Der Gilden-Dienst Nr. 20-2018
The Happy Prince

Von Rupert Everett

(Concorde, Kinostart 24. Mai 2018)

Oscar Wilde war ein dichterisches, lyrisches Genie, ganz ohne Zweifel. Und wer kennt nicht sein „Bildnis des Dorian Gray“!

In diesem Film werden seine letzten Lebensjahre geschildert (schade, denn man hätte auch von den früheren Jahren gerne mehr gesehen). Er war mit Constance verheiratet und hatte zwei Kinder. Doch er war homosexuell, und dies war sein Verhängnis.

Denn im damaligen England (2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) war das ganz einfach unmöglich, ein absolutes Tabu. Wilde wurde denn auch wegen Unzucht zu Gefängnis verurteilt, und nicht nur das: auch zu Zwangsarbeit.

Nach seiner Entlassung aus der Haft (1897) kehrte er nie mehr nach England zurück. In Paris oder in Neapel lebte er unter dem Namen Sebastian Melmoth mit seinen um ihn rivalisierenden Freunden Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, und Reggie Turner (schwächer ausgearbeitet als die Hauptfigur).

Innerlich muss er sein totales gesellschaftliches Scheitern natürlich gespürt haben, nach außen zeigte er es selten. Er feierte lieber Feste, trank viel, reiste umher. Sex-Partys fehlten keineswegs. 

Er unternahm einen misslungenen Neuversuch mit seiner als Constance Holland in Deutschland lebenden Frau, (die ihm schließlich das Geld sperrte), war gesundheitlich geschädigt, finanziell ruiniert.

Aber er blühte auch immer wieder auf: intelligent, ironisch, extravagant. Dazu gibt es in dem Film viele wunderbare poetische Zitate.

Dann das Ende in Armut.

Zwei besonders große Pluspunkte weist dieser Film auf. Die Zeit, das Milieu, die Ära – all das wird filmisch überzeugend geschildert. Man lässt dieses kunstvolle Design gerne an sich vorüberziehen.

Und dann Rupert Everett als Oscar Wilde. Seine durchgehende darstellerische Leistung ist gewaltig, Wiederholung: gewaltig. Ein künstlerisches Erlebnis.

Natürlich können sich auch die übrigen Namen sehen lassen: Emily Watson als Constance Wilde, Colin Morgan als Bosie (Lord Douglas) oder Colin Firth als Reggie Turner.

Eine menschliche, geschichtliche und filmische Delikatesse.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Der letzte Dalai Lama?

Von Mickey Lemke

(Mindjazz, Kinostart 24. Mai 2018)

Schon das Fragezeichen im Filmtitel lässt zögern: „Der letzte Dalai Lama?“ „Seine Heiligkeit“ der 14. Dalai Lama wird nicht der letzte sein. Die Buddhisten auf der Welt werden sich von den chinesischen Kommunisten, die Tibet seit Jahrzehnten besetzt halten und die bei der Auswahl des 15. Dalai Lama, wo immer er ausgewählt werden wird, ob in Tibet oder im Exil, sich einmischen wollen, sich nicht dreinreden lassen.

Es lebe also der 14. Dalai Lama – und der 15. obendrein.

Der jetzige Titelinhaber ist auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Mensch. „Solange die Welt besteht, solange es fühlende Wesen gibt, solange es Leid gibt, werde ich da sein. Um zu dienen“, sagt er. Nicht nur die Menschen liebt er, „sondern auch die Tiere und Insekten“.

Und das charakterisiert ihn gut. Natürlich pflegt er, der Intellektuelle, den Geist. Wichtiger aber sind ihm, der in den 50er Jahren aus seiner Heimat Tibet fliehen musste, die Besinnung, das Gebet, die innere Ruhe, die ethische Bildung, die innere Reinigung –bis zur Wiedergeburt und bis zur Erleuchtung-, die Meditation, die Formung des eigenen Karma, die Ruhe des Geistes, das ständige Bewusstsein, der glaubensübergreifende Altruismus, der denjenigen glücklich macht, der ihn ausübt.

Man ist beeindruckt von der Menschlichkeit und von der Weisheit, die dieser Mann ausstrahlt.

Eingerahmt sind diese im Film zum Ausdruck kommenden Werte von den Interviews mit dem Dalai Lama; von dem reichlichen Archivmaterial über die damalige Flucht; über die noch vielversprechende Begegnung mit Mao; über die aus Protest vorgenommenen Selbstverbrennungen tibetanischer Mönche; über den 80. Geburtstag „Seiner Heiligkeit“; darüber, wie er vom amerikanischen Kongress die Goldene Ehrenmedaille erhält; und von vielem anderen mehr.

Auch darüber, was der Dalai Lama über seinen Tod sagt, kann man nur staunen.

Vor allem moralisch gesehen verschafft einem dieser Dokumentarfilm starken Rückenwind.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Ein Leben

Von Stéphane Brizé

(Film Kino Text, Kinostart 24. Mai 2018)

Frankreich 19. Jahrhundert. Die junge normannische Landadelige Jeanne de Perthuis des Vauds lebt, seit sie der Klosterschule entwachsen ist, mit ihren Eltern Baron Simon-Jacques und Adelaide ein bescheidenes aber im Grunde schönes Leben. Jeanne ist eine unverdorbene hübsche junge Frau, die leider in die Hände von Julien de Lamare gerät, dem Jeannes Eltern noch dazu einen Großteil ihres Besitzes vermachen.

Nicht lange nach der Hochzeit betrügt Julien seine Frau mit dem Dienstmädchen, das ein Kind bekommt. Später kommt die Nachbarin an die Reihe – Jeanne kann von ihm nicht mehr sehr viel erhoffen (er wird auch nicht mehr sehr lange leben). Zunächst wird sie aber noch von einem Geistlichen mit eher drohenden Worten dazu gezwungen, Julien zu vergeben. Sie bekommt danach ebenfalls ein Kind, Paul.

Ihr ganzes Empfinden widmet sie diesem Sohn – doch der stellt sich mehr und mehr als Taugenichts heraus, verprasst mit einer Prostituierten das, was an Vermögen noch vorhanden ist, macht hohe Schulden, lebt im Ausland, kommt nie mehr nach Hause.

Jeanne gerät an den Rand ihrer leiblichen und psychischen Existenz.

Ein literarischer Stoff von Guy de Maupassant, der es mit Jeannes Leben ziemlich arg meint. Vielleicht wären ein paar Lichtblicke mehr realistischer gewesen.

Und wie ist das nun inszeniert? Bewundernswert! Zeitgemäß, klassisch, poetisch, mit schönen Portraits, mit Natur- und Jahreszeitaufnahmen, die dem jeweiligen seelischen Zustand Jeannes entsprechen, gescheit mit Rückblenden und Zeitsprüngen montiert, mit ausgesuchter Musik (ohne Rums-bums-Krach-Rock), mit einem sehr einfachen, fast asketischen aber das Innenleben Jeannes, ihre Lebenszeiten und die Epoche umso sichtbarer machenden Bild- und Milieustil.

Bestens ausgewählt: die beiden Kino-Ikonen Jean-Piere Darroussin als Jeannes Vater und Yolande Moreau als Mutter. Ein Genuss. Und ein absolutes darstellerisches Geschenk: Judith Chemla als Jeanne.

Ein besonderer ästhetischer und menschlicher Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Euphoria

Von Lisa Langseth

(Wild Bunch, Kinostart 24. Mai 2018)

Emilie und Ines sind Schwestern, haben sich allerdings Jahre nicht gesehen. Ines machte sich früh aus dem Staub, Emilie pflegte die depressive Mutter – bis diese sich nach mehreren Versuchen umbrachte. Vom Vater ist schon lange nichts mehr zu sehen und zu hören.

Emilie hat Ines eingeladen, und diese ist der Einladung gefolgt. Man spürt anfangs, wie fremd sich die beiden geworden sind. Es geht nun nach einer längeren Fahrt in ein in einer Waldgegend gelegenes Landhaus. Noch weiß Ines nicht, was sie dort erwartet.

Dann aber stellt sich heraus, dass Emilie seit drei Jahren Krebs hat und dass das noble Landhaus nichts anderes ist als eine letzte Station, in der Sterbehilfe geleistet wird. Marina leitet das Ganze; sie begleitete einst ihren todkranken Mann in das Sterbehilfehaus - und blieb, um anderen zu helfen.

Emilie, die eher Extrovertierte, soll noch sechs Lebenstage zu genießen haben und dann den tödlichen Trank bekommen. So will sie es. Sie möchte über ihren Tod allein bestimmen.

Ines, eher introvertiert, ist entsetzt, versucht abzureisen, wird daran im Grunde aber gehindert. Jetzt bricht zwischen den beiden Schwestern alles auf: die Vergangenheit, die Depression und der Tod der Mutter, die unterschiedlichen Charaktere der Schwestern. Gegensätzlichkeit aber auch Annäherung. Streit aber auch Liebe. Trauer aber auch schwesterliches Empfinden. Ratlosigkeit aber auch Abfinden mit der tragischen Situation.

Ines lernt auch die übrigen Gäste des Hauses kennen, von denen manche sehr sympathisch wirken, andere eher sonderbar erscheinen.

Dann der schmerzliche Abschied von der Schwester.

Krankheit, Sterblichkeit, Tod - beileibe kein einfaches Thema. Die Regisseurin hat versucht, es anhand der Beziehung zwischen den beiden Schwestern dem Besucher des Films nahezubringen. Die Besprechungen über den Film reichen von Sensation bis Pleite. Kinematographisch gesehen ist aber vieles sehr ästhetisch und gelungen.

Und drei Frauen spielen eindrucksvoll: Alicia Vikander (auch Produzentin) als Ines, Eva Green als Emilie sowie die Kino-Ikone Charlotte Rampling als Marina.

 

Die Tochter

Von Mascha Schilinski

(missing FILMs, Kinostart 17. Mai 2018)

Hannah und Jimmy leben zwar seit längerem getrennt, aber nicht geschieden. Sie haben Luca, eine achtjährige Tochter. Hannah ist Griechin.

Auf einer kleinen hellenischen Insel besitzen sie ein Haus, das sie jedoch verkaufen wollen. Nach langer Zeit ein Anruf, und nicht nur das: ein Käufer. Allerdings muss das Haus zuvor noch in Schuss gebracht werden. Die drei fahren los.

Hauptprogramm: die Renovierung des Hauses. Doch dann geschieht etwas Außergewöhnliches. Jimmy ist am Hobeln, Hanna reinigt etwas. Plötzlich bewegen sie sich im gleichen Rhythmus, immer wieder. So geht das eine Zeit lang. Sie bemerken es, sie setzen die gemeinsamen Bewegungen fort, sie spüren etwas, sie nähern sich an, sie küssen sich – der Rest ist Schweigen.

(Eine sehr schöne Filmpassage.)

Hannah und Jimmy sind wieder ein Paar. Doch da ist noch Luca. Sie hat schon immer ihren Vater über alles geliebt. Die beiden verstanden sich gut, spielten gemeinsam, tollten herum, warteten aufeinander, schliefen oft gemeinsam ein.

Hannah stand da immer ein wenig im Abseits.

Nun bemerkt Luca das neue Glück ihrer Eltern. Entweder ist sie zu jung um das zu verstehen, oder sie will es einfach nicht. Jedenfalls verhält sie sich, als wäre Letzteres der Fall. Sie wird eifersüchtig; sie zeigt sich bockig; sie wendet sich ab; sie spielt die Eltern gegeneinander aus; sie verlangt von ihrem Vater er müsse sich entscheiden, wen er lieber habe; sie geht sogar so weit, Hannahs Mutterschaft anzuzweifeln: „Wir sehen nicht gleich aus!“

Klar, dass daraufhin die Auseinandersetzung der Eltern folgt. Der Einfluss des Kindes ist übergroß. Tatsächlich sieht es am Ende so aus, als bliebe alles beim Alten.

Wie real ist dieses Problem? Dass es bestehen kann ist keine Frage.

Hier spürt man den Zwiespalt in jeder Szene. Dieses Kammerspiel ist professionell gestaltet, die Stimmung ist meistens echt.

Zusätzlich schöne Sequenzen; der Herzschlag-Sound, die herrliche Landschaft, die griechischen Songs, die eindrucksvolle Geburtstagspassage.

Gespielt wird von allen dreien erstaunlich gut, vor allem auch von der kleinen Helena Zengel als Luca.

Eine große wenn auch äußerst problematische Authentizität.

 

Taste of Cement

Von Ziad Kalthoum

(3 Rosen, Kinostart 24. Mai 2018)

Früher hieß es immer, der Balkan sei ein Pulverfass. Heute gilt, dass der Nahe und Mittlere Osten ein noch viel Größeres ist.

Heimat und Flucht, Leben und Tod, Liebe und Hass, Wohlklang und Dissonanz, Traum und Wirklichkeit liegen hier derart eng nebeneinander wie an nicht vielen Orten der Welt. Davon handelt dieser Film.

Der Libanon und Syrien stehen im Mittelpunkt. In Beirut -wo von den 70er bis zu den 90er Jahren der Bürgerkrieg tobte, der heute in Syrien alles zerstört- ziehen syrische Arbeiter einen Wolkenkratzer hoch. In schwindelnder Höhe zementieren und verschalen sie, steuern sie mächtige Kräne und montieren - minutenlang gefilmt mit beeindruckenden geometrisch wirkenden Aufnahmen und immer wieder dem prächtigen Blick auf das Meer.

Das ist die aufstrebende, aufrichtende, positiv erscheinende Seite – aber dieser Film verbirgt keineswegs die dunkle.     

Die Arbeiter sind zum großen Teil Flüchtlinge aus Syrien; zum Teil arbeiteten schon ihre Väter im Libanon; ein freies Leben haben sie nicht; am Abend ist Sperrstunde, das Gebäude verlassen dürfen sie nicht; in den finsteren Untergeschossen des Gebäudes müssen sie leben, essen, sich pflegen, schlafen, fernsehen, allein sein, sich auf dem Smartphone den Kontakt zur Außenwelt suchen.

Exquisite, wenngleich traurige Filmaufnahmen machen deutlich, wie armselig dieses klaustrophobe Leben ist. Construktion und Deconstruction.

Warum bedarf es für diesen Dokumentarfilm eines ebenso berichtenden wie kontemplativ und tiefgehend analysierenden Off-Tones? Weil die Männer nicht sprechen. Warum? Weil sie Angst haben vor dem diktatorischen syrischen Regime, vor dem sogenannten Islamischen Staat und vor dem Eigentümer des Wolkenkratzers, den sie hochziehen.

Eine ausgesuchte Ästhetik, ein ausgesuchter Sound, eine ausgesuchte Sprache zieren dieses Dokument – jedoch auch schreckliche Szenen: von radikalen Zerstörungen der Städte wie Aleppo; von immer weiteren Bombardierungen; von im Meer versunkenem Kriegsgerät; davon, wie die heldenhaften Weißhelm-Männer noch Lebende aber auch schon Tote aus den Trümmern graben müssen.

Vieles wirkt deshalb so authentisch, weil der Autor und Regisseur auch autobiographisch vorgehen konnte.

Wann wird das enden? So lange nicht, solange in dem betroffenen Gebiet die Großmächte ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ein außergewöhnliches Filmdokument, das eigentlich eine historische, politische und menschliche Warnung darstellt.

 

Schatzkammer Berlin

Von Dag Freyer

(Salzgeber, Kinostart 17. Mai 2018)

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Wiedervereinigung hat Berlin eine Museumslandschaft aufgebaut, die zu den eindrucksvollsten der Welt gehört. Sie ist im Preußischen Kulturbesitz zusammengefasst.

Welche Bedeutung haben Museen? Wer besucht sie? Es ist immerhin erstaunlich, dass alljährlich Hunderttausende kommen.

Dann geht es darum zu staunen, zu lernen, zu fragen, welchen Nutzen dies für die Zukunft haben kann.

Aber auch, wo die Museumsbestände herkommen und ob sie sich alle zu Recht in deutschen Museen befinden. In Bezug auf Letzteres spielt vor allem die deutsche Kolonialzeit eine nicht unbedeutende Rolle.

Unendlich Vieles und Schönes ist zu betrachten: wie die weltberühmte Büste der Echnaton-Gemahlin Nofretete; ein imposanter Goldhut, der in früheren Zeiten eine astronomische und meteorologische Bedeutung gehabt haben könnte; der herrliche Pergamon-Altar oder das mächtige babylonische Tor; das „älteste Schlachtfeld der Welt (um 1200 – 1300) mit Pfeilspitzen und vielsagenden Knochen; wichtige Tontafeln, die über die Erfindung der Schrift Aufschluss geben; dann die bedeutenden Beiträge von Alexander von Humboldt zur Erderforschung; aber auch wertvolle alte buddhistische Höhlenbilder in China; oder natürlich Gemälde, eines kostbarer als das andere; nicht zu vergessen Millionen Münzen, z.B. mit der Prägung Karls des Großen als antiker Herrscher; viel Praktisches ist aus den Gemälden abzulesen, etwa aus demjenigen Hans Holbeins vom Kaufmann Georg Gisze über wertvolle arabische Teppiche.

Auch die Moderne befindet sich längst in den Museen, Beus etwa oder andere Gegenwartskunst und jetzige Gebrauchsgegenstände.

Vieles haben Mäzene gestiftet, doch wie steht es wie gesagt mit der Kolonialzeit und der ethnologischen „Provenienzforschung“? Was hat etwa der Njoya-Königsthron aus Bamum (Westafrika) in Berlin zu suchen? Oder das grandiose Aleppo-Zimmer mit seinem Bilderrausch und seiner Farbenpracht?

Kein Wunder, wenn es darüber noch lange Diskurse wird geben müssen.

Ein 100prozentig lehrreicher Dokumentarfilm.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.            

 

 

 

 

 

   

 

     

 

         

 

     

 

   

 

   

 

 

 

 

 

 
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Datum: 14.05.2018


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