Der Gilden-Dienst Nr. 13-2019


Monsieur Claude 2


von Philippe de Chauveron

(Neue Visionen, Kinostart 4. April 2019)

Der erste Teil war in der halben Welt ein voller Erfolg. Kein Wunder, dass es einen zweiten gibt. Und wie ist der? Es sieht gut aus.

Claude und Marie Verneuil haben ja ihre vier Töchter Isabelle, Odile, Ségolène und Laure bei dem arabisch-stämmigen Rachid, dem schwarzen Schauspieler Charles, dem Israeli David und dem chinesisch-stämmigen Chao untergebracht.

Nun müssen sie ein Versprechen einlösen, nämlich eine Reise in die Ursprungsländer ihrer Schwiegersöhne zu unternehmen. Das scheint nicht so ganz einfach gewesen zu sein, beispielsweise bei der vierstündigen Leibesvisitation in Israel. Zu Hause bei der anschließenden Familienfeier erzählen sie davon, nicht ganz auf Spitzen gegen die einzelnen Länder verzichtend. Natürlich gibt es dazu auch kleine Sticheleien der indirekt angesprochenen Herren.

So ganz glücklich sind die Schwiegersöhne eigentlich nicht.  Zum Beispiel funktioniert das Bio-Hala-Projekt Davids überhaupt nicht und Charles bekommt nur minderwertige Rollen angeboten. Kein Wunder, dass sich die Herren mit dem Gedanken tragen, Frankreich zu verlassen. Es gibt bereits ganz solide Pläne. Charles etwa sieht sich schon in Bollywood.

Doch das wäre für Claude Verneuil, der sich gerade als Schriftsteller versucht, und seine Marie eine Katastrophe. Sie lieben Frankreich aber noch mehr die Familien ihrer Kinder. Sie können nur eines tun: mit realen oder erfundenen Hindernissen all diese Auswanderungspläne unbedingt sabotieren. Denn wie sollte das gehen, die Kinder und Enkel höchstens noch einmal im Jahr in die Arme schließen zu können. Unmöglich. Also müssen sie die Schwiegersöhne davon überzeugen, dass Frankreich sie braucht! Integration um jeden Preis.

Was schließlich auch gelingt.

Nachfolgefilme rentieren sich nicht immer, doch dieses Mal gelang den Machern ein Erfolg. Und dies zu Recht. Denn die Ausgangsidee funktioniert und ihr inszenatorischer Ausbau kann sich sehen und hören lassen. Die Dialoge sind durchgehend glänzend, die Schauplätze passend und die Montage ist professionell.

Gute Unterhaltung, nicht weniger und nicht mehr.

Dass man das gesamte Team vom ersten Teil wieder zusammenbrachte trug natürlich zum Gelingen bei. Sie spielen alle schön drauf los, an ihrer Spitze der besonders erfolgreiche Christian Clavier als Claude und die ihn perfekt ergänzende Chantal Lauby als Marie.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Im Land meiner Kinder


von Dario Aguirre

(Peripher, Kinostart 4. April 2019)

Flüchtlingsproblem, Migration, Integration, das sind Probleme, die in der heutigen Zeit die ganze Welt beschäftigen und umtreiben. Kein Wunder, dass es dazu auch wichtige Filme gibt. Hier ist einer davon.

Stephanie Tonn, damals 17, verbringt eine gewisse Zeit in Ecuador bei den ein Grillrestaurant führenden Eltern von Dario Aguirre. Es dauert wohl nicht allzu lange Zeit, bis deren Sohn Dario, damals 20, sich in das Mädchen verliebt.

„Steffi“ fuhr dann wieder heim nach Deutschland – und schon stand wenig später Dario vor der Tür. Der versuchte sich als Künstler und Performer. Für die Eltern von Stephanie war das nicht gerade der ideale Beruf. Doch die Liebe hielt durch; sie wurde – wenn auch erst viel später – mit einem Baby belohnt.

Es dauerte Jahre, bis Dario nach unzähligen Behördengängen vom damaligen Hamburger Bürgermeister Scholz die Ehrenurkunde erhielt, die ihm die deutsche Staatsbürgerschaft bescheinigte.

Integration. Keine einfache Sache weder für Dario noch für unzählige andere. Man verlor die heimatlichen Wurzeln sowie Eltern und Geschwister; man war „Ausländer“; man musste eine fremde Sprache lernen; man musste viele Formulare ausfüllen und Fragen beantworten; man musste den Heiratstermin nicht nur der eigenen Eltern sondern auch der Eltern der Partnerin angeben; man musste sich mit einer völlig anderen Kultur anfreunden; man musste, wenn man in eine deutsche Wohnung kam, die Schuhe ausziehen; man musste ständig die Frage „woher kommst du“ beantworten; man musste nach jahrelanger Bürokratie schwören, die Verfassung des neuen Staates zu achten; man las in der Presse Überschriften wie „Gefahr durch Zuwanderung“; man musste in all den Übergangsjahren  Hoffnung nähren und Ängste überwinden; man musste für die Einbürgerung 250 Euro zahlen.

Doch danach war man glücklich.

Anschaulich und präzise ist das alles filmisch professionell geschildert, die liebevolle menschliche Seite ebenso wie die formale organisatorische. Der Film zeigt, dass Integration sehr gut möglich ist, allerdings nur, wenn sie korrekt und legal vonstatten geht. Es wäre gut, wenn möglichst viele Zugewanderte den Film sehen würden.

Auf jeden Fall wächst neben dem vielen offenbar nötigen Papierkram die im Film geschilderte Familie einem auch ans Herz. Und warum sollte dies mit anderen nicht auch geschehen?

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Voll Rita!


von Malte Wirtz

(Déjà vu, Kinostart 4. April 2019)

„Voll Rita!“ nach dem früheren „Voll Paula!“.

Freunde sind sie alle, Rita, Max, Donnie, Paula, Louise, Randy, Emil – und mit ihren Smartphones telefonieren sie  ständig miteinander, doch einfacher macht dies die Verhältnisse untereinander nicht.

Paula und Louise wohnten einst zusammen, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Paula ist schwanger, aber wer der Vater ist, weiß man nicht so genau. Vielleicht Max? Vielleicht Donnie? Rita unterhält sich mit Max. Der hat wegen Paula immer noch Liebeskummer, doch dass er der Vater des zu erwartenden Kindes ist nimmt er nicht an. Es könnte auf jeden Fall der Schürzenjäger Donnie sein.

Rita hat heimlich ein Auge auf Max geworfen, und die beiden küssen sich auch einmal heftig, doch Max denkt eigentlich wie gesagt nur an Paula.

Rita fährt nun nach Berlin zu dem Gitarrenmusiker Randy. Der denkt an Louise, die ihn aber offenbar nicht sehen will. Um an Arbeit zu kommen erwartet Randy dringend ein Casting, mit dem er jedoch ebenfalls scheitert.

Und was wird aus Emil?

Max hat mit Donnie noch ein Hühnchen zu rupfen, weil der ihn in Sachen Paulas Kind belogen haben dürfte. Es kommt zu einer Prügelei. Allerdings werden die Zweifel, ob Donnie als Vater in Frage kommt, zunehmend stärker.

Rita kommt zurück nach Köln. Sie begegnet Max, der soeben eine Rose kaufte. Freudig meint Rita, die Rose sei für sie. Doch in Wirklichkeit ist sie für Paula. Sie weiß jetzt, dass sie „nacharbeiten“ muss.

Was soll aus diesem Durcheinander noch werden?

Man könnte meinen, der ziemlich improvisierte Film mit seinem eigenwilligen Stil sei ein wenig belanglos, doch das trifft nicht zu:

Erstens ist er sehr charakteristisch für die heutige Zeit, in der der tägliche Umgang weitgehend so geworden ist wie hier.

Zweitens zeigt er das Verlassensein, das Verlorensein vieler Menschen.

Drittens ist er von den Akteuren Anna Maria Böhm (als im Grunde einsame Rita), Sebastian Kolb (als verliebter Max), Eric Wendell Carter (als vermuteter Frauenjäger Donnie) oder Ulrich Faßnacht (als gescheiterter Randy) sehr gut gespielt.

Viertens wartet er mit einer tollen, den jeweiligen szenischen Situationen angepassten (Jazz-)Musik auf.

Fünftens könnte es ja noch weitere Folgen geben. Regisseur Malte Wirtz in einem Interview humorvoll: „den letzten Teil in einem Altersheim“.




Birds of Passage


von Ciro Guerra und Cristina Gallego

(MFA, Kinostart 4. April 2019)

Nordkolumbien zwischen den 60er und 80er Jahren. Viel Wüste. Die Wayuu-Familie und andere Stämme leben dort. Die Hierarchie liegt bei den Einheimischen, nicht bei der staatlichen Ordnung und den vorgesehenen Grenzen.

Ursula scheint bei den Wayuus das Sagen zu haben. Sie gehört auch zu denen, die die Mitgift hochschrauben, als Raphayet ihre Tochter Zaida heiraten will. Das Brautgeld ist so hoch, dass der Bräutigam sich etwas einfallen lassen muss.

Zusammen mit seinem Freund Moises versucht er es mit dem Kaffeehandel. Das bringt nicht genug ein. Also probiert er es, als zwei Amerikaner ihn um Rauschgift bitten, mit Marihuana. Damit kann man reich werden – und er wird es auch. Er kann Zaida ehelichen.

Früher galten bei den Wayuus die Familie, die Traditionen, die Ehre, ein unangreifbares Verhältnis zwischen den Generationen, die Stammesrituale, die Folklore – gestandene Werte also.

Das ändert sich nun mit dem Geld, mit dem Kapitalismus, mit der Gier, mit dem Geiz, mit dem Reichtum, mit der Versuchung, mit der Macht, mit dem „wilden Gras“, wie eines der fünf Filmkapitel betitelt ist.

Jetzt herrscht, auch zwischen den Mitgliedern des eigenen Stammes, Krieg, jetzt wird geschossen, was das Zeug hält, jetzt fließt viel Blut, jetzt gibt es Tote noch und noch. Zwei Frauen, Ursula und Zaida, sind die einzigen, die übrig bleiben.

Zum Teil liegen wahre Begebenheiten zugrunde.

In einem getragenen Tempo, in epischen, sich beinahe als ethnologisch brauchbar erweisenden Bildern, in einer oft bedrückenden und doch auch poetischen Stimmung wird dieser teilweise auf destruktiven westlichen Einfluss zurückzuführende Untergang ziemlich authentisch und höchst dramatisch erzählt. Kamera: meisterhaft. Regie: meisterhaft. Und gespielt wird außerdem hervorragend.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




This Mountain Life – Die Magie der Berge


von Grant Baldwin

(Camino, Kinostart 28. März 2019)

Bergsteigen ist schön, gesund und gefährlich. Viele Menschen fühlen sich von der „Magie der Berge“ angezogen. Von ihnen ist hier die Rede.

Da sind zuerst einmal Tania und Martina Halik, Mutter und Tochter. Sie wandern über Stock und Stein, Felsen und Schnee, Wälder und Wiesen 2 300 Kilometer von British Columbia (Kanada) nach Alaska (USA). Sie werden sechs Monate brauchen, bei minus 25 Grad Celsius im  Zelt übernachten, Nahrung und Kleidung für jeweils Wochen mit sich führen müssen, Regen und Stürme überstehen, rauschende Flüsse mit dem Schlauchboot überqueren, vor gefährlichen Felswänden stehen, 5 500 Kalorien pro Tag verbrauchen, eine Strecke wie die Entfernung zwischen Kanada und Mexiko bewältigen.

Oft sieht man sie auf prächtigen Aufnahmen wie zwei winzige Punkte in der wuchtigen, bewundernswerten Landschaft - uraltes Eis, magische Orte.

Die Mutter muss die Hälfte ihres Körpergewichts schleppen. Immerhin ist sie schon 60 Jahre alt.

Doch die beiden sind bei weitem nicht die einzigen, die sich der Berge erfreuen. Mit zwei Begleitern ist auch ein Fotograf unterwegs. Wo gibt es schönere Aufnahmen als im Gebirge! Plötzlich eine riesige Lawine. Der Fotograf wird unter mehr als zwei Meter Schnee begraben. Totenstille. Dunkelheit. Er ist ohnmächtig. Verzweifelt graben seine Begleiter nach ihm. Er kann gerettet werden. Warum? Weil die beiden Begleiter einen Lawinenkurs absolviert haben und ein Ortungsgerät mit sich führen.

Ein einsamer Eiskletterer ist ebenfalls unterwegs. Als Kind sah er Bilder von der Erstbegehung der Eiger-Nordwand. Seither haben ihn die Eiswände nicht mehr in Ruhe gelassen.

Eine Dominikaner-Nonne. Früher war sie sie Ski-Langläuferin. Jetzt sucht sie im Hochgebirge spirituell, mit dem Kosmos, mit der Natur und mit Gott ins Reine zu kommen.

Bernhard, der Künstler – er schnitzt und macht Steinarbeiten -, lebt mit seiner Frau seit 50 Jahren völlig abgeschieden in den Bergen. Die beiden lieben die Natur, die Pflanzen, das Wild, den Wald. Er sagt sinngemäß: Ich würde niemals irgendwo anders leben wollen, bin glücklicher als einer, der im Lotto gewonnen hat.

Er versperrt Wege, damit keine Schneemobile durchfahren können.

Auf viele Menschen üben Berge einen Zauber aus. Man versteht es, wenn man „This Mountain Life“ sieht. Der Film packt mit berührenden menschlichen Erlebnissen und überwältigenden Naturaufnahmen. Er führt an nie betretene Orte. Er kann Interessierte faszinieren.

Eine erlebenswerte Dokumentation.

Interessierten in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




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Datum: 25.03.2019


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