Der Gilden-Dienst Nr. 19-2018
Nach einer wahren Geschichte

Von Roman Polanski

(Studiocanal, Kinostart 17. Mai 2018)

Die Schriftstellerin Delphine signiert ein erfolgreiches Buch. Die Fans sind begeistert. Dann will sie sich müde zurückziehen. Da kommt die junge und schöne Elle auf sie zu. Die beiden finden sich sympathisch.

Elle besucht Delphine. Sowieso ist Delphines Freund, ein bekannter Journalist, noch für Wochen im Ausland.

Elle drängt Delphine, einen neuen Roman zu schreiben. Die Bewunderer warten darauf, sagt sie. Es sei auf jeden Fall wieder ein Erfolg zu erwarten.

Doch Delphine ist schaffensmüde. Sie fühlt sich innerlich leer, zögert immer wieder. Was soll sie schreiben? Auch gesundheitlich steht es nicht zum Besten.

Eine Idee. Sie könnte Elles Lebensgeschichte verfassen, die ihr erzählt wurde und weiter erzählt wird. Auch Elle schreibt. Sie ist Ghostwriterin. Will sie nun etwa über Delphines Wesen und Leben schreiben?

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen ist längst  gespannter als früher. Nähe und Freundschaft auf der einen Seite - Auseinandersetzung und Betrug oder gar Kriminelles auf der anderen?

In dem von Polanski verfilmten Roman von Delphine de Vigan (Titel: „Nach einer wahren Geschichte“) wird sogar angedeutet, dass die Figur von Elle eventuell nur eine Fiktion sein könnte. Und genau darum geht es auch im Film: Psychologie und Psychiatrie – und das Ganze noch einmal und dann wieder.

Preziös, vor allem auch in der Milieuschilderung und Inszenierungstechnik, ist das auf jeden Fall. Dazu kommt, dass die beiden Frauen Emmanuelle Seigner (übrigens seit Jahrzehnten Roman Polanskis Ehefrau) als Delphine sowie Eva Green (demnächst auch in „Euphoria“ zu sehen) das derart fantastisch spielen, dass man gerne dran bleibt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Sympathisanten – Unser deutscher Herbst

Von Felix Moeller

(NFP, Kinostart 24. Mai 2018)

1968er-Revolution. Das ist ein geschichtlicher Begriff geworden, der zum Teil das Ende der Nachkriegszeit und zum Teil die Entstehung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse charakterisiert.

Eine nicht mehr zu widerlegende Tatsache ist, dass nach dem Krieg viele Nazis in ihren gesellschaftlichen Positionen verblieben waren und dadurch zu viel an kriminellem Nazi-Geschehen unter den Teppich gekehrt wurde.

Zum Teil ist die 68er-Revolution also darauf zurückzuführen. Es begann 68 mit Studentendemonstrationen und endete in den 80er Jahren mit den bekannten Morden.

Die Gruppe der (RAF-)Mörder war verhältnismäßig klein, die der „Sympathisanten“ umso größer. Vor allem davon handelt der Film.

Da der Autor und Regisseur Felix Moeller der Sohn von Margarete von Trotta und sein Stiefvater Volker Schlöndorff ist, wurde viel um diese beiden Personen gruppiert („Unser deutscher Herbst“). Doch es kommen natürlich auch andere zu Wort: das Ex-RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo etwa, der Heinrich-Böll-Sohn René Böll („Springer und Konsorten haben zum frühen Tod meines Vaters beigetragen. Für mich ist es so.“), der „Sympathisant“ und heutige Autor Peter Schneider oder der Ex-RAF-Mann Christoph Wackernagel.

In langen Gesprächen analysieren sie ihre Gedanken, Motive, Aktionen, Schlussfolgerungen und ihr heutiges Leben. Unterstützt werden die Interviews durch Filmausschnitte („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die bleierne Zeit“, „Deutschland im Herbst“), die Tagebücher der Frau von Trotta, Dokumente über die Demonstrationen, Bilder von den Morden und durch sehr viel Archivmaterial.

Nicht zu vergessen, was der das Gewaltmonopol innehabende Staat, die Presse, die politischen Redner, ganz allgemein die Bevölkerung und alle bedingungslosen Gegner der RAF zu sagen und zu tun hatten.

Eine wichtige Frage in diesem Film: Hat die nicht geringe Zahl der „Sympathisanten“, wie beispielsweise eben Margarethe von Trotta („Man war empört, dass ein Staat, der sich als demokratischer Staat ausgibt, dann doch wieder Methoden anwendet, die eigentlich dem Nationalsozialismus zugesprochen werden konnten.“) oder Volker Schlöndorff („Elf Leute gegen den Staat oder vielleicht zum Schluss 30, die haben doch nie eine Bedrohung für den Staat dargestellt. Habe ich nie so empfunden.“), das entscheidende Tun der RAF erst ermöglicht?

Hierüber wird wacker gestritten.

Auf jeden Fall könnte der Film historisch und gesellschaftlich, aber auch menschlich und außerdem bezogen auf die nachfolgende (vielleicht sogar heutige) Zeit aufschlussreicher und interessanter nicht sein!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.          





The Cleaners

Von Hans Block und Moritz Riesewick

(Farbfilm, Kinostart 17. Mai 2018)

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Das ist nicht neu. Welche Dimensionen jedoch dieser Satz annehmen kann, muss man –mit Schrecken- diesem Dokumentarfilm entnehmen.

Firmen wie Google, Facebook, Twitter und Konsorten, die ungerechtfertigterweise immer mehr weltweite Macht gewinnen, haben durch ihre raschen Auskünfte, durch ihre umfassenden Informationen, durch ihr Eindringen in jeden nur denkbaren Sachbereich sicherlich schon sehr, sehr viel Gutes getan und bewirkt.

Es gibt aber eben auch die Kehrseite der sogenannten social media. Wer immer glaubt, etwas zu sagen zu haben, platziert es. Da sind eine Menge schöne Dinge dabei – doch eben auch das Schlimmste, das man sich denken kann.

Die social-media-Firmen haben eine moralische Verantwortung. Diese nehmen sie auch wahr, sagen sie. Doch sie verlagern sie in hohem Maße ins Ausland. „Outsourcing“ nennt man das. Meistenteils handelt dieser Film davon.

Philippinen. Sogenannte „content moderators“, also Inhaltsprüfer verarbeiten bis zu 25 000 Bilder pro Tag. Sie haben darüber zu entscheiden, was nach  außen gegeben werden kann und was nicht. Eine schwere Verantwortung und Belastung. Was sie sich an „dark net“, an Kindesmissbrauch, an Vergewaltigungen, an jeder nur vorstellbaren Perversion, an brutalster Gewalt (beispielsweise seitens der Religions- und Rassenfanatiker in Bangladesh gegenüber den Rohingyas) oder an unnatürlichen sexuellen Vorstellungen und an dem Abstrusesten, was ein kranker Mensch sich ausdenken kann, ansehen müssen, ist für manche zu viel.

Sie müssen ihre Arbeit aufgeben.

In jeder Richtung gibt dieser Film genug charakteristische Beispiele. Und erschreckend nüchterne Kommentare.

Vieles ist kaum zu glauben.

Man kann jedem nur raten, sich „The Cleaners“ anzusehen. Mancher wird danach in sich gehen.

Moralisch ein Muss. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Wohne lieber ungewöhnlich

Von Gabriel Julien-Laferrière

(Neue Visionen, Kinostart 17. Mai 2018)

Früher hielten Ehen –zum Teil notgedrungen- ein ganzes Leben lang, heute dauern sie oft nur noch Jahre. Wenn Kinder da sind, folgt dann die „Alleinerziehung“.

Geheiratet wird meist erneut, und auch da sind Kinder zu erwarten.  So entstehen die modernen Patchwork-Familien. Irgendwelche Scheidungen stehen immer bevor.

Das wird in dieser Komödie exemplarisch vorgeführt.

Sophie, Hugo, Philippe, Claude, Madeleine, Babette, Agnès und Aurore sind die Erwachsenen.

Bastien, Clara, Gulliver, Oscar, Eliot, Leopoldine und Juliette sind die Kinder. Wie sie alle zusammengehören, ob es sich um Stief-, Halb- oder Ganzgeschwister handelt, welcher Familie sie gerade anvertraut sind, wer als die Eltern gilt, ist so gut wie nicht auszumachen.

Die „Alten“ haben es mit ihren jeweiligen Partnern oder ihren Geschäften wichtig; Zeit haben sie keine; sie vergessen, die Kinder von der Schule abzuholen; sie wissen nicht so recht, wo sie gerade die Nächte zu verbringen haben.

Lange machen die Kinder das mit. Dann aber beschließen sie zu reagieren. Alle sieben einigen sich, nicht mehr „nach Hause“ zu gehen. Sie machen ein Haus ausfindig, das zwar verkauft werden soll aber momentan noch frei ist.

Sieben Zimmer und sogar ein Whirlpool sind vorhanden, wie soll das also nicht gut gehen! Die Kinder gehen systematisch vor, machen sich einen Zeit-, Ernährungs- und Beschäftigungsplan, von 4,5 bis 18,20 Jahren ist alles vertreten.

Jetzt endlich vermissen die „Alten“ ihre Kinder. Die Erziehungsrevolution ist da. Die Eltern sind mit dem Vorhaben der Kinder vorläufig sogar einverstanden, nur muss natürlich ein zuverlässiges Betreuungssystem her, das unter den Beteiligten, Sophie, Hugo, Philippe und Co. denn auch entworfen wird.

Um den Verkauf des Hauses zu verhindern, schmieden die Kinder einen Plan.

Eine französische Komödie mehr. Diesen Haufen quicklebendiger Menschen und ihr verrücktes Tun so lebendig und blendend zu inszenieren, ist absolut eine fachliche Großtat.

Kleinen -und auch Großen-  dürfte das gefallen.


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Datum: 07.05.2018


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