Der Gilden-Dienst Nr. 14-2018
3 Tage in Quiberon

Von Emily Atef

(Prokino, Kinostart 12. April 2018)

Romy Schneider ist heute noch ein Begriff. Immer wenn Weihnachten kommt, ist auf den Fernsehsendern „Sissi“ nicht weit. Sie war 15 Jahre alt, und aus dem Interview in diesem Film kann man herauslesen, dass sie damals noch stark unter der Fuchtel ihrer ehrgeizigen und auf Ruhm bedachten Mutter stand. Aber Romy: „Ich habe meine Mutter geliebt.“

Als sie längst in Frankreich (in einigen wichtigen Filmen) spielte, scheinen aufgrund kritischer Pressestimmen, mindestens einer Operation, des Selbstmordes eines früheren Ehemannes, der Scheidung vom jetzigen Ehemann und manch anderer Ursachen wie beispielsweise hohe Schulden schwere psychische Probleme aufgetreten zu sein. Sie war offenbar der Auffassung, Pillen, Zigaretten und Alkohol könnten helfen.

Doch das war eine überaus irrige Annahme.

Die Filmhandlung: Romy verbringt 1981 einige Tage am Meer. Ihre Freundin Hilde Fritsch ist dabei. Einem befreundeten Fotografen hat sie ein Interview versprochen; der kommt mit einem „Stern“-Reporter. Für die Tage am Meer ist eigentlich eine Diät geplant. Nur wird sie nicht eingehalten. Es gibt wieder alles: Feiern, Tanzen, Champagner, Zigaretten.

Das Interview erstreckt sich über mehrere Tage. Und hier stellt sich nun heraus, wie seelisch angeschlagen Romy in Wirklichkeit ist. Sehr, sehr angeschlagen. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren.“ Trotzdem Dutzende von Fotos.

Der „Stern“-Reporter kann sich auf eine sensationelle Geschichte freuen, auf eine „fast therapeutische Auslieferung“. Doch er hat in den „3 Tagen in Quiberon“ auch viel dazu gelernt. Er wird nur einen Bericht veröffentlichen, den Romy zuvor genehmigt hat.

Ein ziemlich authentischer Film ist das (in S/W) geworden. In welchem inneren Zustand Romy zu dieser Zeit schon war, geht aus dem Drehbuch, den Dialogen, der Dramatisierung klar hervor.

Bis zu ihrem Tod war es ja dann auch nicht mehr allzu weit.

Und wie das gespielt wurde! Marie Bäumer sieht nicht nur Romy ähnlich, sie verkörpert sie auch fantastisch. Ihre bisher beste Rolle.

Als Freundin Hilde ist die österreichische Spitzendarstellerin Birgit Minichmayr mit dabei. Sie steht Marie Bäumer in nichts nach. Charly Hübner mimt bestens den befreundeten Fotografen Robert Lebeck, Robert Gwisdek den „Stern“-Reporter Michael Jürgs.

Ein ziemlich erschütternder Film, so etwas wie ein Dokument.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Das etruskische Lächeln

Von Oded Binnun und Mihail Brezis

(Constantin, Kinostart 12. April 2018)

Rory MacNeil hat die besten Jahre seines Lebens hinter sich. Müsste man annehmen, da er alt und krank ist. Doch es kommt ganz anders.

Rory lebt auf einer Hebrideninsel und spricht nicht schottisch sondern gälisch. Er ist allein, badet jeden Morgen nackt im Atlantik, setzt dem Whisky zu und wartet darauf, dass ein Schwerenöter, den er immer im Pub trifft, vor ihm stirbt.

Besonders menschenfreundlich ist Rory nicht.

Er fliegt nach San Francisco, vielleicht kann man da etwas gegen seine Krankheit machen; immerhin hat diese schon Stufe vier erreicht. Sein Sohn Ian lebt dort mit seiner Familie. Seit Jahren haben sie sich nicht gesehen, und das Verhältnis ist alles andere als gut.

Aber da ist noch etwas: ein kleiner Enkel, gerade ein paar Monate alt. Ein neues Leben, das auch dem Alten ein neues Leben zu geben scheint. So herzlich und warm, so einfühlsam ist die Verbindung zwischen den zweien.

„Die Etrusker lächeln, wenn sie sterben.“ Ein schöner Gedanke.  Die Skulptur zu diesem Thema sieht Rory im Museum – wo er mit dem Enkel im Kinderwagen auftaucht. Dort arbeitet Claudia. Und siehe da, sie wird sogar seine große Liebe.

Aber da ist auch noch die Krankheit. Wird der alte Mann überleben?

Der Gegensatz zwischen Alt und Jung, zwischen der Großstadt und der Landschaft am Meer, zwischen dem Vater und dem Sohn, zwischen den völlig unterschiedlichen Charakteren – all das kommt authentisch und inszenatorisch flüssig gezeigt zum Ausdruck. Im Vordergrund steht die Liebe des Alten zu diesem Kind, die ihm auf jeden Fall in mehrerlei Hinsicht neue Perspektiven eröffnet.

Ein wunderbarer Film.

Und er ist neben dem schönen Thema auch deshalb so gut, weil Brian Cox eine schauspielerische Höchstleistung an den Tag legt. Er trägt den Film. Und das muss ihm erst einmal einer nachmachen.

Begleitet wird er von Rosanna Arquette (endlich wieder einmal bei uns zu sehen), die die Claudia verkörpert, außerdem von JJ. Feild als Sohn und Thora Birch als dessen Frau.

Ein Spitzenfilm.

Filmkunsttheater und Programmkinos zu empfehlen.



Layla M.

Von Mijke De Jong

(missingFILMs, Kinostart 12. April 2018)

Layla ist eine hübsche Gymnasiastin und steht kurz vor dem Abitur. Sie ist marokkanischen Ursprungs und eine fromme Muslimin. Für sie ist ein Kopftuch die natürlichste Sache der Welt.

Aber was ist da los, wenn sie jetzt plötzlich mit einem vollständigen Gesichtsschleier auftaucht und am Familientisch sogar darunter essen will? Der Vater ist entsetzt, die Mutter versucht noch zu schlichten. Ihr Erfolg ist jedoch nicht sehr groß.

Während Layla früher Fußball-Schiedsrichterin war, trifft man sie jetzt auf einer „Allah-ist-Groß“-Demonstration, wo sie und ihr Bruder Younes sogar einmal verhaftet werden. Sie ist in Dschihadistenkreise geraten und lässt sich von niemandem davon abbringen. Bruch mit ihrer besten Freundin. („Wir spucken auf eure Demokratie“, „Was der Prophet sagt gilt“, „Wir sind Soldaten Allahs“, „Wir holen Jerusalem zurück“, lauten die Parolen.)

Obwohl sehr, sehr jung, heiratet sie Abdel und reist nach kurzer Zeit mit ihm in den Nahen Osten. Davon, dass er religiöser Extremist ist, dass er sich in einem Trainingslager militärisch ausbilden ließ, dass er davon spricht, dass Feinde, also auch „Ungläubige“, getötet werden sollen, wusste sie nichts. Später wird sogar angedeutet, dass er Selbstmordattentäter sein könnte. („Wir sehen uns im Paradies“.)

Layla beginnt zu spüren, dass in ihrem Fall von einer Gleichberechtigung der Ehepartner keine Rede sein kann; dass sie oft allein gelassen wird; dass Abdel nie sagt, wohin er geht; dass ihr verboten wird, mit einer Freundin Kontakt zu haben; dass sie nicht in einem Flüchtlingslager helfen darf; dass ihr Widerstand dagegen gar als „Gotteslästerung“ angesehen wird.

Jetzt erst begreift sie, dass ihr Weg, die Heirat mit einem Fundamentalisten, nicht der richtige war. Sie fliegt heim nach Amsterdam. Sie benachrichtigt noch ihre Mutter – aber, dass sie nun von der Polizei verhört wird, ist unvermeidbar.

Viel zu viele junge Menschen, die sich natürlich noch in der Ausbildung und im Erwachsenwerden befinden, lassen sich von extremen politischen oder wie hier religiösen Anschauungen zu sehr beeinflussen. Oft führt dies zur persönlichen Katastrophe oder gar zum Tode.

Das große Verdienst von „Layla M.“ ist es, in gelungener filmischer Form darauf aufmerksam zu machen, zu warnen, davon abzuhalten.

Übrigens mit zwei Darstellern, Nora El Koussur als Layla, sowie Ilias Addab als Abdel, die ihre Sache außerordentlich gut machen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wildes Herz

Von Charly Hübner

(Neue Visionen, Kinostart 12. April 2018)

Ein Dokumentarfilm über Mecklenburg-Vorpommern, nicht über eine Stadt, sondern über ein Dorf, über die Provinz, über Heimat, dann über Punk-Musik, über den Kampf gegen die Neo-Nazis und vor allem über einen „Hauptdarsteller“, einen gewissen Jan „Monchi“ Gorkow.

Zuerst wird es biographisch, dann politisch, hochpolitisch.

Jan wächst in einer intakten Familie auf. Er macht schon als Kind durch Fragen, durch Intelligenz, durch Laut sein auf sich aufmerksam. In der Pubertät ist er wie viele Hansa-Rostock-Fan, macht leider auch bei zerstörerischen Krawallen mit.

Der Punk beginnt eine Rolle zu spielen. Sechs Mann gründen die Band „Feine Sahne Fischfilet“, die langsam immer bekannter wird und heute in der Szene schon eine gewisse Rolle spielt.

Ihre Musik und ihre Lieder sind laut, kämpferisch, provokant und wie gesagt politisch – angeführt werden alle von dem körperlich großkalibrigen, voll tätowierten, sich so gut wie immer energisch, radikal, unbeugsam, unbeirrbar, berserkerhaft („Finger stets am Verbalabzug“), in vielem dann wieder witzig und bewundernswert, aber auch sehr großspurig gebenden „Monchi“.

Es gibt immer nur eines: den Kampf gegen die Neo-Nazis, die „Faschos“ – in Demonstrationen, in den Konzerten, im bevorstehenden Wahlkampf. Und wahrlich ist der Kampf gegen den Nationalsozialismus absolut notwendig, richtig und wichtig!

Allerdings kann nicht übersehen werden, dass „Wildes Herz“ hier einseitig vorgeht. Es gibt nämlich auch den positiven Patriotismus.

Übrigens wurden „Monchi“ und seine Band aufgrund ihres unterstellten Linksextremismus während mehrerer Jahre vom Verfassungsschutz überwacht.

Es lohnt sich, diesen lebendigen, krachenden, vielsagenden, gut konzipierten Dokumentarfilm anzuschauen – nicht zuletzt, weil man danach an sich selbst einiges überprüfen oder korrigieren kann.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

      

  

       

 

  

 

    

 

 

 

 

 
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Datum: 03.04.2018


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