DER GILDEN-DIENST Nr. 25 - 2017
Sommerfest

Von Sönke Wortmann

(X Verleih, Kinostart 29. Juni 2017)

München Residenztheater. Gerade ist der Schluss der Schillerschen „Räuber“ im Gange. Stefan ist einer der Schauspieler. Er wird ans Telefon gerufen. Sein Vater ist gestorben. Hals über Kopf stürmt Stefan zum Bahnhof. Er muss sofort nach Bochum. Seine Freundin bleibt zurück.

Es ist Freitag. Bis Montag hat er Zeit, denn da muss er für ein Casting wieder in München sein. Mit dem Bestatter regelt er die Beerdigung.

Samstag und Sonntag. Er trifft auf Bekannte, auf echte Freunde, auf bloße Kumpels von früher, auf Oma Anne. Sprüche werden geklopft, einer nach dem andern, die gesamte Filmlänge hindurch. Ruhrpott-Dialekt, Ruhrpott-Witz, Ruhrpott-Derbheit ist das – vom Drehbuchschreiber und Regisseur Sönke Wortmann vermutlich dem zugrunde liegenden manchmal komischen, manchmal warmherzigen Roman von Frank Goosen entnommen.

Zuweilen wird dabei in Sprache und Gestus ganz schön übertrieben.

Ein Sommerfest findet statt, Fußball wird gespielt. Jetzt ist es unvermeidlich, dass Stefan auch auf Charlotte, Charlie genannt, stößt. Früher waren sie lange zusammen, aber geklappt hat es nicht. Sicherlich einer der Gründe, warum Stefan schließlich in München gelandet ist.

Charlie hat Stefan nicht vergessen. Sie ist jetzt die Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Es kommt noch einmal zu einer intimen Begegnung. Aber wie wird es weitergehen?

Die Münchner Freundin ruft an. Es bedarf gar keines Castings mehr, Stefan hat die entsprechende Rolle als Arzt in einer Soap schon erhalten.

Gehen oder Bleiben – das ist die Frage, auf die Stefan nun eine Antwort finden muss. Aber nicht nur er sondern im übertragenen Sinne viele Menschen und immer wieder.

Die Schlussbilder deuten an, dass er in Zukunft nicht in München leben wird sondern wieder in Bochum.

Dies alles ist der Jugendliebe (und nicht nur derjenigen Stefans) und außerdem dem deftigen Ruhrpott-Milieu, der Ruhrpott-Heimat gewidmet.

Hervorragend gespielt ist es vor allem von Lucas Gregorowicz als Stefan.

Im Arthouse-Bereich gut möglich.

 

Axolotl Overkill

Von Helene Hegemann

(Constantin, Kinostart 29. Juni 2017)

Kein ganz gewöhnlicher Film. Es geht um die Welt, die derzeit mit jedem Tag ein wenig kaputter zu werden droht, und um Mifti, einen Teenager, der mit dieser Situation aber vor allem auch mit seinem Alter auskommen muss.

Die Autorin und Regisseurin sieht das ein wenig anders. Sie sagt, es gehe nicht um das bedauernswerte Schicksal einer aus dem Rahmen fallenden Sechzehnjährigen, eher um das Gegenteil: um einen Menschen, egal ob Teenager oder Rentner, weiblich oder männlich, der gezwungen ist, jenseits des Systems zu funktionieren.

Das „System“ ist fragwürdig geworden, jedenfalls in Teilen, das ist richtig. Und da ist es gut, wenn man jenseits des halb kaputten „Systems“ noch funktioniert. Jedoch hängt Miftis Verhalten natürlich auch mit ihrem pubertären Alter, mit ihrer Generation zusammen.

In die Schule geht Mifti nicht mehr. Die Verbindungen zu ihrer Familie sind dürftig. Verliebt hat sie sich in die wesentlich ältere Alice, von der sie jedoch verlassen wurde. Wenigstens fand sie in Ophelia eine richtige Freundin.

Ihr Leben verläuft in Schlangenlinien. Wie heißt es von ihr: Sie ist wild, traurig, zeitweise vernünftig, dann wieder unvernünftig, sie brüllt, beißt, kratzt und lässt sich treiben. Partys, Drogen und Affären dominieren derzeit. Sie bricht Regeln, überschreitet Grenzen.

Die Erwachsenen werden von ihr nicht ernst genommen. Sie weisen ihrer Auffassung nach lediglich posttraumatische Belastungen auf.

Was wird daraus, was wird aus ihr?

Der Film ist der Behandlung des Themas gemäß rasend, poppig, temporeich, abgehackt, auffällig inszeniert. Für den Kameramann gab es in Sundance (!) eine Auszeichnung.

Gespielt wird auf bemerkenswerte Weise: von Fritzi Jasna Bauer, die sich selbst nicht als verloren sieht, sich aber in einer Welt zu finden sucht, die verloren ist; von Mavie Hörbiger als  Partygenossin; von Arly Jover als etwas hochmütig scheinende Alice.

Ein thematisches wie filmisches Experiment. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Mein wunderbares West-Berlin

Von Jochen Hick

(Salzgeber, Kinostart 29. Juni 2017)

Immer wieder wurden in der Geschichte Homosexuelle verfolgt. Und in gewissen Staaten und Religionen  ist das immer noch so. Selbst in unserem Land galt der berüchtigte „Unzucht“-Paragraph 175 noch sehr lange. Die Verbrechen der Nazis an den Homosexuellen mit Gefängnis, Rosa Winkel und KZ sind bekannt.

Wie weit ist bis heute die Emanzipation vorangekommen?

Dieser archivarisch vielfältig belegte Dokumentarfilm gibt Aufschluss über den jahrzehntelangen gesellschaftlichen Kampf der Schwulen. Sie mussten sich verstecken; „Klappen“ (öffentliche Toiletten) aufsuchen; es gab Denunziationen und Beleidigungen („Hitler hat vergessen, euch zu vergasen“); während der Aids-Krise in den 80er Jahren, die viele Todesopfer kostete, wurden Zwangstests oder sogar eine „Kasernierung“ gefordert; bis jetzt ist kein Opfer rehabilitiert oder gar entschädigt worden; es gab, beispielsweise für homosexuelle Lehrer, Berufsverbote; es wurde von „Entartung“ und vom Verfall sittlicher Kräfte gesprochen; Eltern lehnten ihre homosexuellen Kinder ab, woraus in sehr vielen Fällen Leid entstand.

Aber die Schwulen und Lesben wussten auch zu kämpfen und nicht zuletzt zu feiern. Sie schufen sich eigene Lokale; sie veranstalteten viele Demonstrationen; sie gründeten Zeitschriften und Verlage; sogar ein Museum wurde ins Leben gerufen; sie drehten Filme wie Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“; sie lernten von der Gay- und Queer-Szene in den Vereinigten Staaten; sie zeigten mit einem spektakulären Auftritt  während eines Bischofsgottesdienstes in Fulda, was sie vom Verhältnis der Kirche zur Homosexualität halten.

Natürlich ging es in der Szene auch nicht immer friedfertig zu. Es gab Flügelkämpfe zwischen „Schwuchteln“ und „Lesben“, zwischen den „Ledermännern“ und den „aufgerüschten Tunten“, zwischen den Linken und den Rechten, zwischen den Jungen und den Alten.

Der Kampf geht weiter, sagen sie.

Das alles wird in diesem Dokument anschaulich und ausführlich gezeigt.

Ein geschichtlich, geschlechtlich, gesellschaftlich, politisch und menschlich aufschlussreicher und wichtiger Film.

 

Fairness – Zum Verständnis von Gerechtigkeit

Von Alex Gabbay

(Mindjazz, Kinostart 29. Juni 2017)

Nach allgemeinem Moralverständnis bedürfte es auf der Welt der Gerechtigkeit, der Fairness, der Gleichheit. Doch dem ist nicht so. „Die Ungerechtigkeit hat große Macht.“ – „Der Sieger nimmt alles.“

Darum geht es in diesem Film.

Verhaltensforscher und Wissenschaftler setzten sich in mehreren Ländern anhand von präzisen Experimenten mit die Gerechtigkeit berührenden Fragen auseinander. Sind die Menschen bereit, um der Fairness willen auf Vorteile zu verzichten? Ist die Gerechtigkeit angeboren oder erlernbar? Ist Ungerechtigkeit konditionierbar? Wie verhalten sich die Tiere, beispielsweise Affen? Spielt die gesellschaftliche Umgebung, reich oder arm, eine Rolle? Wie weit reicht der Einfluss der Erziehung? Was ist dabei reines Glück des Einzelnen? Sind Arme für ihre Armut selbst verantwortlich? Welchen Schuldanteil haben der Kolonialismus, der Feudalismus und die Sklaverei an der jetzigen Ungerechtigkeit?  Werden in den USA schwarze und weiße vergewaltigte Frauen juristisch gleich behandelt? Werden die Gesetze für die Reichen gemacht?

Fragen über Fragen.

Der Autor und Regisseur berichtet von frustrierenden, Wut auslösenden, unmenschlichen, kriminellen Ungerechtigkeiten: von letztlich nicht mehr beeinflussbaren algorithmischen Gewinnen auf dem Londoner Finanzmarkt; von der der Kaste der Unberührbaren angehörenden Inderin Kiran, die für 1,50 Dollar im Monat nur Latrinen reinigen durfte; von den zerstörerischen milliardenschweren Steuerhinterziehungen in der Schweiz, in Monaco, in Luxemburg und Offshore; von dem Gerichtsverfahren gegen Antoine Deltour, der beschämende Luxemburger Steuerverhältnisse aufdeckte; von dem Waliser Steve Lewis, der aus Überzeugung allein gegen Praktiken eines Großkonzerns kämpft; von den Panama-Papers, durch die z.B. fragliche Finanzpraktiken des isländischen Präsidenten aufgedeckt wurden.

Es gibt gottlob auch Positives zu berichten: aus Costa Rica beispielsweise, wo das Erwirtschaftete in vorbildlicher Weise sozialen Zwecken zugeführt wird.

Fazit dieses Films: Um eine faire, gerechte, Gleichheit garantierende Welt zu erreichen muss der Mensch über das verfügen, was es zum Leben braucht; muss er Bildung genießen können; und er muss sowohl Entscheidungsfreiheit als auch Rechte haben.

Ein Dokumentarfilm, der aufrütteln, die Gleichgültigkeit überwinden und Konsequenzen nach sich ziehen soll.

 

Nur ein Tag

Von Martin Battscheit

(W-Film, Kinostart 29. Juni 2017)

Die vorherrschende Meinung ist wohl, dass das Leben zu kurz sei, dass es sich aber, wenn man etwas daraus macht, doch lohne. Carpe Diem, nütze den Tag!

Martin Battscheit fasste diese Erkenntnis zuerst in literarischer Form zusammen, und jetzt wurde sogar ein Film daraus.

Die handelnden Personen werden zwar von Schauspielern dargestellt, sind hier jedoch keine Menschen sondern Tiere, und zwar eine bezaubernde Eintagsfliege, ein schlauer Fuchs, ein „fettes“ Schwein sowie eine weitere Eintagsfliege, die allerdings im Gegensatz zur ersten aus ihrem Leben nichts macht.

Fuchs und Schwein sehen die Eintagsfliege aus dem Wasser entstehen. Da ihr die Traurigkeit über ein nur eintägiges Leben nicht aufgebürdet werden soll, übernimmt der Fuchs dieses schwere Schicksal. Nicht eine Eintagsfliege sondern die Maifliege wird sie jetzt sein.

Der eine Tag soll wenigstens voller Glück werden, also machen sich Fliege, Schwein und Fuchs auf, das Glück zu suchen.

Da ein Fuchs Gänse jagt, wird dies zuerst getan – aber daraufhin folgt das richtige Leben: die Schule mit dem Rechenunterricht; nach der Jugend die Heirat mit Predigt in einer Kapelle; der „Tanz ins Leben“; die Schwangerschaft mit Kind; eine Geburtstagsfeier; das Alltagsleben mit Dingen wie Wäsche aufhängen; und das Alter mit gebücktem Gang; dann die mit Blitz und Donner begleitete Begegnung mit der zweiten Eintagsfliege, die dabei ist, die Zeit rückwärts laufen zu lassen und die bereits bei 1 Stunde, 4 Minuten und 9 Sekunden angelangt ist.

Schließlich der Tod, der unabwendbare.

Trauer? Kein schönes Leben? Oder Prüfung bestanden? Spaß gehabt? It’s a Good Day?

Filmischer Versuch, eines Gleichnisses, eines Märchens über ein zentrales menschliches Thema: Lohnt sich das eventuell auch sehr kurze Leben, wenn man etwas daraus macht?

Die imaginäre Handlung wird begleitet von schönen Natur-, Tier- und Landschaftsaufnahmen.

Die im Wesentlichen gut gespielten Rollen entfallen auf Lars Rudolph als Fuchs, auf Aljoscha Stadelmann als Schwein, auf Anke Engelke als zweite Eintagsfliege, die offenbar am Leben vorbei existiert, sowie auf die liebreizende Karoline Schuch, die hier nicht Eintagsfliege ist sondern Maifliege.

Ein Kinder- und Familienfilm.
zum Download
Datum: 19.06.2017


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