Der Gilden-Dienst Nr. 19-2019


Das Familienfoto


von Cécilia Rouaud

(Alamode, Kinostart 16. Mai 2019)

Vier Generationen. Der Großvater wird gerade zu Grabe getragen. Besonders geliebt scheint er nicht gerade gewesen zu sein. Die Großmutter ist nicht mehr so ganz da; sie weiß nicht einmal mehr, dass es ihr Ehemann ist, der beerdigt wird. Sie verlangt nur eines: nach Saint Julien, den Ort eines früheren Lebensabschnittes, zu kommen um dort zu sterben.

Nächste Generation. Pierre, der Vater von Gabrielle, Elsa und Mao. Er ist längst getrennt von seiner Frau Claudine, die als Psychotherapeutin arbeitet. Mao wuchs bei ihr auf, Elsa und Gabrielle beim Vater. Der hat mit einer ganzen Reihe von Freundinnen, die eheliche Treue nicht so ganz ernst genommen.

Elsa ist mit Tom verheiratet. Sie ist wirklich ein Nervenbündel. Mit ihr zu leben dürfte nicht einfach sein. Tom ist es auch schließlich, der die Flucht ergreift.

Mao ist als Computerspieleentwickler beruflich schwer auf Draht. Psychisch sieht es wesentlich schlechter aus.

Gabrielle, manchmal in Maos Freund Stéphane verliebt und dann darüber wieder entsetzt, ist die Mutter von dem sich noch im jugendlichen Alter befindlichen Solal. Sie „arbeitet“ teilweise als goldüberzogene lebende Statue für Touristen. Ein ständiges Problem: Solal möchte lieber bei seiem Vater leben als bei seiner Mutter.

Wie und wo oder bei wem soll die demente Großmutter leben? Kommen Elsa und Tom noch einmal zusammen? Wie verkraftet Gabrielle die Abwesenheit ihres Buben? Wie  kann Mao sich aus seinen psychiatrischen Problemen herauswinden?

So oder ähnlich lauten die die ganze Familie betreffenden Fragen, über die sie bei ihren zufälligen oder verabredeten immerhin ziemlich häufigen Zusammenkünften reden, sich streiten, sich wieder vertragen, sich fragen, sich beraten – bis zum Ende traurigerweise auch die Großmutter stirbt.

Von einer Beerdigung bis zur nächsten dauert also der Film.

Das ist sehr munter ausgedacht und wirkt in vielem absolut authentisch. Unterhaltsam ist es allemal. Auffällig eine sehr gute Montage - gespielt wird sowieso von allen Beteiligten fabelhaft. Also nichts wie los ins Kino, denn manches kann man daraus sogar für sich selbst lernen!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Der Boden unter den Füßen


von Marie Kreutzer

(Salzgeber, Kinostart 16.Mai 2019)

Rostock. Lola ist Ende 20, Wienerin, alleinstehend, von Beruf Unternehmensberaterin – das typische Bild einer modernen emanzipierten Frau. Sie muss viel reisen, fliegen, ständig telefonieren, ein extrem anstrengendes Leben. In Hotelzimmern ist sie sehr viel öfter als zu Hause.

In ihrer Firma geht es geschäftig und leicht geheimnisvoll zu, zwischen den Angestellten, von Elise geleitet, herrscht eine gewisse Konkurrenz. Umstrukturierungen, Einsparungen, Aufträge, Entlassungen, Zusammenlegung, Kooperation heißen die Schlagwörter. Einmal hat Lola großen Erfolg. Sie kann in einem Unternehmen 80 Mitarbeiterplätze retten.

Lolas großes Problem: Ihre Stiefschwester Conny, deren Vormund sie ist, ist psychisch schwer krank. Sie hat wieder versucht, sich das Leben zu nehmen. Deshalb muss Lola, obwohl sie ein ausgefülltes Arbeitsleben hat, immer wieder in der Klinik auftauchen, in der die Schizophrenie wabert. Jetzt möchte die ständig unter Therapie stehende Conny gar bei ihr wohnen. Wenn Conny seelisch gesunde Momente hat, sagt sie schöne Gedichte auf.

Etwas hilft Lola: die Fitness, der Sport, das Laufen, das Radfahren, die Liegestütze.

Und noch etwas hilft Lola: das leidenschaftliche Verhältnis zu Elise. Man spürt, wie die beiden sich – auch sexuell – zugetan sind, und doch: Lolas unruhiges, von Überlastung und sogar von Albträumen gekennzeichnetes Leben scheint das Glück und die Stimmung in der Firma zu stören.

Männer haben (wie z.B. ein Kunde) bei Lola keine Chance.

Conny schafft es nicht. Sie stürzt sich aus dem Fenster.

Die nahe an der heutigen Realität liegende Geschichte des Lebenszustandes einer jungen Frau. Die Belastung ist zu groß, mit der Lebensqualität geht es deshalb bergab. Der Boden schwindet unter den Füßen.

Immerhin kann dies alles Lola nicht zu Fall bringen.

(Auch wenn das nicht beabsichtigt war, kann der Film fast so etwas wie ein Lehrstück sein. Das heutige allgemeine Verhalten, das so gern als fortschrittlich dargestellt wird, hat die „normale“ Lebensqualität längst und dies in oft bedrohlicher Weise überschritten. Also kann man angesichts eines solchen Films nur aufmerksam werden.)

Nicht zuletzt deshalb ist er zu empfehlen.

Dramatisiert ist das alles professionell, und die drei Damen Valerie Pachner (Lola), Mavie Hörbiger (Elise) sowie Pia Hierzegger (Conny) machen darstellerisch das Beste daraus.




Greta


von Neil Jordan

(Capelight, Kinostart 16. Mai 2019)

Frances findet eines Tages in der Bahn eine Aktentasche. Wer hat die vergessen? Sie beredet sich mit ihrer Freundin Erica, mit der sie zusammen wohnt. Erica wäre dafür, das Geld aus der Aktentasche zu verjubeln, aber Frances will alles zurückbringen und zwar zu Greta Hideg.

Von der wird Frances überaus freundlich aufgenommen. Greta erzählt, dass ihr Mann gestorben sei, dass sie Französin sei, dass sie in Paris eine Tochter namens Nicola habe, dass sie sich einsam und traurig fühle. Die hübsche Frances ist gerührt, freundet sich mit der viel älteren Dame an, umso mehr als sie erst vor kurzem ihre eigene Mutter verlor. Die beiden Frauen verbringen Zeit miteinander.

Per Zufall findet Frances bei Greta weitere Aktentaschen mit Adressen. Was soll das bedeuten? Hat Greta damit etwa Schlimmes vor?

Schnell will das Mädchen daraufhin zurück nach Hause.

Ja, jetzt stellt sich Gretas wahrer Charakter und Zustand als Stalkerin heraus. Sie verfolgt Frances bis an deren Arbeitsplatz, überschüttet sie auf dem Handy mit Fotos und Nachrichten, hat verschwiegen dass sie in Wirklichkeit aus Ungarn stammt, hat zudem verschwiegen, dass Nicola tot ist (weil sie von ihrer Mutter immer wieder traumatisiert, ja gequält wurde).

Selbst die Tatsache, dass Frances die Polizei zu Hilfe nimmt,  hilft zunächst nichts.

Erica rät ihrer Freundin, sich mit Greta zu versöhnen. Das tut sie auch. Doch die hysterische, obsessive kranke Frau kennt nun kein normales Verhalten mehr. Sie tötet einen Detektiv, betäubt Frances, nimmt diese gefangen, sperrt sie in eine Kiste. Frances könnte die nächste Leiche sein.

Gottlob hat Erica eine gute Idee. Sie gibt sich verkleidet als Finderin einer weiteren von Gretas Aktentaschen aus und bekommt so Zutritt zu deren Haus. Frances wird befreit. Am Ende landet Greta in der Kiste.

Wer mit dem Thema und der Handlung nicht so schnell oder so gut zurecht kommt, kann natürlich die anderen Vorteile des Films genießen: die Tatsache, dass ein Regisseur wie Neil Jordan einem derartigen von Beherrschung und Besessenheit handelnden Stoff eine außerordentlich passende Atmosphäre in Bild und Sound verpassen kann; die weitere Tatsache, dass die Rolle der Greta von Isabelle Huppert verkörpert wird, von der man seit der „Spitzenklöpplerin“ weiß, dass sie gar nicht imstande wäre schlecht zu spielen; und schließlich die Tatsache, dass auch die beiden Mädels Chloe Grace Moretz als Frances und Maika Monroe als Erica ihre Sache sehr gut machen.

Also letztlich ein Film für die Liebhaber des Thriller-Genres.




Breakthrough – Zurück ins Leben


von Roxann Dawson

(Fox, Kinostart 16. Mai 2019)

John, 14, ist ein von dem Ehepaar Joyce und Brian Smith adoptierter Junge, ein wenig verstockt und eigenwillig, aber ein guter Baseball-Spieler.

Mit zwei Freunden tollt er herum und macht dann etwas sehr Gefährliches. Er geht auf das zu dünne Eis des Missouri-Sees. Auf eine Warnung hören die drei nicht, und schon brechen sie alle ein. Zwei können sich retten, doch John zieht es in die Tiefe. Minutenlang treibt er in dem eiskalten Wasser.

Übrigens: Eine wahre Begebenheit.

Die Retter sind rasch da, doch es nützt nicht viel, dass John aus dem See gezogen werden kann, denn er hat keinen Puls mehr. Jetzt ist das Schlimmste zu befürchten.

Joyce ist eine fromme Frau. Sie geht mit ihrer Familie in die Kirche, hat zum Pastor eine enge Verbindung. Sie ist ob des möglichen Todes ihres Sohnes am Boden zerstört, bäumt sich gegen Gott und ihre – immerhin mit ihr betende – Umwelt auf, verlangt von den resignierenden Ärzten, dass sie Wiederbelebungsversuche unternehmen und mit starken Medikamenten alles versuchen – immer und immer wieder.

Sie weicht nicht zurück, bleibt Tag und Nacht an Johns Bett, verlangt von den Umstehenden – und Gott selbst – nichts weniger als ein Wunder!

Nachdem außer Joyce alle längst aufgegeben haben – geschieht das Wunder. John kommt wieder zu sich. Vielleicht sogar ohne jeden künftigen Schaden.

Gibt es einen Gott? Gibt es Wunder? Kann man sie herbeiglauben, herbeisehnen, herbeikämpfen?

Eine endgültige Antwort wird es nicht geben. Aber zur Diskussion gestellt wird das in diesem gut inszenierten Film alles ausführlich. Und durch etwas anderes gewinnt er noch merklich hinzu: Chrissy Metz spielt die Rolle der Joyce Smith außerordentlich kraftvoll.

Etwas für Interessierte.      


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Datum: 06.05.2019


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