Der Gilden-Dienst Nr. 14-2019


Christo – Walking on Water


von Andrey M. Paounov

(Alamode, Kinostart 11. April 2019)

Christo ist ein Verhüllungs- und Universalkünstler. Manche zweifeln an seinem Verstand, wenn er Brücken wie den Pont Neuf in Paris, Bäume oder den Reichstag in Berlin verhüllt. Ergreift er jedoch das Wort, bleibt ein sehr beachtlicher Eindruck nicht aus.

Er realisierte seine Projekte immer mit seiner Frau Jeanne-Claude, die jedoch 2009 leider starb.

Schon seit Jahrzehnten träumte er davon, wie Jesus auf dem Wasser zu wandeln bzw. viele Menschen über das Wasser wandeln zu lassen. Dazu bedurfte es natürlich kilometerlanger, solider, technisch aufwendiger Pontons, für die er lange Zeit nirgend die Genehmigung bekam. Bis 2014. Nun sollten auf dem italienischen Iseo-See diese „Floating Piers“ zwischen den Inseln Monte Isola und Sao Paolo Wirklichkeit werden.

Nicht weniger als 15 Millionen Euro kostete es; Christo brachte den Betrag selbst auf. Die Wasserwege umfassten drei Kilometer Strecke, sie waren 16 Meter breit und 30 Zentimeter hoch. Bei den Piers handelte es sich um 220 000 mit einander verbundenen Kanistern aus Polyäthylen, die von Tauchern mit Ankern am Boden des Sees befestigt wurden.

Das Ganze wurde mit gelbem Stoff überzogen.

Der Albträume gab es genug: Behörden, Bürokraten, Naturschützer und Denkmalpfleger mussten überzeugt werden. Bis Rom musste Christo gehen. Dort besichtige er auch die Sixtinische Kapelle. Es gibt doch noch größere Künstler als mich, muss er zwangsläufig gedacht haben, als er Michelangelos Gemälde sah.

Zum Teil waren die Naturgewalten während der Tests und des Aufbaus in Norditalien furchtbar: tagelang Sturm, Regen, zu hohe Wellen.

Und zu viele Menschen. Mit 500 000 war für die 16 Tage der Öffnung gerechnet worden, 1,2 Millionen waren es am Schluss. Bereits am ersten Tag trafen 55 000 ein. Doch nur 11 000 sollten gleichzeitig auf den Piers sein. Es blieb keine   andere Wahl als manchmal zu schließen.

Aus 700 Aufnahmestunden wurde dieser professionell montierte Film zusammengesetzt. Der Künstler will, dass sein Werk der Nachwelt erhalten bleibt. Da es sich wirklich um ein Ausnahmeprojekt handelt, ist das verständlich. Hochinteressant ist es allemal. Und dass ein gewaltiges Interesse besteht, sieht man schon an den 2016 verzeichneten Besucherzahlen.

Also ist der Film Interessierten in Filmkunsttheatern und Programmkinos auch zu empfehlen.




Der Funktionär


von Andreas Goldsein

(Salzgeber, Kinostart 11. April 2019)

Die Lebensgeschichte des Klaus Gysi – und damit verbunden die Geschichte eines untergegangenen Staates.

Ein Sohn des Mannes, um den es hier geht, Andreas Goldstein, ist der Regisseur dieses Dokumentarfilms.

Klaus Gysi, 1912 geboren, trat bereits als Jugendlicher, als er Zeuge eines antikommunistischen Mordes geworden war, Ende der 20er Jahre der KPD bei. Er blieb ihr bis zu seinem Tod 1999 treu. „Treue als kommunistische Eigenschaft“, heißt es in dem Film einmal.

Auf das Privatleben Gysis (jüdische Abstammung, bürgerliches Milieu), seine Ehen, seine Kinder geht Goldstein nicht ein. Ihm geht es um Gysis Bekenntnis zum Marxismus; um seinen vergeblichen Traum vom Niedergang des heute wieder alles beherrschenden Kapitalismus; um seine durchaus vorhandenen Widersprüche zum Ulbricht- und Honecker-Regime; um die Durchsetzung von Gysis glänzender und geschickter Rhetorik; darum, die heutige pure Verteufelung der DDR zu relativieren und das eventuell Positive jener Zeit nicht unter den Tisch fallen zu lassen; um das bloße Taktieren der Staatsführung, als zu erkennen war, dass das Ende nicht aufzuhalten sei.

Klaus Gysi hat die Kultur der DDR offenbar wesentlich mitbestimmt. Er war Leiter des bekannten Aufbau-Verlages, Kulturminister, Botschafter in Rom, später Staatssekretär für Kirchenfragen. Von ihm ist überliefert, dass er gerade in solchen Belangen mit der Haltung des diktatorischen Systems nicht einverstanden war.

Also der Kampf zwischen Geist und Macht. Die Utopie und die Realität. Die Illusion als Trugbild.

Ein wichtiger Punkt in Goldsteins Essay: die nicht zu widerlegende These, dass der kommunistische Kampf gegen den Westen auch darin seine Ursache und seine Berechtigung hatte, dass damals in der Bundesrepublik Deutschland die verbrecherische Nazizeit weder historisch noch politisch, weder gesellschaftlich noch menschlich angemessen aufgearbeitet wurde.

Andreas Goldsteins Film ist die mit reichlichem Archivmaterial untermauerte Schilderung eines Menschen, eines Staates, eines politischen Kampfes und seiner Rückschläge – nicht extrem oder schrill sondern sachlich und nüchtern, mit dem keineswegs unterdrückten selbst heute noch bestehenden Widerspruch zwischen Sohn und Vater.

Formal scheint Letzteres auch deutlich zu werden an den oft regnerischen Außenaufnahmen und an dem eher ins Tragische gehenden Sound.

Politische Interessierten in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Dark Eden


von Jasmin Herold und Michael Beamish

(wfilm, Kinostart 11. April 2019)

Luftverschmutzung, Wasserverseuchung oder Erderwärmung – unter unzähligen heutigen Problemen unserer Erde drei der wichtigsten und dringendsten. Dieser Film setzt sich damit auseinander.

Dass hier von einem „dunklen Garten Eden“ die Rede ist, kann man verstehen, wenn man sieht, was sich in der zur Diskussion stehenden Region alles abspielt.

In Kanada wird in der Gegend von Fort McMurray durch sogenanntes Fracking Ölsand abgebaut und zu Öl verarbeitet, und zwar auf einer Fläche von 124 000 Quadratkilometern – so groß wie England.

Früher lebten in Fort McMurray an die 2000 Menschen, später waren es zeitweise 100 000.

Die Region sieht heute trostlos aus, ein Ausflugsziel könnte sie wahrlich nicht sein . Wird sie, wenn nach Jahrzehnten alles vorbei ist, wieder aufgeforstet werden? Das Fragezeichen bleibt.

Die Menschenschicksale. Olga und Markus leben dort – oder ein Ugander, der seine Familie in Afrika unterstützt. Denn der Verdienst ist gut, mehrmals so hoch wie anderswo. Manche lassen sich einbürgern. Die Kirche fehlt ebenfalls nicht. Millionen und aber Millionen Tonnen Öl werden produziert.

Es gibt die Bewegung „Ich liebe Ölsand“. Sie verkündet, dass dort die beste Luft überhaupt herrscht; dass die Wälder das CO 2 aufsaugen würden; dass Prominente mit Hubschraubern über die Region flögen, diese schlecht machten und falsche Informationen verbreiteten; dass die „stille Mehrheit“ mobilisiert werden müsse. Die Ölsandliebhaber veranstalten mit ihrer Überzeugung und für diese richtige Feiern.

Die Kehrseite: Die Arbeiter sind von den Familien getrennt; es gibt Ehescheidungen; über einer bestimmten Wasserfläche muss ständig mit Kanonen geschossen werden, weil das Wasser nicht sauber ist und Vögel, die sich darauf niederlassen, krank würden; manche Menschen hüten sich davor, Wildfleisch aus der Gegend zu verzehren, weil die Tiere nicht mehr gesund sind; der vorhandene Schwefelwasserstoff ist auf eine beängstigende Weise gefährlich; fällt der Ölpreis, gibt es ganz einfach Entlassungen und Geisterstädte; Tumore treten auf; mit Geld wird Schweigen erkauft; große Waldbrände entstehen; weil man eine Überlebensstrategie sucht, lenkt man sich leicht von der eigenen Gewissheit ab.

Auch Deutschland bezieht Öl aus Kanada. Im CETA-Abkommen wurden die Importauflagen aufgehoben. Deutschland gehört zu den zehn Ländern mit dem größten Ölverbrauch.

Hier scheint die „ökologische Gerechtigkeit“ in eine bedenkliche Schieflage geraten zu sein. Der eindrucksvolle Film informiert drastisch darüber. Wer das sieht – und viele sollten es sehen – wird Fracking sicherlich nicht mehr so ohne weiteres befürworten.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Niemandsland - The Aftermath


von James Kent

(Kinostart 4. April 2019)

Winter 1945/46, Hamburg. Die Innenstadt ist noch völlig zerstört, die Briten sind die Besatzungsmacht. Oberst Lewis Morgan ist einer der Offiziere, die sich um die Nöte der Bevölkerung aber vor allem auch um die Entnazifizierung kümmern müssen.

Er hat draußen vor der Stadt eine prächtige Villa als seine Residenz konfisziert, jedoch den deutschen Eigentümer Stefan Lubert mit seiner – noch immer mit Hitlerjugend-Angehörigen in Verbindung stehenden – Tochter Freda im obersten Stockwerk, praktisch im Speicher, wohnen lassen. Lubert hat seine Frau bei einem Bombenangriff auf die Stadt verloren.

Morgan ist ein Mann, der die Auffassung vertritt, der Krieg sei vorbei und jetzt müsse auch der gegenseitige Hass vorbei sein. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau Rachel, die er hat nach Hamburg kommen lassen. Rachels kleiner Sohn starb bei der deutschen Bombardierung Londons. Sie ist verbittert, missachtet alles Deutsche. Der Schmerz über den Tod ihres Sohnes gefährdet auch ihre Ehe schwer.

Morgan ist oft abwesend, Rachel allein, der gut aussehende, gebildet erscheinende, noch nicht entnazifizierte Lubert – es sieht so aus, als sei er während der NS-Zeit an Verbrechen beteiligt gewesen – ebenfalls immer im Haus. Langsam, sehr langsam entwickeln sich zwischen ihm und Rachel immer stärker werdende Gefühle.

Lubert, der Architekt, und Rachel, die ihre Ehe als gescheitert ansieht, beschließen sogar, in den Alpen ein Haus zu bauen.

Wird es dazu kommen?

Über das Aufbegehren der hungernden und obdachlosen Bevölkerung, über ein Attentat durch die in Resten offenbar noch bestehende Hitlerjugend, über die Entnazifizierung oder über den gegen die Besatzer noch bestehenden Widerstand erfährt man leider nicht viel. Das ist bedauerlich, denn es hätte dem Film – an dem übrigens auch Ridley Scott als Produzent beteiligt war – mehr zeitgeschichtliches Gewicht gegeben.

Das Hauptgewicht liegt auf der filmischen Ausschmückung und auf der Gefühlswelt. Da ist vorwiegend Gutes zu berichten. Die starke Kamera, die gelungenen Massenszenen, die prächtige Villa, das geschmackvolle Interieur, der verschneite Garten – dann der distinguierte Lubert (Alexander Skarsgard), die gefühlvoll spielende schöne Keira Knightley (als Rachel), der sympathische, nach vorne schauende, die richtige Haltung einnehmende Lewis Morgan (Jason Clarke), das sind auf jeden Fall Pluspunkte.

Sentimentalität und Kitsch fehlen nicht, aber weitgehend gelungen ist das Ganze doch.

Für Kinobesucher, die einen wunderbaren Kitschfilm sehen wollen, ist das in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    


zum Download
Datum: 01.04.2019


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