Der Gilden-Dienst Nr. 15-2019


Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit


von Julian Schnabel

(DCM, Kinostart 18. April 2019)

Vincent van Gogh, ein großer Name am Kunsthimmel.

Eine neue Biographie. Aber keine wie diejenigen, die es schon gab, beispielsweise von Vincente Minnelli mit Kirk Douglas (immerhin noch in sehr guter Erinnerung).

Hier hat sich der Maler Julian Schnabel mit dem Maler Vincent van Gogh auseinandergesetzt, und zwar in erster Linie nicht auf biografischer sondern auf spiritueller Ebene.

Natürlich sind in dem Film auch gängige Lebensdaten erhalten, etwa die Fremdheit, die van Gogh in der Gruppe der damaligen Malerkollegen in Paris verspürt; die andauernde seelische und materielle Hilfe, die er von seinem Bruder Theo erfährt; die zuweilen problematische Freundschaft zu Paul Gaugin; die künstlerisch so erfolgreiche Periode in Arles, die leider nicht zum Verkauf von Bildern führt; die Aufenthalte in den Heilstätten; die traurige Geschichte mit dem abgetrennten Ohr; die Tatsache, dass die Umstände seines Todes (1890) nur vermutet werden können.

Schnabel betrachtet seinen Kollegen van Gogh „an der Schwelle der Ewigkeit“ (Gemälde von 1890). Ihm geht es um Vincents Schwanken zwischen künstlerischem Hochgefühl und psychiatrischem Abgrund; um das Verhältnis zu Gott, um seine zum Himmel erhobenen Hände, um das suchende Gespräch mit einem Priester; um das Fieberhaft-Ekstatische beim Hinwerfen der vielen Bilder; um van Goghs Einsamkeit und die dadurch bedingte  Tragik . . .

. . . dann um das Licht (von Arles), um die Bläue des Himmels, die Natur, die Blumen und Felder, die satten Farben, die Sonnenblumen vor allem. Und auch um das verlassene leere Sonnenblumenfeld, wohl ein Gleichnis für die Depressionen des Malers. „Gott hat mir die Gabe vermacht, ich kann nur malen“, sagt er einmal sinngemäß,

. . . dann  Willem Dafoe in der die gesamte Szenerie beherrschenden Titelrolle. Er gestaltet sie mit einer Intensität, die nicht zu überbieten ist. Eine große und reife künstlerische Leistung, die man nur bewundern kann.

Ein etwas anderer, ganz besonderer van-Gogh-Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Tea With The Dames


von Roger Michell

(KSM, Kinostart 25. April 2019)

Judi Dench, Maggie Smith, Joan Plowright oder Eileen Atkins, das sind Namen, die in Großbritannien Klang haben, im Theater, im Kino, im Fernsehen. Nicht umsonst erhielten sie von der Königin oder vom Thronfolger Adelstitel zugesprochen und sind seither „Dames“. Eine unter ihnen, Joan Plowright, ist sogar Baronin, denn sie war mit dem „Baron“ Laurence Olivier verheiratet.

Sie spielten in Stücken von Shakespeare oder Tschechow, sie drehten berühmte Filme oder waren im Fernsehen vertreten, sie waren bei Premieren die Stars, werden noch heute bewundert – obwohl sie nicht mehr ganz jung sind und im Grunde nicht mehr arbeiten.

Nicht mehr arbeiten aber präsent sein, sich treffen, sich austauschen, aus dem Leben erzählen, zum Teil Interessantes und Wertvolles bewahren.

Gut, dass einer die Idee hatte, daraus einen Film zu machen. Viele Archivaufnahmen zeigen Auszüge aus bekannten Dramen, stellen berühmte Kollegen mit vor, schildern verschiedene Phasen der Lebensverläufe der vier Damen.

(Eigentlich wäre es schön gewesen, wenn Vanessa Redgrave auch hätte dabei sein können – doch das ist eine völlig unverbindliche Idee.)

Und was tun die Damen? Sie berichten; sie unterhalten sich; sie lachen viel (Judi Dench: „Man darf auch als „Dame“ noch fluchen!“ - „Haben wir zusammengerechnet überhaupt noch drei funktionierende Augen?“); sie werden zuweilen auch nachdenklich, wenn die damaligen Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg das Thema sind; sie erzählen von ihren Männern; sie trinken Tee; sie genehmigen sich auch Sekt oder ein Schnäpschen; ihnen ist bewusst, dass sie alt geworden sind (zusammen 342 Jahre); sie vergessen auch den Tod nicht.

Regisseur Roger Michell: „Sie sind witzig, geistreich, scharfsinnig, ehrgeizig, sentimental, albern, intelligent, sarkastisch, cool, hinreißend, eindringlich, respektlos, ehrfurchtgebietend, alt – und gleichzeitig unglaublich jung.“

Damit ist alles gesagt. In einem Haus im Grünen ist das ungezwungen, nicht gestellt, abwechslungsreich inszeniert.

Thematisch und „historisch“ ein köstlicher Volltreffer.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Ayka


von Sergey Dvortsevoy

(Neue Visionen, Kinostart 18. April 2019)

Moskau, Winter. Solche Schneemassen gab es seit Jahrzehnten nicht.

Ayka ist Kirgisin. Sie lebt illegal in Moskau. In ihrem „Hotel“, das man, weil es versteckt, verdreckt und außerdem voller illegaler „Hotelgäste“ ist, gar nicht als solches bezeichnen dürfte, muss sie sich im  Grunde mit einer Liege hinter einem Vorhang zufrieden geben.

Sie wollte sich ein Nähgeschäft aufbauen, doch daraus wurde nichts. Sie machte deshalb Schulden. Doch sie hat immer noch kein Geld, und die Schuldner sind längst hinter ihr her.

Ayka sucht Arbeit, irrt in den verschneiten Straßen umher, findet in einer Firma, die Geflügel verarbeitet, einen Job  den ihr eine andere wieder wegnimmt, arbeitet  später als Putzfrau bei einem Tierarzt.

Sie hat vor einigen Tagen einen Sohn geboren - einen Vater gibt es nicht. Aus Verzweiflung ist sie ohne Kind aus dem Krankenhaus geflohen. Sie blutet stark, weshalb eine Ärztin sie vor diesen Gefahren warnt. Ihre Brüste schwellen an, weil sie ihr Kind nicht stillt.

Im „Hotel“ ist sie ständig der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden. Die Polizei ist bereits da – der Hotelbesitzer kann die Situation nur retten, indem er die Beamten besticht.

Die Schuldner tauchen wieder auf, drohen, ihr und ihrer Schwester die Finger abzuschneiden, wenn keine Bezahlung erfolgt. Einen Ausweg gäbe es, wenn sie das Kind verkaufen würde!

Und dann trifft Ayka eine Entscheidung, die sie ehrt. Sie holt ihr Kind – und wird es trotz ihrer enormen Schwierigkeiten behalten, ihm Mutter sein.

Man wird einsehen und eingestehen müssen, dass es sich um eine Fiktion handelt. Denn solch drastische, geradezu vernichtende Lebenssituationen treffen normalerweise nicht eine einzige Person mit einem Mal. Und doch ist mit dem Gezeigten viel der heutigen Realität und Authentizität abgeschaut (und dies keineswegs nur in Moskau sondern an unzähligen Orten der Welt).

Dramatisiert und inszeniert ist das so intensiv, dass es nicht zuletzt bestürzt macht, geradezu weh tut.

Samal Yeslyamova als Ayka ist eine großartige Darstellerin. In Cannes gab es für diese Leistung eine Auszeichnung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Der Fall Collini


von Marco Kreuzpaintner

(Constantin, Kinostart 18. April 2019)

1944, Italien, Montecatini. Im nördlichen Italien ist die Wehrmacht noch zu Gange. Zwei deutsche Soldaten werden von Partisanen getötet. Die SS wird furchtbare Rache nehmen. Für die beiden Deutschen werden 20 italienische Geiseln erschossen. 

70 Jahre später. Der Großindustrielle Hans Meyer wird in seinem Hotel umgebracht. Wer ist der Täter? Ziemlich rasch stellt sich heraus, dass ein gewisser Fabrizio Collini die Tat begangen hat. 30 Jahre arbeitete der unbescholten in Deutschland. Collini schweigt während der gesamten Untersuchungshaft. Niemand kann sich ein Motiv vorstellen.

Der junge Anwalt Caspar Leinen bietet sich als Pflichtverteidiger an. Er war früher mit Johanna zusammen, die ausgerechnet die Nichte von Meyer ist und um ihren Großvater sehr trauert. Leinen nun gegen Johanna? Einfach stellt sich das nicht gerade dar.

Als Nebenkläger tritt ein gewisser Mattinger auf, für den Pflichtverteidiger juristisch ein schwerer Gegner. Leinen muss herausfinden, warum der schweigende Collini Meyer tötete. Er hat mit seinen Helfern nur noch vier Tage Zeit für umfassende Recherchen.

Und er wird belohnt. Denn er kann einen Justizskandal offenlegen, der absolut unglaublich erscheint. Mattinger war in den 50er Jahren an der Formulierung eines Gesetzes beteiligt, auf dessen Grundlage damalige Mörder wie Hans Meyer straflos ausgehen konnten (oder mit einer sehr geringen Strafe davonkamen).

Fabrizio Collini hatte seinem Rechtsempfinden nach keine andere Wahl.

Zwei Punkte bedürfen eines Kommentars:

Erstens ist das alles mit höchst respektablen Darstellern – Franco Nero (Collini), Elyas M'Barek (Leinen ), Manfred Zapatka (Meyer), Alexandra Maria Lara (Johanna), Heiner Lauterbach (Mattinger – folgerichtig, historisch korrekt, filmisch sehr ansprechend und noch dazu spannend inszeniert.

Zweitens sind viele, sehr viele damalige Geiselerschießungen – und bei weitem nicht nur in Italien – eine mörderische, traurige, nicht zu vergessende Realität.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

           


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Datum: 08.04.2019


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