Der Gilden-Dienst Nr. 11-2019


Free Solo


von Elizabeth Chai Vasarhelyi

(Capelight, Kinostart 21. März 2019)

Bergsteigen ist ok. Klettern ist ok. Freeclimbing ist so, wie es hier gezeigt wird, eine totale Sensation. Mehr: Man glaubt es nicht.

In Amerika lebt der unbestritten beste Freikletterer der Welt. Er heißt Alex Honnold und bezwang ohne Seil und ohne jede sonstige Sicherheit kletternd, nur auf seine Hände und Füße, auf sein Gleichgewicht und seine Konzentration angewiesen in stundenlangem Alleingang im Yosemite-Nationalpark die 975 Meter praktisch senkrecht aufsteigende Felswand des El Capitan!

Noch nie hat jemals ein anderer eine solch ungeheure Kletterleistung vollbracht. Davor seine ähnlichen Erfolge mit der sogenannten Moonlight Buttress im Zion Nationalpark sowie mit der Regular Northwest Route am Half Dome. Der Höhepunkt war aber unumstritten der Capitan. Andere Kletterer, selbst professionelle, hatten bisher nicht einmal gewagt, über so etwas auch nur zu sprechen, geschweige denn es in Erwägung zu ziehen.

Einmal, als der schon als kleiner Junge sportlich begabte Honnold sich ziemlich schwer verletzt hatte, sah man ihn nach nur drei Wochen bereits wieder an der Kletterwand.

Während der intensiven Vorbereitung zu dem El-Capitan-Wunder stellten sich neben dem sportlichen Training natürlich auch mehr oder minder ethische und mentale Fragen. Was sagt sie Familie? Wie groß darf der Ehrgeiz sein? Wie geht die Freundin mit Alex' Wagnis um? Wie groß ist das Risiko? Wie groß ist die Angst? Kann er einen schweren Fehler machen, abstürzen und sterben?

Und was für aufwendige und nicht ungefährliche Dreharbeiten, um diesen komplexen Kletterer-Thriller zustande zu bringen!

Wie weit kann und darf man selber gehen? Fragen dieser Art dürften sich bei einem solchen Film natürlich stellen.

Alex Honnold aber ist ein absoluter Ausnahme-Athlet – und dieser Film eine Sensation.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Das Haus am Meer


von Robert Guédiguian

(Film Kino Text, Kinostart 21. März 2019)

Eine kleine Bucht an der Cote d' Azur gegenüber der Riesenstadt Marseille. Die wenigen Häuser sind wie an die Felsen geklebt, ein kleines Restaurant gibt es ebenfalls. Der Vater von Armand scheint es mit seinem Sohn geführt zu haben – doch jetzt geht es mit dem Vater zu Ende. Es gibt wohl Erbangelegenheiten zu regeln, deshalb kommt auch Joseph, der zweite Sohn, ein politisch ganz schön radikal denkender Mann, und zwar mit seiner jungen Studentin Bérangère. Die war einst von Josephs Uni-Vorlesungen begeistert, doch jetzt scheint das alles etwas nachzulassen.

Angèle, eine Theaterschauspielerin, ist die Tochter. Auch sie trifft ein. Zwanzig Jahre war sie nicht zu Hause, denn einst ertrank an der Küste wegen einer Unachtsamkeit derer, die auf das Kind hätten aufpassen müssen, ihre kleine Tochter, kaum zehn Jahre alt, und das hat sie verständlicherweise nie überwunden.

Alle scheinen in einer Phase zu sein, in der sie ihr Leben gründlich umstellen, neu anfangen müssen. Sie wollen sich Zeit lassen. Angèle findet schließlich einen neuen Lover, und auch Bèrangère wendet sich einem wesentlich jüngeren Mann als Joseph zu.

Dann geschieht etwas Außergewöhnliches. Joseph und Armand finden in der Nähe drei Kinder, die sich aus einem gestrandeten Schlauchboot hatten retten können; was aus den übrigen Flüchtlingen des Bootes wurde, wird nicht gesagt. Adèle, Armand und Joseph nehmen sich der Kinder an, werden sie bei sich behalten, sie aufziehen, sie auch nicht den Behörden melden .

Vielleicht finden sie darin einen neuen Sinn für ihr Leben.

Dass er das Flüchtlingsthema in seinen Film mit aufnahm, scheint dem Autor und Regisseur Robert Guédiguan eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein. Aber auch ohne dies handelt es sich um einen in eine ideale Landschaft eingebetteten sehr sensiblen, emotionalen und vor allem auch intelligenten Film; jedenfalls gibt es Dialoge, die man in dieser Originalität und auch Häufigkeit selten hört.

Dazu kommen Darsteller - wie zum Beispiel Ariane Ascaride als Angèle oder Jean-Pierre Darroussin als Joseph -, die ihre Sache absolut souverän machen.

Ein schöner Film, der ruhig noch hätte weitergehen können.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Near and Elsewhere


von Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni

(Déjà vu, Kinostart 21. März 2019)

Ein Mann, eine Frau, Suchende, Fragende und Flüchtige,  Zukunftsforscher und Philosophen (wie Joseph Vogl, Elena Esposito, Matthias Horx, Swetlana Alexijewitsch oder Evgeny Morozov), eine Frau, die eine gewisse Zeit im „simulierten Mars“ lebte, eine Marathonläuferin, ein Leuchtturmwärter – sie alle wollen in diesem Film den Stand der Dinge, die Abrechnung mit der Vergangenheit, die Möglichkeiten der Zukunft ergründen.

Welches sind die wichtigsten Themen und Überlegungen, was haben die Beteiligten herausgefunden?

Viele alte Ordnungsideen sind zerstört; die Zukunft ist ungewiss; die Gesellschaft ist „entzündet“; es bestehen Krisen; es wird überreagiert; die Medien sind mit schuld; das menschliche Gehirn kann nicht mehr folgen; die jetzige Hysterie kann Katastrophen zur Folge haben; sind Utopien nützlich oder schädlich?; . . . 

. . . die menschliche Seele und das „gebrechliche Menschenleben“ sind zu anfällig; welchen Kräften kann der Mensch ausgesetzt werden?; was kann ich erreichen, wie groß ist ökonomisch, politisch, soziologisch und vor allem technologisch die Gier?; warum arbeiten die Russen ihre sowjetische Zeit nicht auf sondern wenden sich dem Materialismus zu?; was ist mit den Migrationsströmen ?

Und weiter: Wir müssen die früheren und „postmodernen“ Automatismen abstellen, neu anfangen; es herrscht „intellektuelle Übelkeit“; wir leben zum Teil in einer Welt von Dingen, die gar nicht existieren; wir brauchen positive, nützliche Illusionen; das Gehirn muss mit Dingen spielen, die uns in die Zukunft treiben; wie ist das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft?; leben wir in einer Demokratie oder nur noch in der „Marktkonformität?; unsere Visionen sind zu starr;  wir müssen aber auch annehmen was ist.

Das sind gedanklich schwere Brocken. Kein einfacher Film, aber einer, der unbedingt zum Nachdenken anregt.

Und denken hat noch nie geschadet.

Interessierten zu empfehlen.




Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats


von Talal Derki

(Port au Prince, Kinostart 21. März 2019)

Fanatismus ist etwas vom Schlimmsten überhaupt. In diesem Film kann man es wieder einmal auf traurige Weise zur Kenntnis nehmen.

Begonnen hat alles mit dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein durch den amerikanischen Präsidenten Bush. Der Nahe und der Mittlere Osten gerieten in Aufruhr:  Irak, Libyen, Algerien, Ägypten, Syrien. Vor sieben Jahren schickte der syrische Diktator Assad seine Soldaten gegen friedlich demonstrierende Menschen. Seine Brutalität führte zu einem viele Menschenleben kostenden und das Land total verwüstenden Krieg. In der seither weitgehend unentschiedenen Situation konnten sich, summarisch gesagt, Radikalisten wie der IS und Al Qaida sowie deren Unterorganisationen ausbreiten und ständig weiterentwickeln.

Von diesem Radikalismus handelt der Film. Der zeitweise aus Berlin in seine Heimat Syrien zurückgekehrte Regisseur Talal Derki gab sich als Nahestehender der Scharia-Anhänger, der Kalifat-Befürworter, der Dschihadisten, der Salafisten aus und gewann so das Vertrauen einer streng religiösen Islamisten-Familie, mit der er etwa zwei Jahre lang zusammenlebte.

Das eigentliche Geschehen in diesem Dokumentarfilm: Abu Osama heißt das Familienoberhaupt. Zwei Frauen und zwölf Kinder hat dieser al Qaida- bzw. al Nusra-Rebellenführer, der beispielsweise einen Sohn Osama nannte, und zwar nach Osama bin Laden. Die Familie wird streng religiös gehalten, Allah und Mohammed werden verehrt, es wird viel zu ihnen gebetet. Die noch sehr jungen Söhne, die der Vater sehr liebt, dürfen zwar auch spielen, aber sie werden bereits im Kampf ausgebildet, sie müssen und werden einst Gotteskrieger sein, werden in den Heiligen Krieg, den Dschihad ziehen. Gegen wen? Gegen Assad und alle Ungläubigen.

Am Ende muss ein unvergängliches Kalifat, also ein reiner Gottesstaat stehen.

(Abu Osama selbst baute anscheinend Bomben und Minen, verlor dabei irgendwann einen Fuß – und starb im Oktober 2018.)

Auf eine überaus eindrucksvolle aber auch erschreckende, geradezu apokalyptische Weise wird in diesem einzigartigen Film demonstriert, wohin der Fanatismus führt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Frau Mutter Tier


von Felicitas Darschin

(Alpenrepublik, Kinostart 21. März 2019)

Früher, so könnte man sagen, hatten es die Frauen gleichzeitig besser und schlimmer. Besser, weil sie zu Hause lebten, für Kinder und Kochen zuständig waren. Schlimmer, weil oft die Gleichberechtigung noch fehlte; weil sie nicht arbeiten und verdienen konnten; weil sie um ihre Anerkennung kämpfen mussten; weil sie sehr oft nicht in die Lage versetzt wurden einen von ihnen gewünschten Beruf auszuüben.

Nicht in strenger und herber, sondern eher in ironischer, humorvoller Weise haut der vorliegende Film in diese Kerbe. Er erzählt von den Müttern Marie, Nela und Tine.

Marie hat sich für das Zuhause entschieden. Sie bewacht und pflegt ihre beiden Kinder; reinigt die Stelle des Kinderspielplatzes, an der sich ihre Kinder aufhalten; muss die Sprüche  „modernerer“ Mütter einstecken, die von „zuckerfreien Dinkelkeksen“ reden; hat einen Mann, der öfter in Hong Kong ist als bei Marie im Bett.

Nela ist Werbemanagerin. Sie hat Aussicht auf einen tollen Auftrag, verbunden mit beruflichem Aufstieg. Aber da ist auch der kleine Leo (den sie ihren Kollegen verschwiegen hat). Sie muss jonglieren, Zeit für sich herausschinden, sich immer wieder um Babysitter kümmern, ihre es gut meinende aber unerträgliche Schwiegermutter aushalten, und ihren schlappen Mann ertragen, der zu 80 Prozent nur auf seine Mutter hört.

Tine ist schön und jung. Das Problem: Man verweigert ihr immer wieder einen Kita-Platz. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet sie im Supermarkt. Da muss sie sich mit der diffizilen Marie und mit der Ladenchefin herumschlagen. Mann will sie keinen (vielleicht nur bis der richtige kommt). Sie gießt sich lieber einen hinter die Binde.

Witzig aber durchaus auch ernst und realistisch, außerdem mit Überraschungen, werden hier die Mütter, ihr Leben und ihre Sorgen vorgestellt – von den „modernsten“, die den letzten Krampf aus den social media herausgezogen haben, bis zu den gestandenen Frauen.

Ausgedacht, richtig dialogisiert, inszeniert und montiert ist das gut – gespielt noch besser, u.a. von Julia Jentsch als Marie, Alexandra Helmig als Nela und Kristin Suckow als Tine; Annette Frier als Supermarktchefin nicht zu vergessen.

Aktuell, wahrhaftig und ironisch dargestellt.


zum Download
Datum: 11.03.2019


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