Der Gilden-Dienst Nr. 21-2019
Oray

von Mehmet Akif Büyükatalay

(Déjà-Vu, Kinostart 30. Mai 2019)

Oray ist Türke und Muslim. In Hagen (NRW) ist er zu Hause. Verheiratet ist er mit Burcu. Er scheint sie zu lieben. Ein stämmiger Mann, offenbar leicht jähzornig. „Ich bin ein Tier“, sagt er einmal. Oder, mehr oder minder im Spaß: Früher bin ich ein „erfolgreicher Einbrecher“ gewesen.

Das ist sicherlich lange her. Denn heute ist er ein strenggläubiger Muslim. Der Islam mache frei, sagt er, was die „Ungläubigen“ nicht seien. Sie seien Sklaven, abhängig vom Geld, vom Alkohol, von den Frauen. Es gebe nur eines: Paradies oder Hölle. Der Islam, der Koran, sie versprächen das Paradies.

Und nicht nur das. Oray steht bei Sonnenaufgang auf und betet. Er geht in die Moschee. Er hört der Predigt des Imam zu. Er missioniert selbst. Mit Freunden folgt er der strengsten Auslegung des Koran, die man sich denken kann.

(In 20 Jahren werden die Türken 20 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik ausmachen, sagt einer von Orays Kumpanen, dann wird ein Türke Bundeskanzler sein. Wie ernst das gemeint ist, ist nicht genau zu erkennen.)

Dann das große Drama. Oray streitet mit seiner Frau. Und weil er wie gesagt so jähzornig ist, schreit er ihr das Wort „Talaq“ zu. Das aber ist gleichbedeutend mit Trennung. Wird es nur einmal ausgesprochen, dann muss der Kontakt drei Monate ausbleiben. Alles andere wäre „Unzucht“, „Sünde“, würde „ewige Hölle“ bedeuten. Wird es dreimal gesagt, bedeutet dies die endgültige Scheidung.

Wie oft hat er es gesagt?

Jetzt ist er zunächst allein, sucht sich eine Wohnung, lebt mit stärksten Gewissenskonflikten, kämpft mit sich selbst. Muss er neu anfangen?

Oray redet sich ein, dass er das Wort Trennung nur einmal ausgesprochen habe. Doch das entspricht wohl nicht ganz der Wirklichkeit. Er gibt schließlich kleinlaut zu, dass „Talaq“ dreimal gefallen sei. Der Freund, offenbar ein Imam, nennt Burcu bereits die Ex-Frau. „Allah wird dir helfen.“

Ist es tiefe Gläubigkeit oder Fanatismus? Macht es das Leben lebenswert? Reicht die Aussicht auf das Paradies aus? Ist Religion – besonders in dieser unerbittlichen Form – etwa nur ein geistiges Hilfskonstrukt? Wie wirkt sich dies alles auf die Migration und Integration aus?

Fragen über Fragen im Zusammenhang mit diesem Film, in dem Zejhun Demirov die Rolle des  Oray wirklich sehr gut spielt.

Thematisch wahrlich nicht unwichtig!

Deshalb Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Peter Lindbergh: Women Stories

von Jean Michel Vecchiet

(DCM, Kinostart 30. Mai 2019)

Gehobene Fotografie ist Kunst. Nun ja, „Künstler“ wollte Peter Lindbergh immer werden – und er hat es geschafft. Der Weg dahin war allerdings gar nicht so einfach. Duisburger Industrie- und Rheinwiesenfotos standen am Anfang. Dann der Aufenthalt in Arles, weil er den Maler Vincent van Gogh so bewunderte. Später Reisen in mehrere Länder wie z.B. Marokko.

Geboren ist Lindbergh (eigentlich Brodbeck) 1944 in Polen, zu einer Zeit also, da die Nazis der Bevölkerung des Landes sehr Schlimmes antaten. Als dann die Russen im Anmarsch waren, mussten die Deutschen wieder fliehen. Als kleines Kind kam Peter also wieder nach Deutschland.

Er gilt heute als einer der wichtigsten lebenden Fotografen. In unzähligen „Vogue“-Nummern aller Länder hat er seine Bilder ebenso veröffentlicht wie im „Pirelli-Kalender“. Die bekanntesten „Supermodels“ wie Cindy Crawford oder Naomi Campbell hat er abgelichtet, sein Interesse galt jedoch ebenso den Tänzerinnen und Tänzern des Balletts der Pina Bausch oder denen des „New York City Ballet“. Schauspielerinnen wie Charlotte Rampling, Jeanne Moreau, Tilda Swinton, Penelope Cruz oder Isabelle Huppert – alle gehören zu seinen „Kunden“.

2013 machte er in einem Gefängnis in Florida Mörder zu seinen Modellen.

Lindberghs Freund, der Regisseur Jean Michel Vecchiet, der aufgrund dieser Freundschaft natürlich Zugang zu einzigartigem Material hatte, packte das alles in diesem Film zusammen. Auch eine schöne Liebesgeschichte mit der Frau des Fotografen – und z.B. Bekenntnisse seiner Schwester.

Sicher ist, dass Lindberghs Leben und das, was er sagt und tut, interessanter nicht sein könnte.

Allerdings übertreibt Vecchiet manchmal. In einigen Passagen herrscht ein solches Tempo, donnert der Sound so herein, rast eine willkürliche Bilder- und Schnittfolge derart daher, dass streckenweise nur ein Sammelsurium übrig bleibt. (Der Regisseur scheint den Film nicht nur über Lindbergh sondern offenbar auch ein wenig über sich selbst gemacht haben zu wollen.)

Alles in allem aber kann man zufrieden sein. Man erfährt wirklich sehr viel. Die Bilder sind sehenswert. Lindbergh ist zweifellos eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die in seiner Kunst eine Menge umgesetzt hat. Die von ihm selbst gestellte Frage was ein Künstler sei und warum und wie man es werde, hat er hinlänglich beantwortet.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





Blown Away – Music, Miles and Magic

von Micha Schulze

(Jackhead/Filmagentinnen, Kinostart 23. Mai 2019)

Sie heißen Hannes Koch und Ben Schaschek, sind um die 30 Jahre alt und Ingenieure, haben aber nicht vor, ihr Leben wie gewöhnlich in einem Büro oder an irgendeiner Maschine zu verbringen, sondern sie wollen die Welt sehen – und ihrer Musikliebhaberei frönen.

Sie schaffen ein nicht mehr ganz frisches Boot an, die „Marianne“, und segeln vom Südpazifik aus los: Thailand, Indien, Kaschmir, Madagaskar, Südafrika, Südamerika, Salvador, Trinidad, Kuba, USA natürlich mit New Orleans, Nashville und Woodstock.

Später geht es nach Kanada. Wo kein Wasser ist, fahren sie mit dem Zug oder mit einem alten umgebauten Schulbus. Ganz ohne Pannen geht es leider nicht ab.

Vier Jahre dauert die Tour, Tausende von Meilen oder Kilometer werden zurückgelegt, weit über 100 Songs werden aufgenommen.

Und da wird es interessant. Musik aus der ganzen Welt: eine unvergleichliche, inspirative, geradezu spirituelle Angelegenheit! Überall Musikaufnahmen, überall junge Menschen, überall Freunde, überall Einladungen, überall neue Bands, überall Archivmaterial und Dokumente, überall „eine Vertiefung des Lebens“.

Und viele wunderbare Naturaufnahmen.

„Die Welt hält unglaubliche Dinge bereit“, sagen die beiden „verrückten Deutschen“ nach der Rückkehr. Und: „Wir sind nicht mehr dieselben Menschen.“

Man glaubt es, und es fehlt nicht an Bewunderung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.





High Life

von Claire Denis

(Wild Bunch, Kinostart 14. März 2019)

Neue Energiequellen müssen geschaffen werden, also werden Verbrecher in ein Raumschiff verbannt, von dem aus sie das Weltall erkunden und herausfinden sollen, ob jenseits unseres Sonnensystems, etwa in Verbindung mit einem „schwarzen Loch“(Stephen Hawking), Energie gefunden werden kann.

Monte ist dabei offenbar der entscheidende Mann; er hat seine kleine Willow, ein Töchterchen im Babyalter, mit an Bord. Im Raumschiff befanden sich noch ein halbes Dutzend anderer Menschen, die jedoch nicht überlebt haben und die Monte beiseite schaffen muss.

An Bord ist zudem die Ärztin Dr. Dibs. Sie erforscht, wie die menschliche Reproduktion im Weltraum vonstatten geht – jedenfalls anders als auf der Erde. Sie sammelt deshalb von jedem männlichen Mitbewohner täglich die Spermien ein. Sie selbst befriedigt sich auf einer sogenannten „Fuck Box“. Die Isolation führe zu niedrigerer biologischer Kapazität, heißt es irgendwo dazu.

Dass das Raumschiff speziell gut ausgestattet wäre kann man beim besten Willen nicht sagen. Alles ist düster, klaustrophobisch und zum Teil vernachlässigt; Gefängniszellen wirken ähnlich. Auch die digitale Technologie ist nicht gerade vom Feinsten. Immerhin gibt es aber einen Garten!

Eine Rettung scheint es für Monte und Co. nicht zu geben. Also sind alle Versuchskaninchen und ausgestoßene Todeskandidaten an Bord. Gewalt, Blut, Tabus und  Sex beherrschen die Szene ebenso wie Liebe, Leidenschaft und Schönheit.

Irgendwann müssen sich dann Monte und die inzwischen jugendliche Willow in Raum und Zeit begeben.

Die Reaktionen auf Claire Denis' Experiment – in einem langen Interview wirkte sie dazu allerdings nicht sehr überzeugend – reichen von futuristisch, visionär, zeitgenössisch, philosophisch, betörend, apokalyptisch, experimentell – bis schizophren, verwirrend, wenig originell, verraten.

Hier muss sich jeder Zuschauer selbst ein Bild machen.

Ein Versuch.


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Datum: 20.05.2019


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