Der Gilden-Dienst Nr. 16-2018
Eldorado

Von Markus Imhoof

(Majestic, Kinostart 26. April 2018)

Die Flüchtlingsströme reißen nicht ab. Und nicht nur das. Sie werden immer größer. Markus Imhoof nahm (nach „Das Boot ist voll“) in diesem Film also wieder ein Thema auf, das ebenso hochaktuell wie erschütternd ist.

Er verband zwei Berichts- und Erzählstränge miteinander:

die Geschichte der kleinen Giovanna, eines unterernährten jüdischen Mädchens mit kranker Mutter und wahrscheinlich verschollenem Vater, das im Rahmen der zwischen 1942 und 1956 laufenden schweizerischen Kinderhilfe aus Italien kommend in der Familie Imhoof mehrere Male gepflegt werden durfte, nach einer gewissen Zeit das Land aber immer wieder verlassen musste. Die Familie, die auf jeden Fall eine helfende Hand bewies, machte sich später Vorwürfe, nicht ausreichend dafür gesorgt zu haben, dass Giovanna für immer bleiben durfte, denn das Mädchen starb sehr, sehr früh. . .

. . . und die vielen Facetten des aktuellen Dramas: der Flüchtlinge, die von Nordafrika kommend auf defekten Schleuser- und Schlepperbooten ins europäische Paradies wollen; der vielen, die auf dem Meer ertrunken sind; der Afrikaner, die unter der Fuchtel einer italienischen Mafia in ein Ghetto eingesperrt sind und für einen Hungerlohn arbeiten müssen; derjenigen, die nicht arbeiten dürfen, die nie ein Asyl erhalten werden, deshalb monatelang in überfüllten Lagern dahinvegetieren und später mittellos fortgeschickt werden; diejenigen, denen es gelungen ist, bis in die Schweiz vorzudringen und die von den schweizerischen Behörden, welche eine Überfüllung ihres Landes mit Flüchtigen befürchten, auf das strengste geprüft werden.

Natürlich gibt es für die in  Seenot geratenen Menschen auch unendlich viel Hilfe: auf dem Meer von bestens ausgerüsteten italienischen Schiffen, mit denen Hunderte wenn nicht Tausende gerettet wurden und noch werden; von Ärzten, von Polizisten von Soldaten; von der Heilsarmee in schweizerischen Bunkern; von Regierungsseite, wenn Flüchtlinge, die freiwillig in ihr Ursprungsland zurückkehren, Startgeld erhalten.

Man darf leider auch nicht verschweigen, dass nicht wenige ihr Land viel zu fahrlässig verlassen und dass vor allem die vielen afrikanischen Männer wohl besser daran täten, beim Aufbau des jeweils eigenen Landes mitzuhelfen.

Aber Achtung: Damit sind nicht diejenigen gemeint, die keine andere Wahl als eine Flucht hatten!

Imhoof stellt einen enorm wichtigen Film zur Debatte. Manches ist gestellt, ein wenig zu gestellt, aber vieles Erschütternde ist absolut authentisch.

Jeder sollte diesen Film sehen – und helfen wenn er die Möglichkeit dazu hat.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





A Beautiful Day

Von Lynne Ramsay

(Constantin, Kinostart 26. April 2018)

Joe heißt der Mann, um den es hier hauptsächlich geht.  Er ist mittleren Alters, sein Gesicht ist hinter einem dichten Bart versteckt. Er hat eine massige Gestalt, ist muskulös, mit ihm Streit anzufangen ist niemandem zu raten.

Er wohnt in New York nicht gerade im besten Viertel, lebt noch mit seiner Mutter und versteht sich sehr gut mit ihr, scherzt mit ihr, ist gar gefühlvoll. Zu Hause ist er jedenfalls anders als draußen.

Sein Job ist nicht lustig. Er ist kein Killer sondern sucht und rettet entführte Kinder. Er tut dies wahrscheinlich, weil er unter einem gewalttätigen Vater eine schwere Kindheit hatte. Sein  Empfinden ist davon noch immer gekennzeichnet, das Trauma ist geblieben.

Anscheinend haben ihm auch die Gewalt und die Kämpfe beim Militär innerlich geschadet. Manchmal lebt er nahe an der Depression.

Nun ist Nina verschwunden, die Tochter eines Politikers. Joe soll sie aus dem Bordell holen, in das sie verschleppt wurde. Er bereitet sich akribisch vor, und es gelingt auch, Nina zu retten. Aber die Schwierigkeiten hören nicht auf. Der Vater des Kindes stürzt aus dem Fenster (Selbstmord?), und politische Kräfte, die er nicht genau eruieren kann, scheinen hinter ihm her zu sein.

Deshalb gibt es auch Tote.

Die Inszenierung ist beachtlich: das laute nächtliche New York, ein eher finsteres Stadtviertel, Joes Isolation und Einsamkeit, die seine seelischen Störungen bedingenden eingeblendeten Erinnerungsfetzen vor allem aus der Kindheit, das Blut, die Toten - das alles ist visuell und atmosphärisch eindrucksvoll. Eine „Tour de force“ sagt „Le Figaro“.

In Cannes gab es dafür denn auch Auszeichnungen.

Zum großen Teil ist der filmische Erfolg neben der guten Dramatisierung auf die Art und Weise zurückzuführen, wie Joaquin Phoenix seinen Joe spielt. Höchst beachtlich!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Maybe, Baby

Von Julia Becker

(wfilm, Kinostart 26. April 2018)

Marie und Sascha sind ein Paar. Wie lange schon, scheinen sie selbst nicht mehr zu wissen. Die junge Frau hat einen sehnlichen Kinderwunsch. Wie das zustande gebracht werden soll ist nüchtern, nüchterner geht’s nicht. Immer wenn der Eisprunganzeiger sich meldet, treten die beiden in Aktion. Fast peinlich.

Marie will mit ihrem Liebhaber –keineswegs mit Sascha- auf einer Berghütte ein Wochenende verbringen. Als die beiden eintreffen, ist Sascha mit seiner Birgit längst da. Ziemlich provokant das alles. Und jetzt ist Wochenende, der Sessellift, der alle in die Hütte gebracht hat, ist bis Montag außer Betrieb.

Also das Wochenende zu viert da oben.

Zwei, drei Tage können furchtbar lang sein. Auch in der herrlichen Berglandschaft. Und in diesem Falle ist das so. Denn es kommt dazu, dass die Handys kaum Empfang haben. Und noch etwas: Ist da etwa ein gefährlicher Bär in der Nähe? Eis für die Getränke ist auch keines da. Die Heizung scheint nicht sofort einwandfrei zu funktionieren.

Wenigstens gibt es Musik, die den Wochenendlern –und wohl auch den Kinozuschauern- gefällt.

Die vier haben sich nicht viel zu sagen. Die quälende, frustrierte Stimmung ist mit Händen zu greifen. Überwiegend schlechte Stimmung. Am meisten sprechen noch Sascha und Marie miteinander. Sinngemäß: „Man sollte aufhören wenn’s am schönsten ist“ – „Vieles hat sich schwer angefühlt“ – „Manchmal triffst du eine Entscheidung nicht selbst, sondern sie wird für dich getroffen“ – „Ich will nur ankommen“ – „Es ist anders gekommen, als wir es uns vorgestellt haben“ – „die Hoffnung, dass wir uns wieder näherkommen.“ Maybe, Baby.

Der größte Vorzug des Films ist seine Authentizität. Der zweckhafte Sex, die überraschende Begegnung der vier in der Berghütte, die ziemlich düstere Stimmung, die Gespräche, dann der Besuch beim Frauenarzt, die Schwangerschaftsberatung, die Schwangerschaftsgymnastik und die sehr menschliche Begegnung zwischen Sascha und Marie am Schluss – das alles ist –filmisch und inszenatorisch in Ordnung- so gezeigt, wie es normalerweise im Leben abläuft.

Also ein kammerspielartiges Augenblicks-, Liebes-, Feindseligkeits-, Realitäts- und Lebensbild.





Djam

Von Tony Gatlif

(MFA+ Film Distribution, Kinostart 26. April 2018)

Autor und Regisseur Tony Gatlif hat hier aus einer schwachen Handlung starke Gefühle herausgeholt. Er will zeigen, dass Menschen in einer schwierigen Situation Stärke behalten und zeigen sollten; dass denen, die aus welchen Gründen auch immer Haus und Hof verlassen mussten, Mitgefühl entgegengebracht werden muss; und dass im griechisch-türkischen Raum in der Form des Rembetiko ein Musikstil existiert, der menschliche Verzweiflung zu „heilen“ imstande sein kann.

Der jungen Griechin Djam wird von ihrem Onkel Kakourgos aufgetragen, in Istanbul ein Ersatzteil für sein Boot zu besorgen. Djam ist ein unternehmungslustiges und fröhliches Mädchen. Um Pflichten schert sie sich nicht viel. Lieber singt und tanzt sie. Unterwegs trifft sie auf die Französin Avril, die eigentlich als Freiwillige in die Gegend kam, um Hilfsdienst zu leisten. Doch sie ist ohne Geld und ohne richtige Orientierung. Also schließt sie sich lieber Djam an.

Die beiden durchqueren die Gegend, erleben Erfreuliches und weniger Erfreuliches. Gatlif brauchte ja einen Handlungsfaden. Der Grundton des Films ist hier eher noch heiter.

Dann aber bricht die schwermütigere Realität durch, die der Regisseur eben auch nicht ignorieren kann und will: die vielen kaputten Flüchtlingsboote am Strand von Lesbos; die Unmengen von zurückgelassenen Schwimmwesten derer, die ihr Heil in Griechenland suchen wollten und von denen so viele ertranken; oder die Anspielung auf die miese Wirtschaftslage Griechenlands, veranschaulicht durch die Tatsache, dass wegen zu großer Schulden das Haus von Djams Onkel zwangsgeräumt wird.

Eine wichtige Rolle in der Story spielt wie gesagt der Rembetiko, von Djam ebenso interpretiert wie von den Gästen der Wirtshäuser, die als Filmschauplätze dienen. Gatlif dazu: „Rembetiko hatte seine Anfänge in der rauen Nachbarschaft von Athen und Thessaloniki und verbreitete sich dann weiter auf die Inseln, als Atatürk die Griechen aus der Türkei vertrieb.“

Simon Abkarian als Onkel Kakourgos und Maryne Cayon als Avril begleiten darstellerisch sehr gut die Hauptperson Daphne Patakia als Djam. Diese scheint mehr als ein Talent zu haben! Sie zeigt sich ebenso großherzig und freiheitsliebend wie unberechenbar und frech. (Man glaubt es kaum, doch einmal pinkelt sie sogar auf das Grab ihres Großvaters – weil dieser bei der Militärjunta war.)

Eine sehr persönliche filmische Gedankensammlung.

Für Interessierte.





Citizen Animal

Von Oliver Kyr

(JIP Film, Kinostart 26. April 2018)

Der Mensch und das Tier – ein wichtiges Thema, das in diesem Dokumentarfilm behandelt wird und über das man vielleicht ein wenig anders zu denken angespornt wird, wenn man den Film gesehen hat.

Der Kommentar besteht hier zu großen Teilen aus der (von einer Frau gesprochenen) Stimme eines Tieres, das bohrende aber gerechtfertigte Fragen stellt.

Warum werden Tiere in den meisten Ländern nur als Sache betrachtet? Was ist ein Tier wert? Ist es nicht besser, die Affen auf dem Gibraltar-Felsen frei laufen zu lassen als einen Hai in ein Aquarium zu sperren? Warum sagen viele „nur ein Tier“? Warum kann die Rettung eines Tieres (sogar die Beseitigung eines Kadavers) als Tierdiebstahl gelten? Warum werden Millionen von Küken einfach vernichtet? Warum ist eine Kuh nur etwas wert, solange sie Kälber gebiert? Warum werden auf der Welt 3000 Nutztiere pro Sekunde getötet? Warum sterben viele Menschen an Medikamenten, denen Tierversuche zugrunde liegen?

Man kann an solchen Fragen nicht einfach vorübergehen.

Glücklicherweise gibt es auch genügend Menschen und Institutionen, die für Grundrechte der Tiere eintreten; die für bessere Tierschutzgesetze kämpfen; die Tiere nicht als Sache sondern als „Nachbarn“ oder gar als „Geschwister der Schöpfung“  ansehen; die streunenden Hunden ein Heim geben; die Tiere aus der Gefangenschaft befreien; die Gnadenhöfe einrichten; die Anwälte der Tiere sind; die gegen die Misshandlung von Tieren juristisch vorgehen; die lieber für immer vegetarisch leben, damit weniger Tiere getötet werden müssen.

Das alles wird in diesem Film mit nicht zu widerlegenden Gründen, mit großer Intensität  und notwendiger Dringlichkeit zur Sprache gebracht und dazu mit unzähligen Beispielen belegt.

Kein Zweifel: die Gesellschaft müsste sich dessen besser bewusst werden, müsste beim „Weinen“ bestimmter Tiere aufmerksamer sein, müsste jede Lebensform respektieren, müsste reine Interessengruppen besser überwachen, müsste für Vergehen härtere Strafen verhängen, müsste über das Verhältnis Mensch-Tier, über die Spezieszugehörigkeit und Speziesgerechtigkeit mehr nachdenken, müsste jede Domestikation artgerechter handhaben.

So der eindringliche Appell dieses Films. Für all das tritt er ein. Das ist sein großer Verdienst.  

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


zum Download
Datum: 16.04.2018


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