DER GILDEN-DIENST Nr. 20 - 2017
Berlin Syndrom

Von Cate Shortland

(MFA, Kinostart 25. Mai 2017)

Clare kommt aus Australien. Nur mit dem Rucksack. Momentan fotografiert sie in Berlin merkwürdigerweise alte DDR-Bauten. Und auf jeden Fall will sie in der Welt Interessantes und Schönes erleben. Ganz ungefährlich ist das auf diese Weise nicht. Denn bis zu einem gewissen Grad ist sie doch dem Zufall ausgeliefert. Und für Clare wird sich dies in schlimmer Weise bestätigen.

Sie trifft auf Andi. Der ist Englisch- und Sportlehrer und macht das hübsche Mädchen sofort an. Sie lässt sich schnell auf ihn ein, denn in der Fremde braucht sie ja auch ein wenig Wärme. Bis zum ersten Sex ist es nun nicht mehr weit.

Die erste Zeit ist wie immer wunderbar. Dann will, während Andi seinen Unterricht gibt, Clare die in einem ansonsten völlig verlassenen Altbau gelegene Wohnung kurz verlassen. Aber: Sie ist abgeschlossen! Ein Schlüssel ist nicht zu finden. Alle Versuche schlagen fehl.

Das nun ist für Clare der Beginn einer Leidenszeit. Zuerst war sie mit der Intimität glücklich, jetzt zählt das Ringen um die  Freiheit. Clare hatte bis jetzt die natürlichste, offenste Psyche der Welt. Andi scheint auf diesem Gebiet völlig verdreht zu sein. Er liebt die junge Frau, schläft mit ihr, schlägt sie gleichzeitig, tröstet sie, übt aber immer wieder vor allem Kontrolle und auch Gewalt aus. Alles fotografiert er.

Beide suchen sie offensichtlich Liebe – aber wie unterschiedlich ist ihre Vorgehensweise!

So geht das eine sehr lange Zeit. 

Einen ungebetenen Gast schlägt Andi sogar tot. Und er scheint jetzt schon an ein neues junges „Opfer“, eine seiner  Schülerinnen, zu denken. Er handelt immer wie besessen.

Endlich gelingt Clare die Flucht.

Es ist ein starker, dunkler  psychologisch-psychiatrischer, traumatischer, „vergifteter“, von Klaustrophobie umnachteter Thriller, in dem es wie geschildert um die so unterschiedlich bewirkte und gelebte Einsamkeit zu zweit geht und nicht zuletzt um die Frage, wem man (noch) vertrauen kann.

Dargestellt ist das sowohl von Teresa Palmer als Cate als auch von Max Riemelt als Andi auf eine sehr glaubhafte Weise. - In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Von Matti Geschonneck

(X Verleih, Kinostart 1. Juni 2017)

Berlin, DDR, erste Hälfte 1989. Seit Jahrzehnten ist Wilhelm Powileit Mitglied der Kommunistischen Partei. Heute ist er 90 Jahre alt. Da versteht es sich von selbst, dass Abordnungen zum Gratulieren kommen: seine Brigade, ein Kinderchor, einer von der Stasi und viele andere. Und natürlich die Verwandten: sein Stiefsohn Kurt, Historiker und einstmals in einem russischen Arbeitslager gefangen, mit Frau Irina; Kurts russische Schwiegermutter Nadeshda; ein kleiner Urenkel; Melitta, Irinas Schwiegertochter und Partnerin von Sascha, der jedoch nicht dabei sein wird, weil er kurz vor der Feier in den Westen abgehauen ist, was in dieser Gruppe als schwerstmöglicher Verrat gilt.   

Wilhelm selbst ist ein beeindruckender wenn auch mürrischer Alter. Mit seiner Frau Charlotte hat er alles durchgemacht (und sie mit ihm): die jahrzehntelange Ehe, während der Nazi-Zeit die Flucht nach Mexiko, tagtägliche Scharmützel, weil er beispielsweise seine Medikamente versteckt, statt sie einzunehmen, usw.

Das Fest nimmt seinen Gang. Zuerst läuft alles friedlich und wie vorgesehen ab. Dann die ersten Brechungen, Veränderungen, gegenseitigen Belastungen, Auflösungserscheinungen – bis zum nahezu tragischen Ende. Das ist jetzt wirklich zu einer „Zeit des abnehmenden Lichts“ geworden.

Wolfgang Kohlhase als Drehbuchautor, Matti Geschonneck als Regisseur und Oliver Berben als Produzent, dazu noch eine gute literarische Vorlage, da braucht man keine Angst zu haben. Und tatsächlich läuft das alles so einsichtig und schlüssig, derart natürlich und echt ab, dass man mehr als überzeugt ist.

Und da ist dann noch eine Darstellertruppe, von denen einer besser als der andere spielt. Zuerst einmal Bruno Ganz als Wilhelm Powileit. Er bringt einem wie schon in vielen Rollen erneut zum Staunen. Und das nicht weniger Sylvester Groth als souveräner Kurt, und ebenso nicht weniger Hildegard Schmal als bekümmerte, treusorgende Charlotte. Ebenfalls mit großem Lob zu nennen Evgenia Dodina als alles hinschmeißende, dem Wodka ergebene Irina oder Natalia Belitski als aparte Melitta. Nicht zu vergessen Gabriela Maria Schmeide als Haushaltshilfe Lisbeth.

Ein historisch wie menschlich einleuchtender Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Der Effekt des Wassers

Von Solveig Anspach

(Arsenal, Kinostart 25. Mai 2017)

Eine Badeanstalt in Montreuil , Frankreich. Agathe arbeitet dort. Sie ist Schwimmlehrerin und Witwe, eine noch sehr junge Witwe.

Der großgewachsene, etwas ungelenke aber gutmütige Samir hat ein Auge auf Agathe geworfen. Dass eine andere Mitarbeiterin der Badeanstalt ihn anmachen will, ficht ihn nicht an. Er will Agathe.

Um sich ihr annähern zu können, nimmt er Schwimmunterricht – obwohl er bestens schwimmen kann, wie man bald erkennt, als er eine Ertrinkende rettet. Dass Samir gelogen hat, ärgert Agathe. Lügner mag sie nicht.

Jetzt wird sie zu einem Bademeisterkongress nach Island gerufen. Samir überlegt nicht lange, reist ihr nach und gibt sich auf dem Kongress, wenn auch völlig unbeholfen, als einer aus, der ein versöhnendes Projekt zwischen Israelis und Palästinensern in Vorbereitung habe.

Agathe flirtet abends in einer Bar beim Tanzen absichtlich mit einem anderen, beachtet Samir nicht.

Später ist sie bei ihrer isländischen Freundin Anne gespannt auf die Weissagung einer alten Frau. Sie hat, so das Ergebnis, bisher zu gespannt und zu belastet gelebt. Sie muss auf jeden Fall loslassen.

Samir hat inzwischen mit anderem zu kämpfen. Eine Kaffeemaschine explodiert, und schon landet er im Krankenhaus. Er hat sein Gedächtnis verloren, wird vom Psychiater behandelt, muss mit einfachen Spielkarten und seinem Tagebuch versuchen, aus der Misere wieder herauszufinden.

Später wird es dann doch noch romantischer. Man sieht Agathe und Samir wieder gemeinsam beim Schwimmen. Ende gut, alles gut.

Die Liebesgeschichte wird ein wenig garniert mit Lustigem, mit Kabinentüren, die nicht aufgehen, mit gestohlenen Gänsen, mit einem Mann, der in die stark belebte Frauendusche nicht hineingehört, usw.

Samir Guesmi als Samir hat seinen halb melancholischen Part gut im Griff, Florence Loiret Caille ist Agathe, manchmal ein wenig zu verkniffen; da hätte das eine oder andere Lächeln gut getan.

Ein Film, der gut gefallen kann.

In Tübingen bei den Französischen Filmtagen gewann der Film den Publikumspreis. Und die renommierte Pariser Zeitung Le Monde fand das großartig, lebhaft und heiter.

 

Alien: Covenant

Von Ridley Scott

(Fox, Kinostart 18. Mai 2017)

Unabhängig davon, wie dieser Film allgemein künstlerisch bewertet wird oder wieviel Geld er einspielen kann, eines steht schon längst fest: Ridley Scott, quasi der Chef-Alien, hat auf jeden Fall Filmgeschichte geschrieben.

Dieses Mal muss ein Raumschiff Kolonisten ins All bringen. Beispielsweise sind u.a. Embryonen an Bord. Sieben Jahre und vier Monate wird der Flug dauern. Gerade befindet sich der Großteil der Besatzung im Kälteschlaf.

Eine Stoßwelle. Ein Teil der Energieversorgung wird lahmgelegt. Höchste Alarmstufe für alle. Immerhin gelingt es, den Schaden zu reparieren.

Da: ein Ruf aus dem All. Er scheint von einem nahegelegenen Planeten zu stammen. In der Mannschaft ein Disput darüber, ob dieser angeflogen werden soll. Er liegt viel näher als das ursprüngliche Ziel. Also könnte viel Zeit gewonnen werden. Der mysteriöse Planet wird angepeilt.

Besser wäre es wohl gewesen, er wäre nicht angeflogen worden. Denn es stellt sich heraus, dass dort lebensfeindliche, giftige, aggressive, säure-spritzende bestialische Kreaturen existieren, die den großen Teil der gelandeten Mannschaft auf die grausamste Weise töten. Einem Besatzungsmitglied wird z.B. der Rücken aufgerissen und heraus kommt ein wüstes, massakrierendes Untier. Und immer mehr davon. Manches ist splattermäßig. Zyniker schrieben sogar von einer Karikatur oder von einer Schlachtplatte.

Aber auf dem vermeintlich paradiesischen Planeten gibt es auch den Androiden David, die Xenomorphs, die Neomorphs, die Scottsche Eigen- und Pseudophilosophie über die Herkunft der Menschheit, über die „Erschaffer“, über die Prometheus-Prequels und -Sequels - mit  deren zusammenhängender Konzeption mancher arge Schwierigkeiten haben wird.

Ganz anders sieht es wie immer bei Ridley Scott mit der filmischen Machart aus. Die neuesten digitalen Techniken werden genutzt, und sie sind eindrucksvoll, ja geradezu bombastisch. Bildgewaltig und großartig. Die Spannung fehlt ebenfalls nicht. Der Sound ist durchgehend angepasst. Gespielt wird gut.

Am besten geeignet für Aliens- und Ridley-Scott-Fans.       

 

Hanni und Nanni - Mehr als beste Freunde

Von Isabell Suba

(UPI,  Kinostart 25. Mai 2017)

Hanni und Nanni sind Zwillinge, noch im Kindesalter. Da die Mutter verreisen muss und befürchtet, dass, wenn sie die Mädchen allein mit dem Vater zurücklassen würde, auf jeden Fall Chaos entstünde, wird beschlossen, Hanni und Nanni auf das Internat Lindenhof zu geben.

Das gefällt den beiden ganz und gar nicht, also überlegen sie sich, welche schlimmen Streiche sie anstellen könnten, damit sie schon während der Probezeit wieder aus dem Internat fliegen.

Und so gehen sie denn auch gezielt vor. Sie verrammeln Türen und versperren so den Lehrern den Weg, oder sie versehen Wasserleitungen mit Klebeband, so dass in den Badezimmern Überschwemmungen und Chaos entstehen.

Aber es geschieht natürlich auch Nützliches: Französisch lernen, Gymnastik betreiben, schwimmen, reiten, das scheinbar wilde Pferd Pegasus bändigen.

Obwohl Zwillinge, sind Hanni und Nanni charakterlich doch sehr  verschieden, und so bleibt auch Streit und zeitweilige Trennung nicht aus. Nanni ist die Zurückhaltendere, Hanni eher die etwas Frechere. 

Die eine lernt zufällig den alten Schlossbesitzer Godehard kennen, der mit seiner Tochter seit vielen Jahren im Clinch liegt. Das führt dazu, dass die Tochter Schloss Lindenhof verkaufen will. Stattdessen soll ein „modernes“ Golf- und „Zukunftshotel“ entstehen. Das muss natürlich verhindert werden. Also lassen sich Hanni und Nanni - dazu die über 80 anderen Schülerinnen des Internats - etwas einfallen.

Die Furcht ist lange groß, aber der Plan gelingt. Alles wird schließlich so bleiben, wie es war. Ein großes Fest wird gefeiert. Und ein dabei gesungenes Lied drückt auch die Botschaft aus, die den Kindern, welche den Film besuchen, übermittelt werden soll: „Wir bleiben zusammen.“

Handlungsmäßig wurde alles zwar frei erfunden, aber  möglichst kindgerecht, in manchem originell und unterhaltsam arrangiert.

Die beiden Mädchen Laila und Rosa Meinecke machen schauspielerisch ihre Sache wirklich gut. Erstaunlich auch, wie viele bekannte Darsteller hier mitmachen: Katharina Thalbach als halbkomische Französischlehrerin, Maria Schrader als um Ordnung bemühte Schuldirektorin, Jessica Schwarz als um ihre Mädchen Laila und Rosa besorgte Mutter sowie Henry Hübchen als grummelnder Godehard.

Für Kinder sicherlich eine angenehme und brauchbare Unterhaltung.
zum Download
Datum: 15.05.2017


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