Der Gilden-Dienst Nr. 23-2019


Britt-Marie war hier


von Tuva Novotny

(Prokino, Kinostart 13. Juni 2019)

Britt-Marie ist um die 60 und eine gute warmherzige Hausfrau und Ehepartnerin. Sie arbeitet daheim, jeden Abend Punkt sechs steht das Essen auf dem Tisch. 40 Jahre geht das nun schon so.

Ihr eher liebloser Mann scheint es mit der Ehe nicht so genau zu nehmen. Sowieso schaut er lieber Fußballspiele an als sich mit seiner Frau zu beschäftigen. Als er wegen eines Herzinfarktes im Krankenhaus liegt und Britt-Marie ihn voller Sorge besuchen will, sitzt an seinem Bett eine andere Frau.

Britt-Marie hat begriffen. Sie entledigt sich ihres Eherings, packt ihre Sachen und haut ab. Jetzt muss sie eine Arbeit suchen. Auf dem Arbeitsamt ist jedoch nur eine Stelle als Kinder- und Jugendbetreuerin in einem abgelegenen Dorf frei. Britt-Marie hat keine andere Möglichkeit als diese Arbeit anzunehmen.

Doch was für ein Chaos! Lediglich eine alte Hütte steht zur Verfügung, nichts ist in Ordnung, und die Kinder machen sich über die in ihren Augen uralte Frau lange genug nur lustig.

Marie-Britt hält durch. Mit unendlicher Mühe macht sie Boden gut, trainiert die Kinder im Fußball, gewinnt mit ihnen einen Wettbewerb, wird schließlich von den Kindern und auch von den Leuten im Dorf geliebt.

Sie hat ihr Leben in die Hand genommen, wird es in Zukunft meistern. Ihren untreuen Ehemann, der reumütig zurückkehren will, braucht sie nicht mehr. Vielleicht entsteht sogar etwas mit einem sympathischen Polizisten, der sie einmal gefahren hat.

Kein Wunder, dass eine Frau diesen Film geschaffen hat.

Denn hier geht es um den längst fälligen Aufstieg einer bescheidenen, schon älteren Frau – der Frauen überhaupt -, um das Wagnis, eine an sich sichere Existenz hinter sich zu lassen, um den Beginn und Aufbau eines neuen Lebens nach einer Enttäuschung, nach einem abgeschlossenen Lebensabschnitt, nach dem endlich eingetretenen Gewinn persönlicher Stärke.

Ein gutes, wichtiges, aktuelles Thema.

An der Dramatisierung ist an sich nichts auszusetzen – ein wenig gemächlich geht es zu. Ein absoluter Trumpf: die Besetzung der Britt-Marie-Rolle durch die souverän spielende Pernilla August.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




Fuck Fame


von Lilian Franck und Robert Cibis

(W-Film, Kinostart 13. Juni 2019)

Ihr Name ist Anna Hartley, doch sie wird „Uffie“ genannt. Sie schreibt Songs und singt. Und das ist bei den heutigen Jungen schon ein gewaltiges Plus. Ihr Talent ist unbestritten.

Vom Vater weiß sie nicht allzu viel, und auch das Verhältnis zur Mutter war nicht immer gut (vor allem durfte sie nicht „fuck“ sagen). Also büchste sie schon mit 15 aus – und nun folgten Musik, Songs, frenetischer Applaus, Partys, Drogen und Alkohol, viel Alkohol. („Feiern statt Schule“ - „18 und versaut“ - „Bleib verrückt!“)

Die Stationen waren Australien ebenso wie Frankreich, Hongkong ebenso wie Japan, Antwerpen ebenso wie später Berlin. Immer unterwegs mit Bandmitgliedern, Djs, oder anderen Freunden (auch „ungesunde“) - viele Male bis zur völligen Erschöpfung.

Dann wieder wurde sie innerlich hellwach, stellte sich Fragen, ängstigte sich, fühlte sich schuldig oder wertlos, ließ sich von einem Psychiater beraten, verwundete sich selbst, verspürte Depressionen und Bipolarität, fühlte eine Leere – verurteilte schließlich schwer „die ekelhaft beschissene (Musik-)Industrie“.

Zwei mal wurde sie schwanger, gebar gesunde Kinder. Heute ist sie über die ziemlich verrückte Zeit hinweg. Ob sie irgendwann wieder Musik macht? Sie kann es nicht sagen.

In jungen Jahren führt man sein Leben oft so extrem, dass  es einem umhauen kann. Bei „Uffie“ war dies der Fall -  immerhin verbunden mit Leistung und Erfolg.

Geschildert wird das in dem vorliegenden Dokumentarfilm auf eine durchgehend absolut intensive und auch nachvollziehbare Weise. Manchmal staunt man bloß, oft fühlt man mit.

Der Film wird auf jeden Fall genossen werden. . .

. . . danach vielleicht sogar ein wenig dazu beitragen, mehr über das im Leben notwendige richtige Maß nachzudenken.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.      




Magie der Wildpferde


von Caro Lobig

(Barnsteiner, Kinostart 6. Juni 2019)

Das Artensterben geht um. Gut dass es Menschen gibt, die dagegen etwas tun. In diesem Dokumentarfilm geht es um eine ganz besondere Gattung, nämlich um die Wildpferde, und zwar in Oregon, Georgia, Andalusien und auch in Deutschland.

Es besteht die Gefahr, dass die „Zivilisation“ ihnen den Boden wegnimmt, weil immer mehr Land beschlagnahmt wird. Und es besteht zudem die Gefahr, dass sie sich unter Umständen zu stark vermehren, so dass ihnen die Nahrung, vor allem das Gras, ausgeht.

Doch da gibt es gottlob Menschen, Fachleute, Trainer, Züchter, Liebhaber, die dafür sorgen, dass die Entwicklung auf die richtige Bahn gerät. Das sind zum Beispiel Sandra Williamson in Oregon, Arien Aguilar in Spanien oder auch Sandra Schneider und, auf ihre Art, Simone Hage.

Sie sorgen dafür, dass die Wildpferde zusammengetrieben, kontrolliert und geimpft werden. Sie zähmen, trainieren und reiten sie – manche machen allerdings auch Geschäfte damit.

Aber in erster Linie lieben sie die Pferde.

Jährlich werden in Andalusien die berühmten Marismena-Mustangs versammelt, um den Wildbestand und den Zustand der Herden festzustellen. Verbunden ist das mit einem mehrtägigen Volksspektakel. Tausende kommen jeweils um die schönen rennenden und spielenden Hengste, Stuten und Fohlen zu bewundern.

Man erfährt übrigens in diesem Zusammenhang auch, dass die amerikanischen Mustangs durchaus europäischen und zwar spanischen Ursprungs sind. Kein Geringerer als Columbus war es, der diese Pferde nach Amerika brachte. Inzwischen sind es Tausende, vielleicht sogar Hunderttausende.

In Deutschland ist es die junge Simone Hage, die zeigt, dass man Pferde lieben kann. Mit ihren beiden polnischen Konic-Pferden reitet und wandert sie von Bayern bis an die Nordsee – 1400 Kilometer. Ihrem Alter gemäß verkündet sie ein wenig zu schwärmerisch: „Unglaublich, was die Pferde uns schenken.“

Verbunden ist all dies mit schönen Landschafts- und Naturaufnahmen. Und, ungesagt, steckt hinter all dem auch die Mahnung, dass wir den Tieren wie den Pflanzen mehr Aufmerksamkeit und Liebe schenken sollten als bisher. Nur so wird das Artensterben überwunden.

„Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere.“ (Schopenhauer)




Measure of a Man – Ein fetter Sommer


von Jim Loach

(Kinostar, Kinostart 13. Juni 2019)

Bobby, eigentlich Robert, lebt mit Vater und Mutter sowie mit Schwester Michelle zusammen. Mit der Ehe der Eltern steht es nicht zum Besten.

Im Grunde trifft Letzteres auch für Bobby zu. Er ist pummelig, oft allein, scheint bei den Mädchen nicht allzu viel Glück zu haben. Deshalb zieht er sich oft zurück.

Die Familie ist zur Zeit im zweimonatigen Sommerurlaub. Die Fremden passen manchen Einheimischen nicht. Da ist besonders einer namens Willie, der mit seinen Kumpels Bobby anpöbelt, schlägt, ihn auszieht, ihn „wie ein Schwein grunzen“ lässt, der ihn sogar in den nahegelegenen See stößt und der Polizei Falsches über ihn erzählt. Er sei „bei der Geburt auf den Kopf gefallen“, sagen die Kerle über Bobby.

Besser steht es mit einem gewissen Dr. Kahn. Bei dem hat Bobby jedenfalls einen Ferienjob ergattert, wenn auch nur mäßig bezahlt. Jedenfalls verdient er zum ersten Mal etwas Geld.

Ganz langsam wird Bobby klar, dass er kämpfen muss. Endlich gelingt es ihm denn auch, Willie alles heimzuzahlen. Er muss sich zwar Mut antrinken, doch dann macht er den Flug vom großen Sprungbrett, den er zuvor immer gemieden hatte.

Jetzt besteht sogar die Aussicht auf eine Freundin.

Was nicht zu erwarten gewesen war, tritt ein. Dr. Kahn, der anfangs Bobby immer gescholten hatte, fängt an, ihm Mut zu machen, ihm Gewissenhaftigkeit zu bescheinigen, ihn gar zu loben. Es stellt sich, wenn auch nur angedeutet, heraus, dass Kahn wegen einer schweren Vergangenheit ebenso der Zuneigung bedarf, wie er sie schlussendlich Bobby angedeihen lässt.

Die beiden gehen als Freunde auseinander.

Ein Film darüber, dass man vor allem in der Pubertät, in der es „rauf und runter“ geht, den Kampf nicht aufgeben und den Mut nicht verlieren darf. Dann stellt sich der Erfolg ein. Aber im Grunde gilt dies natürlich auch für Erwachsene.

Das ist es wohl, was dieser Film zum Ausdruck bringen will.Gegen ein wenig mehr Saft und Kraft in Handlung und Dramatisierung wäre allerdings nichts einzuwenden gewesen.



 


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Datum: 03.06.2019


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