DER GILDEN-DIENST Nr. 16 - 2017
Die Schlösser aus Sand

Von Olivier Jahan

(Film Kino Text, Kinostart 27. April 2017)

Bretagne. Die Fotografin Eléonore, einfach „Leo“ genannt, hat ihren Vater verloren und muss jetzt dessen schönes Haus mit Garten samt Gästehaus verkaufen. Früher war sie mit Samuel, „Sam“, zusammen. Doch eines Tages machte sie einen Fehler und betrog ihn mit einem Musiker. Samuel ging daraufhin fort von ihr und tat sich mit der gut aussehenden blonden Laure zusammen.

Das ist der jetzige Stand.

Weil Eléonore das Haus nicht nur verkaufen sondern auch räumen muss, bittet sie Samuel, ihr ausnahmsweise zu helfen. Die beiden haben dafür ein Wochenende vorgesehen. Samuel hält dabei zunächst ständigen Kontakt zu Laure.

Die Maklerin Claire kommt, die Kunden kommen, es muss eingekauft, gegessen, geschlafen und teilweise repariert werden. 

Aber es geschieht noch viel anderes – offen gezeigt und erlebt, oder nur hintergründig – letzteres meist in Off-Kommentaren oder -Dialogen der beiden Hauptbeteiligten: die zwangsläufig noch vorhandene Beziehung zwischen Leo und Sam; das Aufbrechen alter Vorwürfe über das Leben und die Unzulänglichkeiten des jeweils anderen; auf engstem Raum Entfremdung und Anziehung gleichermaßen; denn da ist noch das verbliebene, auch sexuelle Verlangen; oder problematisch verlaufende Gespräche, die etwa die –vielleicht wieder gemeinsame- Zukunft der beiden betreffen.

Umrahmt ist dies alles von der starken Liebe Eléonores zu ihrem Vater über den Tod hinaus, von der Entdeckung seiner heimlichen Geliebten (besonders schöne Szenen), von der eher geheimnisvollen Rolle der Maklerin Claire – und von der herrlichen bretonischen Landschaft (mit einer äußerst gelungenen musikalischen Passage über den berühmten Chansonnier George Brassens).

Das ganze Geschehen ist von Regisseur Olivier Jahan und seinem Mitautor Diastème auf eine derart natürliche und selbstverständliche Weise inszeniert worden, dass man seine Freude daran haben kann.

Ein wunderbarer Film.

Wie meistens würde ein Projekt nicht derart gut gelingen, wenn nicht so erstklassige Darsteller mitgewirkt hätten. Emma de Caunes als in sich zerrissene Eléonore, Yannick Renier als zweifelnder Samuel, Jeanne Rosa als leicht mysteriöse Maklerin Claire sowie Christine Brucher als besonders liebenswerte Freundin des Vaters spielen alle wirklich glänzend.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wrong Elements

Von Jonathan Litell

(Neue Visionen, Kinostart  27. April 2017)

Gegen die etablierte staatliche Ordnung rebellierende Gruppen gibt es überall immer mehr.

In diesem Dokumentarfilm ist von dem ugandischen Schwerverbrecher Joseph Kony die Rede, der seit einem Vierteljahrhundert unter der Bezeichnung Lord’s Restistance Army (LRA) sich mit seinen „Soldaten“ gegen Präsident Museveni auflehnt, sein Unwesen treibt und verfolgt wird, ohne dass es bisher gelang, ihn wirklich zu fassen. Zum Teil liegt es daran, dass Nachbarländer Ugandas, die sich nicht grün sind, Unterstützung gewähren; dass die eingesetzten UN-Schutztruppen kein wirkliches Kampfmandat haben; dass deshalb  Fluchten in den Südsudan, in die Zentralafrikanische Republik, nach Ruanda oder in den Kongo möglich zu sein scheinen. Sowieso bietet der undurchdringliche Busch überall ständigen Schutz. 

Kony, der sich als von Geistern auserwählt wähnt, entführte tausende Jugendliche, von denen die Hälfte nicht mehr lebt; massakrierte immer wieder die Zivilbevölkerung (an Weihnachten 2008 weit über 800 Zivilisten, ein weiteres Massaker an Weihnachten 2009); folterte und verstümmelte; widersetzte sich Friedensverhandlungen; erzog die Entführten so, dass sie nicht mehr nur Opfer waren, sondern zum Morden ausgebildet und so selbst zu Tätern wurden.

2015 stellte sich Dominic Ongwen, einer seiner grausamsten Kommandeure. Gegen ihn läuft der Prozess am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Kony selbst ist noch immer auf der Flucht.

Ein paar junge Menschen wie Geofrey oder Lapisa, die als Kinder entführt wurden sind wieder frei und berichten in dem Film, wie es damals war, wie sie töteten, wie sie vergewaltigt wurden. Sie waren damals Handelnde und sind jetzt Zeugen. Sie werden natürlich von der grauenhaften Vergangenheit verfolgt und versuchen, langsam wieder in ein normales Leben zurückzukehren. Das Gute ist, dass hier nichts Fiktionales, Phantasievolles dargestellt wird – sondern Erlebtes.

Es ist ein harter Film, aber auch ein (langer) realer Film, der auf erschreckende Weise bewusst macht, wie es in unserer Welt leider zugeht. Und eine Besserung ist noch nicht in Sicht.

 

Maikäfer flieg

Von Mirjam Unger

(W-film, Kinostart 27. April 2017)

Frühjahr 1945, Wien. Die Alliierten rücken überall vor, der Krieg wird bald zu Ende sein. Doch noch ist es nicht so weit. Die kleine Christine und ihre Schwester werden mit ihrer Mutter ausgebombt. Sie haben keine andere Wahl als Wien zu verlassen. Unterwegs ist es gefährlich. Nazis kontrollieren die Straßen, erschießen Menschen.

Christine und die Ihren finden in einer Villa außerhalb der Stadt Unterschlupf. Platz ist genug da, und es gibt da neben noblen Möbeln sogar einen schönen Flügel - aber leider nichts zu essen.

Gottlob hat der Vater überlebt. Verwundet kommt er an. Er hat einfach das Lazarett verlassen. Im Grunde ist er ein Deserteur. Und nun trifft auch die Eigentümerin der Villa, Frau von Braun, mit ihrem Sohn Gerald ein. Ihr Mann ist tot.

Es ist so weit: Die Russen sind da. Die Soldaten besetzen die Villa. Manche verhalten sich friedlich, feiern den 1. Mai, andere betrinken sich, schießen oder schlagen die Einrichtung kaputt. Alles ist unberechenbar geworden.

Ob Frau von Braun sich mit einem Offizier zusammentut, wird nicht so ganz klar. Wahrscheinlich schon. Christines Vater ist Uhrmacher, er repariert die Uhren der Soldaten.

Traurig erzählt eine junge Russin wie die Deutschen in ihrem Land wüteten und alles niedermachten: Dörfer, Männer, Frauen Kinder.

Hier sind die Kinder gottlob unbeschwerter. Und das ist die Grundhaltung dieses halb autobiographischen Films. Alles wird  mit den Augen der Kinder gesehen. Meist spielend beobachten sie zwar ständig das oft sinnlose Verhalten der Erwachsenen, verstehen können sie es nicht.

Christine tut sich mit Cohn aus Leningrad, dem Koch der Russen, zusammen. Sie werden richtige Freunde. Als Cohn die Villa verlassen muss, will sie mit ihm gehen. Dem Kind erscheint der Mann wahrscheinlich als der einzige normale Erwachsene.

Mit vielen zeittypischen und gut ausgestatteten Szenen, mit der Musik aus jener Epoche und mit Darstellern, die ihr Handwerk verstehen, wird hier mit Kinderaugen viel Wahnwitziges der Erwachsenenwelt gezeigt.

Ein besonderes Lob muss die kleine Zita Gaier als Christine erhalten! Sie macht ihre Sache wirklich wunderbar.

 

Siebzehn

Von Monja Art

(Salzgeber, Kinostart 27. April 2017)

Siebzehn. Die Kindheit ist vorbei, das Erwachsensein noch nicht angekommen. Man wird innerlich wie äußerlich gehörig durcheinandergeschüttelt. Wird man geliebt? Und wen liebt man selbst?

Niederösterreichische Provinz. Ebenen, Landwirtschaft, nicht viel los. Paula lebt dort. Sie wird mit vielen anderen in einem Internat unterrichtet. Das Niveau scheint gut zu sein, im Französischunterricht werden sogar Texte von Marcel Proust und Gustave Flaubert behandelt. Sport und Erste-Hilfe-Kurse gibt es daneben ebenfalls.

Es ist die Zeit kurz vor den Sommerferien.

Das Dorf, in dem Paula zu Hause ist, bietet nicht gerade viel. Die Familie und die Freunde gibt es natürlich, ein schöner Weiher ist da, in dem man baden und tauchen kann, und dann ist da in der Nähe noch das Discolokal „Shake“, wo es Musik und Drinks gibt und wo man tanzt.

Die Drehbuchautorin und Regisseurin lässt wissen, dass ihr Film manches an Autobiographischem enthält.

Ganz ohne Küsse, Liebeskummer, Sehnsucht, Herz-Schmerz, liebevolle Blicke, Liebeserklärungen auf dem Smartphone, Sex, aber auch Getuschel, Enttäuschung, Verlegenheit, Eifersucht, Streit, Tränen, Mobbing, Alleinsein und Scheitern geht es zwischen den Mädels nicht. Die jungen Kerle spielen eigentlich eine Nebenrolle – obwohl sie natürlich für die „Liebe“ gebraucht werden.

Altersmäßig befindet man sich mit 17 wohl in einem Stadium, in dem man fühlt und entscheidet, zu welchem Geschlecht man sich hingezogen fühlt. Bei Paula ist das schon klar. Sie fühlt sich Charlotte mehr als nah. Das Drama: Charlotte ist mit Michael zusammen. Ersatzweise gibt sich Paula mit Tim ab, der mehr als Sympathien für sie hat.

Paula ahnt nicht, wie oft auch Charlotte ihrerseits an sie denkt!

Und dann ist da noch eine, die offenbar aus reiner Boshaftigkeit die Verführerin spielen will. Sie kann dabei gefühlsmäßig nichts anderes anrichten als Schaden!

Man kann nur wünschen, dass alles gut ausgeht.

Die Schilderung dieses Alters mit seinen Freuden und Problemen, mit seinen „Achterbahnfahrten der Gefühle“ und  „amourösen Minidramen“ (Salzgeber-Text) ist voll getroffen. Schön und ziemlich lebensnah sind die individuellen Charaktere, die in diesem Lebenszeitraum anfallenden Themen sowie die manchmal verwirrenden persönlichen Konstellationen gezeigt.

„Voll cool“ oder „voll geil“ würden die Betroffenen sagen.

Inszeniert ist das alles gut und von Songs wie „Don’t Say No“, „Lost Love“ oder „Auseinander geh‘n ist schwer“ begleitet.

Und mit welch ausdrucksvollem Gesicht spielt Elisabeth Wabitsch  ihre Rolle als Paula!    

     

Happy Burnout

Von André Erkau

(Warner, Kinostart 27. April 2017)

Hamburg. Da gibt es einen, der sich Fussel nennt, mit richtigem Namen allerdings Andreas Poschka heißt. Sein Lebensprinzip ist, zur Zeit wenigstens, zu profitieren, keine eigene Verantwortung zu übernehmen, vielmehr andere auszunehmen, den Punk zu spielen, sich durchwursteln.

Seit langer Zeit bezieht Fussel Hartz IV, und er denkt gar nicht daran, sich eine Arbeit zu suchen. Unterstützt wird er dabei merkwürdigerweise von einer Beamtin, Frau Linde, die ihn wahrscheinlich als Mann mehr als sympathisch findet.

Doch jetzt wird es brenzlig. Denn es steht eine Kontrolle bevor, und nun bleibt nichts anderes mehr übrig, als Fussel für arbeitsunfähig zu erklären, ihm einen Burnout zu bescheinigen und ihn in ein Sanatorium einzuweisen. Da ist er nun mit echt Gestörten zusammen und muss schauen wie er durchkommt, ob er sein Theater weiterspielen kann oder ob er doch eines Tages zur Besinnung kommt.

Nun hat er es mit einer Psychologin und mit der Direktorin zu tun, aber natürlich auch mit kranken Bewohnern: mit einem Sonnenstudioinhaber, dessen Gesicht völlig verbrannt ist; mit einer Mutter, die mit ihren vier Kindern nicht fertig wird; mit einem halbverrückten Puppenspieler; mit einem Manager, dem sein Beruf in den Kopf gestiegen ist; und mit Frau Linde, die inzwischen ebenfalls eingeliefert wurde.

Sein Sozialschmarotzertum wird aber ziemlich rasch entdeckt, und er wird nur bleiben dürfen, wenn er zur Gesundung seiner kranken „Kollegen“ beiträgt.  

Jetzt fängt er an, nachzudenken, sich mit seinen Mitbewohnern im Ernst wie im Spaß auseinanderzusetzen, nach seiner kleinen ihm entzogenen Tochter zu verlangen, neue Mittel und Wege für ein normales Leben zu suchen.

Anscheinend gelingt ihm das auch.

Eine Satire und gleichzeitig ein ernstzunehmender Film. Fussel gelingt zwar für eine Zeit lang ein schlankes Leben, aber irgendwann wird er  nachdenken und umkehren müssen.

Fussels gibt es heute viele, zu viele.      

Man kann den Film als Metapher für die ganze angeschlagene Moderne sehen. Gute Einfälle gibt es zuhauf, dramatisiert wurde der Stoff gut und routiniert. Auffällig ist, wie perfekt Wotan Wilke Möhring diese ihm auf den Leib geschriebene Rolle beherrscht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen. 

 
zum Download
Datum: 20.04.2017


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