DER GILDEN-DIENST Nr. 15 - 2017
Stille Reserven

Von Valentin Hitz

(Camino, Kinostart 20.April 2017)

Bisher weiß man eines: Das menschliche Gehirn ist ein Wunderwerk. Vollständig erforscht ist es noch lange nicht. Man hat nur bereits erkannt, dass vermutlich unendlich viele geistige, seelische, praktische oder elektronische synaptische Strömungen vorhanden sind, die in der Zukunft noch genützt werden könnten.

Kein Wunder also, dass ein Konzern sich dies zunutze machen will. Von den Menschen, die sich keine „Todesversicherung“ leisten können, will er das Gehirn für immer am Leben erhalten. Die auf diese Weise verbleibenden, bei einer Temperatur von 36,6 Grad Celsius gehaltenen „stillen Reserven“ können von ihm gewinnbringend verwendet werden.

Dutzende Menschen werden dafür in speziellen Behältern halb lebend aufbewahrt. Ihnen ist „das Recht auf Tod“ verwirkt. Also: Wer darf sterben und wer nicht?

Vincent Baumann ist ein Vertreter des Konzerns. Er muss in erster Linie „Kunden“ beobachten. Natürlich gibt es auch Aktivisten gegen das, was als fragwürdiger und unmenschlicher Missbrauch des Versicherungskonzerns und gar als ernste Gefahr einer Parallelgesellschaft angesehen wird. Die Sängerin Lisa Sokulowa ist eine solche Aktivistin, vor allem auch, weil es offenbar um das Leben ihres Vaters geht.

Vincent und Lisa sind deshalb eigentlich so etwas wie Gegner. Aber „wie das Leben so spielt“, sie werden ein Liebespaar, wenn auch ein sehr problematisches mit ständigen Aufs und Abs.

Wird Lisa das überstehen?

Ein fiktives, visionäres, pseudofuturistisches, aber bis zu einem gewissen Grade auch faszinierendes Stück. Die Form und das Ambiente zu dem unmenschlichen Thema hat man in idealer Weise gefunden: großstädtisches Wien, Nacht, leere Straßen, graue Stimmung, mysteriöse Schauplätze, erdrückende Architektur. Oder im Datencenter der Versicherung: eine erschreckende Ordnung und Stimmung.

Aus dem Thema Gehirn und Gehirnforschung allerdings hätte man handlungsmäßig noch eine ganze Menge mehr herausholen können. Dass dies nicht geschah, ist schade.

Ihre Rollen als Vincent und als Lisa spielen Clemens Schick und Lena Lauzemis souverän in der erforderlichen nüchternen Weise.

Für den Arthouse-Bereich zu empfehlen.

 

The Founder

Von John Lee Hancock

(Splendid, Kinostart 20. April 2017)

McDonald’s ist bekanntlich die größte Schnellrestaurant- und Burger-Kette der Welt. Die Umsätze gehen in die Milliarden, die Börsendaten können sich sehen lassen. Aber wie begann alles? Das zeigt dieser Film. Er beruht weitgehend auf Tatsachen.

Mitte der 1950er Jahre. Mac und Dick McDonald betreiben unweit von Los Angeles in San Bernardino ein Hamburger-Restaurant. Sie haben schon vieles automatisiert, aber ihr Hauptanliegen ist nicht unbedingt das große Geschäft, sondern die Einhaltung eines hohen Standards und die Zufriedenheit der Kunden.

Ray Kroc ist Handelsvertreter. Er versucht Milkshake-Multimixer an den Mann zu bringen, mehr schlecht als recht.  Aber er ist doch auch ein gewieftes Bürschchen. Als er unvermutet eine hohe Mixerbestellung erhält, macht er sich auf den Weg nach Kalifornien – zu den Brüdern McDonald.

Er sieht deren properes und gut gehendes Schnellrestaurant, und sofort kommt ihm die Idee, dass man derlei doch vermehren müsse, dass ganz Amerika davon profitieren sollte, dass man dies mit der Franchise-Methode bewerkstelligen könnte, dass die Gebrüder damit viel Geld machen würden.

Allerdings denkt er dabei weniger an die beiden McDonalds als an sich selbst. Er ist tüchtig aber auch gierig. Sogar sehr gierig.

Mac und Dick machen nicht mit. Noch nicht. Später versucht Ray Kroc es wieder, schließlich klopft er sie weich. Stück für Stück erreicht er von ihnen Konzessionen – zieht sie dabei auch über den Tisch.

Jetzt macht er Schulden, sagt seiner Freu Ethel davon nichts, kauft Grundstücke, will nur nach seinen Plänen bauen, geht mit harter Hand vor, duldet keine Verzögerungen, hat Glück, dass ein Finanzgenie ihm seine Mitarbeit anbietet . . .

. . . und ist schließlich der eher rücksichtslose, egoistische jedoch überaus erfolgreiche amerikanische Businessmann – wie ihn viele in den Staaten offenbar als Ideal sehen.

Dem menschlichen Minus steht heute immerhin ein gewaltiger Konzern gegenüber, dem man eine gewisse Bewunderung nicht versagen kann. Nicht umsonst zählte eine Publikation wie das Time Magazin Kroc unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Realisiert ist der Film über dieses Lebensbild routiniert, präzise, den Hauptcharakter Kroc, die sich auftürmenden Probleme, die Epoche und das Milieu bestens wiedergebend.

Natürlich ist das alles auch deshalb gut gelungen, weil ein Spitzendarsteller wie Michael Keaton die Hauptrolle durchgehend so glänzend verkörpert.

Ein Stück amerikanische Wirtschaftsgeschichte.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Alles unter Kontrolle

Von Philippe de Chauveron

(Neue Visionen, Kinostart 20. April 2017)

José Fernandez ist französischer Grenzpolizist und auch für Luftfahrt zuständig. Er hat eine schöne aber sehr eifersüchtige Frau. Trotzdem erwartet ihn etwas Gutes. Er soll nämlich befördert werden.

Zuvor hat er aber noch einen Auftrag zu erledigen. Zusammen mit seinem Kollegen Guy Berthier muss er per Flugzeug den afghanischen Migranten Karzaoui, der abgeschoben wird, nach Kabul bringen.

Aber was ist, wenn der sich mit Händen und Füßen wehrt; wenn er gar nicht der ist, für den er gehalten wird; wenn er sagt, er sei nicht Afghane sondern ein Algerier, der nach Hause zu seiner Familie will; wenn also eventuell sowohl die Identitäten als auch die Länder nicht stimmen; wenn der Flieger eine Panne hat; wenn auf Malta zwischengelandet werden muss; wenn Karzaoui Gelegenheit hat zu fliehen; wenn irgendwann sowohl Fernandez als auch sein Schützling festgenommen werden; wenn sie sich auf Lampedusa wiederfinden, usw?

Es ist natürlich ein Thema, das derzeit auf der Welt schwer wiegt. Es wird hier allerdings nicht tiefer darauf eingegangen, es dient nur als thematische Vorlage und Handlungsgerüst und wird rein komödiantisch behandelt.

Verantwortlich für den Film ist Regisseur Philippe de Chauveron. Von ihm stammte auch der erfolgreiche Streifen „Monsieur Claude und seine Töchter“ (Originaltitel übersetzt: „Was haben wir bloß dem lieben Gott angetan?“). Man kann also einiges erwarten. Es geschieht keine Revolution des Genres Komödie, aber man wird nicht schlecht unterhalten. Die mit diesem Road Movie verbundenen Gags klassischen fallen zur rechten Zeit, für den Zuschauer ist Gaudi angesagt. Fernandez und Karzaoui veranstalten fast so etwas wie ein Buddy Movie; das Duo funktioniert.

Erstaunlicherweise fand der Film nach seiner Aufführung in Frankreich im vergangenen Sommer auch eine ganze Menge Kritiker: „Wird nicht in die Annalen eingehen“ - „sympathisch ohne Ehrgeiz“ – „platt, fad und langsam“, so einige Urteile. Dem kann man nicht zustimmen. Zu sagen oder zu schreiben der Film sei langsam ist ein Schmarren.

Er ist alles in allem ein Pläsier.

Dafür sorgen nicht zuletzt die Schauspieler und zwar in bester Manier: Ary Abittan als José Fernandez, Reem Kherici als seine Frau Maria, Medi Sadoun als Karzaoui und Cyril Lecomte als Guy Berthier.

Auch im Arthouse-Bereich gut möglich.

 

Abgang mit Stil

Von Zach Braff

(Warner, Kinostart 13. April 2017)

Willie, Joe und Albert sind nicht mehr die Jüngsten. Doch nicht das Alter macht ihnen zu schaffen, sondern die Tatsache, dass neben ihrer früheren Firma eine Bank mit finsteren Machenschaften sie um ihr Geld gebracht hat.

Eine Zeit lang nehmen sie das noch hin. Dann aber reift die Idee, eben diese Bank, die sie geschädigt hat, zu überfallen. Sie rechnen aus, was sie eingebüßt haben; erbeuten sie mehr, dann wird der Rest an Hilfsorganisationen verteilt.

Jetzt muss alles sorgfältig vorbereitet werden. Etwa 20 Tage dauert das. Dann zeigen sie sich, um später ein Alibi zu haben, auf einer öffentlichen Veranstaltung – um sich jedoch heimlich davon zu schleichen und die Bank zu überfallen. Es scheint alles zu klappen.

Einer der drei, der eine auffällige Armbanduhr trägt, spricht dabei sogar mit einem kleinen Mädchen – das daraufhin von der Polizei, die Willie, Joe und Al auf die Spur gekommen zu sein scheint, bei einer Gegenüberstellung als Zeugin vernommen wird. Das Kind erkennt die Uhr und den Mann, verrät ihn aber nicht.

Also können die drei sich danach großzügig zeigen. Albert wird dazu noch von der Supermarktkassiererin Anne (Anne Margret) vom Fleck weg geheiratet; so ganz begreift er allerdings nicht, wie ihm geschieht.

Der Film, ein Remake, ist völlig komödienhaft angelegt. Handlungseinfälle, Ambiente und Schauplätze, Dialoge und Montage unterhalten durchgehend bestens.

Der absolute Clou aber ist die Beteiligung von Michael Caine als Joe, Morgan Freeman als Willie und Alan Arkin als Al. Dass die drei mit ihrer starken Präsenz, ihrer lebenslangen Erfahrung und ihrem unüberbietbaren Charisma glänzend agieren, versteht sich von selbst. Doch vor allem dass sie für das natürlich nicht ernst gemeinte Bankraubspielchen gemeinsam besetzt wurden, bereitet größtes Vergnügen. Ein „Abgang mit Stil“, ein Film mit Stil.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.     

 

Gold – Gier hat eine neue Farbe

Von Stephen Gaghan

(Studiocanal, Kinostart 13. April 2017

Kenny Wells hatte die blühende Bergbaufirma Washoe Mining Corporation seines Vaters in Reno übernommen, sie aber, wohl nicht zuletzt wegen seines Alkoholproblems, an die Wand gefahren. Von seiner Freundin Kay verabschiedet er sich.

Vor Jahren war er in Indonesien gewesen. Vielleicht ist dort etwas zu machen. Er trifft auf Mike Acosta, den Entdecker eines großen Kupfervorkommens. Sie fahnden jetzt gemeinsam im Regenwald nach Gold. Mike kümmert sich um die dortigen Arbeiten, Kenny muss in den Staaten Geld auftreiben. Zuerst geht im Urwald alles schief. Die Gesteinsproben bringen nichts, es regnet ununterbrochen, Kenny wird wochenlang krank. Und dann doch: Gold.

Kenny kann in Reno mit der Washoe Mining Corporation wieder groß auftreten. Auch Kay ist wieder da. Sofort stellen sich Partner und Banker ein, die Geld verdienen wollen.

1988. Jetzt ist sogar der Börsengang an der Wall Street möglich. Kay warnt, aber Kenny hört nicht. Wieder die halbe Trennung der beiden. Kenny reagiert auch nicht, als ihm 300 Millionen Dollar für seine Goldmine geboten werden.

Ein Fehler. Denn der Anbieter tut sich mit der indonesischen Regierung unter Suharto zusammen, und daraufhin wird die Mine vom Militär geschlossen. Jetzt die Aktien auf einem absoluten Tiefpunkt.

Doch Kenny und Mike erreichen mit Suhartos Sohn noch einmal einen Aufschwung. Sie sind wieder oben. Und dann geschieht etwas Undenkbares: Das FBI steht vor der Tür, Mike ist verschwunden und zwar mit nicht weniger als 164 Millionen Dollar.

Wacht Kenny aus diesem Albtraum noch einmal auf? Es sieht so aus.

Der Film beruht zum großen Teil auf Tatsachen. Er ist lebendig, erlebnisreich, sicherlich kinomäßig ein wenig aufgemotzt, aber insgesamt eine als Zuschauer gut mitzuerlebende Inszenierung und Dramatisierung.

Nie aufgeben! – heißt die auf jeden Fall zu beherzigende  moralische Aufforderung.

Einen durchgehenden Höhepunkt bildet die Darstellung des Kenny Wells durch Matthew McConaughey. Wie er diesen unberechenbaren Charakter plastisch wiedergibt, ist eine schauspielerische Ganzleistung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.  

  

 

 

 

 

 

 

 

  

     

    

 

        

    

   

 

 

 

 

         

 
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Datum: 10.04.2017


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