalten.

In Szene gesetzt ist das professionell, und auch die „Zutaten“ wie etwa die Kameraarbeit oder die Musik stimmen.

Ein bemerkenswertes filmisches Geschichtsgemälde.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Über Leben in Demmin

Von Martin Farkas

(Salzgeber, Kinostart 22. März 2018)

Ende April/Anfang Mai 1945. Demmin, eine kleine Stadt im Nordosten des „Reiches“. Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und Konsorten haben den Krieg verloren. Die Wehrmacht und die SS sind abgehauen. Die sowjetische Armee rückt täglich weiter vor.

Und was geschieht da in Demmin?

Es muss Gerüchte gegeben haben, vielleicht aus Ostpreußen, wonach manche russischen Soldaten Rache an den Deutschen nehmen wollen, dass sie Menschen einfach erschießen, dass sie junge Frauen vergewaltigen, dass sie plündern, dass sie die Häuser anzünden, dass sie alles zerstören was ihnen unter die Finger kommt.

Offenbar entstand danach eine Art Massenhysterie, denn in Demmin kam es zu einem Massenselbstmord. Viele gingen ins Wasser, schnitten sich die Pulsadern auf, erhängten sich. Es ist die Rede davon, dass es insgesamt mehrere Hundert gewesen seien. Sehr wahrscheinlich ist diese Zahl übertrieben, aber immerhin gibt es auf dem Friedhof des Ortes Massengräber.

Dass die Brücken über den Kanal und den Fluss zerstört worden waren und somit die Stadt nicht leicht verlassen werden konnte, mag eine Rolle gespielt haben. Ob die in der Munitionsfabrik beschäftigten Fremdarbeiter aus Wut und Hass an der Zerstörung der Stadt –das Feuer wütete drei Tage, und Leichengeruch lag in der Luft-  beteiligt waren, weiß man nicht.

Während der DDR-Zeit erfuhr man über das, was in Demmin geschehen war, so gut wie nichts. In diesem Dokumentarfilm sprechen die alten Leute nun darüber, wenn auch meist nur stockend – „keine schönen Erinnerungen“, sagt eine Frau. Die Erzählungen bestätigen, dass das gespenstische und chaotische Martyrium, zu dem es damals kam, an Tragik nicht zu überbieten war.

Und was geschieht in Demmin heute? Alljährlich am 8. Mai veranstalten die Neo-Nazis der Region mit Musik, Fahnen und Kränzen einen sogenannten Schweige- und Trauermarsch zum Gedenken an die seinerzeitigen Toten.

Wenn es wirklich nur der Trauer diente, wäre es vielleicht eine gute Sache.

Doch das ist nicht der Fall. Es handelt sich nämlich eindeutig um einen Vorwand, um eine rein rechtsextremistische Demonstration und Werbeveranstaltung! Und das bewirkt, dass ein Riss durch die Stadt geht. Manche Linke protestieren heftig dagegen, andere haben Angst, als Nazis abgestempelt zu werden. Ihnen wäre es lieber, über Demmin würde in den Publikationen aus anderen, berechtigten Gründen gesprochen werden. Bei dem im Film gezeigten Fall waren nicht weniger als 700 Polizisten aufgeboten.

Dass dieser Film von Martin Farkas das alles zeigt, dass er der Vergessenheit entgegenwirkt, dass er indirekt für Toleranz wirbt, dass er schildert, was deutsche Geschichte ist . . .

. . . das ist sein großer Verdienst.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Thelma

Von Joachim Trier

(Koch Films, Kinostart 22. März 2018)

Hoffnungslos übertriebene religiöse Erziehung, die bis zur Gehirnwäsche geht, kann schwersten Schaden anrichten. Es sieht so aus, als sei dies bei der jungen norwegischen Studentin Thelma der Fall. Vor allem ihr Vater Trond scheint in dieser Hinsicht ein Fanatiker zu sein. Thelma muss sich christlich verhalten, muss ihren Eltern täglich über ihr Tun und Lassen Rechenschaft ablegen, dürfte im Grunde nichts unternehmen was ihrem Alter gemäß wäre.

Ist das die Ursache dafür, dass sie eines Tages in der Bibliothek ihrer Osloer Universität einen derart starken Anfall erlebt, dass sie zu Boden geht, dass sie immer wieder paranormale Visionen hat, dass sie vor allem im Traum von irrationalen Erlebnissen heimgesucht wird?

Oder aber liegen die sich häufenden Krisen in früher -bereits in der Kindheit- aufgetretenen übersinnlichen jedoch vielfach schädlichen Kräften?

Haben sie etwas damit zu tun, dass Thelma ihrer Auffassung nach sündhaft handelt, wenn sie mit ihrer Freundin Anja nicht nur Partys feiert sondern in eine Art lesbische Beziehung eintritt?

Wie die einzelnen Handlungslinien miteinander verbunden sind und sich aufeinander auswirken, hat Joachim Trier leider überhaupt nicht klar herausgearbeitet. Ihm ging es offenbar mehr um Mystery, um Thrillerhaftes, um Psychologisch-Psychiatrisches, eventuell um das verborgene Böse . . .  

. . . aber auch um viel filmisch Schönes, was beispielsweise in einer wirklich exzellenten Kameraarbeit sichtbar wird.

In alledem sind durchaus gute Szenen gelungen. Nicht umsonst hat Norwegen es sogar gewagt, „Thelma“ als ausländischen Oscar-Anwärter einzureichen.

Eines ist auf jeden Fall ganz sicher: Wie die junge Eili Harboe diese lange von Negativem angekränkelte, sich dann aber vital durchsetzende Thelma spielt, das muss ihr erst einmal einer (in diesem Falle eine) nachmachen!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Die Temperatur des Willens

Von Peter Baranowski

(Eksystent  Distribution, Kinostart 22. März 2018)

Früher spielte die Religion im Leben der Menschen noch eine große Rolle. Man war mehr oder weniger fromm, bei uns entweder katholisch oder evangelisch. Dann kam das Medienzeitalter mit seinen Berichten aus der ganzen Welt, den Berichten über den Islam, über den Buddhismus, über den Hinduismus, über den Shintoismus, über Menschen, die Hunderte von Göttern anbeten. Wo also ist der wahre Gott?

Je mehr mediale Information und damit verbundene Fragen desto weniger Glauben. Jedenfalls scheint das bei uns heute so zu sein.

Die Menschen, um die es in diesem Dokumentarfilm geht, sind von solchen Zweifeln nicht angekränkelt. Für sie zählt einzig und allein und dies in einer besonders intensiven Form, dass Jesus Christus der gottgleiche Sohn des allmächtigen Gottvater ist.

Es geht um die ultrakonservative Priesterbruderschaft „Legionäre Christi“ und die damit verbundene Laiengemeinde „Regnum Christi“, deren Wesen und Ziel an der Arbeit des Pater Martin aufgezeigt wird, und zwar vom Bruder des Paters, der hier als Regisseur fungiert.

So fromm es auch hergeht, Schlimmes ist trotzdem passiert. Denn ausgerechnet vom Gründer der Legion, Marcial Maciel, einem Vertrauten des Papstes Johannes Paul II., wurde bekannt, dass er an Seminaristen oder Kindern sexuellen Missbrauch betrieb.

Das allerdings betrachten die Legionärsmitglieder als Sündenfall, der ihre Missionsarbeit nicht schädigen darf. Sie wollen Christus nachfolgen, ihm dienen; mit Leidenschaft evangelisieren; so oft und so viel wie möglich beten; treu zum Papst halten; sich von der modernen Wissenschaft nicht unterkriegen lassen, sondern sie im Gegensatz zum katholischen Glauben als etwas von Menschen gemachtes betrachten; sie wollen dem liberalen Zeitgeist entgegenwirken; sie wollen verloren gegangenen Glauben neu aufbauen; sie wollen die lauen Christen, auch in den Pfarreien, aufwecken und einem „starken Christentum“ zuführen; sie legen an die Beurteilung des Islam sehr strenge Maßstäbe an; sie demonstrieren gegen Abtreibung und Euthanasie; sie rufen zur Versöhnung auf; sie missionieren von Haus zu Haus; sie wähnen sich voll „apostolischen Geistes“; sie möchten wie Christus, der am Kreuz sagte „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, das Böse mit dem Guten überwinden; sie wollen eine starke „Willens- und Glaubenstemperatur“.

Pater Martin ist einer, der in geselliger, manchmal auch strenger Form die jungen Menschen, Schüler, Seminaristen, Jungen, Mädchen all dies intensiv lehrt. Dazwischen in diesem Film immer wieder Gebete, Gesang, Messen, Versammlungen, Gespräche.

Und am Schluss fünf junge Männer, die in den Legionärsorden eintreten.

Man kann diesen unangefochtenen Glauben für übertrieben oder falsch halten. Man kann jedoch diesen Menschen die Achtung nicht versagen. Sie sind vielleicht auf einem besseren Weg als viele andere.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Die Sch’tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen

Von Dany Boon

(Concorde, Kinostart 22. März 2018)

Valentin und Constance sind in Paris ein hippes Architektenpaar, das nicht nur Häuser baut sondern auch Möbel herstellt, die jedoch mit Vorsicht zu genießen bzw. zu gebrauchen sind. Valentin gilt, das hat er jedenfalls verbreitet, als Waise, der jedoch von altem Adel abstamme.

Seine allgemein geltende Geschichte vom Waisen könnte aber rasch ins Wanken kommen, denn er hat, auch wenn es lange keinen Kontakt gab, im hohen Norden des Landes einen verheirateten Bruder, Gustave, und auch seine Eltern leben noch. Das Problem: Sie sind arm, und das ist wohl der Grund, warum Valentin nicht mit der Wahrheit herausrückte.

Gustave braucht Geld, und das will er von Valentin borgen. Der gemeinsamen Mutter schlägt er deshalb vor, zur Feier ihres 80. Geburtstages mit der ganzen Sch’ti-Sippe nach Paris zu reisen und Valentin und Constance zu überraschen.

Diese beiden veranstalten gerade eine Ausstellung mit handverlesenen Gästen, als die Nordlichter eintrudeln. Natürlich gibt es bereits jetzt die ersten Missverständnisse. Der Geburtstag muss sehr schmal ausfallen, weil ja nichts vorbereitet ist. Aber es kommt schlimmer: Nach einem wegen der ganzen verqueren Situation verursachten Autounfall verliert Valentin sein Gedächtnis, und das ergibt selbstverständlich den Ausgangspunkt für einen Gag nach dem anderen.

Keine Frage, dass alles gut ausgeht.

Der erste Sch’ti-Film vor zehn Jahren war einer der größten französischen Kinoerfolge überhaupt. Der Versuch, dies zu wiederholen, bedurfte also schon eines gewissen Mutes. Aber Dany Boon hat als Kasper natürlich auch einiges Format. Und so ist ihm doch wieder (als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller) eine passable Komödie gelungen. Die Gags sind meist gut, mit der nordfranzösischen Sch’ti-Sprache (und ihrer Übertragung ins Deutsche) hapert es oft ein wenig, aber wenn Aktricen wie Line Renaud (Mutter) sowie die schöne Laurence Arné (Constance) oder Akteure wie Pierre Richard (Vater) und eben Dany Boon (Valentin), also erstrangige Profis, dabei sind, kann nicht viel schief gehen.

Und so ist denn auch wieder ein unterhaltsamer Film entstanden.

Im Nachspann sieht man, wie sehr sich die Mitwirkenden bei der Arbeit an dem Projekt amüsiert haben. Wenn die Kinozuschauer nur halb so viel lachen, dann ist schon viel gewonnen.

Vor allem für Fans des Genres.

 

 

     

 

      



       



     

    

            

 

 






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Datum: 12.03.2018


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