Der Gilden-Dienst Nr. 20-2019


Die rote Linie – Widerstand im Hambacher Forst


von Karin de Miguel Wessendorf

(Mindjazz, Kinostart 23. Mai 2019)

Die Erkenntnis, dass wir, weil die Erde immer mehr gefährdet ist, nicht so weiterleben können wie bisher, setzt sich allmählich durch. Zum Umweltschutz und zum Klimawandel kommt jetzt noch der neue erschreckende UNO-Bericht über das Artensterben hinzu.

Ein gutes Beispiel für diesen Kampf der Vergangenheit gegen die Zukunft oder der Zukunft gegen die Vergangenheit ist in Deutschland das Aufeinanderprallen der Standpunkte, wenn es um den Hambacher Forst geht. In diesem Dokumentarfilm wird das jahrelange Ringen um den seit der Eiszeit bestehenden Wald leidenschaftlich und und überzeugend dargestellt.

Auf der einen Seite: der hohe Energiebedarf; die wirtschaftliche Macht des Großunternehmens RWE; die gesetzlichen Zusagen über die mögliche Rodung; die Erwartungen der Aktionäre; die verständliche Werbung der RWE-Beschäftigten um das Weiterbestehen ihrer Arbeitsplätze; die teils provokanten Erklärungen der RWE-Chefs.

Auf der anderen Seite: die jahrelange Besetzung des Waldes durch Aktivisten, die die Abholzung verhindern wollen; die 8 Baumhäuserdörfer (und deren späterer gewaltsamer Abriss mit einem tödlichen Unfall); die unumgehbaren Ziele der Pariser Klimakonferenz: die Tatsache, dass die „Normalbürger“ über keine Lobby verfügen; die erzwungene Räumung der vom Tagebau der rheinischen Braunkohle betroffenen Dörfer („Vertreibung, Vernichtung, Vergessen“); die durch die Umsiedlung trostlos gewordene „Heimat“; die absurde Zerstörung des Domes von Immerath - „Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen“ - „Die Steine des Domes sind Steine des Anstoßes“; die unzähligen Demonstrationen mit Tausenden von Demonstranten; das ebenfalls in die Tausende gehende Polizeiaufgebot; die Anti-Kohle-Kette der Rotgekleideten.

Dann endlich die erhofften juristischen Festlegungen der Verwaltungsgerichte; Aufhebung des Demonstrationsverbots und Rodungsstopp sowie der Wunsch des Gerichts: „Die Erhaltung des Hambacher Forst ist wünschenswert“. Oder, wie von der Bevölkerung formuliert: „eine Ohrfeige für die Landesregierung“.

Ein Film, den jeder sehen sollte. Denn er macht überdeutlich, dass und wie wir uns verändern müssen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Edie – Für Träume ist es nie zu spät


von Simon Hunter

(Weltkino, Kinostart 23. Mai 2019)

Jung ist die Britin Edie keineswegs mehr. Sie geht schon eher auf die 80 zu. Ihren Mann hat sie gepflegt – aber nie geliebt. Eines Tages saß er tot im Rollstuhl.

Mit der Tochter ist das Verhältnis nicht sehr viel besser. Ich musste mein Leben lang tun was andere wollten, sagt Edie einmal, ein Eigenleben hatte ich nicht.

Die Tochter Nancy will Edie in ein Altersheim stecken. Doch das lässt diese nicht zu. Während sie ihre Wohnung aufräumt, stößt sie auf eine alte Postkarte. Das Bild: der Berg Suilven in den schottischen Highlands. Von wem die Karte ist wird nicht gesagt, doch es liegt ein Kiesel dabei, der von dem hohen Berg stammt. Was löst das für Erinnerungen aus? Muss etwa der Stein wieder dahin? Ist die Postkarte von jemandem, den Edie liebte?

Die alte Frau beschließt etwas Außergewöhnliches. Sie will auf die Spitze des Suilven. Richtig ausgerüstet ist sie (noch) nicht, doch sie hat das Glück, unterwegs auf Johnny zu treffen, der einen Laden für Camping-Artikel betreibt.

Johnny kümmert sich sogar liebevoll um Edie; allerdings ist die ganz schön eigensinnig, will die Tour allein bewältigen.

Aber was ist mit einem Zelt; mit einem Kocher; mit dem Essen; dem richtigen Schuhwerk; der nötigen Kleidung; mit einem Handy für den Notfall; was mit dem See, der überquert werden muss; was mit Sturm und Regen; was mit den Nächten, da die Wanderung ja mehrere Tage in Anspruch nimmt; was geschieht, wenn Edie klettern muss; was wenn sie vor Erschöpfung zusammenbricht?

Trotz aller Schwierigkeiten gelingt der Aufstieg. In diesem Falle ein wahrer menschlicher Triumph.

Johnny, ein Kerl mit dem Herz auf dem rechten Fleck, hielt sich trotz Edies Dickköpfigkeit weise im Hintergrund bereit. Ohne ihn wäre deren Sieg über sich selbst wohl nicht möglich gewesen.

Ein außergewöhnlicher Film. Vieles berührt angenehm: die wunderbare Darstellung der Edie durch die charismatische Sheila Hancock, die menschliche Haltung des von Kevin Guthrie gespielten Johnny, die inszenatorische Professionalität, die vielen überwältigenden Aufnahmen von den schottischen Highlands und nicht zuletzt die wertvolle Erkenntnis, dass man im Leben durchhalten muss, manchmal koste es was es wolle.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Sunset Over Hollywood


von Uli Gaulke und Agnes-Lisa Wegner

(Piffl, Kinostart 23. Mai 2019)

Was geschieht mit den vielen Hollywood-Größen und -Mitarbeitern, wenn sie alt geworden sind? Dieser Dokumentarfilm berichtet davon.

Im Nordwesten Hollywoods existiert doch tatsächlich in schönster Umgebung eine Siedlung, in der sogar mehr als 1000 frühere Filmschaffende ihr Lebensende verbringen. Es sind Drehbuchautoren, Kino- und Fernseh-Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler, Kameramänner, Cutter oder Maskenbildner.

Und wie wird das finanziert? Zum Teil durch großzügige Spenden von Berühmtheiten wie Steven Spielberg oder George Clooney.

Man sieht die Damen und Herren mit ihren elektrischen Rollstühlen herumkutschieren, einander besuchen, Versammlungen abhalten, gemütlich beisammen sein, spielen oder erzählen.

Sie berichten von ihren Karrieren; von Stars der 20er bis 70er Jahre, mit denen sie zusammengearbeitet haben; von ihren Ehen; von ihren Kindern; von ihren Wünschen; von ihren Plänen; von ihrer Jugend; von ihren Eltern; von ihren Krankheiten; von ihrer Art, einst mit dem unvermeidlichen Tod umzugehen.

Allerdings haben sie noch nicht vor zu sterben. Die Drehbucherfinder sitzen noch immer, sich etwas ausdenkend, vor dem Computer, andere drehen in einem kleinen Studio einen Film, wieder andere malen sich eine Fortsetzung des Filmklassikers „Casablanca“ aus. Die älteste Schauspielerin war zur Zeit der Entstehung dieses Films nicht weniger als 105 Jahre alt und hatte in etwa 70 Filmen mitgewirkt.

Träume und Hoffnungen fehlen bei den alten Damen und Herren keineswegs.

Man sieht diesen „Sunset“-Film mit einem lachenden und weinenden Auge. Mit einem lachenden, weil hier eine – wenn auch leider seltene – menschlich überaus begrüßenswerte und positive Bewältigung des Lebensabends gefunden wurde; mit einem weinenden, weil man hier an das unvermeidliche, oft mit erheblichen Einschränkungen und Krankheiten verbundene Altern denken muss oder gar daran, dass der Tod irgendwann einen selbst holt.

Dies mit all diesen alten Herrschaften zu inszenieren, dürfte nicht leicht gewesen sein.

Es ist gelungen.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




All My Loving


von Edward Berger

(Port au Prince, Kinostart 23. Mai 2019)

Stefan, Julia und Tobias sind drei Geschwister im besten Alter. Das Alter der drei ist vielleicht gut, mit der augenblicklichen Lebenssituation sieht es jedoch nicht ganz so gut aus.

Stefan, ledig, ist offenbar ein kleiner Macho, er ist von Beruf Pilot, und er fährt einen schnellen Wagen. Die Auskunft seines Arztes ist allerdings schlecht. Die Augen funktionieren nicht mehr richtig, die Sehfähigkeit hat stark abgenommen, eine Flugerlaubnis kann er nicht mehr bekommen. Was für ein Schlag! Kann er sich jetzt nur noch ziellos herumtreiben, möglichst viel Alkohol trinken - und Frauen für eine Nacht suchen? Sieht so aus. Auch das Verhältnis zu seiner unehelichen Tochter Vicky könnte besser sein.

Die Ehe von Julia und Christian scheint zu wackeln. Immerhin wollen die beiden einen Neuversuch wagen, und zwar während einer Tour nach Turin. Zunächst lässt es sich gut an. Dann wird eines nachts ein kleiner Hund überfahren. Julia nimmt ihn mit sich ins Hotel, lässt einen Arzt rufen, kümmert sich statt um Christian nur noch um das Tier. Christian ist mehr oder minder abgehängt.

Während eines Abendessens bei Freunden kommt es zudem noch zu einem heftigen Streit. Alte Wunden scheinen aufzubrechen. Was ist da vor drei Jahren Schlimmes geschehen? Ist da etwa sogar ein Kind der beiden zu Tode gekommen?

Tobias ist Hausmann und Langzeitstudent. Er kümmert sich um die Kinder. Die Kohle beschafft seine Frau. Tobias muss seine Eltern aufsuchen, weil der Vater sich weigert, einen Arzt zu konsultieren. Die Atmosphäre ist bedenklich. Die beiden Alten scheinen nicht mehr viel Leben in sich zu haben. Außerdem ist der Vater nur noch widerspenstig. Plötzlich verschlechtert sich dessen Gesundheitszustand. Tobias ist bei ihm – auch als er stirbt. Ein wenig Nähe hat es noch gegeben. Nicht viel. Und außerdem reichlich spät.

So ist das Leben – sagt man billigerweise in solchen Fällen. Einen Lichtblick gibt es schon noch, denn Julia gebiert am Schluss ein Kind. Also stirbt nicht nur einer sondern es wird auch einer geboren. Und es beweist, dass Christian und Julia es geschafft haben.

Inszeniert sind all diese Banalitäten auf eine erschreckend nüchterne und realistische Weise. Doch das ist gerade das Gute daran. Denn, noch einmal: So ist das Leben.

Sehr gut gespielt wird das übrigens von Lars Eidinger (Stefan), Nele Müller-Stöfen (Julia), Hans Löw (Tobias) und Manfred Zapatka (Vater).




Jonathan


von Bill Oliver

(Kinostar, Kinostart 23. Mai 2019)

Jonathan und John sind ein eher seltenes, seltsames Zwillingspaar. Sie sind geistig getrennt, doch sie haben lediglich einen Körper. Sie leben schichtweise, das heißt dass von den 24 Stunden des Tages der eine 12 Stunden „lebt“ und dann der andere die zweiten 12 Stunden – also  7 – 19 Uhr und 19 – 7 Uhr.

Ist eine solche Bipolarität möglich? Hat das Ganze gar mit der jetzt aktuell und „modern“ gewordenen Genderfrage zu tun? Wie viele Menschen verspüren in sich eine solche Doppelbödigkeit? Gibt es davon überhaupt welche? Oder ist das Ganze lediglich ein Science-Fiction-Stoff?

Die beiden unterrichten sich täglich per Videobotschaft  über ihr Dasein. Ob es um die Arbeit Jonathans in einem Architekturbüro geht, ums bloße Kochen und Waschen oder darum, dass einer die Abmachung missachtet hat, über beider existentielles Verhältnis nichts nach außen dringen zu lassen.

Sehr lange geht alles  gut. Dann wird die Symbiose doch brüchig, unter anderem auch deshalb, weil Eifersucht um die Freundin Elena für beide mit ins Spiel kommt.

In diesem ungewöhnlichen und mehrdeutigen Psycho- und Bewusstseins- und Selbstverwirklichungsdrama hat im Vergleich zu John Jonathan ein deutliches Übergewicht. Und mit einigen angedeuteten thematischen Varianten sowie dem Schluss des Films wird der Betrachter schließlich doch ziemlich allein gelassen.

Formal wird das in vielen Kurzabschnitten, in äußerst strenger Form - nicht ohne eindrucksvoll zu sein - ohne jedes szenische Brimborium geschildert.

Lob gebührt dem subtil agierenden Darsteller Ansel Elgort (Jonathan und John) – gut unterstützt von der hier die entscheidende Expertin und psychiatrische Diagnostikerin spielenden Kinoikone Patricia Clarkson.

Für Interessierte.
zum Download
Datum: 13.05.2019


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