DER GILDEN-DIENST Nr. 23 - 2017
Maria Mafiosi

Von Jule Ronstedt

(Universum, Kinostart 15. Juni 2017)

Landsberg am Lech, Oberbayern. Maria ist Polizistin. Sie liebt den Rocco aus der nahegelegenen Pizza-Bäckerei Pacelli. Und nicht nur das. Sie ist hochschwanger; lange kann es bis zur Niederkunft nicht mehr dauern. Höchste Zeit also, mit Rocco eine Wohnung zu suchen und zu heiraten.

Doch so einfach ist das nicht. Denn in der italienischen Familie hat der Silvio das Sagen, und der bestimmt, dass Rocco Donatella, die Tochter des Mafia-Bosses zu ehelichen hat, mit dem Silvio zusammenarbeitet.

Rocco ist zwar entsetzt und traurig, kann sich dem jedoch nicht widersetzen. Zunächst einmal muss er die Leiche eines Drogendealers entsorgen. Dass er den Toten ausgerechnet in einer Jauchegrube versenkt, scheint nicht sehr schlau zu sein – denn ausgerechnet die Polizistin Maria befindet sich unter denen, die den Verblichenen entdecken. Und sie muss natürlich recherchieren.

Für ihren Vater Jürgen kann das unangenehm werden, denn der arbeitet mit Roccos Vater, dem Mafioso Pacelli, zusammen. Jürgen stellt z.B. Riesenwürste her, in denen Rauschgift verborgen ist.

Lange hält sich Silvio, der alles mit Drogengeld regeln zu können glaubt, für den dominanten Typen der Gemeinde. Schon hat er beim Bürgermeister den Bau eines hässlichen Hochhauses durchgesetzt, das in die Landschaft passt wie die Faust aufs Auge. Als er aber noch einmal eine Mafia-Leiche aus dem Weg schaffen will, geht es ihm an den Kragen.

Jürgen mit seinem schlechten Gewissen hat noch einmal Glück, und Maria kriegt ihr Kind und ihren Rocco.

Diesen bayerischen Film können sogar Nichtbayern genießen! Denn er ist leicht, beschwingt, komisch, halbwegs originell zusammengestellt, zudem gut dialogisiert, montiert und von Lisa Maria Potthoff (Maria), Serkan Kaya (Rocco), Tommaso Ragno (Silvio), Alexander Held (Jürgen), Sigi Zimmerschied (Bürgermeister), Monika Gruber (Marias Stiefmutter Irmi) und anderen bestens dargestellt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

 

Der wunderbare Garten der Bella Brown

Von Simon Aboud

(NFP, Kinostart 15. Juni 2017)

Die kleine Bella ist ein Findelkind. Später liest und rezitiert sie oft Märchenhaft-Kindliches, will offenbar auf diesem Gebiet Autorin werden. Nicht umsonst arbeitet sie jetzt in einer Bibliothek.

Sie ist ein sehr auf Ordnung bedachter Mensch. Allerdings nicht so sehr, was ihren Garten betrifft. Tatsächlich ist der total verwildert, wird von Bellas mürrischem Nachbarn Alfie, einem Witwer und Misanthropen, als apokalyptisch und dschungelhaft angesehen.

Tatsächlich kommt es seitens des Vermieters zu einem Machtwort: Ist der Garten nicht innerhalb eines Monats in Ordnung gebracht, wird Bella gekündigt.

Glücklicherweise wendet sich das Verhältnis zwischen Alfie und Bella zum Guten. Der Alte ist nicht nur missmutig; sondern hat auch Lebensweisheiten gesammelt – und wird für Bella zu einem Mentor, inspiriert sie, hilft ihr weiter, vor allem was ihren Garten betrifft.

Noch eines: In der Bibliothek beschäftigt sich ein gewisser Billy mit technischen Ideen und Konstruktionen. Es dauert nicht sehr lange, bis Bella und Billy ein Liebespaar sind. Zu Recht. Schließlich sind sie beide in einem Alter, in dem so etwas passiert.

Jessica Brown Findlay als Bella, Jeremy Irvine als Billy und insbesondere Tom Wilkinson als Alfie Stephenson spielen das alles mit sehr viel Gefühl.

Die Handlung ist sehr, sehr schmächtig, aber schöne Bilder, Freundschaft, Fantasie, Märchen und Poesie, reine Poesie, gibt es reichlich.

 

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Von Julian Radlmaier

(Grandfilm, Kinostart 8. Juni 2017)

Julian hat seine Filmhochschule abgeschlossen und will nun natürlich einen Film drehen. Allerdings wurde ihm (noch) keine Förderung zugesprochen. Er versucht sich zunächst zusammen mit Sancho und dem Koreaner Hong, die wegen nicht von ihnen verschuldeten Museumsdiebstählen (ein Dürer und ein Feuerlöscher) entlassen wurden, als Flaschensammler. Sie wollen den „ersten Baustein unseres Glücks“ erleben und „die Zukunft nicht versäumen“.

Der zuständige Hartz IV-Sachbearbeiter schickt die drei auf eine Apfelfarm mit dem vielsagenden Namen Oklahoma. Dort sollen sie als Erntehelfer arbeiten.

Julian hatte zuvor die Kanadierin Camille entdeckt, die er gerne für sich haben möchte. Er bot ihr eine Rolle in seinem Film über ein kommunistisches Märchen an, doch er hat das offensichtlich falsch angestellt, denn Camille scheint sich danach mehr für den Kommunismus zu interessieren als für den Film.

Auf der Apfelfarm muss von jedem das Arbeitssoll erfüllt werden, anderenfalls ist nachts nachzuarbeiten. Neben der Eigentümerin, der Kapitalistin Gottfried, sind dort eine ganze Menge sonderbarer Typen versammelt, wie etwa der Russe Zurab, der mit der Revolution bereits Erfahrung hat, natürlich auch Camille, bei der Julians romantische Offensiven immer wieder scheitern, dann beispielsweise ein Franziskanermönch, der bereit ist, umsonst zu arbeiten, dessen wahres Wesen jedoch von allen verkannt wird. Er kommuniziert wie St. Franziskus mit den Tieren, genauer gesagt mit den Vögeln. Diese pfeifen ihm offenbar, dass Sancho, Camille und Hong nach Italien gehen sollen, weil dort die Revolution bereits stattgefunden hat.

Auf der Apfelfarm wird immer wieder –ohne Ergebnis- diskutiert: über den Apfel-Weltmarkt; über den Kapitalismus; über die Revolution; über die Herrschaft des Proletariats; über das kommunistische Kollektiv; über den Rechtsstaat; über Streik; über die Finanzierung der Weltrevolution; über die Last des Kapitals; über die Konterrevolution; über die Utopie des Kommunismus; über den „Kommunismus ohne Kommunisten“; darüber, wie nah Genialität und Idiotie beieinander sind; darüber, wie man sich mit bourgeoiser Schutzphantasie selbst zum „bürgerlichen Hund“ degradieren kann.

Manches an diesem Film und seinen Überlegungen lässt aufhorchen; manches ist originell; manches talentiert; manches experimentell; manches gleichnishaft; vieles absichtlich absurd; vieles merkwürdig; vieles widersprüchlich.

Und immer wieder ertönt die Internationale: „Völker hört die Signale.“

Offenbar der Versuch einer neuen Filmform. Zweifellos Ideen und Talent. Doch bis zur thematischen, gedanklichen, politischen und filmischen Reife ist noch ein gutes Stück Weges.

 

Ich wünsche dir ein schönes Leben

Von Ounie Lecomte

(Film Kino Text, Kinostart 15. Juni 2017)

Elisa Bérard ist eine junge Frau mit einem 10jährigen Sohn. Mit ihrem Mann Alex steht es nicht zum Besten, die Trennung scheint beschlossene Sache zu sein.

Elisa wurde einst von ihrer Mutter anonym zur Adoption freigegeben – und nun, nach 30 Jahren, sucht sie diese Mutter. Vergebens. Eigentlich müsste die Sache leicht zu klären sein, aber die in Frage kommende Frau verweigert jede Auskunft. Und rechtlich ist es so, dass ein adoptiertes Kind nur mit Zustimmung der Mutter Kontakt zu seinen wahren Eltern haben kann. Elisas Suche geht trotz dieser Hindernisse weiter.

Sie ist Physiotherapeutin und wird als Ersatz für eine Kollegin für einige Zeit in Dünkirchen eingesetzt, der Stadt also, in der sie geboren wurde. Ihr Sohn Noah ist bei ihr und wird in Dünkirchen auch zur Schule gehen.

Man kann nicht sagen, dass der Bub sich seiner Mutter gegenüber immer nett verhielte. Das fällt auf! Lieber ist er mit dem Vater zusammen. Noah hat zudem ein leicht nordafrikanisch-arabisches Aussehen. Woher kann das kommen, da seine Eltern beide gestandene Franzosen sind? Elisa würde ihrem Kind, das sich mit arabischstämmigen Schulfreunden zu solidarisieren beginnt und wie diese bei der Schulspeisung Schweinefleisch ablehnt, gerne erklären, warum das so ist.

 Es kann nur mit dem damaligen Sexpartner von Elisas Mutter zusammenhängen.

Elisa hat Annette Lefèvre als häufige Patientin. Die arbeitet zufällig auch in der Schule, die Noah besucht. Und es stellt sich heraus, dass diese Annette niemand anderes ist als Elisas Mutter.

Wird dies endlich offenbar werden?

Es ist ein ruhiger, nüchterner aber realer und absolut  lebensnaher Film geworden, der auf menschlich wie filmisch-inszenatorisch sowie schauspielerisch (Céline Sallette als Elisa, Anne Benoit als Annette Lefèvre, Elyes Aguis als Noah und Louis-Do Lencquesaing als Alex) glaubwürdige und überzeugende Weise vorführt, wie jeder, in diesem Falle vor allem Elisa, an seinem Schicksal zu knabbern hat.

 

Marie und die Schiffbrüchigen

Von Sebastien Betbeder

(déjà-vu, Kinostart 8. Juni 2017)

Die ist die Geschichte von Marie, Model und Babysitterin, von Simeon, einem nicht gerade sehr erfolgreichen jungen Journalisten, der sich von Sarah und seinem Töchterchen getrennt hat, weiter von seinem WG-Mitbewohner Oscar, der zwar passable Elektronik-Musik komponiert, aber nachts ziemlich gefährlich schlafwandet, von Antoine, einem Schriftsteller, der von Marie verlassen wurde, und schließlich von Cosmo, schon etwas älter und gerade auf einer Bretagne-Insel ein Video drehend.

Simeon findet Maries verlorene Geldbörse und verliebt sich, als er sie ihr zurückbringt, stehenden Fußes in das junge Mädchen. Antoine bekommt Wind davon und will Simeon ständig warnen: Marie sei gefährlich. Simeon denkt gar nicht daran, dies ernst zu nehmen und folgt Marie auf die bretonische Insel Grois, wo Marie mit Cosmo dreht.

Simeon und Marie werden ein Paar.

Antoine und Oscar durchleben einige Erschütterungen, bevor sie wieder aufrecht stehen, Oscar Brauchbares komponiert und Antoine zum Schreiben zurückfindet. Auch Cosmo meldet sich zum Schluss und versucht, gute Lebensratschläge zu erteilen.

Allen „Schiffbrüchigen“ ist gemeinsam, dass sie sich mit Problemen herumschlagen und diese bewältigen müssen: Antoine zum Beispiel mit seiner eingebildeten Elektrosensibilität und der Suche nach einem schriftstellerischen Stoff, den er dann (just in der im vorliegenden Film ablaufenden Handlung) findet; Oscar, der Angst hat, beim Schlafwandeln zu Tode zu kommen; Simeon, der zwar sein Töchterchen im Pariser Friedhof Père Lachaise spazieren führen kann, es aber an Sarah verloren hat; Cosmo, der den besten Teil seines Lebens schon hinter sich hat; Marie, deren Existenz trotz einer wunderbaren Begegnung mit der todbereiten Suzanne (Emmanuelle Riva) lange relativ ziellos wirkt. 

Vielleicht ändert sich das ja jetzt mit Simeon.

Neben den angedeuteten, nicht gelösten, alle Protagonisten betreffenden Problemen und ihrer obligaten Bewältigung gibt es verschiedene esoterisch-experimentell intendierte Ansätze, beispielsweise mit dem von Marie verkörperten „Wassermädchen“, eine gewisse von Antoines Eifersucht ausgehende Spannung, reichlich passende Musik aller Stile und vor allem gutes Schauspiel: von Eric Cantona als Antoine, Vimala Pons als Marie, Pierre Rochefort als Simeon, André Wilms als Cosmo sowie Damien Chapelle als Oscar.  

 
zum Download
Datum: 06.06.2017


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