Der Gilden-Dienst Nr. 13-2018
Transit

Von Christian Petzold

(Piffl, Kinostart 5. April 2018)

Christian Petzold schlägt in seinen Filmen keine linearen Wege ein. Er will subjektiv vorgehen, seine Themen überhöhen, sie gleichzeitig geheimnisvoll wie bis zu einem gewissen Grade poetisch präsentieren.

Jedenfalls hatte er mit seinen früheren Filmen damit Erfolg.

Dieses Mal greift er auf der Grundlage eines Buches von Anna Seghers, die als Kommunistin vor den Nazis fliehen musste, das ebenso aktuelle wie folgenschwere Flüchtlingsthema auf. Er erzählt die Geschichte des Georg, der in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Frankreich sich vor der deutschen Besatzung retten wollte. Da kommt sofort ein stilistisches Merkmal Petzolds zur Geltung. Er rekonstruiert keineswegs filmisch die damalige Zeit, sondern zeigt das heutige Marseille. Ihm kommt es nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf das beklemmende „Transit“-Gefühl, das jeden befällt der fliehen und sich in Sicherheit bringen muss. Und Letzteres ist ihm mit einem ausgezeichneten Hauptdarsteller auf jeden Fall gelungen.

Georg soll in Marseille zwei Briefe abgeben, den einen an Marie, die Frau des Schriftstellers Weidel, die sich von ihrem Mann getrennt und einen neuen Freund, einen Arzt, hatte, die aber nun trotzdem auf Weidel wartet; es soll nach Mexiko gehen. Visa und Schiffspapiere liegen bereit.

Doch Weidel tötet sich zuvor selbst. Georg bemächtigt sich seiner Papiere – gibt sich als Weidel aus. Das soll seine Flucht besser ermöglichen, und auf dem mexikanischen Konsulat tut es das auch.

Er besucht die taubstumme Witwe eines toten Kameraden mit ihrem kleinen Sohn Driss und trifft dann auf Marie, mit der ein leidenschaftliches Liebesverhältnis entsteht.

Kommt es jetzt zu der Flucht nach Mexiko?

Ungewissheit, viele Behördenbesuche, billige Hotelzimmer, düstere Kneipen, ständiges Warten, Hotelaufenthalt nur gestattet, wenn glaubhaft versichert wird, dass die Abreise bevorsteht, Heimatlosigkeit, Übergangsstadium, Suche nach dem eigenen Leben, Schwebezustand Flucht, traumatischer Gemeinschaftsverlust – diesen -indirekt natürlich auch auf die heutige allgemeine Flüchtlingskatastrophe bezogenen- Gemütszustand darzustellen und zu verdeutlichen, das ist es, was Petzold gelungen ist.

Hätte er nicht die fabelhafte Darstellerleistung von Franz Rogowski als Georg zur Verfügung gehabt, wäre der Film nicht so gut geworden, wie er tatsächlich wurde.



Pio

Von Jonas Carpignano

(DCM, Kinostart 5. April 2018)

Ein Film, der glänzend inszeniert ist, der eine Menge Authentizität aufweist, der aber auch Fragen stellt.

Eine Roma-Familie in Italien, die Amatos. Opa, Vater, Mutter und viele Kinder von erwachsen bis klein. Der Junge Pio gehört zu ihnen, und der steht im Mittelpunkt des Films.

Wie leben sie, wie verdienen sie ihr Geld? Sie mögen sich, halten unverbrüchlich zusammen. Sie sind lustig, essen, feiern und spielen oft zusammen, was schönste Familienszenen ergibt –wobei bereits die Kinder trinken und rauchen-, aber sie haben auch Sorgen, Geldsorgen zum Beispiel.

Doch wie beschafft man den Lebensunterhalt? Das ist offenbar das große Dilemma. Strom abklemmen, Autos „organisieren“, Kupfer beschaffen, ab und zu einen Einbruch begehen usw., das reicht eben nicht aus – „etwas erledigen“ oder „business“ wird das genannt. Das meiste spielt sich nachts ab.

Manchmal geht es auch hart, erbarmungslos oder ordinär zu („Ich piss‘ dir ins Maul“). Die Mutter ist es immer, die noch versucht, die Kirche im Dorf zu lassen.

Doch die Karabinieri sind nie weit.

Pio ist ein ausgesprochen hübscher Junge. Wenn der Vater und die älteren Brüder festgenommen sind, muss er sie in der Familie vertreten; muss er Geld beschaffen – wenn er auch beispielsweise nicht lesen kann; muss er zudem zum „Mann“ werden. In alledem geht er, auch gegenüber der Polizei, äußerst geschickt vor.

Klar und deutlich wird ein oberster Grundsatz verkündet: Wir sind alle Brüder, wir sind alle gleich, wir sind alle Zigeuner.

Pio hat einen Freund, den farbigen Ayiva aus Burkina Faso, der ihm oft weiterhilft. Aber die Rangordnung scheint klar definiert: Italiener, Zigeuner, „Afrikaner“. (Oft kommen auch die Zigeuner zuerst.)

Das Milieu ist fantastisch getroffen, die Dramatisierung stimmt. Filmisch eine durchaus eindrucksvolle Sache. Von Pio Amato, der die Hauptrolle spielt, wird man noch viel hören – so gut ist er. Sein (schönes) Gesicht bleibt lange haften.

Die Roma werden noch von manchen (oder gar vielen) als minderwertige Rasse betrachtet. Absolut untragbar und lächerlich! Die Botschaft des Films kann nur heißen: hört auf damit!  

Der Film könnte zu einer Veränderung beitragen.



Gringo

Von Nash Edgerton

(Tobis, Kinostart 5. April 2018)

Harold Soyinka ist ein braver, gutmütiger farbiger Amerikaner, froh dass er einen guten Job hat und eine Frau, die ihn liebt. Mit seinem Chef Richard und dessen Partnerin Elaine, die in der Pharmaindustrie tätig sind, ist es nicht ganz so. Sie verschieben nämlich nicht nur Medikamente sondern auch Drogen.

Dann kommt es dicke. Harolds Frau betrügt ihren Mann mit Richard, und außerdem gerät er auf einer Geschäftsreise nach Mexiko in die Hände von brutalen Gangstern, die an Richards Drogenhandel nicht ganz unschuldig sind.

Als Harold dies alles merkt, inszeniert er seine eigene Entführung, um fünf Millionen Dollar Lösegeld zu bekommen, und auf den ersten Blick sieht es so aus, als wirke alles sehr realistisch und könne gelingen.

Doch die ziemlich finsteren Herrschaften, die ihm dabei helfen sollen, riechen den Braten und wollen ebenfalls etwas abhaben. Nicht zuletzt deshalb geht alles schief – und Harold wird schließlich verfolgt: von den Drogengangstern, von Richards Bruder, der früher einmal Söldner war, und schließlich auch von der polizeilichen Drogenfahndung.

Trotzdem gelingt es ihm, aus all dem Schlamassel wieder heil herauszukommen und vermutlich neu anzufangen.

Ein Genrefilm, aber ein guter. Die vielen Handlungsfäden sind geschickt miteinander  verknüpft, die Milieuzeichnung stimmt, Dramatisierung und Inszenierung ebenfalls. Ein wenig Spannung und Humor kommt auch noch dazu.

Von David Oyelowo, Charlize Theron, Amanda Seyfried und Joel Edgerton  wird zudem überzeugend agiert.

Alles in allem schon ein gelungener Leichtkrimi. Vergnügliche  (Tobis-)Unterhaltung.     

      

The Death of Stalin

Von Armando Iannucci

(Concorde, Kinostart 22.Februar 2018)

Über die Führung der Sowjetunion zu Stalins Zeiten eine Satire zu gestalten, ist keine ganz einfache Sache. Man kann dies zwar tun, aber im Hinterkopf muss auch immer festgehalten werden, wie viele unzählige Verbrechen jahrelang an unschuldigen Menschen begangen wurden.

Doch zurück zur Satire. März 1953. Ein Klavierkonzert von Mozart mit der bekannten Pianistin Maria Yudina. Stalin hört in seiner abgelegenen noblen Datscha mit, ist begeistert und will eine Aufzeichnung. Die Schallplatte wird ihm überbracht; in dem Paket versteckte die Pianistin jedoch einen Zettel, auf dem sie sich bitterlich über das an ihrer Familie begangene Unrecht beklagt.

Stalin liest den Zettel und lacht. Er lacht sich buchstäblich tot, denn er erleidet einen Anfall, stürzt und bleibt, da er allein ist, bis zum nächsten Morgen liegen. Jetzt ist er tot.

Als der Tod bekannt wird, verkündet einer: „Keiner wird mehr umgebracht! Ich verspreche es.“ Das ist charakteristisch für die parodistischen Dialoge, für den persiflierenden Ton des ganzen Films.

Die Mitglieder des Politbüros sind aufgescheucht. Eine feierliche Beisetzung muss her. Sie wird hier filmisch mit besonders großem Pomp begangen. Menschenschlangen ziehen am Sarg vorbei. Auf der Kreml-Mauer stehen die Kandidaten, um die es jetzt gehen wird.

Aber haben die nicht schwerste Verbrechen begangen? Haben sie nicht Gefangenen- und Todeslisten ihrer Feinde erstellt? Haben sie nicht Massenmorde auf dem Gewissen?: Beria, der Geheimdienstmann (der beispielsweise für die Erschießung Zehntausender Polen in Katyn mitverantwortlich ist), Molotow, Malenkow, Mikojan, Schukow und wie sie alle heißen. Jeder will jetzt nach Stalin den führenden Platz. Sie misstrauen sich, sie bekämpfen sich, sie übertrumpfen sich. Auch Stalins Sohn Wasily und seine Tochter Swetlana wollen ein Wörtchen mitreden.

Abstimmungen im Politbüro, Grüppchenbildungen, vorgespielte Freundschaft und doch Todfeindschaft, alles wird weniger in Bild- als in ständigen Dialogszenen vorgeführt – wie es gewesen sein könnte und wie es die spöttischen Macher dieses Films, halb im Ernst, halb im Spaß vorspielen wollen.

Berias Maß ist voll. Er wird im Dezember 1953 zum Tode verurteilt und erschossen.

Nikita Chruschtschow nicht zu vergessen, der 1959, noch Jahre vor Gorbatschow, eine Wende einzuleiten versuchte.

Ein bitterböses Ding, aber in wirklich vielfacher Hinsicht souverän gestaltet und vor allem gespielt.

Allerdings wird in mindestens einem Land diese Satire nicht besonders willkommen geheißen. Jeder kann raten, um welches Land es sich handelt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Im  Zweifel glücklich

Von Mike White

(Weltkino,29.März 2018)

Man kennt Ben Stiller eigentlich eher aus komödienhaften Filmen, hier aber spielt die Psychologie die Hauptrolle. „Brad’s Status“ heißt der Originaltitel. Und genau darum geht es, um seinen Status, um seinen Zustand.

Brad Sloan lebt mit seiner Frau Melanie und dem Sohn Troy in Sacramento einigermaßen glücklich. Er arbeitet für eine Non-Profit-Organisation, Melanie ist offenbar bei einer Behörde beschäftigt. Troy hat die High School abgeschlossen und will jetzt auf die Uni. Er ist vor allem ein guter junger Musiker.

Brad durchlebt derzeit wohl so etwas wie die Midlife Crisis. Er schläft schlecht, wälzt sich im Bett herum, produziert einen negativen Gedanken nach dem anderen. Wie ist er beruflich und persönlich arm dran, wenn er sich mit seinen früheren Freunden vergleicht. Meint er. Der eine ist ein bekannter Autor, ein anderer fliegt sein eigenes Flugzeug, der nächste nennt einen Hedge-Fonds sein eigen, wieder ein anderer hat schon mit 40 Jahren so viel Geld gescheffelt, dass er mit attraktiven Frauen an schönen Stränden herumturnen kann.

Und was hält Brad von sich? Nicht viel. Er muss Spenden sammeln, das ist alles. Er wird nicht eingeladen. Er meint er sei ein Versager. Er grübelt. Er findet bei sich immer mehr Schwächen und Mängel.

Troy soll es besser haben. Mit ihm sucht er die Universität aus. Harvard. Darunter geht nichts.

Eine junge Studentin, die er in der Gesellschaft seines Sohnes zufällig trifft, wäscht ihm bei einem nächtlichen Gespräch den Kopf. Nicht Selbstbespiegelung und Selbstbemitleidung sind wichtig. Da gebe es andere Werte, Größen, Aufgaben, Aussichten, meint sie.

Das bleibt nicht ohne Einfluss auf Brad. Es sieht so aus, als werde er sich langsam wieder hochrappeln.

Jeder Mensch hat selbst zuweilen solche Gedanken, Schwächen, Phasen!

Psychologisch ist das, was hier sehr ausführlich und völlig auf Ben Stiller konzentriert gesagt und gezeigt wird, deshalb höchst aufschlussreich. Und es wird sprachlich wie filmisch bestens geboten. Dazu kommt, dass Stiller diesen Brad eben nicht nur routiniert darstellt sondern auf sehenswerte, zum Teil rührende Weise.

Psychologie, gefällig aufbereitet.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.   

      




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Datum: 27.03.2018


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