Der Gilden-Dienst Nr. 24-2019


Der Klavierspieler vom Gare du Nord


von Ludovic Bernard

(Neue Visionen, Kinostart 20. Juni 2019)

Mathieu Malinski ist ein junger Mann aus der Pariser Vorstadt. Er hängt mit seinen Kumpels herum, und manchmal muss auch ein kleiner nächtlicher Einbruch für das nötige Geld sorgen.

Als er erwischt wird, lautet das Urteil auf Sozialstunden. Doch dann hat er Glück. Wieso?

Mathieu ist hochmusikalisch, hat vielleicht sogar das absolute Gehör und spielt ab und zu an der Gare du Nord auf einem Klavier, auf dem jeder spielen darf.

Dort wird er von Pierre Geithner entdeckt, der am Pariser Konservatorium eine wichtige Stelle innehat. Pierre macht Mathieu sofort ein außergewöhnliches Angebot, doch der lehnt ab. Das Stadtviertel, aus dem er stammt, hat mit den „feinen Leuten“ nichts zu tun.  Sowieso stammt Mathieu aus einer ärmlichen Familie, hat eher entsprechende Komplexe und ist es nicht gewohnt, dass man ihm Gutes tut.

Geithner muss lange bitten. Er hat vor, Mathieu, von dessen musikalischer Genialität er überzeugt ist, nach Ableistung der Sozialstunden (im Konservatorium selbst) auf den wichtigsten Musikwettbewerb des Landes vorzubereiten. Dem Reglement des Konservatoriums entspricht dies ganz und gar nicht, weshalb Geithner einige Schwierigkeiten bekommt. Pierres Sohn ist jung gestorben und seine Ehe geht in die Brüche, weshalb er sich jetzt voll und ganz auf seinen Plan mit Mathieu stürzt.

Der erhält „die Gräfin“ als Klavierlehrerin. Der Junge spielt hervorragend, doch ohne genügend Disziplin, ohne genügend musikalische Nuancen, ohne genügend Notenkenntnis. Deshalb wird der Unterricht mit der Gräfin für Mathieu nicht unproblematisch – zumal auch noch andere Schwierigkeiten wie zum Beispiel ein Unfall seines kleinen Bruders hinzukommen. Mehr als einmal will Mathieu aufgeben.

Doch er schafft es. Wer gewinnt wohl am Ende den Wettbewerb? Mathieu natürlich.

Seine Karriere ist gesichert. Und seine Liebe mit der jungen Anna auch.

Immer sind mit dem musikalischen Leben hier auch menschliche und gesellschaftliche Probleme verbunden: Mathieus Weigerungshaltung; Pierres Trauer und seine Schwierigkeiten mit der Konservatoriumsleitung; der Unterschied zwischen den Bevölkerungsschichten in Innen- und Vorstadt; und beispielsweise die negative Beeinflussung Mathieus durch Pierres Ehefrau Mathilde.   

Dass der ansonsten gut inszenierte Film gegen Ende – pardon! - ins Kitschige abrutscht, sei nicht verschwiegen.

Kino eben.

Dominiert wird während des gesamten Films alles von der Musik. Brahms, Liszt, Rachmaninow – wirklich beeindruckend. Mathieu spielt wie ein junger Gott. Man könnte noch lange zuhören.

Der Regisseur sorgte natürlich auch für eine großartige Besetzung: Lambert Wilson als Pierre, Kristin Scott Thomas als Gräfin, Jules Benchetrit als Mathieu; von ihm als Pianist wird man noch hören.

Liebhabern klassischer Musik in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Esta Todo Bien - Alles ist gut


von Tuki Jencquel

(Déjà-Vu, Kinostart 20. Juni 2019)

Venezuela. Früher vor allem wegen seines Öls ein wirtschaftlich erfolgreiches südamerikanisches Land – und heute?

Der Film stammt aus den Jahren 2016/2017. Schon damals herrschten, wie man sieht, offenbar Zustände, die man nicht für möglich gehalten hätte. Die am Film Beteiligten berichten aus den genannten Jahren:

Es herrscht eine Gesundheitskrise; es gibt keine Medikamente etwa gegen Leukämie, Diabetes oder Krebs mehr; die NGOs sind überfordert; die Hilfslieferungen reichen nicht aus; Kranke sind mental und körperlich am Ende; nicht wenige Neugeborene sterben; es wird gesagt, dass 16 000 Ärzte das Land verließen; die Menschen sind auf alte Hausmittel angewiesen; im Parlament wird gestritten, aber ohne Ergebnis, die Abgeordneten werfen sich gegenseitig vor, nur eine Show zu veranstalten; manche Menschen müssen sich mit übrig gebliebener Medizin von Leuten behelfen, die gestorben sind; es wird gezeigt, wie eine Apotheke schließen muss, weil einfach keine Medikamente mehr verfügbar sind; Korruption und Schmuggel sind zum Teil mit im Spiel; „man darf nicht krank werden“, sagt einer; „hier kann ich nicht bleiben“, sagt ein anderer; „die politische Klasse vergiftet dich“, heißt es sinngemäß in einem Gespräch, oder „ich kämpfe jeden Tag“; Chemotherapien müssen unterbrochen werden; Rettungsversuche werden gestartet; manche suchen Trost in der Kirche und in der Kommunion.

Das alles wird in diesem Film gesagt, gezeigt und belegt.

Inzwischen ist die Zeit fortgeschritten, und offenbar haben sich die Zustände keineswegs gebessert. Rein politisch sind sie sowieso schlimmer geworden. Der Film muss in erster Linie der Information dienen – denn Einflussnahme von außen erweist sich als schwierig. Man kann im Grunde nur hoffen, dass bald eine Besserung eintritt.

Wegen der Schwere des Gezeigten Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Tolkien


von Dome Karukoski

(Fox, Kinostart 20. Juni 2019)

J.R.R. Tolkien und beispielsweise sein „Herr der Ringe“, sein „Hobbit“ oder die „Mittelerde“ sind aus der Welt der Fantasiebegeisterten nicht mehr wegzudenken. Als Waisenkind aufgewachsen, war er ein Akademiker, ein Gelehrter, ein eher außenseiterischer Sprachforscher und -erfinder; in seinem grenzenlosen Denken haben offenbar auch Philosophie  und Religion nie gefehlt.

Seine weltweite Anhängerschaft ist wirklich unübersehbar groß. Zu seinen Bewunderern zählt vor allem auch Dome Karukoski, der Regisseur dieses Films. Er lässt durchblicken, dass er immer schon daran dachte, einen Film über Tolkien zu drehen – dass er z.B. nicht der Schöpfer der filmischen „Herr der Ringe“-Trilogie ist, bedauert er sicherlich.

Er befasst sich in seinem biographischen Versuch mit Tolkiens jüngeren Jahren, dem Knabenalter und den bereits damals fantasievollen Spielen, vor allem aber mit der Schulzeit und Schülerwelt: mit den Mitschülern und Freunden, die mit ihren (etwas zu) überbordenden Gesprächen die Welt verändern wollen; die eine inspirative Bruderschaft bilden; die die Kunst und die Poesie hochhalten; die fechten; die Rugby spielen.

Eine junge Frau spielt in seinem Leben schon seit längerer Zeit eine Rolle. Es ist die schöne Edith Bratt, die er liebt und später seine Frau werden wird.

Das alles geht gut, bis der Erste Weltkrieg ausbricht. Jetzt müssen die Freunde in Frankreich jahrelange furchtbare Schlachten überstehen. Und manche schaffen es nicht.

(Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Familie und die Erben Tolkiens mit der Herstellung dieses Films anscheinend nicht einverstanden waren.)

Aber die Zeichnung des englischen Milieus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die Schul- und Schüleratmosphäre, der üppige Gebrauch von Fantasie und Legenden, Tolkiens Verhältnis zu Edith in jungen Jahren, die fürchterlichen Kriegsszenen an der französischen Somme, der ausladende Soundtrack oder vor allem das geglückte Spiel der beiden Hauptdarsteller Nicholas Hoult  (als Tolkien) und Lily Collins (als Edith Bratt) – sie können doch als gelungen gelten.

Für Liebhaber.




Inna de Yard – The Soul of Jamaica


von Peter Webber

(MFA, Kinostart 20. Juni 2019)

Wie beliebt war und ist der jamaikanische Reggae! Nun kann man in diesem Film erfahren, warum das so ist.

Der Regisseur, von Jugend an Liebhaber dieser Musik, hat die aus den 60er und 70er Jahren stammende ältere Musiker-Generation mit den jetzigen Sängern, Sängerinnen und Instrumentalisten zusammengebracht und diesen Dokumentarfilm gestaltet.

Ken Boothe, Cedric Myton, Winston McAnuff oder JAH9 und wie sie alle heißen – natürlich Bob Marley nicht zu vergessen, auch wenn dieser nicht mehr dabei sein kann.

Die meisten stammen aus ärmeren Stadt- und Wohnvierteln. Sie leben in der fantastischen jamaikanischen Natur, die im Film ausgiebig gewürdigt wird. Ihre Lieder sind keine rock- und popartigen Rapper-Gesänge sondern teils poetische Liebes- und Klagelieder, die sie mit voller Inbrunst vortragen. Es gibt in diesem Film viele davon, und sie wirken zum Teil mitreißend.

Doch nicht nur um Musikalisches geht es. Die Politik spielt im Hintergrund keine unwesentliche Rolle.

Sie haben eine dunkle eine Hautfarbe, ihre Vorfahren waren Sklaven. Sie besingen, was sie überwunden haben, sie beklagen was war, sie können gottlob heute triumphieren.

Sie sind enge Freunde, man spürt es in jeder Szene. Ja, sie können nunmehr - nachdem der Reggae eine Zeitlang an Beliebtheit verloren hatte – sogar auf Tournee gehen, nach Paris beispielsweise.

Im Hintergrund spielt natürlich auch der Rastafarianismus eine Rolle, diese typisch jamaikanische  Glaubensrichtung, die Bezüge zum Alten Testament hat und die einst den äthiopischen Kaiser Haile Selassie als Nachkomme von Jesus Christus sah.

Warum sind sie Rastas? Weil sie eben in erster Linie Jamaikaner sein wollen, Menschen von dieser magischen Insel.

Gut, dass es diesen Film gibt, denn so etwas muss unter allen Umständen konserviert werden.

Natur, Menschlichkeit, Musik, Politik – dies alles ist hier auf eine eindrucksvolle Weise vereint und glänzend inszeniert.

Deshalb Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    

   



 


zum Download
Datum: 11.06.2019


Drucken