Der Gilden-Dienst Nr. 16-2019
Ein letzter Job

von James Marsh

(Studiocanal, Kinostart 25. April 2019)

Das Beste an diesem Film: Er stützt sich auf tatsächlich Geschehenes.

Die Londoner Hatton Garden Safe Deposit ist eine Firma, bei der Wertsachen – viele Millionen Geld und Schmuck - sicher hinterlegt werden können. Sicher? Man wird sehen.

Brian Reader ist in die Jahre gekommen. Und jetzt hat er auch noch seine Frau verloren. Früher verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Diebereien. Könnte da bei der Hatton Garden noch einmal etwas gehen?

Es gelingt ihm tatsächlich, ein halbes Dutzend Spezialisten für Raub und Ähnliches zusammen zu trommeln. Bei ein paar von ihnen handelt es sich sowieso um alte Bekannte. Jetzt also sind Kenny, Terry, Danny, Basil und Billy mobilisiert. An Ostern soll die Sache vonstatten gehen; da arbeitet an mindestens zwei Tagen niemand.

Einfach wird das nicht, denn natürlich sind in der Firma umfassende Alarmanlagen vorhanden, und außerdem muss eine sehr dicke Wand durchbohrt und durchschlüpft werden. Das erfordert eine Menge Ausrüstung, die gut getarnt ins Haus gebracht wird.

Der Coup gelingt, Dutzende von reich bestückten Schließfächern werden erbeutet und geleert. Wie viele Millionen zusammen sind weiß kein Mensch, doch es sind viele. Nicht zu vergessen: Der Raub hat tatsächlich stattgefunden. Und warum ist danach doch noch alles schief gegangen?

Erstens hat Scotland Yard nicht geschlafen. Aus minimalen Anfangs- und Zufallserkenntnissen ergibt sich schließlich ein Bild der einzelnen Täter, die mit einer Ausnahme alle bereits über 70 sind. Zweitens werden sich die Herren über die Aufteilung der Beute nicht einig. Es wird gestritten, sich misstraut, schlecht über einander geredet, Geld abgezweigt.

Die Polizei schlägt zu, die Beteiligten landen vor Gericht.

Über den Kasus war schon viel geredet, gelacht, gelästert und geschrieben worden. Also war es für die Macher nicht leicht, noch eine publikumswirksame filmische Darstellung zu finden. Doch keine Angst: Sie haben sie gefunden.

Die zusammen gewürfelten älteren Schauspieler wie Michael Caine (!), Jim Broadbent oder Michael Gambon usw. sind eine Pracht. Die Spannung wird durchgehalten. Komik fehlt nicht. Von einer gelungenen Montage ist ebenfalls zu berichten. Und die Dialoge sind köstlich. Was will man mehr?

Ein ganz besonderes Unterhaltungsvergnügen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Atlas

von David Nawrath

(Pandora, Kinostart 25. April 2019)

Früher war Walter Gewichtheber. Trainieren tut er immer noch. Jetzt ist er Möbelpacker. Obwohl nicht allzu fest gebaut, schleppt er ganze Schränke allein. Daher der Titel des Films, eine Anspielung auf den die Erde tragenden Atlas.

Walter arbeitet in einer Firma, die zusammen mit einem Gerichtsvollzieher vor allem Zwangsräumungen durchführt. Dass diese Firma auch mit ungesetzlichen Entmietungen und Geldwäsche-Operationen zu tun hat, ahnt er nicht.

In früheren Jahren wendete er einmal nach einer Demütigung durch zwei Polizisten diesen gegenüber Gewalt an. Jan, sein damals noch kleiner Sohn, war dabei. Aus Scham vor dem Kind zog er sich gänzlich zurück, überließ die Aufzucht Jans der Mutter.

Wieder steht eine Zwangsräumung an. Walter erkennt, dass der betreffende Mieter sein Sohn – mit seiner Familie - Ist. Zu erkennen gibt er sich noch nicht.

Die Speditionsfirma will trotz Jans heftigem Widerstand, der beinahe seine gute Ehe mit Julia gefährdet, die Enteignung zwangsweise vornehmen. Sie bedient sich dazu eines arabischen Clans mit dem brutalen Schläger Moussa an der Spitze. Walter kann seinem Sohn nur helfen, indem er diesen Schläger für immer unschädlich macht.

Doch er wird von dessen Kumpanen niedergeschossen. Jetzt erst erkennt der hinzugekommene Jan seinen Vater.

Walter, die absolute Hauptfigur dieses Films, ist ein sensibler, stoischer, in sich gekehrter, alleinlebender Mann – der vielleicht so geworden ist, weil er spürt, dass er wegen des Verlassens seiner Familie bisher falsch gelebt hat. Was auch immer um ihn herum passiert, er greift nicht ein, sogar dann nicht, wenn Schlimmes geschieht. Bis, ja bis es um seinen Sohn geht. Jetzt wird er aus der Passivität heraus Bestandteil eines Dramas bis zu dessen Höhepunkt.

Wie Rainer Bock mit kleinen Gesten, die viel sagen, das spielt, ist sensationell. Berührende Emotionen, die zeigen, wie es unter der Oberfläche langsam zu schwelen beginnt.

Daneben sagt der Film weiter eine ganze Menge aus: über die heutige gesellschaftliche Authentizität, über die Migrationsrealität, über die nicht von der Frankfurter Hochfinanz berührten Viertel dieser Stadt oder über die Verdrängung von Mietern.

Nicht zu vergessen, dass auch die anderen Darsteller gut mitspielen: Albrecht Schuch als kämpfender Jan, Nina Gummich als ihren Mann verständnisvoll zurücknehmende und liebkosende Ehefrau, Uwe Preuss als überforderter Firmenchef und vor allem auch Thorsten Merten als insbesondere physisch immer mehr untergehender Gerichtsvollzieher.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Auch das Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden

von Eva Gerberding und André Schäfer

(RealFiction, Kinostart 25. April 2019)

Ein jüdisches Schicksal, eines unter Hunderttausenden.

Es geht um Max Emden, jüdischer Abstammung, später zum Protestantismus konvertiert, ein Mann, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschäftlich überaus erfolgreich war; der große Kaufhäuser besaß; der reich war aber sehr viel spendete; der Kunst und Wissenschaft hochhielt; der als Intellektueller und Ästhet galt; der es mit den Frauen nicht so genau nahm; der 1926 Hamburg verließ und sich in die Schweiz begab; der im Süden des Landes eine Insel kaufte und darauf eine pompöse Villa errichten ließ; der 1934 die schweizerische Staatsbürgerschaft erwarb; der selbst immer im Hintergrund blieb aber im deutschen Handel doch eine nicht unbedeutende Rolle spielte; der 1940 verstarb.

Sein Enkel Juan Carlos bringt gemeinsam mit den Machern dieses Dokumentarfilms die letzten Endes doch tragischen Geschehnisse im Leben des Max Emden ans Licht.

Denn die Nazi-Verbrecher erkannten den Übertritt in die Schweiz und zum protestantischen Glauben nicht an. Sie betrachteten ihn ohne Einschränkung als „deutschen Juden“, erpressten und enteigneten ihn, stahlen seine Kunstschätze, darunter wertvollste impressionistische Bilder (Caneletto), beschlagnahmten immer mehr. Sein Kampf dagegen war aussichtslos, was ihn schließlich zermürbte, ihm ein „zerrissenes Leben“ schuf.

Die schweizerischen Behörden haben sich dabei keineswegs mit Ruhm bekleckert. Auch eine Schweizer Firma nicht, die während des Weltkrieges mit offenbar teilweise fraglich erworbenem Geld Geschütze für das Deutsche Reich produzierte.

Doch damit ist die Tragik keineswegs zu Ende. Es geht nämlich um die Rückgabe dessen, was noch zurückgegeben werden kann. Juan Carlos Emden macht indes hier keine guten Erfahrungen. Seit Jahrzehnten geht das jetzt. Es gibt zwar sogenannte „Provenienzforscher“, doch es bewegt sich nicht genug. Die Stiftungen und Museen, in denen beispielsweise Max Emdens Bilder hängen, zieren sich. Juristisch kann man da für diese „Fluchtkunst“ wunderbare „scheinlegale“ Hindernisse finden.

Wo bleibt die Moral? Was zurückgegeben werden kann müsste zurückgegeben werden. Doch, wie Juan Carlos Emden sagt, das Verhalten der Betroffenen „stinkt zum Himmel“.

(Und was ist mit der „deutschen“ Nofretete, die eigentlich nach Ägypten gehört? Was mit dem „englischen“ Parthenon-Fries, der nach Griechenland gehört? Was mit den zahlreichen von Napoleon „rechtmäßig“ erworbenen Ausstellungsstücken im Pariser Louvre? Und so weiter.)

Ein sehr wichtiger Film, der noch einmal inszenatorisch professionell die diesbezüglichen Verbrechen der Nazis beleuchtet – aber auch das, was im Nachhinein noch an Schummeleien („Fristen abgelaufen“) geschah und weiter geschieht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Streik

von Stéphane Brizé

(Neue Visionen, Kinostart 25. April 2019)

„Im Krieg“ heißt der Film im französischen Original. Der Titel ist hart aber gerechtfertigt.

Der Kampf (Krieg) zwischen Kapitalismus und Sozialismus wird auf der Welt ja ständig härter, und so ist auch dieser Film härter als Brizés Vorgängerfilm „Der Wert des Menschen“.

Es geht um die 1100 Arbeiter eines unter deutscher Leitung stehenden französischen Automobilzulieferungswerkes, die aus Rationalisierungsgründen schon lange auf viel Geld verzichteten, denen jedoch jetzt gesagt wird, eine frühere, die Arbeitsplätze für Jahre sichernde Vereinbarung könne nicht eingehalten werden und die Fabrik müsse geschlossen werden. Das ist deshalb ein besonders harter Schlag, weil die betreffende Region sowieso industriell unterbelichtet ist.

Das wollen die Arbeiter sich nicht gefallen lassen. Sie verlangen, dass die deutsche Betriebsleitung anmarschiert; sie machen ausgiebig und andauernd Druck; sie widerstehen, die demonstrieren, sie streiken, sie blockieren das Werk. Sie hören von der Regierung nur neutrale Argumente, und sie werden von der Justiz im Stich gelassen.

Was ist mit der Würde dieser Menschen?

Sie haben immerhin in Amédé Laurent einen Anführer, der sie aufpeitscht. Die nicht endenden Streiks und Diskussionen zeigen, welche Wut die Arbeiter haben. Allerdings sind sie nicht gänzlich solidarisch, sich nicht immer einig, sie streiten, sie beleidigen sich. Einige resignieren, würden sich mit Abfindungen zufriedengeben.

(Gäbe es tatsächlich sachliche Gründe, die eine Schließung, den Wortbruch rechtfertigen würden? Lässt, wie behauptet wird, der „Markt“ eine Fortführung nicht zu – oder ist wieder einmal nur der Gewinn nicht hoch genug, sind wieder einmal nur die Aktionäre nicht zufrieden? Dieses Thema wird zwar angedeutet doch keineswegs ausreichend behandelt.)

Der Film steht eindeutig auf der Seite der Belegschaft, und das ist auch gut so. Inszenatorisch steht vor allem deren Wut im Vordergrund. Endlose Diskussionen, endlose Empörung, endlose Agitation. Da wird es allerdings mit der Zeit recht eindimensional, reichlich undifferenziert.

Trotzdem: Der Film ist moralisch und in seiner heftigen Form gerechtfertigt, weil die Zustände eben so sind, wie sie sind.

Vincent Lindon als Anführer ist schauspielerisch wie immer Spitze.

Wegen eines wichtigen Themas Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

 

 

 

  

 
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Datum: 15.04.2019


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