Der Gilden-Dienst Nr. 15-2018
SPK Komplex

Von Gerd Kroske

(Salzgeber, Kinostart 19. April 2018)

In den 60er/70er-Jahren war in Deutschland die Nachkriegszeit, die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders vorbei. Die Jugend begann zu rebellieren, in Frankreich, bei uns und anderswo. Der Vietnam-Krieg und die totale Konzentration auf das Ökonomische spielten beispielsweise eine Rolle.

In Deutschland war die Rote Armee Fraktion (RAF) am Werk. Sie stellte sich als verbrecherische Organisation heraus, tötete Menschen. Ihr Ende ist bekannt.

In Heidelberg war unter dem Psychologen Professor Wolfgang Huber das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) aktiv. Seine „Genossen“ gingen davon aus, dass die psychisch Kranken ihre Krankheit den geltenden gesellschaftlichen Verhältnissen verdankten; dass noch der Postfaschismus herrsche; dass das System infrage gestellt werden müsse; dass noch Psychologen und Psychiater am Werk seien, die an den nazistischen Euthanasieverbrechen beteiligt gewesen waren; dass der Marxismus helfen könne.

„Ein Selbstmord ist ein Mord des Kapitals“, hieß es beispielsweise.

Es wurden Arbeitskreise gebildet (einer hieß etwa „Arbeitskreis Sprengstoff“) , es wurde Hegel gelesen, es wurden eindeutige Flugblätter verbreitet, es wurden Ausweise gefälscht, es wurden Waffen beschafft, es wurden „Waffenscheine für die Patienten“ gefordert, es wurde die „Seelenheilung durch die Revolution“ propagiert. „Bullenschweine“ und „Polizei ist SS“ hieß es.

Natürlich ließ die Reaktion des Verfassungsschutzes auf diese „Sekte“, auf die Konspiration, auf den „Volkskrieg“ nicht auf sich warten. Es kam wegen des „Versuchs des Umsturzes der Gesellschaft“ zu Durchsuchungen, zu Hausverboten, zu Verhaftungen, zu Isolationshaft, zu Zwangsernährung, zu Prozessen, zu Verurteilungen durch Sonderrichter, zur Aberkennung der ärztlichen Approbation, zur Entziehung der Bürgerrechte.

Beteiligte von damals berichten minutiös, wie alles war. Eine Fülle von Fotos, Archivmaterial, Filmausschnitten oder Zeugenaussagen waren in diesem Dokumentarfilm von Gerd Kroske zur Rekonstruktion des historischen Geschehens verfügbar.

Für Interessierte ist das eine Fundgrube.

Allerdings kann man es drehen und wenden wie man will: Die seinerzeitige Bewegung, allgemein 68er-Revolution genannt, brachte, abgesehen von einem nicht zu verleugnenden schwerstkriminellen Teilaspekt, Dinge in Bewegung, die gesellschaftlich sein mussten!

Ein geschichtlich höchst interessanter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Arrhythmia

Von Boris Khlebnikow

(Déjà vu, Kinostart 19. April 2018)

Ein russischer Film von großer Authentizität.

Oleg ist Notdienstarzt, mit dem Krankenwagen in der Stadt unterwegs: Infarkt, Wiederbelebung, Darmblutung, Blutverlust, Transfusion, Lebensgefahr, Reanimation, Todesfall, Verweigerung der Hilfe aus religiösen Gründen – so geht das ununterbrochen.

Erschwert wird alles durch neue Bestimmungen. Nur noch 20 Minuten darf ein Fall dauern. Lediglich innerhalb des eigenen Fachbereichs darf gearbeitet werden. Die Heranziehung eines zweiten Teams ist verboten. Kein Zeitverlust! Wer diesem Schwachsinn zuwider handelt, riskiert ein Bußgeld oder die Entlassung. Olegs Chef hat die Aufsichtspflicht und ist da unerbittlich, spricht gar von Simulanten.

Doch Oleg handelt immer nach seinem Gewissen und der ärztlichen Notwendigkeit!

Einen Fehler hat dieser Notarzt: Er trinkt zu viel. Oft ist er betrunken. Das ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum das Liebesverhältnis mit seiner Katja, die ebenfalls in der Klinik arbeitet, in die Brüche gegangen ist, warum immer wieder gestritten wird. Jetzt ist von Trennung, von Scheidung die Rede. Die Enttäuschung ist groß. „Keinen Sinn mehr“, „Raus aus meinem Bett!“, „Fass mich nie wieder an!“

Dann wieder Reue, Umarmung, Versöhnung, Sex. „Nichts ist wichtiger als Du, ich darf Dich nicht verlieren“, sagt Oleg.

Ein hochdramatischer und wie gesagt vor allem authentischer Film, sowohl was die fachliche Seite als auch was die menschliche Beziehung zwischen Katja und Oleg betrifft. In einer solchen Situation befinden sich zahllose Menschen, und man kann nur hoffen, dass so viele wie möglich es schaffen.

Das russische Alltagsmilieu, die gesundheitspolitische Problematik, die dem inhärente Spannung, die Auswahl und Charakterisierung der Mitwirkenden, die professionelle Inszenierung – all das stimmt.

Und wie Irina Gorbatschewa als Katja sowie Alexander Jatsenko als Oleg ihre Rollen leben und darstellen, das ist hier von hohen Graden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Solange ich atme

Von Andy Serkis

(Square One – Universum, Kinostart 19. April 2018)

England 50er Jahre. Diane und Robin verlieben sich, heiraten. Bald kommt auch der kleine Jonathan auf die Welt. Die Familie befindet sich gerade mit Freunden in Kenia, Robin hat offenbar mit Teegeschäften zu tun.

Eines Abends fühlt er sich nicht wohl. Fast bricht er zusammen. Die Mediziner finden rasch heraus, was ihm fehlt: Es ist die Polio. Irgendwo hat er sie sich durch eine Tröpfcheninfektion aufgeschnappt.

Es ist eine besonders schlimme Form. Der gesamte Körper ist lahm. Auch reden, schlucken und atmen kann er nicht mehr ohne Maschine. Verständlich, dass er nicht mehr leben will, doch da hat auch Diane noch ein Wörtchen mitzureden.

Langsam aber konsequent arbeitet sie an der Verbesserung der Situation. Ohne große Liebe zu ihrem Mann ginge das nicht.

Robin, nun in einem besseren Zustand, hilft und erfindet selbst bald mit. Er kann wieder sprechen. Jetzt ist schon ein Rollstuhl, ist ein Aufenthalt im Garten, ist die Teilnahme an einer Feier drin, auch eine Reise nach Deutschland, auf der er den Ärzten, die Schwerbehinderte wie Gefangene halten, schwer die Leviten liest.

Und dann bleibt doch das Gespenst des Todes nicht aus. Immer öfter liegt Robin in seinem eigenen Blut. Jetzt beschließt er zu sterben. Noch immer leistet Diane Widerstand. Doch dann gibt sie auf.

Es bleibt nur noch Robins Erlösung.

Das Wichtigste an der Geschichte: Sie ist wahr. Und noch eins: Durch die technischen und medizinischen Verbesserungen, die Diane und die Ihren im Laufe der Zeit für Robin erreichten, wurde unzähligen anderen Menschen ebenfalls geholfen.

Filmisch, inszenatorisch, dramaturgisch und darstellerisch –Andrew Garfield als Robin und Claire Foy als Diane- weist der Film nicht die geringsten Mängel auf, im Gegenteil. Auch wenn manche von einer gewissen Sentimentalität reden. Es ist doch eher Tragik, die man hier empfindet.

Was aber noch bedeutender ist: Es wird einem auf sehr eindrucksvolle Weise bewusst, dass letztlich nur die Liebe die Menschen voran bringt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums

Von Stefan Westerwelle

(Universum, Kinostart 19. April 2018)

Was ist denn mit dem Universum los? Der zehnjährige Hamburger Matti fragt sich das anscheinend schon lange. Denn wäre alles in Ordnung, dann wäre sein Vater, der Finne Sulo, nicht Busfahrer sondern Softwareentwickler. Und dann hätte seine Mutter Annette in der Arztpraxis, in der sie arbeitet, nicht so viel Ärger. Außerdem hätte die Familie schon längst einmal Urlaub in Finnland machen können, etwas, was Matti sich so sehr wünscht. Das aber war bis jetzt nicht möglich, weil das Geld fehlte.

Und noch etwas fragt sich Matti. Sind Notlügen oder gar Lügen erlaubt? Denn eines Tages erklärt der Vater, die Familie würde in die Schweiz ziehen. Alle freuen sich riesig – doch Sulo hat gelogen, kein Wort ist wahr.

Was aber der Vater kann, kann Matti schon lange. Er bastelt einen Lotterieschein zusammen und verkündet den Seinen, die Familie hätte ein Haus in Finnland gewonnen. Dass es sich dabei nur um eine Hausmeisterstelle für den Vater handelt, verschweigt er.

Der Umzug wird eingeleitet, in kurzer Zeit sind Sulo, Annette, Matti und der kleine Sami in Finnland, zwar in einer herrlichen Gegend, aber natürlich ohne Haus.

Gottlob gibt es da auch noch Sulos Bruder und seine Frau. Die falschen Lotteriegewinner werden herzlich aufgenommen, und alles wendet sich noch zum Besten.

Vielleicht ist das Universum ja auch für Wunder zuständig, und die Familie kann etwas Neues wagen.

Kindern wird der Film sicherlich zusagen, denn die Idee ist originell, das zugrunde liegende Buch (und sein Autor) bekannt und beliebt, die Inszenierung professionell, lebhaft und milieuecht, die finnische Landschaft, in der das Ganze spielt und die filmisch gut genutzt wurde wie gesagt wunderschön.

Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Kinderfilm sind mehr als erfüllt.





Die Pariserin: Auftrag Baskenland

Von Ludovic Bernard

(X Verleih, Kinostart 19. April 2018)

Französische Komödien hatten in letzter Zeit Konjunktur, zogen viele Besucher in die Kinos. Also ist es verständlich, dass an diesem Trend festgehalten wird. Hier ist also eines der neuesten Stücke.

Sibylle ist „die Pariserin“. Sie arbeitet mit ihrem Freund in einer Immobilienfirma, die kleine Läden aufkaufen will, um sie in kapitalistische Konzerne einzugliedern. Eine ziemlich sterile und auch skrupellose Welt. Gerade hat sie ein Opfer in Sicht, ein Eisenwarengeschäft im Baskenland. Ferran, der Inhaber, ist schon älter, und mit seiner Geistesgegenwart ist es auch nicht mehr so weit her. Sibylle will also zuschlagen. Mit Gaetan, dem kleineren Bruder ihres Freundes, der ein Praktikum machen soll, reist sie also in das betreffende baskische Dorf.

Der Haken: Ferran hat einen Neffen, Ramuntxo, einen etwas rauen Typen, und der ist mit Sibylles Vorhaben ganz und gar nicht einverstanden, auch wenn, wie geschehen, schon eine große Vorauszahlung geleistet wurde. Die junge Frau versucht mit allen Mitteln, ihr Vorhaben zu einem für sie guten Ende zu bringen, beißt aber auf Granit.

Denn im Baskenland herrscht eine andere Lebensart als in Paris. Da gibt es noch Zusammenhalt, Brauchtum, Abgrenzung gegen Fremdes. Da „geht das Leben noch nicht verloren“.

Doch dann gewinnt Sibylle völlig unerwartet einen Hirtenruf-Wettbewerb, so dass sie in der Feier danach Ramuntxo doch etwas näher kommt. Der allerdings bleibt noch lange bei seiner Haltung.

Dazwischen gibt es dann noch Chorgesang, Tänze, geselliges Zusammentreffen, Begegnungen mit Ramuntxos Freunden Xabi und Patxi, aber auch Waffenschmuggel und eine Entführung.  Man weiß ja: Mit den Basken ist nicht immer gut Kirschen essen; wenn es um die Unabhängigkeit ihrer Region geht, sind sie zum Kampf bereit, vereidigen sie ihr Land.

Natürlich sind Sibylle und Ramuntxo nur eine Zeit lang Gegner, am Schluss dann wie in einer Komödie üblich ein Liebespaar.

Der Film braucht eine gewisse Zeit, bis er in Gang kommt, dann aber fehlen weder gute Einfälle noch eine solide Inszenierung, weder eine gewisse Sensibilität und Leichtigkeit noch Darsteller, die ihr Handwerk verstehen, weder eine originelle Charakterisierung des Baskenlandes noch die schöne Natur.

Eine gefällige französische Komödie.  


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Datum: 09.04.2018


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