Der Gilden-Dienst Nr. 24-2018
Am Strand

Von Dominic Cooke

(Prokino, Kinostart 21.Juni 2018)

Florence Ponting und Edward Mayhew sind beide noch jung, aber so soll es sein bei der Liebe auf den ersten Blick. Florence entstammt einem Elternhaus mit einem Vater, der sich einbildet, etwas Besseres zu sein. Edward dagegen kommt aus einfachen Verhältnissen. Sicher ist aber, dass die zwei sich lieben – und dann auch heiraten.

In Bezug auf die Familien werden in Gegenwartsschilderungen und Rückblenden sehr schön die Daseinsformen und Milieus aufgezeigt, in denen sie leben.

Florence spielt sehr gut Geige, leitet ein Quartett, das später zum Quintett wird. Das wird am Ende des Films noch eine wichtige Rolle spielen.

Unmittelbar nach der Heirat kommt es zur Katastrophe. Florence ist innerlich unfähig zu einer sexuellen Vereinigung. Vielleicht sind das Folgen ihrer Erziehung. Auf jeden Fall geht gar nichts.

Auf verhängnisvolle Weise macht sie während eines Spaziergangs am Strand Edward den Vorschlag, sie, Florence, zwar zu lieben, zum Sex jedoch zu anderen Frauen zu gehen.

Edward ist zu Recht konsterniert. Florence sieht ihn nie wieder.

Doch. Nach Jahrzehnten im Konzertsaal. Beide sind alt geworden, Florence hat wieder geheiratet und ist Mutter einer Tochter. Sie beendet ihre Laufbahn als Musikerin. Edward aber sitzt im Zuhörerraum – auf dem Platz in der Reihe C, den er sich zu Beginn ihrer Zeit ausgewählt hatte.

Man könnte vermuten, es handle sich um sentimentales billiges Zeug. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine traurig-tragische Geschichte über eine unglückliche Lebenssituation, wie sie an allen Ecken und Enden vorkommen kann.

Und wie das gestaltet und gespielt ist! Man könnte das Ambiente nicht besser treffen – mit vielen besonders schönen Aufnahmen.

Die beiden Hauptdarsteller Saoirse Ronan als Florence und Billy Howle als Edward spielen wunderbar. Ihre Gesichter und Gesten bleiben noch lange haften.

Man bedauert, dass der Film zu Ende ist.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Nicht ohne Eltern

Von Vincent Lobelle und Sébastien Thiéry

(Concorde, Kinostart 21. Juni 2018)

André Prioux und seine Frau Laurence sind ein seit langer Zeit verheiratetes und gut eingespieltes Paar. Doch es hat den Anschein, als würde sich dies vorübergehend ändern. Denn als sie gerade im Supermarkt einkaufen, taucht ein sich auffällig, ja gar unmöglich benehmender gehörloser etwa 30jähriger Mann auf, der behauptet, ihr Sohn zu sein.

Wie soll das gehen, da Laurence ja ihr Leben lang kinderlos blieb! Es gibt da im Grunde nur eine Lösung: André muss früher einmal fremdgegangen sein. Dass Laurence darüber nicht erfreut ist, kann man sich denken. Sofort macht sie sich auf den Weg zu der vermutlichen Rivalin. Doch es gibt Entwarnung.

Ist Patrick eventuell gar ein Gauner, ein Betrüger?

Und was geschieht jetzt langsam? Aus der bisherigen absurden, fast irrealen Situation wird eine menschliche. Aus der sich lange sperrig und  ablehnend verhaltenden Laurence wird eine gefühlvollere, beinahe zärtliche Frau. Sie könnte ja jetzt Mutter sein. Und vielleicht macht auch das etwas aus, dass Patrick seine ebenfalls leicht behinderte Frau Sarah nachkommen ließ, die hochschwanger ist.

Es ist eine auf ein Theaterstück gegründete Boulevardkomödie, die jedoch nicht nur Humor, Lachen und Amüsement vermitteln soll, sondern auch Gefühle und Rührung. Die Liebe verändert alles, heißt die Botschaft.

Inszeniert ist das professionell, auf saubere und schöne Aufnahmen sowohl beim Innen- als auch beim Außendreh wurde großen Wert gelegt.

Das größte Plus ist allerdings, wie Christian Clavier als André und Catherine Frot als Laurence ihre Rollen verkörpern. Ihnen zuzuschauen ist ein Genuss und macht einen Besuch dieses Films sehenswert. Aber auf schauspielerischer Höhe sind auch (Autor und Ko-Regisseur) Sébastien Thiéry als Patrick sowie Pascale Arbillot als Sarah.         

 

Die brillante Mademoiselle Neila

Von Yvan Attal

(Square One, Kinostart 14. Juni 2018)

Migrantenfilm? So in etwa schon. Es wird nicht der einzige sein. Zu wichtig, zu umstritten, zu sehr von einer guten Lösung abhängig ist das Thema.

Neila wohnt wohl in der banlieue. Mit anderen Worten heißt das in den meisten Fällen, dass sie zusammen mit anderen  nordafrikanischen Franzosen, in diesem Fall mit ihrer Mutter, in einer der riesigen Pariser Vorstädte lebt. Man darf nicht vergessen, dass Marokko, Tunesien und Algerien früher französische Kolonien waren.

Aber Neila hat es geschafft. Sie darf an einer wichtigen juristischen Hochschule studieren. Doch zur ersten Vorlesung kommt sie zu spät. Das gefällt Professor Pierre Mazard ganz und gar nicht. Eine erste Auseinandersetzung. Es wird noch viele geben.

Mazard, sich ziemlich elitär gebend, beharrt auf einem anständigen, korrekten, „französischen“ Verhalten, besonders auch sprachlich. Ein Teil  der Zuhörerschaft hält dies für rassistisch. Und auch die Universitätsleitung ist nicht einverstanden. Der Professor wird sich nur halten können, wenn er quasi als Wiedergutmachung Neila auf  einen juristischen Rhetorikwettbewerb vorbereitet. Den soll die junge Dame, die wahrlich nicht auf den Mund gefallen ist, für die Hochschule nämlich endlich wieder einmal gewinnen.

Es wird geübt, gestritten, gesucht, einander übertroffen, beinahe abgebrochen, weitergemacht - bis schließlich alles zu einem guten Ende kommt und jeder begriffen hat, dass er vom anderen lernen musste und konnte.

Danach ist Neila, was sie immer werden wollte, Anwältin.

Ein Versöhnungsversuch zwischen zwei Welten, geschliffene, zum Teil witzige, zum Teil zynische Dialoge, nach langer Zeit ein Wiedersehen mit Daniel Auteuil und dazu zwei Schauspieler, die ihren Job hervorragend beherrschen.

Für Camélia Jordana (Neila) gab es einen César, César-Nominierungen kamen noch dazu.

Alles in allem ein sehenswertes Zwei-Personen-Stück.

Filmkunsttheatern sowie Programmkinos zu empfehlen.          



Kolyma

Von Stanislaw Mucha

(W-film Distribution, Kinostart 21. Juni 2018)

Im Nordosten Sibiriens, 6000 Kilometer von Moskau entfernt, liegt das Kolyma-Gebiet. Wie schwer es historisch belastet ist, erfährt man in diesem Dokumentarfilm.

Es ist eine Region, in der es Gold, Diamanten, Platin, Uran, Silber und Kupfer gibt. Natürlich wollte Stalin diese Bodenschätze ausbeuten. Und wer musste das tun? Deportierte, Gefangene, Denunzierte, Verurteilte, deutsche Kriegsgefangene auch. Hunderttausende waren es.

Das Gebiet musste erschlossen werden. Eine hunderte Kilometer lange Straße war bei eisigstem Wetter und beständigem Hunger zu bauen. Von wem? Von den Gefangenen. Wie viele genau dabei ums Leben kamen, weiß man nicht. Aber es waren viele, sehr viele.

Nicht umsonst heißt noch heute die Straße „Tor zu Hölle“ und „Knochenstraße“. Lange nach dem Bau fand man Knochen, Schuhe, Zähne.

Die Reste der Gulags sind noch heute zu sehen. Es sollen an die 80 gewesen sein. „Man konnte nicht weglaufen“, die Region war zu abgelegen und zu groß.

Sperrgebiete und Friedhöfe (nur für das Wachpersonal) sind immer wieder zu finden. Und auch Massengräber.

Ein halbes Dutzend Personen hat Regisseur Mucha befragt. Es ist auf jeden Fall erschütternd, was sie zu sagen haben, was sie teilweise aus sich herausschreien – von Leid und Schmerzen, von erzwungener Heirat, von Krankheit, von Todeszonen, von der Schuld Stalins, davon, dass es dort keinen Gott gegeben habe.

Einer versucht die Dinge nicht zu rechtfertigen aber zu relativieren. Er wurde ausgezeichnet, ist eine Art Ehrenbürger, traf Putin.

Die Verdrängung blüht.

Überhaupt zeigt Mucha, wie versucht wird, zu dem früheren Schrecklichen, das man den russischen Holocaust nennen könnte, den heutigen Gegensatz zu zeigen. Kinder tanzen und singen: von Glück, von der Sonne, von der Heimat, vom  „Geruch von Brot“. „Russland wartet auf uns“, „Wir werden siegen“.

Wer Humanismus an die vorderste Stelle seines Lebens rückt, wer geschichtlich interessiert ist, wer erfahren will, was Stalin getan hat, wer dazu beitragen kann und will, dass eines Tages die Menschlichkeit den Sieg davontragen wird, der sollte diesen Film anschauen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Overboard

Von Rob Greenberg

(Kinostar, Kinostart 14. Juni 2018)

Leonardo ist ein eitler, fauler, von sich eingenommener, verschwenderischer Playboy, der, von jungen Frauen umgeben, auf der Yacht seines Vaters lebt. Kate ist die Mutter von drei kleinen Mädchen, die kein Geld hat, dafür umso mehr Schulden. Ein Ehemann ist nirgends in Sicht.

Was haben die beiden miteinander zu tun?

Kate muss bei Leonardo putzen. Da sie sich nicht sehr unterwürfig gibt, kommt es zum Streit. Kate wird entlassen – und nicht bezahlt.

Doch der Ausgleich ereilt Leonardo ziemlich schnell. Betrunken stürzt er von der Yacht, wird zwar gerettet, verliert jedoch sein Gedächtnis. Kate erfährt davon und nimmt Rache. Da Leonardo nichts mehr von sich weiß, behauptet sie ganz einfach, er sei ihr Ehemann. Die Rache ist süß. Er muss in einem Schuppen schlafen, viel arbeiten, sich um die Kinder kümmern und sogar  kochen.

So geht das eine ganze Weile.

Aber da die Zeit bekanntlich so ziemlich alle Wunden heilt, und es sich hier um eine Komödie handelt –übrigens ein Remake- muss natürlich nach einer gewissen Zeit alles gut ausgehen.

Kate und Leonardo beginnen sich zu lieben, und selbstverständlich bleibt er auch, nachdem er sein Gedächtnis wiedergefunden hat und das Luxusleben wieder winkt, bei ihr und den Kindern.

Eine Zwei-Stunden-Komödie, die eine ganze Zeit lang braucht, bis sie in Schwung kommt. Dann aber wird es zunehmend besser: sowohl die einzelnen Einfälle als auch die Handlung als solche, sowohl das Milliardärs- als auch das Arbeits- und  Familienmilieu, sowohl die Dialoge als auch das –gute- Spiel und die Aktionen der Darsteller.

Eugenio Derbez als sich total wandelnder Leonardo und Anna Faris als immer gütiger werdende Kate sind für Letzteres verantwortlich.



Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

Von Wim Wenders

(UPI, Kinostart 14. Juni 2018)

Seit nunmehr fünf Jahren ist Franziskus Papst, und es ist ganz gut, dass Wim Wenders eine Art erster filmischer Bilanz vorlegt.

Franziskus. Der Name ist Programm. Mario Bergoglio, der Jesuit, früher Kardinal in Buenos Aires, hat ihn  gewählt, weil er dem heiligen Franziskus, der vor Hunderten von Jahren vom Reichen zum Armen wurde, nachfolgt. Er wohnt nicht in einem Palast, er fährt nicht in einem Riesenauto herum, er trägt nicht wie frühere Päpste rote Schuhe.

Er ist, und das sagt der Titel dieses Films ganz richtig, ein Mann des Wortes. Was er in den Film-Interviews zu sagen hat, ist, auch wenn es zunächst einmal nur theoretisch sein kann, von hohem moralischem Wert. Er spricht vor Tausenden von Menschen aber auch vor ein paar Dutzend Gefängnisinsassen, vor Kindern und Alten, vor Bauern und Arbeitern, vor der UNO oder dem amerikanischen Kongress, in Flüchtlingscamps oder im jüdischen Yad Vashem.

Es geht ihm in erster Linie um die soziale Gerechtigkeit, um ein besseres Miteinander der Menschen, um den Verzicht auf Geld- und Machtgier, um ein richtiges Verhältnis zu Gott, um die Erhaltung der Erde, um eine Versöhnung der Religionen, um den Frieden in der Welt, um den Verzicht auf Waffenverkäufe, um den Klimaschutz, um das weltweite Flüchtlingsproblem, um ein besseres Verständnis aller für diejenigen, die, beispielsweise auch sexuell, anders sind, oder diejenigen, die weniger haben, also die Armen schlechthin.

Nicht zu vergessen, dass er gleich zu Beginn seines Pontifikates den Kardinälen der vatikanischen Kurie mit vollem Recht ordentlich die Leviten las.

Man könnte sagen, dass die oben aufgezählten Probleme von vielen behandelt, beklagt, beredet und immer wieder aufgezählt werden. Das stimmt zwar, aber man merkt in Wim Wenders‘ Film doch den Unterschied. Papst Franziskus ist unaufdringlich und doch entwaffnend. Was er sagt, sagt er auf sehr gescheite Weise, er bringt umfassende Beispiele, er mahnt und bittet, er zitiert wichtige Texte, er überzeugt, er schlägt vor, Gott nicht zu vergessen.

Ein überaus eindrucksvoller, nicht unwichtiger Film. Es wäre erstaunlich, wenn Menschen, die mit Religion nichts im Sinn haben, nicht auch beeindruckt wären.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.      

      

     

 



 

 

 






zum Download
Datum: 11.06.2018


Drucken