Der Gilden-Dienst Nr. 22-2018
Die Temperatur des Willens

Von Peter Baranowski

(Eksystent  Distribution, Kinostart 7. Juni 2018)

Früher spielte die Religion im Leben der Menschen noch eine große Rolle. Man war mehr oder weniger fromm, bei uns entweder katholisch oder evangelisch. Dann kam das Medienzeitalter mit seinen Berichten aus der ganzen Welt, den Berichten über den Islam, über den Buddhismus, über den Hinduismus, über den Shintoismus, über Menschen, die Hunderte von Göttern anbeten. Wo also ist der wahre Gott?

Je mehr mediale Information und damit verbundene Fragen desto weniger Glauben. Jedenfalls scheint das bei uns heute so zu sein.

Die Menschen, um die es in diesem Dokumentarfilm geht, sind von solchen Zweifeln nicht angekränkelt. Für sie zählt einzig und allein und dies in einer besonders intensiven Form, dass Jesus Christus der gottgleiche Sohn des allmächtigen Gottvater ist.

Es geht um die ultrakonservative Priesterbruderschaft „Legionäre Christi“ und die damit verbundene Laiengemeinde „Regnum Christi“, deren Wesen und Ziel an der Arbeit des Pater Martin aufgezeigt wird, und zwar vom Bruder des Paters, der hier als Regisseur fungiert.

So fromm es auch hergeht, Schlimmes ist trotzdem passiert. Denn ausgerechnet vom Gründer der Legion, Marcial Maciel, einem Vertrauten des Papstes Johannes Paul II., wurde bekannt, dass er an Seminaristen oder Kindern sexuellen Missbrauch betrieb.

Das allerdings betrachten die Legionärsmitglieder als Sündenfall, der ihre Missionsarbeit nicht schädigen darf. Sie wollen Christus nachfolgen, ihm dienen; mit Leidenschaft evangelisieren; so oft und so viel wie möglich beten; treu zum Papst halten; sich von der modernen Wissenschaft nicht unterkriegen lassen, sondern sie im Gegensatz zum katholischen Glauben als etwas von Menschen gemachtes betrachten; sie wollen dem liberalen Zeitgeist entgegenwirken; sie wollen verloren gegangenen Glauben neu aufbauen; sie wollen die lauen Christen, auch in den Pfarreien, aufwecken und einem „starken Christentum“ zuführen; sie legen an die Beurteilung des Islam sehr strenge Maßstäbe an; sie demonstrieren gegen Abtreibung und Euthanasie; sie rufen zur Versöhnung auf; sie missionieren von Haus zu Haus; sie wähnen sich voll „apostolischen Geistes“; sie möchten wie Christus, der am Kreuz sagte „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, das Böse mit dem Guten überwinden; sie wollen eine starke „Willens- und Glaubenstemperatur“.

Pater Martin ist einer, der in geselliger, manchmal auch strenger Form die jungen Menschen, Schüler, Seminaristen, Jungen, Mädchen all dies intensiv lehrt. Dazwischen in diesem Film immer wieder Gebete, Gesang, Messen, Versammlungen, Gespräche.

Und am Schluss fünf junge Männer, die in den Legionärsorden eintreten.

Man kann diesen unangefochtenen Glauben für übertrieben oder falsch halten. Man kann jedoch diesen Menschen die Achtung nicht versagen. Sie sind vielleicht auf einem besseren Weg als viele andere.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Auf der Suche nach Oum Kulthum

Von Shirin Neshat

(NFP, Kinostart 14. Juni 2018)

Vielleicht ist Oum Kulthum in unseren Regionen nicht so bekannt, umso mehr kann dieser Film sie vorstellen. Die Regisseurin ist Iranerin, Oum Kulthum ist die berühmteste orientalische Sängerin, die zwar bereits 1975 starb, die aber noch in aller Munde ist.

Wenn man in diesem Film Originalaufnahmen von ihr hört, versteht man es. Musikalisch ist das wirklich eine Wucht. Eine solche Stimme! Und auch wenn es sich um arabische Musik handelt, es beeindruckt auch europäische Ohren.

Mehrere Themenstränge will die Regisseurin Shirin Neshat hier behandeln. Erstens den Kampf der islamischen Frauen um Gleichberechtigung. Gezeigt werden eindrucksvolle historische Demonstrationen und weitere Aufnahmen aus der Zeit der ägyptischen Revolution (1952), die zur Ablösung von König Faruk und zur Machtübernahme durch General Gamal Abdel Nasser führte.

Zweitens natürlich die Konzerte und überhaupt durchgehend die Karriere der berühmten Sängerin. Die Schauspielerin Yasmin Raeis verkörpert die legendäre Gestalt.

Drittens das Leben, die Arbeit und die übergroßen, letztlich zum Scheitern führenden Probleme der Regisseurin Mitra (Neda Rahmanian), die den Film über die Sängerin dreht. Dass dies in einer konservativ geprägten muslimischen Gesellschaft nicht leicht ist, kann man sich vorstellen. Zudem verschwindet während der Dreharbeiten auch noch der Sohn der Regisseurin. Schließlich geht es darum, den Mythos der Künstlerin Oum Kulthum zu ergründen. Neben der Musik liegt darauf dramaturgisch der Schwerpunkt.

Wer mit der inszenatorischen Zusammenstellung der Themen nicht zufrieden ist, der wird auf jeden Fall durch die Auftritte der Sängerin entschädigt. Die Gesänge, die poetischen Texte, der Melos, die Intonation, die Kraft, sie sind von allererster Güte. Und begleitet wird Oum Kulthum jedes Mal von großen erstrangigen Orchestern.

Ein Film und eine Erfahrung der besonderen Art.

Für Interessierte.



Swimming with Men

Von Oliver Parker

(Alamode, Kinostart 7. Juni 2018)

Eric ist in London Buchhalter und ein guter dazu. Aber rein psychisch könnte seine Verfassung besser sein. Sein Sohn nimmt ihn nicht so richtig für voll, und von seiner Frau Heather, gerade Gemeinderätin geworden, nimmt er an, dass sie etwas mit einem ihrer Kollegen habe. Deshalb verlässt er sie sogar. Vorläufig.

Immerhin genießt er eine tägliche Freude: Er tummelt sich im Schwimmbad. Dort trifft er auf eine Gruppe von Männern, deren Hobby, das Synchronschwimmen, man sonst eigentlich eher von Frauen kennt. Nachdem er ihnen, weil ihre Übung nicht hinhaut, in Sachen Symmetrie einen „mathematischen“ Rat gegeben hat, freunden sie sich an: Luke, Ted, Kurt, Tom, Colin, und wie sie alle heißen.

Sie trainieren und proben, und langsam werden ihre Figuren ganz gut. Eine davon heißt übrigens „Welkende Blume“. Sie sollen das erste Mal bei einem Kindergeburtstag auftreten und tun dies auch.

Nur klatscht danach kein Mensch.

Besser wird es, als die mit einem Synchronschwimmer aus Schweden verbandelte Susan sich als Trainerin zur Verfügung stellt. Sie nimmt die Herren ganz schön ran. „Schmerz ist Schwäche“!

Aber nicht nur das: Sie animiert die Truppe, an einer inoffiziellen Weltmeisterschaft in Mailand teilzunehmen. Es dauert eine ganze Weile, bis alle zusagen. Doch dann muss im Wasser wie außerhalb geschuftet werden. Ausdauer, Beweglichkeit, Muskelkraft, alles wird beansprucht. Und es lohnt sich: In Mailand wird durch Talent und harte Arbeit nach den Schweden der 2. Platz erreicht.

Hinter der rein sportlichen Seite steckt natürlich noch etwas anderes. Die acht Freunde, deren unterschiedliche Charaktere und Wesensarten sich im Verlaufe der Filmhandlung langsam herausstellen, möchten auch seelisch wieder besser in Ordnung kommen. Sie schwimmen sozusagen an: gegen das Alter, gegen eine gewisse Sinnlosigkeit des Lebens, gegen Enttäuschungen und Rivalitäten, gegen das, was aus ihnen geworden ist.

Eric gelingt es immerhin, sein inneres und äußeres Leben wieder in den Griff zu bekommen. Übrigens auch mit seiner Heather.

Eine gewisse Sinnsuche, bemerkenswerte sportliche und dann wieder spaßige Szenen lösen einander ständig ab. Darsteller wie Rob Brydon (Eric), Charlotte Riley (Susan) oder Rubert Graves (Luke), die ihr Handwerk erwiesenermaßen verstehen, sind dabei.

Nicht wenigen Kinobesuchern dürfte so etwas gefallen.



The Poetess

Von Hissa Hilal

(Brockhaus/Wolff Films, Kinostart 31. Mai 2018)

Filme über Saudi Arabien oder Kuwait gibt es bei uns bei Gott nicht viele. Hier ist einer.

Er schildert Leben, Schicksal und Sieg der Beduinin Hissa Hilal, die neben mehr als 40 Männern, aus Hunderten ausgewählt, an einem sogenannten Dichterwettbewerb teilnimmt. Man darf dies jedoch nicht als Poesie-Veranstaltung sehen. Die Teilnehmer verkünden ganz einfach in ihrer Ausdrucksweise das, was sie ihrem Land und der Welt glauben sagen zu müssen.

Die finalen Anhörungen: Acht Teilnehmer sind noch im Rennen, unter ihnen Hissa.

Sie lebte früher in der Wüste, hat sich dort freier gefühlt als jetzt in der Stadt. Sie ist verheiratet. Natürlich mussten die Brüder, musste die Familie zustimmen. Der Ehemann unterstützt ihre Teilnahme am Wettbewerb. Schon seit der Kindheit fühlt sie sich der Dichtung verbunden, sagt sie.

Dass eine Frau zugelassen wird, ist absolut ungewöhnlich. Denn patriarchalischer als in Saudi Arabien geht es nirgendwo zu. Es ist keine Dichtung, die Hissa buchstäblich ins Auditorium schreit. Es ist in erster Linie ein Petitum. . . 

. . . gegen die großen, praktisch alles umfassenden Vorrechte der Männer; gegen jeglichen Extremismus; gegen die islamischen Rechtsentscheidungen, die Fatwas, die beispielsweise bis auf die Kleidung (Tschador, Nikab, Abaja oder Burka, usw.) alles, auch das Geringste, vorschreiben; dagegen, dass zu oft persönliche Dinge behandelt werden und nicht wichtige; gegen die vielen Tabus; dagegen, dass die Religion von der Ideologie und der Politik manipuliert wird und nicht eine Angelegenheit zwischen dem Menschen und Gott ist; dagegen, dass die Medien dem Volk die Orientierung vorgeben und es so kontrollieren; dagegen, dass nicht ausreichend gewürdigt wird, was die Frauen intellektuell leisten.

Und weiter sagt sie: „Wenn du die Frau isolierst, isolierst du die Seele der Gesellschaft.“

Trotz allem: „Ich liebe den Islam.“

Dazwischen immer wieder aus Archivmaterial Schilderungen aus der arabischen Welt: die leeren Straßen und Geschäfte zur Gebetszeit; das Leben in der Wüste; die riesigen Ölanlagen; der seinerzeitige extremistische Aufstand in Mekka, der 270 Menschenleben forderte; oder die Berichte der westlichen Medien über Hissas erstaunliche Teilnahme am Wettbewerb der „Dichter“.

Hissa Hilal gewinnt dabei den 3. Platz.

Der Mut dieser Frau kann helfen, positive Veränderungen herbeizuführen.

Auf jeden Fall ein interessanter und aufschlussreicher Dokumentarfilm.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.



Meine Tochter – Figlia Mia

Von Laura Bispuri

(RealFiction, Kinostart 31. Mai 2018)

Es ist kein Geheimnis: Die jahrhundertealten Ehestrukturen brechen auseinander. Es ist das Scheidungs-Zeitalter geworden, das Patchwork-Zeitalter, das Gender-Zeitalter, das Ehe-für-alle-Zeitalter, das „Ehe“-ohne-Heirat-Zeitalter, usw. Diesem gesellschaftspolitischen und familiären Wandel wollte die Autorin und Regisseurin eigener Aussage nach Rechnung tragen. Deshalb ein solches Drehbuch, ein sogenanntes „modernes“ Drehbuch.

Um zwei Frauen und ein Mädchen geht es: Tina, die brave „ihr“ Kind liebende Ehefrau, um Angelica, die leicht nuttige Party-Dame, die Pferde besitzt aber auch große Schulden hat, und die etwa 10jährige Vittoria.

Vittoria lebt mit Tina und ihrem Mann, ihre Mutter aber ist Angelica. Diese hat das Kind schon vor Jahren weggegeben – und möchte jetzt, da sie nicht zuletzt wegen ihrer Geldnöte wegziehen muss, das Mädchen unbedingt sehen.

Tina und ihr Mann stimmen nach einiger Überlegung zu.

Schwere Auseinandersetzungen bleiben jetzt schon allein wegen der so unterschiedlichen Charaktere der beiden Frauen nicht aus. Sie machen die Haupthandlung des Films aus. Und dazwischen ist nun die kleine Vittoria, ein braves rothaariges Mädchen, hin- und hergerissen.

Zum harten Ton und Stil dieses Kampfes zwischen den beiden Frauen passt die raue Landschaft Sardiniens, in der sich alles abspielt. Weder im Ablauf noch in den Schauplätzen ist filmisch und bildlich etwas beschönigt, es geht während des ganzen Films eher schroff und ungemütlich zu.

Der Regisseurin ist es gelungen, für ihr Projekt drei außergewöhnliche Schauspielerinnen zu verpflichten. Alba Rohrbacher, vielfach ausgezeichnet, spielt die oft aufbegehrende, sexuell gewöhnliche, dann wieder in ihrem Unmut über sich selbst zusammenbrechende Angelica, Valeria Golina die gefühlvolle liebende Mutter, die in Wirklichkeit keine ist, und Sara Casu, tatsächlich aus Sardinien stammend, das kleine wehrlose suchende Mädchen.

Alle drei erstklassig!



Goodbye Christopher Robin

Von Simon Curtis

(Fox, Kinostart 7. Juni 2018)

„Puh der Bär“ („Winnie-the-Pooh“) ist unter den Kinderbüchern in der ganzen Welt eine feste Größe. Der Film erzählt, wie es entstanden ist. Eine wahre Geschichte.

Der Schriftsteller Alan Alexander Milne, „Blue“ genannt, war im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Die Schlachten, die er erleben musste, waren so schwer, dass danach seine Panikattacken nicht mehr aufhörten. Wenigstens kam er wieder nach Hause zu seiner schönen (aber eher negativ gezeichneten) Daphne, die ihm bald einen Sohn gebar. Dessen Name: Christopher Robin. Der wurde jedoch nur „Billy“ geheißen.

Um die 1920. Der Autor und seine Frau gefielen sich im großbürgerlichen britischen Niveau – was filmisch mit typischen und gelungenen Aufnahmen gezeigt wird. Blue will nicht mehr wie bisher seichte Komödien schreiben, sondern ein Werk gegen den Krieg. Die Familie verlässt die Hauptstadt und zieht nach Sussex. Blue will für sein Kriegsbuch die nötige Ruhe haben.

Billy braucht ein Kindermädchen, Olive, denn die Eltern sind oft unterwegs. Er braucht es umso mehr, als Daphne plötzlich für längere Zeit ihren Mann und Christopher Robin verlässt. Der Junge liebt Olive sehr, doch auch sie lässt Blue und Billy bald im Stich: erstens weil ihre Mutter erkrankt ist, zweitens aber auch weil sie mit den Erziehungsmethoden Daphnes und Blues nicht einverstanden ist.

Vater und Sohn sind nun allein. Bei langen gemeinsamen Waldspaziergängen reift in Billy der Plan, mit Hilfe von Christopher Robins geliebter Stofftiersammlung unter Zuhilfenahme eines Illustrators ein Kinderbuch zu machen.

„Puh der Bär“ entsteht 1926, das weltweit berühmte Kinderbuch.

Wie hoch ist der Preis für diesen Erfolg, für diese Mediensucht, für diesen Berühmtheitskult, für diesen Rummel? Christopher Robin wird nun nämlich der Welt „vorgeführt“!

Vielleicht entstand deswegen, als er um die 20 ist und nach der Internatszeit am Zweiten Weltkrieg teilnimmt, sogar eine Zeit lang für tot gehalten wird, eine Auseinandersetzung mit dem Vater – die sich später aber wieder befrieden lässt.

Der Welterfolg und der Ruhm nach außen. . .

. . . und die wesentlich dunkleren Seiten nach innen: in der Familie; im Verhältnis zwischen Blue und Daphne; im Weggang von Olive, die von Billy geliebt wird und mit der er spielt und betet; in der „Vorführung“ des Kindes; im Streit zwischen Vater und Sohn.

Der Regisseur unternahm den Versuch, die beiden Welten zu schildern, vor allem auch zu zeigen, wie sie gegeneinander stehen. Thematisch und inhaltlich hätte man sich das etwas intensiver, deutlicher und lebendiger gewünscht. Rein filmisch, etwa in der Schilderung der Milieus, inszenatorisch und schauspielerisch (Margot Robbie als Daphne und Domhnall Gleeson als Allen Alexander Milne) ist das jedoch durchaus gelungen.

 




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Datum: 28.05.2018


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