Der Gilden-Dienst Nr. 22-2019


War of Art


von Tommy Gulliksen

(missingFILMs, Kinostart 6. Juni 2019)

Es gibt kaum einen größeren politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Unterschied als den zwischen Europa und Nordkorea. Soll das so bleiben?

Der Norweger Morten Traavilz dachte: nein. Er stellte eine Gruppe europäischer Künstler, mehrere Maler, einen Fotografen, einen Tonkünstler usw. zusammen und reiste mit ihnen nach Pjöngjang. Dazu dieser gut gemachte Dokumentarfilm.

Natürlich musste alles im Vorhinein genau geplant und genehmigt werden, denn in Nordkorea geschieht nichts ohne Vorschrift, Lautsprecherpropaganda, Militärpräsenz oder Aufpasser.

Vorgesehen war, dass die Westler ihre Kunstproben vorführen – und dass im Gegenzug auch die Nordkoreaner ihr kulturelles Schaffen zeigen.

Ganz so einfach war das dann allerdings nicht. Denn mit abstrakter Malerei, mit Bildern, die mit Blut gemalt sind, oder mit Tönen, die nur von Insekten oder Fledermäusen nicht jedoch von Menschen zu hören sind, konnten die Gastgeber nichts anfangen.

Sie treten für eine traditionelle, sozial brauchbare, von ihrem „Großen Führer“ Kim Jong-Un gelobte Kunstform ein. Westliche Versuche oder Auswüchse, wie sie oben genannt sind, halten sie für „keine Kunst“, für „krank“, gar für „verdächtig“, für „keinen Fortschritt“.

„Ausländer verstehen das nicht.“

Vielmehr wird die nunmehr durch den Besitz von Atomwaffen gestärkte „Weltmacht“ Nordkorea hochgehalten, ebenso das Glück der Menschen dieses „reinen Volkes“, das ihm durch Kim Jong-Un geschenkt wird.

Einer der Wächter, Mr. Ham, der sich übrigens als kluger Kopf herausstellte, sagt in einem Gespräch, dass Homoerotik eine reine Sache des Kapitalismus sei. Andererseits singt einmal einer der westlichen Künstler während einer Party „Rape me again!“ So groß ist der Unterschied.

Kein Wunder, dass nicht nur gute Stimmung herrschte sondern auch Enttäuschung, Frustration und zeitweise eine sehr schlechte Stimmung. Aber natürlich versöhnte         man sich auch wieder.

Dass der Versuch westlicher Künstler eine gute Sache war steht außer Frage! Denn noch immer ist Frieden besser als Krieg, Vermittlung besser als Trennung, Kenntnisnahme besser als Unkenntnis, sind Gespräche zwischen Trump und Kim besser als Sanktionen.

Ein hochinteressanter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Ramen Shop


von Eric Khoo

(Neue Visionen, Kinostart 6. Juni 2019)

Ohne Essen kann der Mensch nicht leben. Also wurden zu jeder Zeit auf der ganzen Welt aus dem Essen mehr oder minder große, wichtige, feierliche Rituale gemacht.

In diesem Film liegt der Schwerpunkt auf Japan, Singapur und China.

Der junge Masato ist Koch in einer japanischen Suppenküche. Suppenrezepte in ziemlich großer Anzahl sind in Asien weiter verbreitet als in anderen Teilen der Erde. Masato will natürlich seine Kochkunst aus beruflichen Gründen erweitern. Doch der Beruf ist nicht die einzige Ursache seines Handelns. Auch die Familiengeschichte spielt eine große Rolle. Seine Mutter, die schon lange tot ist, liebte in Singapur einst heiß und innig einen Japaner. Ganz so einfach und selbstverständlich war das allerdings nicht. Denn die Japaner gehörten in den 30er/40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den gewalttätigsten Eroberern überhaupt. Sie besetzten Teile Chinas und eben auch Singapur. Doch sie besetzten Singapur nicht nur, sie zerstörten und mordeten auch.

Kein Wunder, dass die Mutter von Masatos Mutter diese Liebschaft mit einem Japaner nicht duldete. Kann sein, dass Masatos Mutter aus diesem Grund nicht mehr lebt. Der junge Koch will mit diesem schlimmen Familiengeschick aufräumen. Und er will in Singapur auch neue Rezepte erkunden. Er reist also dorthin, wird gut aufgenommen, bekommt von seinem Onkel ein ganz besonderes Suppenrezept beigebracht, und mit seiner Großmutter, die ihn wegen der damaligen Entscheidung seiner Mutter zunächst total ablehnt, kann er sich endlich versöhnen.

Eine Liebesbeziehung mit der charismatischen schönen Mei Lian steht vielleicht auch noch ins Haus.

Angesichts der Fülle asiatischer Speisen, die in diesem Film immer wieder aufgetischt werden, kann man nur neidisch sein. Man versteht, dass sie Bestandteil der dortigen Kultur sind.

Doch neben den Speisen spielt natürlich auch die Familiengeschichte eine besonders wichtige Rolle. Sie ist hier auf eine ganz schön berührende Weise geschildert. Das gilt für das asiatische Ambiente, das gilt für den Handlungsverlauf, das gilt für die  Schauspielkunst – z.B. Takumi Saitoh als Masato oder Jeanette Aw als Mei Lian -, das gilt beispielsweise auch für den Schnitt. (Wer daran interessiert ist, wie ein Film gut montiert ist, der kann hier etwas lernen.)

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




The Artist and the Pervert


von Beatrice Behn und René Gebhardt

(Eksystent, Kinostart 30. Mai 2019)

Er: Georg Friedrich Haas, Österreicher, in New York lebend, etwas über 60, aus, wie er selbst sagt, einer Nazi-Familie stammend (was seine Mutter in einem Interview nicht bestätigt), mehrere Male verheiratet, gerne nackt herumlaufend, Komponist, und zwar nach Aussage zum Beispiel des bekannten britischen Dirigenten Sir Simon Rattle einer der wichtigsten derzeit lebenden Komponisten. Ein Werk ist beispielsweise „Koma“, eine „Oper im Dunkeln“, in der es in einer Arie heißt „Ich wünsche Dir den Tod, mein Kind.“ Mit Klassik oder mit Rock und Pop haben seine Kompositionen nichts zu tun; sie sind hypermodern, doch nicht ohne Eindruck zu hinterlassen. Als Meisterwerk gilt sein „In Vain“.

Sie: Mollena Williams, farbig, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, Autorin, Performerin, Sexualpädagogin, wie sie sich selbst versteht. Kämpferin gegen den Rassismus, früher alkoholabhängig, aber erfolgreicher Entzug. Hat nach Ansicht ihrer Mutter Marion Carter Williams den falschen Weg eingeschlagen.

Doch die beiden sind nicht nur Komponist und Autorin. Sie führen auch ein „nicht normatives“ Sexualleben. Mollena versteht sich als seine Sklavin, als „zart zitternde Blume der Unterwerfung“, als seine Muse. Sie sind ihrer Auskunft nach zwar gleichwertige Menschen, doch besteht eine „ungleiche Machtdynamik“. Er ist ihr Besitzer, übt „patriarchale Macht“ aus.

Ihre Lust- und Schmerzspiele werden privat und auch in der Öffentlichkeit total ausgelebt.

Die vielen öffentlichen Reaktionen, etwa in der Presse oder im Internet, reichen von „Psychopathie“ bis zu absoluter Zustimmung.

„Für alle Liebenden“ sei dieser Film gemacht, heißt es im Abspann. Dass Georg Haas und seine Ehefrau Mollena, auf die er, wie er sagt, 40 Jahre gewartet habe, sich lieben, ist offensichtlich. Über die Form dieser Liebe kann man natürlich sehr unterschiedlicher Meinung sein! Sicher ist aber, dass viele moralische Schranken, wie sie früher etwa von den Religionen oder den Kirchen errichtet waren, unbedingt fallen mussten.

Ein musikalisch, partnerschaftlich, publizistisch und moralisch ganz besonderer Film.




Burning


von Lee Chang-dong

(Capelight, Kinostart 6. Juni 2019)

Südkorea. Region an der Grenze zu Nordkorea. Jong Su ist mit dem Studium fertig, will einen Roman schreiben. Die Mutter ist bereits seit 16 Jahren auf und davon, der Vater, ein kleiner Landwirt, muss wegen Körperverletzung eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Jong Su erklärt, warum er seinen Vater nicht mehr lieben kann.

Jong Sus Verhalten ist, wohl auch wegen seiner Eltern, noch sehr passiv. Nicht nur zögerlich und suchend - auch eine Melancholie hat sich über ihn gelegt.

Da trifft er auf die quicklebendige Hae Mi, eine ehemalige Schulkameradin und aus der gleichen Gegend wie er. Sie nimmt ihn mit zu sich – nicht nur mit sich, sondern gleich in sich.

Doch Hae Mi will nach Afrika. Sie ist sicher, dort geistig weiter zu kommen. Sie sucht nicht den kleinen, sondern den „Großen Hunger“ und erklärt dies auch. Nach Wochen kehrt sie zurück, aber nicht mit viel gewonnener Spiritualität, sondern mit Ben, einem Beau, Macho und Porsche-Fahrer.

Fortan ist Jong Su abgemeldet. Zwar treffen sich die drei noch ab zu, doch Jong Su ist jetzt so etwas wie das fünfte Rad am Wagen.

Plötzlich ist Hae Mi verschwunden. Auf Nimmerwiedersehn. Ben erzählt Jong Su von seinem „Hobby“, das Abflammen von Gewächshäusern, von denen es in der Gegend viele gibt.

Das ganze Erlebte führt in Jong Su zum Rumoren, zur psychischen Explosion. Ben, der Brandstifter ist es, der mit seinem Leben büßen, der ebenfalls verbrennen muss.

Hae Mis Flatterhaftigkeit, ihre Suche nach Seelisch-Fiktivem oder ihr Abtauchen, Bens Großspurigkeit und kriminelle Energie, die Lebensschwere, die auf Jong Su lastet - sie könnten Charakteristika des modernen Südkorea sein. Lee Chang-dong lässt aber Vieles nur vermuten, Physisches und Fiktives gehen in einander über. Sein für manchen Europäer wohl zu fremder Filmstil ist sehr getragen, aber mit der Zeit immer beeindruckender.

Yoo Ah In (Jong Su), Jeon Jong Seo (Hae Mi) und Steven Yeun (Ben) sind die Protagonisten, die neben dem gut getroffenen südkoreanischen Stadt- und Landmilieu das Ganze tragen, und zwar sehr gut.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.       




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Datum: 27.05.2019


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